Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Iwan Gontscharow >

Die Schlucht. Zweiter Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Zweiter Teil - Kapitel 7
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Zweiter Teil
booktitleDie Schlucht. Band 1
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid8c69add1
Schließen

Navigation:

VI

Leontij war verheiratet. Der Ökonom irgendeines staatlichen Instituts in Moskau hielt nebenbei einen Mittagstisch für Studenten, die für einen halben Rubel bei ihm vier Gänge und für einen geringeren Preis entsprechend weniger erhielten. Der Mittagstisch hatte bei der studentischen Jugend einen großen Zuspruch, und zwar übten nicht nur die Kohlsuppen, Nudeln, Eierkuchen und sonstigen guten Sachen, die der Ökonom um billigen Preis aus den Kohl-, Grütze- und Mehlvorräten, die er für den Staat zu verwalten hatte, herstellen ließ, ihre Anziehungskraft auf die Studenten aus, sondern auch die Tochter des Ökonoms, die über ihren Vater wie über die Studenten das Kommando hatte.

Sie war in jener Zeit, als Raiskij und Koslow studierten, noch ein ganz junges Mädchen von sechzehn oder siebzehn Jahren, doch zog sie schon damals durch ihr frisches, flinkes Wesen die Aufmerksamkeit der Mittagsgäste auf sich.

Sie hatte eine wohlgeformte Nase, einen graziösen Mund und ein schöngeschwungenes Kinn, wie überhaupt das Profil ihres Gesichts von strenger Regelmäßigkeit und Schönheit war. Ihr Haar war von rötlicher Farbe, im Nacken ein wenig dunkler, nach dem Scheitel zu jedoch immer heller, so daß auf dem oberen Teil des Kopfes, auf der Stirn und den Brauen beständig ein goldiger Schimmer zu liegen schien.

Um die Nase herum und auf den Wangen hatte sie dichtgesäte Sommersprossen, die auch im Winter nicht ganz verschwanden. Zwischen ihnen schimmerte die Haut in hellem Rot, das jedoch durch die Sommersprossen gedämpft wurde, so daß auf dem Gesicht ein Schatten zu liegen schien, ohne den es schon gar zu hell und leuchtend erschienen wäre.

Und noch ein Zug war ihrem Gesicht eigen: ständig lag ein Lachen darauf, selbst dann, wenn gar kein Grund zum Lachen vorhanden war und wenn sie gar keine Neigung dazu hatte. Dieses Lachen schien für immer mit ihrem Gesicht verwachsen, und es stand ihm jedenfalls besser als Tränen, die kaum jemand auf ihm gesehen hatte.

Die Studenten waren alle durch die Bank in sie verliebt, nacheinander oder gruppenweise zur selben Zeit. Sie führte alle an der Nase herum, erzählte immer dem einen von der Liebe des anderen, lachte mit dem zweiten über die Torheit des ersten und dann wieder mit diesem über die Verliebtheit jenes. Sogar zu Zank und Streit kam es ihretwegen zwischen ihnen.

Irgend jemand war auf den Einfall gekommen, ihr ein Paar Pariser Stiefeletten und ein Paar Ohrringe zu schenken, und sogleich ward sie die Freundlichkeit selbst gegenüber dem noblen Spender; sie flüsterte mit ihm, ging mit ihm in den Garten und lud ihn des Abends zu einem Glas Tee ein.

Als die anderen das merkten, folgten sie dem guten Beispiel: der eine brachte ihr Stoff zum Kleid, als Anerkennung für die gute Verpflegung, ein anderer schenkte ihr ein Logenbillett, ein dritter brachte Konfekt mit, und Ulinka war nahezu gegen alle von gleicher Liebenswürdigkeit.

Die Fähigkeit, mit allen auf gutem Fuß zu bleiben, entwickelte sich bei ihr in ganz außerordentlichem Maße. War jemand eifersüchtig auf einen der anderen, so lachte sie mit ihm über diesen letzteren und bestritt, ihn jemals auch nur im geringsten begünstigt zu haben. Dabei war sie überaus streng in ihrem Urteil über jene Wüstlinge, die unerfahrene junge Mädchen verführen und dann im Stich lassen. Sie tadelte und verspottete ihre Freundinnen und Bekannten, wenn sie sich von ihren Gefühlen hinreißen ließen, und erzählte mit sichtlichem Behagen jedem, der es wissen wollte, daß man Lisa heute in aller Frühe beobachtet habe, wie sie über den Gartenzaun mit irgendeinem Assistenten gesprochen habe, oder daß bei der und der Dame – sie nannte den Vor- und Vatersnamen und verschwieg auch den Familiennamen nicht – ein Herr vorzufahren pflege, der sie immer erst gegen zwei Uhr nachts verlasse.

Ihren Liebhabern prägte sie ganz genau ein, was sie sagen sollten, wenn jemand fragte, wo sie am Abend zusammen gewesen wären, was sie miteinander gesprochen hätten, warum sie in der dunklen Allee oder im Pavillon gewesen wären, und so weiter.

Es war natürlich ausgeschlossen, daß Leontij dort sein Mittagessen einnahm; er lebte in seinem mehr als bescheidenen Quartier und beköstigte sich auch dort. Kohlsuppe und Grütze waren die ewig wiederkehrenden Gerichte auf seinem Mittagstisch – der Luxus, für einen halben Rubel zu Mittag zu essen und seinen Magen mit Makkaroni und Koteletts zu füllen, war bei ihm völlig ausgeschlossen. Auch für Kleider reichte es bei ihm nicht; eine Uniformbluse und zwei Paar Beinkleider, darunter eine Nankinghose für den Sommer – das war seine ganze Garderobe.

Doch hatte ihn Raiskij einigemal mitgenommen. Leontij hatte Uljana Andrejewna überhaupt nicht bemerkt, sondern nur heißhungrig drauflos gegessen, wobei er laut schmatzte und an ganz andere Dinge als an die Wirtstochter dachte. Er war schließlich still und bescheiden nach Hause gegangen, ohne mit einem anderen Menschen außer Raiskij auch nur ein Wort gewechselt zu haben.

Sein Äußeres war nicht eben anziehend. Er war mager, hatte einen düsteren Blick und unregelmäßige Züge; ein Teil des Gesichts schien immer zu dem andern im Gegensatz zu stehen. Sein Gesicht war farblos, weder von Rot noch von Weiß war darauf eine Spur.

Nur wenn er sich in eins der langen Gespräche mit Raiskij vertiefte oder in einer Vorlesung über das Leben der alten Völker saß oder einen griechischen oder lateinischen Klassiker vorhatte, belebten sich plötzlich seine Augen und erhielten mit einemmal einen verständigen, überlegenen Ausdruck.

Wie hätte Ulinka einen Menschen von solchen Reizen auch nur bemerken sollen? Sie bemerkte nur, daß an seiner Uniform ein Knopf fehlte, daß seine Beinkleider zerrissen waren und seine Stiefel Löcher hatten. Und noch eins hatte sie bemerkt: daß er nicht ein einziges Mal zu ihr aufmerksamer hinübergeschaut hatte, sondern sie ganz so ansah wie die Wand oder das Tischtuch.

Das hatte noch keiner getan, der bei ihr zum Mittagstisch erschienen war. Selbst diejenigen, deren Herz für tiefere Eindrücke nicht empfänglich war, hatten doch wenigstens ihre Augen immer zuerst auf sie gerichtet.

Und dieser da hatte weder für sie noch für die Köchin Ustinja, die den Gästen das Mittagessen servierte, auch nur einen Blick. Und dabei war doch auch Ustinja eine Persönlichkeit, die der Aufmerksamkeit in ihrer Art wohl wert war. Die Gäste wurden nicht müde, sich mit ihr zu beschäftigen und über sie ihre Witze zu machen. Ihre plumpe Gestalt mit dem breiten Gesicht, das irgendeinmal jäh erschrocken sein mußte und den Ausdruck dieses Schreckens für alle Zeit behalten zu haben schien, konnte wirklich in die Augen fallen und zu mehr oder weniger geistvollen Bemerkungen reizen. Aber Leontij bemerkte Ustinja sowenig wie Ulinka. Mehr als einmal schon hatte sich Ulinka über Leontijs Gestalt und seine Zerstreutheit lustig gemacht, doch die Kameraden, insbesondere Raiskij, hatten ihr so viel Gutes von ihm erzählt, daß sie sich damit begnügte, ihn mit ironischer Miene zu beobachten und dann in das anstoßende Zimmer zu gehen, um sich dort gründlich über ihn auszulachen.

»Nein, was für ein lächerlicher Mensch ist doch dieser Koslow!« sagte sie zu den Gästen, die ihn kannten.

»Er ist aber ein so guter Junge!« entgegnete man ihr.

»Und wie klug er ist: im Griechischen ist ihm nur der Professor und der Erzpriester an der Kathedrale über«, fügte ein zweiter hinzu, »er wird sicher noch mal Adjunkt werden!«

»Und was für ein edler Charakter er ist!« ließ ein dritter sich zu seinem Lobe vernehmen.

Eines Tages – es war das fünfte oder sechste Mal, daß er mit Raiskij zu Tisch kam – blieb er in seiner Zerstreutheit sitzen und saß immer noch da, als die Kameraden alle längst gegangen waren. Ganz allein saß er da und aß, in Nachdenken versunken, den Rest irgendeiner Reisspeise.

Er bemerkte nicht, daß Uljana Andrejewna ihm eine neue, volle Schüssel mit derselben Reisspeise hinstellte; er fuhr fort, den Reis mechanisch mit dem Löffel aus der Schüssel zu nehmen und zum Munde zu führen.

Ganz leise stellte Uljana eine dritte Schüssel hin, füllte auch die noch nach und beobachtete aus dem Nebenzimmer, wie er aß und aß. Sie mußte sich den Mund mit dem Taschentuch zuhalten, um nicht laut aufzulachen.

›Ein guter Junge!‹ dachte sie. ›Ich danke für solche Güte, wenn er einem nicht mal was schenken kann! Und auch klug soll er sein‹, fuhr sie in ihrer stillen Kritik fort. ›Gewiß ist er klug – ißt schon die dritte Schüssel Reis und merkt nicht, daß man sich über ihn lustig macht! Und ein so edler Charakter soll er sein ...‹

Sie dachte nach, was dieses Wort wohl bedeuten könne, kratzte sich mit dem Nagel den Scheitel, beguckte dann zerstreut ihre Fingerspitzen und gähnte laut.

›Nicht einmal ein Hemd scheint er anzuhaben – man sieht wenigstens nichts! Und das nennen sie einen edlen Charakter!‹

Leontij aß noch immer, ohne aufzusehen.

›Da, wie er stopft; nicht ein einziges Mal guckt er auf!‹ dachte sie. Und nun hielt sie es nicht länger aus und lachte hell heraus.

Er hörte das Lachen, erwachte aus seinem Sinnen, wurde verlegen und begann seine Mütze zu suchen.

»Eilen Sie doch nicht so«, sagte sie, »essen Sie getrost zu Ende! Wollen Sie noch mehr?«

»Nein, nein ... ich muß nach Hause ...«, sagte er verschämt, ohne sie anzusehen, und lief, seine Mütze suchend, von einer Ecke in die andere.

Ulinka aber hatte die Mütze längst vom Fenster genommen und sich selbst aufgesetzt.

»Wo haben Sie denn Ihre Mütze hingehängt? Irgendeiner von den Studenten wird sie mitgenommen haben«, sagte sie.

»Das glaube ich nicht ...«, versetzte Leontij, den zerstreuten Blick bald dahin, bald dorthin wendend. »Er hätte seine eigene Mütze statt dessen hiergelassen, und ich sehe keine.«

›Überall guckt er hin, nur nicht auf mich – dieser Bär!‹ dachte sie im stillen.

»Haben Sie nicht irgendeine Kopfbedeckung da?« fragte er. »Ich hab's nicht weit nach Hause, bin rasch über die Straße ...«

»Wohin wollen Sie denn? Es ist doch noch früh – kommen Sie, wir wollen in den Garten gehen! Vielleicht finden wir Ihre Mütze noch – es kann sein, daß sie jemand in die Laube mitgenommen hat.«

Er ging mechanisch hinter ihr her, und als sie ein paar Schritte auf dem Gartenwege zurückgelegt hatten, blickte er zufällig auf und sah seine Mütze auf ihrem Kopf. Nur die Mütze sah er, weiter nichts.

»Ach!« rief er erfreut, »Sie haben die Mütze genommen!«

Nun erst sah er sie an, blickte auf die Mütze, dann wieder auf sie und blieb plötzlich mit einem höchst erstaunten Gesicht, das dem Gesicht Ustinjas nicht unähnlich war, vor ihr stehen. Sogar den Mund öffnete er ein wenig, und die erschrockenen Augen hielt er starr auf sie gerichtet, als wenn er sie zum ersten Male erblickte.

›Endlich hat er seine Mütze entdeckt!‹ dachte sie und setzte ihm lachend die Mütze auf den Kopf.

»Was stehen Sie denn hier? Kommen Sie doch mit mir!« sagte sie.

»Ich muß gehen«, antwortete er, ohne sich von der Stelle zu rühren.

»Wohin müssen Sie gehen? Sie kommen noch früh genug – ich lasse Sie nicht fort!«

Sie nahm ihm die Mütze wieder rasch vom Kopf; er griff mechanisch mit beiden Händen nach dem Scheitel, als wollte er sich davon überzeugen, daß die Mütze nicht mehr da war, und folgte ihr mechanisch, wobei er von Zeit zu Zeit einen halb schüchternen, halb erstaunten Blick auf sie richtete.

»Warum kommen Sie nicht öfter zu uns zum Mittagessen? Kommen Sie doch morgen«, sagte sie.

»Es ist mir zu teuer«, antwortete er.

»Ach was, zu teuer! Sind Sie denn ... so arm?« fragte sie neugierig.

»Ja, ich bin ... sehr arm«, versetzte er; er hielt plötzlich inne und schaute düster vor sich hin.

Er schämte sich seiner Armut, dann aber schien ihm das kleinlich, und er sagte ganz offen:

»Ich bin sehr arm – hat Ihnen Raiskij nicht erzählt, daß ich zuweilen nicht einmal meine Wohnung bezahlen kann? Da – sehen Sie!«

Er zeigte ihr den verblichenen, fettglänzenden, stellenweise durchlöcherten Ärmel seiner Uniform. Sie warf einen gleichgültigen Blick auf diese, als ginge sie das nichts an, was er da sagte, musterte dann seine ganze hagere Gestalt, die mageren Hände, die vorspringende Stirn und die farblosen Wangen. Jetzt erst bemerkte Leontij das Lachen in ihren Zügen, das gleichsam für immer in diese festgebannt schien.

»Sie lachen über mich?« fragte er betroffen – es schien ihm so unnatürlich, daß jemand über die Armut lachen konnte.

»Ich denke nicht daran«, sagte sie gleichgültig. »Eine abgetragene Uniform – was ist denn daran so Besonderes? So was sehe ich doch täglich dutzendweise!«

Er blickte sie mißtrauisch an; sie lachte wirklich nicht und wollte auch gar nicht lachen – nur ihr Gesicht lachte.

»Da fehlt Ihnen ein Knopf. Warten Sie einen Augenblick, gehen Sie nicht fort – ich komme gleich wieder!« sagte sie, lief rasch ins Haus und kehrte nach einem Weilchen mit Nadel und Zwirn, einem Fingerhut und einem Knopf zurück.

»Stehen Sie ganz still, rühren Sie sich nicht!« sagte sie, faßte mit der einen Hand den Rand seines Rockes, drückte den Knopf dagegen und begann mit der anderen Hand, die die Nadel mit dem Zwirn festhielt, rasch an Leontijs Nase hin und her zu fahren.

Ihre Wange lag dicht an der seinigen, und er mußte den Atem anhalten, damit er nicht ihr Gesicht traf. Die gezwungene Haltung strengte ihn an, und er geriet sogar ein klein wenig in Schweiß. Er wandte kein Auge von ihr. ›Sie hat das reinste römische Profil!‹ dachte er höchst verwundert.

In zwei Minuten war sie fertig, dann legte sie ihre Wange ganz dicht an seine Brust, gerade am Herzen, und biß den Faden ab. Leontij stand wie erstarrt auf seinem Platz und ließ seine Augen voller Erstaunen auf ihr ruhen.

Diese geschmeidigen, katzenartigen Bewegungen, diese kleine weiße Hand, die fast seine Nase berührt hatte, die an seine Brust geschmiegte Wange – alles das verursachte einen Schwindel in seinem Kopf.

Er war wie berauscht. Es wehte ihn so warm an von ihrer Gestalt, und ein so feiner Blumenduft ging von ihr aus.

›Was ist das nur – was ist das? ... Sie scheint gut zu sein‹, folgerte er, ›wenn sie sich nur über mich lustig machen wollte, hätte sie mir den Knopf nicht angenäht. Woher hat sie ihn nur? Einer von uns muß ihn hier verloren haben!‹

»Nun, was stehen Sie denn? Bedanken Sie sich doch, und küssen Sie mir die Hand! Ach, sind Sie unbeholfen!« sagte sie in überlegenem Ton und hielt ihre Hand an seine Lippen, so flink und sicher, wie sie eben den Knopf angenäht hatte, daß sein Kuß erst durch die Luft schmatzte, als sie die Hand bereits weggezogen hatte.

Leontij sah sie noch einmal an, um sie nie wieder zu vergessen. Eine starke, gleichmäßige, tiefe Neigung war plötzlich in ihm erwacht.

»Kommen Sie morgen zum Mittagessen«, sagte sie.

»Es ist mir zu teuer!« wiederholte er naiv. Doch machte er bei Raiskij eine kleine Anleihe und ging dennoch hin. Und dann kam er öfter.

Den Kameraden fiel sein Kommen auf, und Leontij merkte bald, daß sie sich über ihn lustig machten. Er wollte dem mit einem Schlage ein Ende machen und erklärte Raiskij, der ihn immer wieder zum Mittagessen aufforderte, daß er nicht mehr hingehen würde.

»Was soll ich dort?« sagte er. »Ihr seid alle so adrette, liebenswürdige Burschen, so gewandt in der Unterhaltung – und ich? Was soll ich ihr? Sie macht sich über mich lustig!«

»Vielleicht wird sie sich nicht mehr über dich lustig machen, wenn sie dich näher kennenlernt«, antwortete Raiskij.

»Nein, nein, sie wird's doch tun«, sagte Leontij mit traurigem Lächeln und ließ seinen Blick an seiner eigenen unscheinbaren Gestalt hinabgleiten.

Schließlich ging er doch wieder hin und wurde an Uljanas Mittagstisch ein ziemlich häufiger Gast. Sie ging mit ihm nicht in den dunklen Alleen spazieren, sie lud ihn auch nicht zu sich in die Laube ein; er war so wortkarg und verehrte ihr auch keine Geschenke, dafür kannte er aber auch keine Eifersucht und machte ihr keine unangenehmen Szenen wie die anderen, aus einem sehr einfachen Grunde: er sah nichts, hörte nichts, ahnte nichts von alledem, was sie trieb, was die anderen trieben, was überhaupt rings um sie geschah.

Er sah nur ihr reines römisches Profil, wenn sie vor ihm stand oder saß, fühlte die Wärme, die von ihr ausstrahlte, sog den zarten Blumenduft ein, der von ihr ausging, und faßte häufig nach dem Knopf, den sie ihm angenäht hatte.

Er lauschte auf die Worte, die sie zu ihm sprach, hörte nicht, was sie zu den anderen sagte, und glaubte nur, was er sah und was er von ihr selbst hörte.

Sie brauchte sich nicht vor ihm zu verstellen, nicht zu lügen und die Unschuldige zu spielen. Sie durfte im Verkehr mit ihm gerade und einfach sein, ganz so, wie sie war, wenn niemand bei ihr weilte.

Er nahm jeden Blick, jedes Wort von ihr als bare Münze; er schwieg, aß viel, hörte ihr zu und blickte sie nur zuweilen an. Er folgte wortlos ihren flinken Bewegungen, hörte schweigend ihre kecke Rede und ihr helles Lachen und vertiefte sich in die rätselhaften, ewig lächelnden Züge ihres Gesichts wie in ein neues Buch, das er noch nicht kannte.

»Was siehst du eigentlich in ihr?« fragten ihn die Kameraden.

Er ging verwirrt fort und wußte selbst nicht, was mit ihm geschah. Beim Abschied bekam wohl jeder ein Andenken von ihr – der einen Ring, jener einen gestickten Tabakbeutel, ganz zu schweigen von den zarten Erinnerungszeichen, die keine Spuren hinterlassen. Einige waren überrascht, andere, die besonders weichmütig waren, wohl gar zu Tränen gerührt, die meisten aber lachten über sich selbst und über die andern.

Nur Leontij fuhr fort, sie mit ernsten, nachdenklichen Blicken zu betrachten, und erklärte plötzlich, daß er, ihre Einwilligung vorausgesetzt, sie heiraten wolle, sobald er eine Stelle bekäme und sich eingerichtet hätte. Die Kameraden lachten laut über diesen Einfall, und er selbst lachte mit.

Sie aber nannte ihn fortan ihren Bräutigam und versprach lachend, ihm zu schreiben, sobald es Zeit wäre zu heiraten. Er nahm ihr Versprechen ernst, und so schieden sie voneinander.

Was dann mit ihr wurde, wußte kein Mensch zu sagen. So viel nur wurde bekannt, daß sie nach dem Tode ihres Vaters von Moskau verzog, jedoch krank und abgehärmt wieder dahin zurückkehrte und bei einer armen Tante wohnte. Als sie wieder genesen war, schrieb sie an Leontij und fragte bei ihm an, ob er noch immer an seinen alten Absichten festhalte.

Er antwortete bejahend, und fünf Jahre nach seinem Abgang von der Universität fuhr er nach Moskau, um als Ehemann von dort zurückzukommen.

Leontij liebte seine Frau, wie er die Luft und die Sonne liebte. Ja noch mehr: in seiner Vorliebe für die Denkweise und die Kunst der Alten hatte er sich auch zwischen ihr und der antiken Welt eine Beziehung zurechtgelegt, sah er in ihr etwas wie eine Verkörperung des klassischen Wesens, der klassischen Formen.

Wenn er in seine Bücher vertieft dasaß und sie mit irgendeiner Handarbeit sich ihm gegenübersetzte, war es ihm, als ob von ihrem Profil, ihrem rötlichblonden Haar und ihrer weißen Stirn ein heller Strahl aus jener Welt auf seinen Arbeitstisch fiele. Die Linie ihres Nackens und ihres Halses frappierte ihn. Ihr Kopf erinnerte ihn auf das lebhafteste an die römischen Frauenköpfe auf den klassischen Basreliefs und Kameen: dieselben strengen, reinen Züge, dasselbe verhaltene Lächeln, derselbe starre Blick der unbeweglichen Augen.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.