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Die Schlucht. Zweiter Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Zweiter Teil - Kapitel 3
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Zweiter Teil
booktitleDie Schlucht. Band 1
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid8c69add1
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II

Er öffnete den Mund zu einem Gähnen, und als er aus seinem Sinnen erwachte, stand die Großtante vor ihm, mit dem Rechenbrett, dem Heft, in dem sie die Einnahmen und Ausgaben notierte, und einem höchst geschäftsmäßigen Ausdruck im Gesicht.

»Bist du etwa noch zu müde von der Reise? Du gähnst – vielleicht willst du dich schlafen legen?« fragte sie. »Dann lassen wir die Sache bis morgen.«

»Nein, Tantchen, ich habe ausgeschlafen, es war nur ein nervöses Gähnen. Bemühen Sie sich nicht weiter; ich werde die Abrechnung doch nicht durchsehen ...«

»Weshalb denn nicht? Warum bist du denn hergekommen? Doch nur, um Abrechnung zu halten und das Gut zu übernehmen?«

»Welches Gut?« sagte Raiskij geringschätzig.

»Welches Gut!« versetzte die Großtante gekränkt. »Sieh dir's doch bloß erst einmal an, all das schöne Land! Vor vier Jahren ist ein ganzes Stück zugekauft worden, hundertvierundzwanzig Deßjatinen. Davon werden als Weideland benutzt ...«

»Zugekauft haben Sie?« fragte Raiskij mechanisch.

»Nicht ich habe zugekauft, sondern du hast es getan! Hast du mir nicht damals die Vollmacht zu dem Landkauf geschickt?«

»Nein, Tantchen, ich war's nicht. Ich erinnere mich, daß Sie mir einmal irgendwelche Schriftstücke übersandten, die gab ich meinem Freunde Iwan Iwanowitsch, und der mag vielleicht ...«

»Du hast aber doch unterschrieben, da, sieh, hier ist die Abschrift!« sagte sie und zeigte ihm irgendein Aktenstück.

»Kann sein, daß ich's unterschrieben habe«, sagte er, ohne hinzusehen, »nur erinnere ich mich nicht mehr und weiß nichts davon.«

»Du erinnerst dich nicht mehr? Du hast doch meine Aufstellungen und Abrechnungen gelesen, die ich dir schickte?«

»Nein, Tantchen, die habe ich nicht gelesen.«

»Aber dort war ja alles verzeichnet, du konntest genau sehen, wie deine Einkünfte verwendet wurden! Hast du denn nicht nachgesehen?«

»Nein, ich habe nicht nachgesehen.«

»Du weißt also gar nicht, was ich mit deinem Gelde angefangen habe?«

»Nichts weiß ich, Tantchen, und ich will auch gar nichts wissen!« antwortete er und ließ seinen Blick durchs Fenster hinausschweifen, über den blauen Himmel, die weite Landschaft und die Kreideberge jenseits der Wolga. »Denk dir, Marfinka, ich weiß noch die Verse Dmitrijews auswendig, die ich als Kind gelernt habe:

›O stolze Wolga, nimm entgegen
Des unbekannten Sängers Dank –
Was er zu deinem Ruhme sang,
Laß den Beglückten niederlegen –‹«

»Nimm es mir nicht übel, Borjuschka – aber ich glaube fast, du bist etwas wirr im Kopf!« sagte die Großtante.

»Das ist leicht möglich, Tantchen«, stimmte er gelassen zu.

»Wo hast du denn den Generalbericht über das Gutsinventar hingetan, den ich dir schickte? Den hast du doch mitgebracht?«

Er schüttelte verneinend den Kopf.

»Wo ist er?«

»Was ist das für ein Generalbericht, Tantchen? Bei Gott, ich weiß nichts davon.«

»Die Aufstellung über den Bestand an Bauern, über die Pacht, die sie zahlen, über den Getreideverkauf, über die verpachteten Gärten. Weißt du überhaupt, wieviel in den letzten Jahren eingekommen ist? Durchschnittlich eintausendvierhundertfünfundzwanzig Silberrubel im Jahr – da, sieh her!« Sie wollte ihm die Summe am Rechenbrett anschaulich machen. »Du hast doch das Geld immer richtig bekommen? Das letztemal schickte ich dir fünfhundertfünfzig Rubel in Assignaten. Du schriebst mir damals, ich sollte nichts mehr schicken, und so habe ich denn alles auf die Kasse gegeben, es steht dir zur Verfügung ...«

»Was geht mich denn das alles an, Tantchen?« sagte er ungeduldig.

»Was dich das angeht?« versetzte die Großtante ganz verdutzt. »Du glaubst doch nicht etwa, ich hätte das Geld zu meinem Vorteil verwandt? Sieh her, jede Kopeke ist hier aufgeschrieben. Da, guck!« Sie schob ihm ein großes, durch Schnüre zusammengehaltenes Heft hin.

»Ich habe alle Abrechnungen zerrissen, Tantchen, und ich werde, bei Gott, auch diese da zerreißen, wenn Sie mir damit noch länger zusetzen.«

Er griff nach den Heften, doch nahm sie sie ihm rasch aus der Hand.

»Zerreißen? Wie darfst du das?« rief sie zornig. »Die Abrechnungen zerreißen – unerhört!«

Er lachte laut auf, umarmte sie und küßte sie auf den Mund, wie er es als Kind getan hatte. Sie riß sich von ihm los und wischte sich die Lippen ab.

»Ich arbeite und quäle mich hier, sitze manchmal bis über Mitternacht auf, schreibe, rechne mit jeder Kopeke – und er hat meine Rechnungen zerrissen! Und nicht eine Frage hat er je über die Gutseinkünfte gestellt, nie eine Anordnung getroffen, nie gesagt, so oder so will ich's haben! Was denkst du denn eigentlich von deinem Gut?«

»Nichts denke ich, Tantchen. Ich wußte nicht einmal, ob es noch existiert. Und wenn ich daran dachte, so waren es jedenfalls nur die Zimmer hier, an die ich dachte – diese alten, lieben Räume, in denen die einzige Frau auf der ganzen Welt lebt, die mich liebt, und die ich liebe. Ja, wirklich die einzige, niemanden sonst lieb ich – jetzt aber will ich auch meine kleinen Kusinen liebhaben«, wandte er sich fröhlich lächelnd zu Marfinka, ergriff ihre Hand und küßte sie. »Alles will ich hier liebhaben, bis zum letzten Kätzchen!«

»Solange ich lebe, habe ich solch einen Menschen nicht gesehen!« sagte die Großtante, während sie ihre Brille abnahm und ihn ansah. »Nur unser Markuschka ist noch solch ein Heimatloser ...«

»Was für ein Markuschka? Leontij schrieb mir da etwas. Wie geht's ihm übrigens, Tantchen, dem Leontij? Ich will ihn besuchen ...«

»Wie soll's ihm gehen? Er sitzt über seinen Büchern, verguckt sich in eine Stelle und ist nicht wegzubringen. Und seine Frau verguckt sich dafür anderswo – er hat keine Ahnung, was hinter seinem Rücken vorgeht! Jetzt hat er mit Markuschka Freundschaft geschlossen, da hat er den Rechten gefunden! Er war schon hier und beklagte sich, daß der Mensch alle deine Bücher zerrissen habe ...«

»Buona sera! Buona sera!« intonierte Raiskij aus dem »Barbier von Sevilla«.

»Ein ganz merkwürdiger Mensch bist du, wirklich!« sagte die Großtante ärgerlich. »Warum bist du eigentlich hergekommen? Sprich!«

»Um Sie zu sehen, um ein Weilchen auszuruhen und behaglich zu faulenzen, um einen Blick auf die Wolga zu werfen, ein bißchen zu malen, ein bißchen zu schriftstellern, ein bißchen zu zeichnen ...«

»Und dein Gut? Da gibt's Arbeit, da kannst du losmalen! Wenn du nicht müde bist, wollen wir aufs Feld fahren und uns die Wintersaat ansehen.«

»Später Tantchen, später. Tit ti ti, ta ta ta, la la la ...«, sang er wiederum eine Melodie aus dem »Barbier von Sevilla«.

»Was soll das nun: ti ti ti, la la la!« ahmte die Großtante ihm unwillig nach. »Willst du dir das Gut ansehen oder nicht? Willst du es denn nicht übernehmen?«

»Nein, Tantchen, das will ich nicht!«

»Wer soll sich denn nun weiterhin darum kümmern? Ich bin alt, ich bin nicht mehr imstande, es zu verwalten. Wenn ich mich jetzt zurückziehe – was willst du dann machen?«

»Gar nichts werde ich machen. Ich lasse das Gut Gut sein und reise ab ...«

»Willst du es niemandem übergeben?«

»Nein, solange Sie der Sache noch nicht überdrüssig sind, bleiben Sie hier, Tantchen ...«

»Und wenn ich sterbe?«

»Dann ... bleibt es, wie es ist.«

»Und die Bauern – die dürfen dann tun und lassen, was sie wollen?«

Er nickte mit dem Kopf.

»Ich dachte, sie dürften auch jetzt tun, was sie wollen. Man sollte sie freilassen«, sagte er.

»Freilassen! Nahezu fünfzig Seelen freilassen!« wiederholte sie. »Und womöglich umsonst, ohne daß sie etwas zu zahlen brauchen?!«

»Allerdings!«

»Wovon willst du denn leben?«

»Sie werden das Land von mir pachten, werden mir etwas zahlen.«

»Etwas zahlen! Aus Mitleid, nach Belieben, nicht wahr? Ach, Borjuschka!«

Sie sah auf das Porträt der Mutter Raiskijs. Lange ließ sie den Blick auf den verschleierten Augen und dem nachdenklichen Lächeln ruhen.

»Ja«, sagte sie dann halblaut, »ich will ihr nichts nachreden, der Verstorbenen, aber sie ist wohl schuld. Sie hat dich nie von sich gelassen, dir immer etwas zugeflüstert, ewig am Klavier gesessen und über den Büchern Tränen vergossen. Nun sieht man, was dabei herausgekommen ist: nichts als ein bißchen singen und zeichnen! Was soll denn mit dem Hause geschehen, was mit dem Silberzeug, der Wäsche, den Brillanten, dem Geschirr?« fragte sie nach einer Weile. »Sollen das auch die Bauern bekommen?«

»Besitze ich denn Brillanten und Silberzeug?« fragte er.

»Seit wieviel Jahren wiederhole ich dir das immer wieder! Nach deiner Mutter ist's geblieben; was soll daraus werden? Wart einen Augenblick, ich will gleich das Verzeichnis holen ...«

»Nicht doch, um Gottes willen, nicht nötig, Tantchen! Ich glaub's ja, ich glaub's auch so, daß es mir gehört. Ich darf also ganz nach eigenem Ermessen darüber verfügen?«

»Gewiß darfst du das, du bist doch hier der Herr im Hause! Du darfst uns jeden Augenblick hinauswerfen, wir sind nur deine Gäste – das heißt, verzeih, dein Brot essen wir nicht! Da, sieh, hier sind meine Einkünfte, und hier die Einkünfte der beiden Mädchen ...«

Sie hielt ihm ein paar große Hefte hin, doch schob er sie mit der Hand zurück.

»Ich weiß, ich weiß, Tantchen! Nun, so hören Sie denn: lassen Sie irgendeinen Gerichtsbeamten kommen, der soll ein Dokument aufsetzen, laut dem ich mein Haus, mein bewegliches Eigentum und mein Land meinen lieben Kusinen Werotschka und Marfinka zur Mitgift bestimme ...«

Die Großtante runzelte, während er sprach, unzufrieden die Stirn und erwartete mit Ungeduld das Ende seiner Rede.

»Solange Sie jedoch noch leben, Tantchen«, fuhr er fort, »soll alles in Ihrem unmittelbaren Besitz und unter Ihrer Aufsicht bleiben. Die Bauern aber sollen freigelassen werden ...«

»Das geht nicht!« platzte Tatjana Markowna heftig heraus. »Sie sind nicht arm, sie bekommen jede fünfzigtausend Rubel mit. Und wenn die Großtante tot ist, fällt ihnen dreimal soviel oder vielleicht noch mehr zu; alles bekommen sie! Das geht nicht! Ja, auch die Großtante ist, Gott sei Dank, nicht arm! Es wird sich schon ein Winkel und ein Stück Land für sie finden, wo sie unterkommen kann. Seht doch den stolzen, reichen Herrn, beschenken will er uns! Wir danken, wir danken recht sehr! Marfinka! Wo bist du? Komm doch einmal her!«

»Hier, hier, gleich!« ließ Marfinkas wohlklingende Stimme sich aus dem Nebenzimmer vernehmen, in das sie während der Auseinandersetzung der beiden gegangen war. Frisch, lebhaft, munter, mit einem Lächeln auf den Lippen trat sie jetzt ein und blieb plötzlich stehen. Verwundert sah sie bald Raiskij, bald die Großtante an, die ganz aufgeregt schien.

»Hör einmal, der Vetter macht dir das Haus und das Silberzeug und die Spitzen zum Geschenk! Du bist ja ein armes Bettelkind, das ganz mittellos dasteht! Bedank dich bei dem Wohltäter, mach einen Knicks, küß ihm die Hand! Nun, so beeil dich doch!«

Marfinka lehnte an dem Ofen und sah beide an – sie wußte nicht, was sie sagen sollte.

Die Großtante schob die Hefte und Bücher samt dem Rechenbrett zur Seite, kreuzte stolz die Arme über der Brust und sah zum Fenster hinaus. Raiskij aber setzte sich neben Marfinka und faßte ihre Hand.

»Sag einmal, Marfinka, möchtest du in ein anderes Haus ziehen?« fragte er. »Vielleicht gar in eine andere Stadt?«

»Gott behüte! Wie wäre das möglich? Wer ist denn auf diesen sonderbaren Einfall gekommen?«

»Nun – wer sonst als Tantchen?« sagte Raiskij lachend.

Marfinka war ganz verwirrt; die Großtante hatte zum Glück seine Worte nicht gehört, sie blickte eben ganz ergrimmt zum Fenster hinaus.

»Ich habe doch hier alles, was mein Herz begehrt: den Garten, die Beete, die Blumen. Und wer soll sich denn um das Geflügel kümmern? Wer soll ihm Futter streuen? Wie kann nur ein Mensch darauf kommen? Um keinen Preis ...«

»Die Großtante will nämlich von hier fortziehen und euch beide mitnehmen.«

»Wohin denn, warum denn, liebes Tantchen? Was planen Sie denn da?« fragte Marfinka, während sie die Großtante liebkoste.

»Laß mich!« versetzte die Großtante grimmig und schob sie von sich weg.

»Du würdest dieses Nestchen nicht verlassen wollen – nicht wahr, Marfinka?«

»Nein, um nichts in der Welt!« entgegnete Marfinka mit energischem Kopfschütteln. »Meinen Blumengarten, mein Zimmerchen soll ich verlassen? Wie ist das möglich?«

»Und auch Werotschka würde nicht fortwollen von hier?«

»Noch weniger als ich; sie würde sich um keinen Preis von dem alten Hause trennen ...«

»Sie liebt es?«

»Sie wohnt drüben und fühlt sich nur dort wohl. Sie stirbt, wenn man sie von hier wegbringt – beide würden wir sterben.«

»Nun denn, ihr sollt nie von hier weggehen«, sagte Raiskij, »und ihr werdet euch auch beide hier verheiraten. Du, Marfinka, wirst hier in diesem Hause wohnen, und Weroschka drüben, in dem alten.«

»Gott sei Dank. Warum haben Sie mich erst erschreckt? Und Sie – wo werden Sie wohnen?«

»Nirgends. Wenn ich einmal komme, um ein Weilchen euer Gast zu sein, dann werdet ihr mir ein Zimmerchen im Mezzanin einräumen, und wir werden zusammen spazierengehen, singen, Blumen zeichnen, die Hühner füttern: ti ti ti, zip, zip, zip!« ahmte er lachend ihren Hühnerruf nach.

»Oh, Sie böser Mensch!« sagte sie. »Ich glaubte, Sie hätten mich gar nicht gesehen, und Sie haben alles gehört!«

»Nun, die Sache ist also abgemacht. Ihr nehmt beide – du sowohl wie Werotschka – alles das hier von mir als Geschenk an, nicht wahr?«

»Ja, Vetter«, sagte sie mit fröhlichem Lachen und rückte näher zu ihm hin.

»Daß du es nicht wagst!« fuhr plötzlich die Tante dazwischen, die bisher in zornigem Schweigen dagesessen hatte. Marfinka rückte fast erschrocken an ihren Platz zurück.

»Unverschämte!« begann die Tante zu schelten. »Wo hast du gelernt, von fremden Leuten Geschenke anzunehmen? Von mir sicherlich nicht! Mein Lebtag habe ich von niemandem eine Kopeke angenommen. Und du hast noch nicht drei Worte mit ihm gesprochen und nimmst schon Geschenke von ihm an! Schäm dich was! Werotschka hätte das um nichts in der Welt getan, die ist wenigstens stolz!«

Marfinka machte ein mürrisches Gesicht.

»Sie sagten doch selbst vorhin«, versetzte sie ärgerlich, »daß er für uns kein Fremder, sondern unser Bruder ist, und Sie befahlen mir sogar, ihn zu küssen! Von einem Bruder darf man doch alles annehmen.«

»Das ist ganz logisch, kein Wort ist dagegen einzuwenden!« pflichtete Raiskij ihr bei. »Und so bleibt es also dabei, alles gehört euch, und ich bin euer Gast ...«

»Nimm's nicht an!« rief die Großtante in befehlendem Ton. »Sag, ich will's nicht, ich brauch's nicht, wir sind keine Bettlerinnen, wir haben unser eigenes Vermögen!«

»Ich will's nicht, Vetter, ich brauch's nicht ...«, wiederholte Marfinka lächelnd, in ironischem Tone. »Meinetwegen, wenn ich's nicht brauchen soll, dann brauch ich's eben nicht!« fügte sie mit einem Seufzer, doch zugleich mit einem schelmischen Blick auf Raiskij hinzu.

»Das wird euch dort auf dem Gut der Tante alles fehlen«, sagte Raiskij. »Sieh doch – dieser Blumenteppich rings um das Haus! Wie könntest du es aushalten ohne das Blumengärtchen?«

»Das Gärtchen behalte ich entschieden«, flüsterte sie, »aber lassen Sie die Großtante nichts davon wissen ...«, fügte sie leise, nur mit den Lippen sprechend, hinzu.

»Und die Spitzen, das Leinenzeug, das Silber?« sagte er halblaut.

»Das brauche ich nicht. Spitzen und Silberzeug habe ich selbst. Ich esse übrigens am liebsten mit dem Holzlöffel, bei uns geht's ganz ländlich zu.«

»Und die Porzellantassen, die bauchigen Teekannen? Die bekommst du jetzt nirgends zu kaufen – willst du die nicht nehmen?«

»Die Tassen nehme ich«, flüsterte sie, »und auch die Teekannen, und ebenso dieses Sofa mit den kleinen Sesseln dazu, und das Tischtuch, auf dem die Diana mit den Hunden abgebildet ist. Und auch mein Zimmerchen möchte ich mitnehmen ...«, fügte sie mit einem Seufzer hinzu.

»Gewiß, nimm das ganze Haus – bitte, Marfinka, liebes Kusinchen!«

Marfinka warf einen Blick zur Tante hinüber und nickte dann bejahend mit dem Kopf.

»Hast du mich gern? Ja?«

»Ach, sehr gern! Als Sie schrieben, daß Sie herkommen, träumte ich jede Nacht von Ihnen, nur waren Sie im Traum anders ...«

»Wie denn?«

»Nun, so mit roten Wangen – nicht so nachdenklich, sondern heiter. Sie liefen munter umher und waren so spaßig ...«

»So kann ich auch wirklich zuweilen sein.«

Sie sah ihn ungläubig von der Seite an und schüttelte den Kopf.

»Du nimmst also das Häuschen hier an?« fragte er.

»Ja, doch unter der Bedingung, daß Werotschka das alte Haus annimmt. Denn allein schäm ich mich; Tantchen wird mich schelten.«

»Nun also – abgemacht!« rief er laut, in munterem Ton. »Mein liebes Kusinchen! Du bist nicht stolz, bist nicht wie die Tante!«

Er küßte sie auf die Stirn.

»Was ist abgemacht?« fragte die Großtante plötzlich. »Du hast es doch angenommen? Wer hat dir das erlaubt? Wenn du selbst nicht soviel Schamgefühl hast, dann verbiete ich dir's. Auf fremder Leute Kosten zu leben – unerhört! Hier, Boris Pawlowitsch, nehmen Sie gefälligst die Bücher, die Rechnungen, Register und Besitzurkunden in Empfang. Ich bin nicht Ihr Verwalter.«

Sie legte die Bücher und Schriftstücke vor ihn hin.

»Hier sind vierhundertdreiundsechzig Rubel – das ist Ihr Geld, im März haben es die Bauern für Getreide gezahlt. Aus den Rechnungen sehen Sie, wieviel bar vorhanden sein muß, wieviel die Umbauten, die Reparaturen und der neue Zaun gekostet haben, wieviel Sawelij an Gehalt bekommt, und so weiter.«

»Tantchen!«

»Hier gibt es kein Tantchen, sondern nur eine Tatjana Markowna Bereshkowa. Sawelij soll herkommen!« rief sie in die Mägdestube hinein. Wenige Minuten darauf trat ein untersetzter Mann von etwa fünfundvierzig Jahren ins Zimmer. Die ganze Gestalt war so breit und gedrungen, daß sie fast dick erschien, wiewohl kein Lot Fett an ihr saß. Sawelij hatte ein finsteres Gesicht mit überhängenden Brauen und breiten Lidern, die er nur langsam emporhob, als ob er keinen Blick umsonst verschwenden wollte. Mit Worten war er karg; seine Haltung war unbeweglich, und nur mühsam ging die Unterhaltung mit ihm vorwärts. Die Denkarbeit fiel ihm nicht leicht. Ließen die Worte ihn im Stich, so nahm er die Augenbrauen, die Stirnfalten und zuweilen auch den Zeigefinger zu Hilfe, um seine Gedanken auszudrücken. Sein Haar war vom Scheitel nach vorn und nach hinten gekämmt und rundherum beschnitten; den Bart rasierte er nur selten, so daß seine Backen und sein Kinn immer wie eine Bürste aussahen.

»Der Gutsherr ist angekommen!« sagte die Großtante und zeigte auf Raiskij.

Dieser saß da und beobachtete, wie Sawelij ins Zimmer trat, wie er sich langsam verneigte, wie er ebenso langsam die Augen auf die Tante richtete und, als diese nach ihm hinwies, sie ihm zukehrte, wie er sich dann wieder herumdrehte und nachdenklich verneigte.

»Jetzt hast du immer nur ihm Bericht zu erstatten«, sagte die Großtante, »er wird das Gut selbst verwalten.«

Sawelij wandte sich wieder halb nach Raiskij um und sah ihn von der Seite, doch schon ein wenig neugieriger an.

»Sehr wohl!« kam es wie ein Knurren aus ihm hervor, und die buschigen Brauen gingen langsam in die Höhe.

»Tantchen!« suchte Raiskij der Großtante halb im Scherz, halb im Ernst Einhalt zu tun.

»Herr Neffe?« versetzte Tatjana Markowna kühl.

Raiskij seufzte.

»Was geruhen Sie zu befehlen?« fragte Sawelij leise, ohne aufzublicken.

Raiskij schwieg und dachte nach, was er ihm wohl befehlen könnte.

»Vortrefflich!« rief er dann plötzlich lebhaft. »Hör mal – kennst du irgendeinen Gerichtsbeamten, der ein Schriftstück über die Gutsübergabe aufsetzen könnte?«

»Gawrila Iwanowitsch Meschetschnikow schreibt für uns alles, was nötig ist«, sagte Sawelij nach einigem Überlegen.

»Nun, dann bitte ihn hierher!«

»Sehr wohl!« antwortete Sawelij, nahm wieder den düsteren Gesichtsausdruck an, machte nachdenklich kehrt und ging langsam aus dem Zimmer.

»Was für ein melancholisches Gesicht dieser Sawelij hat!« sagte Raiskij, dem Davonschreitenden nachblickend.

»Da kann wohl einer melancholisch werden, wenn er ein Weib hat wie diese Marina Antipowna! Erinnerst du dich noch des alten Antip? Nun, also dessen Tochter ist seine Frau! Ein goldener Mensch, dieser Sawelij – verkauft Getreide, nimmt Geld in Empfang – ist ehrlich, umsichtig: und da muß ihm das Schicksal so mitspielen! Jeder hat sein Kreuz in dieser Welt ... Und nun sag, was hast du eigentlich vor? Bist du denn ganz von Sinnen?« fragte sie nach kurzem Schweigen.

»Das gehört also wirklich alles mir?« sagte er und beschrieb mit dem ausgestreckten Arm einen Bogen. »Sie wollen es nicht behalten und verbieten auch den Kusinen, es anzunehmen ...«

»So laß es doch schon dein eigen bleiben'« versetzte sie. »Warum willst du es denn verschenken, warum die Bauern freilassen?«

»Ich muß doch irgend etwas damit anfangen! Ich reise wieder ab, Sie wollen sich nicht weiter darum kümmern, also muß ich doch irgendwie verfügen ...«

»Warum willst du wieder abreisen? Ich dachte, du würdest für immer hierbleiben. Bist du des Herumtreibens noch nicht müde? Heirate, gründe dir einen Hausstand! Das nenne ich doch nicht verfügen, so dreißigtausend Silberrubel oder mehr ohne weiteres wegzugeben!«

Sie versank in Nachsinnen und schien in einem schweren inneren Kampf begriffen. Nie war sie auf den Gedanken gekommen, die Verwaltung des Gutes aufzugeben, nie war das ihre Absicht, gewesen. Sie hätte ja nicht gewußt, was sie mit sich anfangen sollte! Nur einen Schreck wollte sie Raiskij einjagen, und nun hatte er die Sache plötzlich ernst genommen!

›Was soll denn aus ihm werden, wenn man ihn sich selbst überläßt? Dieser Sonderling!‹ dachte sie voll Angst und Unruhe.

»Wohlan denn, so lassen wir's beim alten«, sagte sie, »so will ich's schon weiter verwalten, solange meine Kräfte reichen. Denn dein Vormund wird's mit dem andern Gut doch noch so weit bringen, daß du unter Vormundschaft kommst. Wovon sollst du dann leben, du sonderbarer Mensch?«

»Ich bekomme von dem anderen Gut Geld geschickt – zweitausend Silberrubel, das genügt mir. Und dann werde ich auch arbeiten: werde zeichnen, malen, schriftstellern. Jetzt möchte ich ins Ausland reisen. Zu diesem Zwecke verpfände oder verkaufe ich das andere Gut ...«

»Gott sei dir gnädig, Borjuschka! Das ist der sicherste Weg, um an den Bettelstab zu kommen! Zeichnen, malen, das Gut verkaufen! Du wirst doch nicht etwa Stunden geben, die kleinen Jungen unterrichten? Ach, du! Hast den Offiziersrock ausgezogen, läufst im einfachen Kittel herum! Statt vierspännig in der Kalesche vorzufahren, kommst du in einer elenden Fuhre, ohne Diener, womöglich zu Fuß! Und du willst ein Raiskij sein? Guck einmal in das alte Haus, wo deine Ahnen an den Wänden hängen, und schäme dich vor ihnen! Wirklich eine Schmach ist's, Borjuschka! Wie ganz anders wär's doch, wenn du mit stolzen Epauletts angekommen wärst, wie seinerzeit Onkel Sergej Iwanowitsch! Dreitausend Seelen hättest du als Mitgift bekommen!«

Raiskij lachte hell auf.

»Warum lachst du? Was ich sage, ist doch sehr vernünftig. Wie würde sich deine alte Tante freuen! Dann würdest du die Spitzen und das Silberzeug nicht verschenken: würdest sie selbst brauchen können.«

»Und wenn ich nun nicht heirate und die Spitzen nicht brauche, dann darf ich sie doch an Werotschka und Marfinka verschenken, nicht wahr? Ja oder nein?«

»Du fängst schon wieder damit an!« versetzte die Großtante.

»Ja, und wenn Sie dagegen sind, verschenk ich sie an Fremde; das ist jetzt abgemacht, darauf gebe ich Ihnen mein Wort ...«

»Hört doch – sogar sein Wort gibt er darauf!« sagte die Großtante unruhig, immer noch in ihren Entschließungen schwankend. »Sein Eigentum wegzugeben! Ein Sonderling, ein ganz merkwürdiger Mensch! An dir scheint wirklich Hopfen und Malz verloren! Was hast du eigentlich getrieben in all den Jahren? Wie hast du gelebt? Wer bist du eigentlich, um Gottes willen? Alle anderen sind Menschen – und du? Jetzt hat er sich gar noch einen Vollbart stehenlassen! Mach, daß er herunterkommt, ich kann dich so nicht sehen!«

»Wer ich bin, Tantchen?« wiederholte er laut. »Ich bin der unglücklichste aller Sterblichen!«

Er versank in Nachdenken und lehnte den Kopf gegen das Sofakissen zurück.

»Sag das niemals!« unterbrach ihn die Großtante ängstlich. »Das Schicksal könnte es hören und dich strafen: du könntest wirklich unglücklich werden! Sei stets zufrieden, oder stell dich wenigstens so!«

Sie sah sich ängstlich um, als stände das Schicksal hinter ihrem Rücken.

»Unglücklich!« wiederholte sie. »Und worin besteht denn dein Unglück? Du bist gesund, bist begabt, hast dein eigenes Besitztum – da, sieh nur hinaus, Gott sei Dank!« – sie wies mit dem Kopf durchs Fenster. »Was fehlt dir eigentlich noch, willst du erst eins mit dem Knüppel übern Schädel haben?«

Marfinka lachte, und Raiskij lachte mit ihr.

»Was soll das heißen: mit dem Knüppel?«

»Das heißt, daß der Mensch sein Glück nicht fühlt, bis er den Knüppel zu spüren bekommt«, sagte sie und sah ihn scharf durch die Brille an. »Er muß ordentlich eins über den Schädel kriegen, dann weiß er, daß er im Glück ist und daß das bescheidenste Glück immer noch besser ist als solch ein Hieb über den Schädel.«

›Praktische Bauernweisheit‹, dachte Raiskij im stillen.

»Sie haben recht, Tantchen, so mag's im Leben sein!« sagte er. »Sie sind eine Philosophin.«

»Nun, siehst du – und du bist klug und gelehrt und hast das nicht gewußt!«

»Wollen wir uns also wieder vertragen?« sagte er und stand vom Sofa auf. »Sie übernehmen wieder dieses Fleckchen hier.«

»Das ist kein Fleckchen, sondern ein Gut, dein Stammgut!« unterbrach sie ihn fast heftig.

»Sie willigen ein, daß all der alte Kram und Plunder diesen lieben kleinen Mädchen gehören soll ... Ich bin ein Proletarier, ich brauche nichts, und sie werden einmal ihr eigenes Haus haben. Wenn Sie Ihre Zustimmung nicht geben, mache ich eine Stiftung zum Besten unserer Schulen.«

»Was? Den Schuljungen willst du es geben? Niemals! Diese frechen Bengel sollen es bekommen? Wieviel Äpfel haben die uns schon aus dem Garten gestohlen!«

»Greifen Sie rasch zu, Tantchen! Sie werden doch auf die alten Tage dieses Nest nicht verlassen?«

»Alter Kram! Plunder! Allein für zehntausend Rubel Silberzeug, Wäsche und Kristall – und das nennt er Plunder!« knurrte die Großtante.

»Tantchen«, bat nun Marfinka, »ich möchte den Blumengarten und mein grünes Zimmer, und dann noch diese sächsischen Tassen mit dem Hirtenknaben, und das Tischzeug mit der Diana.«

»Wirst du wohl schweigen, unverschämtes Ding! Man wird noch sagen, wir sind Bettelweiber, haben eine arme Waise ausgeplündert!«

»Wer wird das sagen?« fragte Raiskij.

»Alle werden es sagen! Vor allem Nil Andrejitsch – der wird uns schön den Kopf waschen!«

»Was für ein Nil Andrejitsch?«

»Na, der Gerichtspräsident! Weißt du noch, wie wir ihn damals, als du das letztemal hier warst, besuchten und nicht antrafen? Und nachher war er aufs Land gefahren, du hast ihn überhaupt nicht kennengelernt. Jetzt mußt du ihn aber unbedingt besuchen. Alle Welt achtet ihn und fürchtet sich vor ihm, obschon er bereits verabschiedet ist.«

»Der Teufel soll ihn holen! Was geht er mich an?« sagte Raiskij.

»Ach, Boris, Boris – wie kannst du nur so reden!« sprach die Großtante fast andächtig. »Ein so geachteter Mann ...«

»Warum ist er denn so geachtet?«

»Er ist ein so ehrwürdiger, ernster Greis, und er hat einen Stern!«

Raiskij mußte lachen.

»Warum lachst du?«

»Was verstehen Sie unter ›ernst‹?« fragte er.

»Er spricht so verständig, so lebensklug, er singt nicht: ti ti ti oder ta ta ta. Und so streng ist er: alles Unrecht verurteilt er! Das nenne ich ernst.«

»Alle diese ernsten Leute sind entweder große Esel oder Heuchler«, versetzte Raiskij. »Lebensklug soll er sein – war er denn selbst so klug im Leben?«

»Und ob! Ein Vermögen hat er erworben, ist etwas geworden, ein Mensch ...«

»Manch einer denkt bei uns, er sei ein Mensch geworden, und in Wirklichkeit ist er nur ein Schwein geworden.«

Marfinka lachte laut auf.

»Ich liebe das nicht, ich liebe das nicht, wenn du so keck von jemandem redest!« versetzte die Großtante ärgerlich. »Was bist du denn geworden – sag mal, mein Lieber! Nicht Fisch noch Fleisch bist du! Und Nil Andrejitsch ist doch ein Mensch, den alle Welt respektiert, was man auch sagen mag! Wenn er hört, daß du mit deinem Eigentum so leichtsinnig umgehst, wird er dich schön abkanzeln! Und auch mir wird er gehörig den Kopf waschen, wenn ich zu deinen Einfällen ja sage; du bist doch eine Waise ...«

»Sagten Sie mir nicht einmal, er hätte seine Nichte betrogen und die Staatskasse bestohlen? Und der wird mich abkanzeln?«

»Schweig davon, schweig!« fiel ihm die Großtante ängstlich ins Wort. »Denk an das Sprichwort: ›Meine Zunge ist mein Feind, sie wurde vor meinem Verstand geboren‹!«

»Bin ich ein kleiner Junge, daß ich mein Eigentum nicht geben darf, wem ich will? Und nun gar meinen Verwandten? Ich selbst brauch es nicht«, fuhr er fort, »folglich ist es doch nur recht und verständig, wenn ich es anderen gebe, die es besser brauchen können!«

»Und wenn du heiratest?«

»Ich heirate nicht!«

»Wie kannst du das wissen? Wenn du die Richtige triffst ... Hier ist zum Beispiel ein reiches Mädchen ... ich schrieb dir davon.«

»Ich brauche keinen Reichtum!«

»Er braucht keinen Reichtum, was für ein Unsinn! Aber eine Frau brauchst du doch?«

»Auch eine Frau brauche ich nicht.«

»Wieso denn nicht? Wie willst du denn leben – so, ohne Frau?« fragte sie ungläubig.

Er lachte, erwiderte jedoch nichts auf ihre Frage.

»Es ist höchste Zeit, Boris Pawlowitsch«, sagte sie. »Da, an den Schläfen, schimmert es schon ziemlich stark! Willst du, daß ich dir eine Braut verschaffe? Ein hübsches Mädchen, und so wohl erzogen!«

»Ich will sie aber nicht, Tantchen!«

»Ich scherze nicht«, versetzte sie. »Die Sache geht mir schon lange im Kopf herum.«

»Auch ich scherze nicht – es ist mir nie in den Sinn gekommen, zu heiraten.«

»Du mußt sie wenigstens kennenlernen.«

»Auch das mag ich nicht.«

»Heiraten Sie doch, lieber Vetter!« warf Marfinka ein. »Ich würde Ihre Kinder warten ... ich habe Kinder so gern!«

»Und du, Marfinka, willst du nicht heiraten?«

Sie errötete.

»Sag mir die Wahrheit – ins Ohr sag sie mir!« flüsterte er.

»Ja ... manchmal denk ich daran.«

»Manchmal? Wann ist denn das?«

»Wenn ich Kinder sehe; ich liebe sie so ...«

Raiskij lachte, nahm ihre beiden Hände und sah ihr gerade in die Augen. Sie wurde rot und wandte sich bald nach der einen, bald nach der anderen Seite, um seinem Blick nicht zu begegnen.

»Ja, hör nur auf sie, sie wird dir schon was vorschwatzen!« bemerkte die Großtante, die auf das Geplauder der beiden lauschte, während sie ihre Hefte und das Rechenbrett wegräumte. »Das reine Kind: was sie im Sinne hat, muß auch gleich auf die Zunge!«

»Ich habe Kinder sehr lieb«, begann Marfinka, ein wenig verwirrt, sich zu verteidigen. »Ich beneide Nadjeshda Nikitischna, sie hat sieben Stück! Wohin man sich wendet, überall Kinder. Ist das eine Lust! Ich möchte recht viel solche Brüderchen und Schwesterchen haben, oder wenigstens fremde Kinder. Dann würde ich meine Vögel, meine Blumen, meine Musik – alles würde ich lassen und mich nur um die kleinen Kerlchen kümmern. Der eine tobt herum – der muß in die Ecke gestellt werden! Der will sein Süppchen, jener schreit, noch einer prügelt sich mit den anderen; heute muß einer geimpft werden, morgen müssen seinem Schwesterchen die Ohren durchstochen werden, und dort ist ein ganz Kleines, das erst gehen lernen soll ... Kann's etwas Lustigeres geben? Kinder sind so lieb, so graziös von Natur, so drollig, so reizend und gut.«

»Es gibt doch auch häßliche Kinder«, sagte Raiskij, »hast du auch die lieb?«

»Kranke Kinder gibt's wohl«, sagte Marfinka ernst, »aber häßliche Kinder gibt es nicht! Ein Kind kann nicht häßlich sein, es ist noch nicht verdorben.«

Alles das sagte sie mit so viel Eifer, fast leidenschaftlich, und ihre wohlgebildete, volle Brust wogte dabei unter dem Musselin.

»Das Ideal einer Gattin und Mutter! Marfinka, liebes Kusinchen! Wie glücklich wird dein Mann einmal sein!«

Sie setzte sich verschämt in eine Ecke.

»Immer muß sie mit Kindern zusammen sein – nicht wegzubringen ist sie, wenn sie einmal hier sind«, bemerkte die Großtante. »Das ist dann ein Lärm, ein Spektakel, daß man Reißaus nehmen muß!«

»Hast du denn auch schon auf jemanden ein Auge?« fuhr Raiskij fort. »Hast du schon einen Bräutigam?«

»Was fällt dir ein, mein Lieber? Was redest du da? Wie kann sie ohne meine Erlaubnis ans Heiraten denken?«

»Was – nicht einmal daran denken darf sie, ohne daß Sie es erlauben?«

»Natürlich nicht!«

»Aber das ist doch ihre Sache!«

»Nein, nein, nicht ihre Sache ist es, sondern Sache der Tante«, versetzte Tatjana Markowna. »Solange ich am Leben bin, bedarf sie meiner Erlaubnis.«

»Aber warum denn das?«

»Was?«

»Nun, diese Abhängigkeit – daß Marfinka nicht einmal jemanden liebgewinnen darf, ohne Sie zu fragen!«

»Wenn sie heiratet, darf sie ihren Mann liebhaben.«

»Wie denn? Heiraten – und dann liebgewinnen? Umgekehrt, wollten Sie sagen: erst liebgewinnen, dann heiraten!«

»So! So! Das mag bei euch dort so sein«, sagte die Großtante geringschätzig. »Wir sehen uns hier den Mann erst an, prüfen ihn gehörig, essen erst einen Scheffel Salz mit ihm – dann bekommt er das Mädchen!«

»Die Mädchen dürfen also hier bei Ihnen noch immer nicht selbst heiraten, sondern werden verheiratet! Ach, Tantchen, hat denn das Sinn?«

»Bring ihr nur deine Ideen nicht bei, Borjuschka, wenn ich dich bitten darf! Deine verstorbene Mutter hat auch so gedacht ... und ist vorzeitig ins Grab gestiegen!«

Sie seufzte und versank in Nachsinnen.

›Nein, das muß alles anders werden!‹ dachte Raiskij für sich. ›Nicht einmal in der Liebe geben sie Freiheit! Welche Rückständigkeit! Und dabei sind es doch gute, liebe Menschen! Aber wieviel Nebel, wieviel Finsternis ist noch in ihren Köpfen!‹ – Und dann wandte er sich an Marfinka und sagte: »Ich werde dich schon aufklären, Kusinchen! Sehen Sie doch, Tantchen«, fuhr er, zu Tatjana Markowna gewandt, fort, »dieses Häuschen hier, mit allem, was drum und dran ist, scheint wie für Marfinka eingerichtet! Nur für die Kinder wären noch Räume zu beschaffen. Hab keine Angst vor der Tante, Marfinka, liebe du nur! Und Sie, Tantchen, wollen ihr verbieten, das hier als Geschenk anzunehmen!«

»Nun, schon gut, schon gut – wir werden ja sehen!« sagte die Großtante. »Wenn du selbst nicht heiratest, dann kannst du ja tun, was du willst, gib ihr meinetwegen auch die Spitzen als Hochzeitsgeschenk. Nur, daß niemand etwas davon erfährt, am wenigsten Nil Andrejitsch ... In aller Stille ...«

»Wie denn? Eine anständige, vernünftige Handlung darf hier nur in aller Stille vor sich gehen? Wie lange sollen wir denn noch so leben wie die Eulen, uns vor dem Tageslicht fürchten und auf die Eulenweisheit eines Nil Andrejewitsch hören ...?«

»Pst! Pst! Pst!« machte die Großtante. »Wenn er das hören würde! Er ist doch ein alter, wohlverdienter und vor allem so ernster Mann! Wir beide kommen nicht zusammen, seh ich – sprich dich mit Tit Nikonytsch aus! Er wird heute bei uns zu Mittag essen«, fügte Tatjana Markowna hinzu. Im stillen aber dachte sie: ›Wirklich ein Sonderling, ein ganz merkwürdiger Mensch! Vor nichts hat er Respekt, kein Mensch imponiert ihm! Sein Gut verschenkt er, ernsthafte Leute nennt er Dummköpfe und sich selbst einen Unglücklichen! Ich bin neugierig, wie das weiter wird!‹

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