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Die Schlucht. Zweiter Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Zweiter Teil - Kapitel 4
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Zweiter Teil
booktitleDie Schlucht. Band 1
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid8c69add1
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III

Raiskij nahm seine Mütze und schickte sich an, in den Garten zu gehen. Marfinka hatte sich erboten, ihm die ganze Wirtschaft zu zeigen: ihr Gärtchen und den großen Garten, die Gemüsebeete, den Park, die Lauben.

»Nur in den Wald fürcht ich mich zu gehen«, sagte sie; »den Abhang hinunter geh ich nie, dort unten ist es so einsam, so unheimlich. Wenn Werotschka kommt, wird sie mit Ihnen hingehen.«

Sie band ein leichtes Tuch um den Kopf, nahm ihren Sonnenschirm und schwebte wie eine Sylphe zwischen den Blumenbeeten dahin. Frohsinn leuchtete aus ihren graublauen Augen, Gesundheit und Frische strahlte aus ihren Zügen, und in dem leichten, durchsichtigen Gewand erschien sie inmitten dieser Blumen, dieser Sonnenstrahlen und der ganzen bunten Frühlingspracht selbst wie ein Regenbogen der Freude.

Boris sah das alles und hatte bereits ein Bild von ihr in seiner Vorstellung fertig; und auch sich selbst sah er neben ihr, nachdenklich, schwerfällig. Es schien ihm, daß er nicht hineingehöre in dieses Bild – er hätte jung sein müssen, und frisch und lebhaft, mit demselben lebensfrohen Glanz in den Augen, denselben geschmeidigen Bewegungen wie sie.

Er hätte sie am liebsten ganz unparteiisch, als Künstler sehen und auffassen mögen, sie ganz allein, ohne seine eigene Gestalt. So sah er beispielsweise die Großtante ganz künstlerisch objektiv, in greisenhafter Schönheit, als lebendige, in sich geschlossene Gestalt, die er in aller Ruhe anschauen und wiedergeben konnte. Mit Marfinka hingegen wollte ihm das nicht gelingen, es wurde ihm schwer, sie so in künstlerischer Konzeption zu erfassen. Er sah sie in lebhafter, harmonischer Bewegung neben sich schweben, und der Garten erschien ihm schön, weil sie darin war. Sie ging von Beet zu Beet, musterte die Sträucher, die Blumen, hob da und dort ein Blütenköpfchen hoch und zeigte es ihm.

»Diese Rose hier war vorgestern noch eine Knospe«, sagte sie und sah fast triumphierend auf die Blüte, die sie vorsichtig emporhob. »Sehen Sie nur, wie sie aufgeblüht ist!«

»Ganz wie du selbst!« sagte er.

»Ich danke, eine schöne Rose bin ich!«

»Du bist schöner als sie!«

»Riechen Sie doch, wie sie duftet!«

Er sog den Duft der Blume ein und ging dann weiter hinter Marfinka her.

»Diese Margeriten müssen begossen werden, und die Päonien auch«, rief sie und war schon in einer anderen Gartenecke, wo sie aus einer Tonne Wasser schöpfte. Voll Grazie trug sie die Gießkanne herbei, begoß die Sträucher und achtete sorgfältig darauf, daß jede Blume ihr Teilchen abbekam.

»In Petersburg blüht noch nicht einmal der Flieder!« sagte Raiskij.

»Wirklich? Und bei uns ist er schon verblüht, jetzt fangen die Akazien an zu blühen. Wenn doch bald die Linden zur Blüte kämen – dieser Duft! Das ist für mich immer eine Festzeit!«

»Wieviel Singvögel es hier gibt!« sagte er und lauschte auf das Zwitschern und Pfeifen, das von den Zweigen klang.

»Wir haben hier auch Nachtigallen – dort, im Hain! Auch meine Vögel sind alle hier gefangen«, sagte sie. »Hier im Garten sind meine Beete, die habe ich selbst umgegraben. Dort sind Melonen gepflanzt, und da drüben wachsen Artischocken, Blumenkohl ...«

»Wollen wir nicht nach dem Abhang gehen, Marfinka? Einen Blick auf die Wolga werfen?«

»Gehen wir, doch wage ich mich nicht zu nahe heran, ich fürchte mich. Es schwindelt mir. Und dann liebe ich diese Stelle auch nicht. Übrigens muß ich eilen, Tantchen sagte ja, ich solle das Mittagessen besorgen! Ich bin hier nämlich die Haushälterin, ich habe die Schlüssel vom Silberzeug und von der Vorratskammer. Ich lasse für Sie eingemachte Kirschen herausstellen – Wassilissa meinte, die äßen Sie so gern.«

Er dankte ihr mit einem Lächeln.

»Und was wollen Sie zu Mittag essen?« fragte sie. »Die Tante möchte Sie recht großartig bewirten.«

»Ich habe doch schon zu Mittag gegessen! Höchstens zum Abendbrot ...«

»Wie denn? Vorher wird doch noch gevespert! Da gibt's Tee oder saure Milch. Essen Sie gern frischen Käse, mit Sahne vielleicht?«

»Ja, den esse ich ganz gern«, antwortete Raiskij zerstreut.

»Oder wollen Sie lieber saure Milch?«

»Ja, saure Milch.«

»Was ziehen Sie also vor?« fragte sie. Und als er keine Antwort gab, wandte sie sich um, um zu sehen, was seine Aufmerksamkeit von der Unterhaltung abzog.

Er aber beobachtete gerade, wie sie, über einen Graben hinwegschreitend, ihr Kleid samt dem gestickten Unterrock anhob und wie unter dem Kleide die runde, pralle Wade in dem weißen Strumpf und der in einem eleganten, mit rotem Saffian verzierten Lackschuh steckende zierliche Fuß zum Vorschein kam.

»Lackschuhe – ei!« sagte er. »Du putzt dich wohl gern, Marfinka?«

Er dachte, sie würde verlegen werden, und freute sich schon darauf, zu sehen, wie sie ganz verwirrt und beschämt das Kleid herunterlassen würde. Statt dessen jedoch hob sie den Rock noch etwas höher empor, damit er den Schuh ganz genau betrachten könnte.

»Die haben wir neulich mit Tantchen auf dem Jahrmarkt gekauft«, sagte sie unschuldig. »Auch Werotschka hat ein Paar bekommen, die sind aber lila, sie liebt diese Farbe sehr. Was wollen Sie also zu Mittag essen? Sie haben noch nichts gesagt!«

Er hörte jedoch nicht auf sie.

›Du brauchst keine Verschämtheit zu heucheln, du liebes Kind!‹ dachte er im stillen.

Und laut fügte er dann hinzu: »Ich mag nichts essen, Marfinka. Reich mir den Arm, wir wollen beide zur Wolga gehen!«

Er preßte ihren Arm an seine Brust und fühlte, wie sein Herz heftig schlug, als es so die Nähe dieses naiven, holden Kindes fühlte, das ihm zugleich als liebende Schwester und als frisch erblühende junge Schönheit erschien. Er hegte Befürchtungen, ob er wohl standhaft genug sein würde, sie mit dem bloßen Künstlerauge zu schauen, oder ob er, wie gewöhnlich, dem »Eindruck« erliegen würde.

Vor seinen Augen schwebte das Ideal einer reinen, einfachen Natur, und in seiner Vorstellung formte sich das Bild eines stillen Familienromans, während er zugleich fühlte, daß dieser Roman auf sein eigenes Ich hinübergriff, daß ihm dabei so wohl, so warm ward ums Herz, daß das Leben ringsum ihn mit hineinzog in sein Getriebe.

»Singst du, Marfinka?« fragte er.

»Ja ... ein wenig«, antwortete sie etwas verlegen.

»Was denn?«

»Russische Romanzen; dann habe ich auch etwas italienische Musik getrieben, aber mein Lehrer ist abgereist. Ich singe zum Beispiel ›Una voce poco fa‹ Arie der Rosine aus dem »Barbier von Sevilla« von Rossini., doch fällt es mir nicht leicht. Und Sie – singen Sie auch?«

»Sehr gern, aber mit ungeschulter Stimme.«

»Was denn?«

»Alles.«

Und er sang zuerst eine Arie aus den »Lombarden« und dann einen Marsch aus der »Semiramis« und schwieg hierauf plötzlich.

Er sah ihr in die Augen, drückte ihren Arm und paßte seinen Schritt dem ihrigen an.

›Hier fehlt nichts weiter zum Glück‹, dachte er. ›Zugreifen, nicht lange in die Ferne schauen – so würde ein anderer an meiner Stelle handeln. Alles ist vorhanden für ein stilles Lebensglück – aber ... dieses Glück ist nicht das meinige!‹ Er seufzte. ›Die Augen gewöhnen sich, die Phantasie ermüdet, der Eindruck verblaßt, und die Illusion zerplatzt wie eine Seifenblase, ehe sie noch die Nerven tiefer ergriffen hat.‹

Er ließ ihren Arm los und wurde nachdenklich.

»Warum sind Sie so schweigsam?« fragte sie. ›Nicht ein Wort redet er!‹ dachte sie im stillen.

»Liest du gern, Marfinka?« fragte er, aus seinem Sinnen erwachend.

»Ja, wenn ich mich langweile, dann lese ich.«

»Was denn?«

»Was mir in die Hand kommt: Erzählungen, oder Tit Nikonytsch bringt uns Journale, dort lese ich die Novellen. Manchmal nehme ich auch eins von Werotschkas französischen Büchern vor. Neulich habe ich die ›Helen‹ der Miß Edgeworth gelesen, und dann auch ›Jane Eyre‹. Ein sehr schönes Buch – zwei Nächte lang habe ich nicht geschlafen, sondern immer nur gelesen, gar nicht losreißen konnte ich mich.«

»Welche Art von Büchern liebst du besonders?«

Sie dachte einen Augenblick nach, um die Bücher, die sie gelesen hatte, rasch im Geiste zu gruppieren.

»Sie wollen sich wieder über mich lustig machen, wie vorhin, wegen des Gänschens ...«, sagte sie zögernd.

»Nein, nein, Marfinka! Ich werde mich doch über ein so liebes, hübsches Kusinchen nicht lustig machen! Denn du bist doch hübsch, nicht wahr?«

»Was ist schon viel Hübsches an mir!« sagte sie in geringschätzigem Ton. »Ich bin dick und habe nur einen weißen Teint. Da sollten Sie unsere Werotschka sehen – die ist hübsch! Eine Schönheit!«

»Was liest du also gern? Gedichte?«

»Ja, Shukowskij, und von Puschkin habe ich neulich ›Mazeppa‹ gelesen.«

»Nun – hat's dir gefallen?«

Sie schüttelte verneinend den Kopf.

»Warum nicht?«

»Die Marja tat mir so leid. Drüben, in Ihrer Bibliothek, habe ich einmal ›Gullivers Reisen‹ gefunden, ich habe das Buch an mich genommen und wohl siebenmal gelesen. Sowie ich's ein bißchen vergessen habe, lese ich's wieder. Auch den ›Kater Murr‹, die ›Serapionsbrüder‹ und den ›Sandmann‹ habe ich gelesen, die haben mir sehr gut gefallen.«

»Was gefällt dir sonst noch? Hast du auch ernste Bücher gelesen?«

»Ernste Bücher?« wiederholte sie, und ihr Gesicht nahm dabei selbst eine ernste Miene an. »Ja, ich habe da noch einige von Ihren Büchern liegen, aber ich kann sie nicht recht verdauen.«

»Was denn zum Beispiel?«

»Nun, da ist zum Beispiel ein Buch von Chateaubriand: ›Les Martyrs‹ ... Das ist für mich schon gar zu hoch!«

»Nun, und historische Werke?«

»Leontij Iwanowitsch gab mir einmal ein Buch von Michelet, ›Précis de l'histoire moderne‹. Dann die ›Römische Geschichte‹ von Gibbon, glaube ich.«

»Nun, wie gefiel dir Gibbon?«

»Ich habe das Werk nicht zu Ende gelesen, es war zu großartig. Das ist etwas für Lehrer, die in diesem Fach unterrichten.«

»Nun, und wie steht's mit Romanen – liest du die gern?«

»Ja ... aber nur solche, die mit einer Hochzeit enden.«

Er lachte, und sie lachte mit ihm.

»Das ist recht albern, nicht wahr?« fragte sie.

»Nein, ich finde es reizend. An dir kann doch überhaupt nichts albern sein.«

»Ich lese immer zuerst das Ende«, fuhr sie, mutiger geworden, fort, »und wenn es traurig ist, lese ich das Buch überhaupt nicht. Den ›Bassurman‹ zum Beispiel habe ich angefangen, aber Werotschka sagte mir, daß der Held hingerichtet wird, und da hörte ich gleich auf.«

»Dann liebst du wohl auch Gribojedows Komödie ›Geist bringt Kummer‹ nicht? Auch dort kommt es ja zu keiner Hochzeit!«

Sie schüttelte den Kopf.

»Sofja Pawlowna ist abscheulich«, bemerkte sie, »und Tschazkij tut mir leid; weil er verständiger ist als die anderen, muß er leiden!«

Lächelnd hörte er ihr literarisches Gestammel an und sah ihr dabei mit wachsendem Entzücken in die Augen.

»Wir wollen fleißig zusammen lesen«, sagte er, »du hast noch keine ganz klaren Begriffe, und dein Geschmack ist noch unentwickelt. Willst du? Du wirst nach und nach begreifen lernen, wirst das Gelesene kritisieren.«

»Sehr gern, aber Sie müssen immer solche Bücher aussuchen, die glücklich enden, mit einer Hochzeit.«

»Und natürlich müssen dann auch Kinder kommen?« fragte er neckend. »Und das eine soll sein Süppchen verlangen, das andere muß geimpft werden – nicht wahr?«

»Oh, pfui, wie böse Sie sind! Nicht ein Wort sage ich mehr. Alles merken Sie sich, nichts entgeht Ihnen.«

»Du wirst dich also nicht verheiraten, ohne die Tante um Erlaubnis zu fragen?«

»Nein!« sagte sie in bestimmtem Ton, fast ein wenig damit prahlend, daß sie nicht imstande sei, eine solche Schandtat zu begehen.

»Warum denn aber nicht?«

»Wenn er ein Spieler oder Trinker ist, wenn er nicht häuslich ist oder ein gottloser Mensch, wie Mark Iwanytsch – wie soll ich das erfahren? Und die Tante kommt doch sicher dahinter.«

»Ist Mark Iwanytsch denn wirklich so gottlos?«

»Der geht nie in die Kirche!«

»Nun, und wenn solch ein gottloser Mensch oder Spieler dir gefällt?«

»Ganz gleich – ich würde ihn nie heiraten!«

»Und wenn du dich in ihn verliebst?«

»Wie – in einen Spieler oder in einen Religionsspötter wie Mark Iwanytsch sollte ich mich verlieben? Ist denn das möglich? Ich rede doch nicht einmal mit ihm!«

»Was also die Tante bestimmt, das geschieht?«

»Ja, sie weiß alles besser als ich.«

»Und wann wirst du selbst genügend Bescheid wissen, um danach leben zu können?«

»Wenn ... ich in reiferen Jahren bin, wenn ich meine eigene Häuslichkeit haben werde und meine eigenen ...«

»Kinder?« fiel Raiskij ihr ins Wort.

»Meine eigenen Kühe, Pferde, Hühner, meine Leute im Hause ... und auch meine Kinder, ja ...«, fügte sie errötend hinzu.

»Und bis dahin hat die Tante alles zu bestimmen?«

»Ja. Sie ist klug und gut, und sie weiß alles. Sie ist besser als alle Menschen hier und überhaupt in der ganzen Welt!« fügte sie begeistert hinzu.

Er schwieg, dachte an die Belowodowa, an die Gespräche, die er mit ihr gehabt hatte, an die Ähnlichkeit zwischen Marfinka und jener, und suchte zu ergründen, worauf diese Ähnlichkeit und andererseits wiederum der Unterschied in dem Wesen beider beruhe. Er sah beide nebeneinander im Bilde – jede von ihnen hatte ihre eigene Schönheit, schien ihr eigenes Licht um sich auszustrahlen.

›Was wird wohl dabei herauskommen!‹ fragte er sich – und beschloß, zunächst einmal Marfinkas Porträt in Öl zu malen.

Sie waren bis an den Abhang gekommen. Marfinka blickte ängstlich hinab und wich erschrocken zurück.

Raiskij warf einen Blick auf die Wolga, vergaß alles ringsum und stand unbeweglich da, ganz in den Anblick des breit dahinfließenden Stromes vertieft, der seine Fluten weithin über die Ufergelände ergoß.

Die Hochflut war noch nicht ganz verlaufen, das Wasser des Stromes ging noch weit über das flache Ufer hinweg, während es schäumend gegen das andere, steile Ufer schlug und seine Höhen unterspülte. Da und dort sah man Boote auf der Wasserfläche, die sich kaum zu bewegen schienen. Hoch am Himmel schwebten die Wolken über die Landschaft dahin.

Marfinka trat wieder näher an Raiskij heran und sah gleichgültig auf die Flußlandschaft, deren Anblick ihr ein längst gewohnter war.

»Diese Boote dort haben Kochgeschirr verladen«, sagte sie, »und das da sind Segelschiffe, die von Astrachan kommen. Und dort die Häuschen, sehen Sie, die ganz von Wasser umgeben sind – in denen wohnen die Barkenknechte. Und da, hinter jenen beiden Hügeln, führt der Weg nach dem Dorf, in dem Werotschkas Freundin, die Popenfrau, wohnt. Wunderschön ist es dort drüben am Ufer! Im Juli fahren wir im Boot zu den Inseln hinüber, um dort Tee zu trinken. Und Blumen gibt es da – eine Unmenge!«

Raiskij schwieg.

»Auch Hasen sind dort in Menge, aber sie werden jetzt ertrunken sein, die armen Tierchen! Ich habe hier auch Kaninchen – die will ich Ihnen gelegentlich zeigen.«

Er stand noch immer schweigend da.

»Wenn der Sommer zu Ende geht, kommen die Boote mit den Wassermelonen«, fuhr sie fort. »Wieviel ihrer da angefahren werden! Wir kaufen nur welche zum Einsäuern; zum Dessert haben wir unsere eigenen, ganz große, bis zu vierzig Pfund schwer. Im vorigen Jahre hatten wir solch eine Riesenfrucht, die ein Pud wog, die hat Tantchen dem Bischof als Präsent verehrt.«

Raiskij stand noch immer da und schaute vor sich hin.

»Warum er nur so schweigsam ist?« flüsterte Marfinka vor sich hin.

»Gehen wir dahin!« sagte er plötzlich, wobei er in die Tiefe und auf den steilen Abhang zeigte und ihren Arm nahm.

»Ach nein, nein, ich fürchte mich!« sagte sie und wich zitternd zurück.

»Du fürchtest dich – auch wenn ich mitgehe?«

»Ja, ich fürchte mich!«

»Ich werde dich halten, daß du nicht fällst. Glaubst du dich nicht sicher genug an meiner Seite?«

»O doch, doch, aber ich fürchte mich. Werotschka, sehen Sie, die fürchtet sich nicht! Die geht allein dahin, auch wenn es dunkel ist. Dort liegt ein Mörder begraben – aber das macht ihr nichts aus!«

»Und wenn ich dir sagte: ›Schließ die Augen, gib mir die Hand und komm mit dahin, wohin ich dich führe‹ – würdest du es tun? Würdest du mir die Hand geben und die Augen schließen?«

»Ja ... ich würde es tun, aber ... das eine Auge würde ich doch ein ganz klein wenig aufmachen.«

»Nun, so versuch's einmal – schließ die Augen und reich mir die Hand! Du wirst sehen, wie sicher und wie vorsichtig ich dich hinunterführe – gar keine Furcht wirst du spüren. Nun – vertrau dich mir an, schließ ruhig die Augen!«

Sie schloß die Augen, doch so, daß sie ihn sehen konnte; und kaum hatte er ihre Hand ergriffen und einen Schritt vorwärts getan, kaum sah sie, daß er im Abstieg begriffen war und sie selbst am Rande des Abhanges stand, als sie sich plötzlich losmachte und ihm ihre Hand entriß.

»Um nichts in der Welt geh ich mit, um nichts in der Welt!« rief sie laut lachend und quiekend. »Kommen Sie, es ist Zeit, daß wir nach Hause gehen! Tantchen wird schon warten. Was soll's also zu Mittag geben?« fragte sie. »Essen Sie gern Makkaroni mit frischen Pilzen?«

Er antwortete nicht und sah sie nur immer voll Entzücken an.

»Was für ein prächtiges Mädchen bist du doch! Eine ganze, eine reine Natur! Und diese Treue, diese Anhänglichkeit an die Tante – wirklich ein Fund für einen Künstler! Die Natürlichkeit selbst!«

Er küßte ihre Hand.

»Was Sie nicht alles an mir zu rühmen wissen! Aber wohin wollen Sie denn?«

Sie erhielt keine Antwort. Sie trat zwei Schritte näher an den Rand des Abhangs, blickte ängstlich hinunter und sah, wie sich dort unten geräuschvoll das Buschwerk teilte und wie Raiskij auf den Vorsprüngen und Vertiefungen der steil abfallenden Wand wie auf großen Treppenstufen hinabsprang.

»Wie ihm das nur Vergnügen machen kann!« sagte sie, innerlich erbebend, und machte kehrt, um heimzugehen.

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