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Die Schlucht. Zweiter Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Zweiter Teil - Kapitel 23
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Zweiter Teil
booktitleDie Schlucht. Band 1
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid8c69add1
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XXII

Tags darauf war Raiskij in einer sehr heiteren Stimmung; er fühlte sich frei von jeder zornigen Anwandlung, jeder Absicht, in Wera irgendwelche besonderen »Gefühle« zu erregen, ja, er konnte nicht einmal an sich selbst die Spur einer keimenden Liebe entdecken.

›Ein Sinnenreiz, nichts weiter – wie es immer bei mir zu sein pflegt! Jetzt ist es glücklich vorüber‹, dachte er.

Er lachte darüber, daß er sich so hatte hinreißen lassen. Es fehlte wirklich nicht mehr viel daran, daß er einer ernsthaften Leidenschaft verfallen wäre. Er machte sich Vorwürfe darüber, daß er Wera so hartnäckig verfolgt habe, und schämte sich, daß selbst ein Unbeteiligter wie Mark die Wolke des Unmuts auf seinem Gesicht und die nervöse Gereiztheit seiner Worte und Gesten bemerkt hatte, die so unverhüllt zutage trat, daß jener daraus seine Schlüsse auf eine keimende Leidenschaft hatte ziehen können.

›Er würde sehr enttäuscht sein, wenn er mich nun sähe‹, dachte er, ›und er wird seine Rechnung ohne den Wirt machen, wenn er schon jetzt auf die erhofften dreihundert Rubel hin sich in Schulden stürzt!‹

Gar zu gern hätte er Wera wieder so allein, unter vier Augen getroffen, nur um ihr großmütig zu gestehen, wie töricht er doch gewesen und wie sehr er gegen seine eigenen Prinzipien gesündigt habe. Dieses Geständnis, so hoffte er, würde den ersten ungünstigen Eindruck verwischen, würde ihm die Rechte eines Freundes geben, ihren stolzen Sinn bezwingen und ihn ihres Vertrauens würdig machen.

Zugleich aber fühlte er den unwiderstehlichen Drang, ihr jetzt, sofort, irgendein schweres Opfer zu bringen, ihr unentbehrlich zu werden, den Beichtvater zu spielen, dem sie alle ihre Gedanken und Wünsche, alle Regungen ihres Gewissens anvertraute, ihr seine ganze Seelen- und Geistesstärke zu offenbaren.

Über alledem vergaß er nur das eine, daß sie ihn gebeten hatte, nichts Derartiges zu tun, ihr gar keine Dienste zu erweisen, und daß sie überhaupt nichts von ihm verlangte. Er war fest davon überzeugt, daß, wenn sie ihn erst näher kennenlernte, sie ihn selbst zu ihrem Mentor, nicht nur in Dingen des Verstandes und Gewissens, sondern auch des Herzens erwählen würde.

Am zweiten und dritten Tage gab er sich ganz dem neuen, nicht eben aufregenden, aber doch ihn ganz beanspruchenden Gefühl hin, das die Aussicht auf die Freundschaft und schwesterliche Zuneigung der neuentdeckten Wera und der ganze faszinierende Reiz ihrer Erscheinung schon jetzt in ihm hervorrief.

Die Freundschaft einer Frau – es lag für ihn so viel Neues, Frisches, noch Undurchkostetes in diesem Begriff. Er war entschlossen, diesen »Namenstagskuchen«, wie er selbst sich ausgedrückt hatte, zu verspeisen, trotz ihrer Schönheit, trotz aller verliebten Sentimentalität und aller sinnlichen Gefühle, welche diese Schönheit in ihm auslöste.

Das war eine frische, verständige, erquickende Empfindung; ja, bei einer solchen gegenseitigen Annäherung konnten weder sie noch er etwas verlieren, beide konnten dabei nur gewinnen, konnten sich gegenseitig studieren und ergänzen und aus einer solchen, von gegenseitigem Vertrauen und gegenseitiger Hochachtung getragenen Anhänglichkeit tausend köstliche, zarte Freuden schöpfen.

›Ganz vortrefflich hat sie das gemacht‹, dachte er, ›sie hat es verstanden, meine Eindrücke auf eine feste Basis zu stellen. Nur um ihr das alles zu sagen und sie zu beruhigen – nur darum möchte ich sie jetzt sehen und sprechen!‹

Er wagte jedoch nicht, einen Schritt zu tun, um ein solches Zusammentreffen herbeizuführen. Er blickte nicht mehr nach ihrem Fenster hinauf, trat, wenn sie an seinen Fenstern vorüberging, hinter den Pfeiler, reichte ihr, wenn sie zum Tee kam, mit demselben freundlichen Lächeln wie ihrer Schwester wortlos die Hand, wandte nicht einmal den Kopf nach ihr hin, wenn sie sogleich nach dem Tee ihren Sonnenschirm nahm und in den Park ging, und wußte den ganzen Tag nicht, wo sie steckte und was sie trieb.

Dennoch hatte er jene Ruhe, die Wera ihm auferlegt hatte, noch nicht ganz erlangt. Er hätte, um dies zu erreichen und sie ganz zu vergessen, ein paar Tage lang das Haus verlassen, irgendwo einen Besuch abstatten, eine Wolgapartie unternehmen oder auf die Jagd gehen müssen. Zu alledem hatte er jedoch keine Lust. Er saß den ganzen Tag zu Hause, um ihr nicht zu begegnen, hatte dabei jedoch das beruhigende Gefühl, zu wissen, daß auch sie zu Hause weilte. Dieses Gefühl mußte er noch loswerden, mußte es so weit bringen, daß es ihm gleichgültig war, wo sie weilte.

Immerhin war auch das schon ein Fortschritt und ein kleiner Sieg, daß er sich innerlich ruhiger fühlte. Er war schon auf halbem Wege zu dem neuen Gefühl, und wenn auch die neue Wera ihn noch recht lebhaft beschäftigte, so war es doch eine sanftere, gleichmäßigere Empfindung, die seine Seele erfüllte, eine Empfindung, die mit der quälenden, böse Gedanken und Triebe weckenden Leidenschaft von früher nichts gemein hatte.

Wenn sie jetzt irgendeine gleichgültige Frage an ihn richtete, antwortete er ihr in harmlos freundschaftlichem Ton, sah sie dabei kaum an und setzte sogleich wieder seine Unterhaltung mit Marfinka oder der Großtante fort; oder er schwieg, zeichnete, machte Notizen für seinen Roman. ›Ist das nicht weit köstlicher als alle Leidenschaft?‹ ging's ihm durch den Kopf, ›dieses Vertrauen, diese stillen Beziehungen, dieses Hineinschauen – nicht in die Augen der Schönen, sondern in die Tiefe ihrer klugen, jungfräulich keuschen Seele!‹

Er erwartete nur eins von ihr: daß sie endlich ihre Zurückhaltung ablegen und sich ihm vertrauensvoll ganz so, wie sie war, offenbaren würde, daß auch sie seine Gegenwart vergessen und nicht mehr daran denken würde, wie sehr sie sich noch vor kurzem durch ihn beengt und bedrückt gefühlt hatte. Drei Tage lang malte er sich mit wahrhafter Begeisterung die Reize dieses neuen Gefühles aus, und die Großtante konnte sich vor Freude nicht lassen, wenn sie ihn während dieser Zeit ansah.

»Nun, endlich steht doch wieder die Sonne am Himmel!« sagte sie. »Nun können wir auch unsere Visiten in der Stadt machen.«

»Gott segne Sie, Tantchen, mir liegen ganz andere Dinge am Herzen!« sagte er freundlich.

»Nun, dann wollen wir aufs Feld hinausfahren und sehen, wie der Sommerroggen steht.«

»Nein, nein«, sprach er und küßte ihr sogar die Hand.

»Was schmeichelst du dich so an mich heran? Ich glaube, du hast es wieder auf die Kasse abgesehen, willst dem Markuschka wieder Geld geben? Das schlag dir aus dem Sinn!«

Er lachte nur und ging, um – seinen Gedanken an Wera nachzuhängen. Er hatte noch immer nicht Gelegenheit gefunden, sich mit ihr über das neue Gefühl, über all das Glück und die stille Freude, die es ihm bereitete, auszusprechen.

Wohl hätte er sie mehrmals unter vier Augen sprechen können, aber er hatte förmlich Angst, sich zu rühren, und wagte kaum zu atmen, wenn er sie sah, um nur ja das in ihrer Seele keimende Vertrauen in die Aufrichtigkeit seiner Gefühlsänderung nicht zu untergraben und sein neues Paradies nicht zu zerstören.

Am vierten oder fünften Tage nach der letzten Unterredung sollte er endlich mit ihr zusammentreffen. Er war bereits gegen fünf Uhr morgens aufgestanden. Die Sonne stand noch tief am Horizont, ein frischer Hauch durchwehte den Garten, die Blumen dufteten so köstlich, und das Gras blitzte von den tausend und aber tausend Tautropfen.

Er hatte sich rasch angekleidet und war in den Park gegangen. Zwei, drei Alleen hatte er durchschritten, als er plötzlich auf Wera stieß. Ein jäher Schreck durchfuhr ihn – so unerwartet war ihm die Begegnung.

»Es geschieht nicht absichtlich, bei Gott!« rief er fast ängstlich, und beide mußten lachen.

Sie pflückte eine Blume und warf sie nach ihm; dann reichte sie ihm freundlich die Hand, die er küßte, worauf sie ihn auf die Stirn küßte.

»Es ist nicht Absicht, wie gesagt«, versicherte er nochmals, »du glaubst mir doch, Wera?«

»Ja«, antwortete sie und mußte über die Angst, die sich in seinen Zügen malte, lächeln. »Sie sind so lieb und gut.«

»So großmütig«, soufflierte er ihr.

»Nun, bis zur Großmut ist's noch weit, die soll erst noch kommen«, sagte sie, während sie seinen Arm nahm. »Kommen Sie, wir wollen einen Spaziergang machen. Was für ein herrlicher Morgen! Es wird heute sehr warm werden.«

Er schwebte im siebenten Himmel.

»Ja, ja, ein wundervoller Morgen!« bestätigte er. Er dachte nach, was er noch weiter sagen sollte; er fürchtete, doch wieder ganz unvermutet auf ihre Person und ihre Schönheit zu kommen, und um das zu vermeiden, schwieg er lieber. Und doch, wie drängte es ihn, wieder seine Lieblingssaite erklingen zu lasssen!

»Ich habe gestern einen Brief aus Petersburg bekommen«, erzählte er, als er gar nichts weiter zu sagen wußte.

»Von wem?« fragte sie mechanisch.

»Von meinen Freunden, den Künstlern. Ajanow dagegen läßt nichts von sich hören. Ich habe gar keine Nachricht, wie es Kusine Belowodowa geht, wo sie den Sommer zubringt, was sie treibt.«

»Sie ist wohl ... sehr schön?« fragte Wera.

»Ja ... regelmäßige Gesichtszüge, frischer Teint, glänzende Erscheinung«, sagte er monoton und sah dabei Wera von der Seite an. Es durchzuckte ihn – die Schönheit der Belowodowa erlosch in seiner Erinnerung neben der ihrigen.

»Haben Sie nicht noch etwas anderes bekommen?« fragte sie. »Ich glaube, Sawelij hat ein Paket für Sie mitgebracht.«

»Ja, ich habe neue Bücher aus Petersburg bekommen ... Macaulay und einen Band von Guizots Memoiren.«

Sie hörte schweigend zu.

»Willst du sie lesen?«

»Schicken Sie mir gelegentlich den Macaulay.«

›Schicken Sie‹, dachte er, ›warum nicht: bringen Sie?‹

Sie gingen schweigend weiter.

»Und Guizot?« fragte er.

»Guizot mag ich nicht, er ist langweilig.«

»Woher weißt du das?«

»Ich habe seine ›Geschichte der Zivilisation‹ gelesen.«

»Und er schien dir langweilig? Woher hattest du denn das Buch?«

Sie antwortete nicht.

»Was für einen Paletot haben Sie denn da? Der gehört doch nicht Ihnen?« fragte sie dann plötzlich verwundert.

»Ach, der gehört dem Mark.«

»Wie kommen Sie dazu? Ist er hier im Hause?« fragte sie unruhig.

»Nein, nein«, antwortete er lachend. »Warum bist du denn so erschrocken? Alles fürchtet diesen Mark hier wie das Feuer.«

Er erzählte ihr, wie er zu dem Paletot gekommen, und sie hörte oberflächlich zu. Dann schritten sie schweigend auf den Parkwegen weiter – sie sah zu Boden, und er blickte zur Seite. Eine gewisse Ungeduld drückte sich in seinem Wesen aus. Er hätte gar zu gern eine Aussprache herbeigeführt.

»Es scheint, daß Sie irgend etwas auf dem Herzen haben und sich nicht zu reden getrauen«, sagte sie.

»Ich möchte schon reden, aber ich fürchte, daß sich wieder ein Gewitter über mich entlädt.«

»Handelt es sich wieder um Schönheit und ähnliche Dinge?«

»Nein, nein, im Gegenteil! Ich wollte Ihnen sagen, wie peinlich mir selbst diese törichte Neigung ist, immer einen Gegenstand der Verehrung, der Anbetung zu haben. Ich muß mich ja schämen – bei meinen grauen Haaren!«

»Empfinden Sie das wirklich?«

»Kannst du noch daran zweifeln? Es war auch nur ein Auflodern, eine vorübergehende Aufwallung – du hast mich zur Vernunft gebracht. Du bist in der Tat ... doch davon später. Jetzt möchte ich dir nur sagen, was ich für dich empfinde – und diesmal glaube ich mich wirklich nicht zu irren. Du hast mir da eine ganz besondere Tür zu deinem Herzen geöffnet, und ich sehe in deiner Freundschaft eine reiche Quelle von Glück. Sie kann meinem farblosen Leben eine solche Fülle von feinen, zarten Tönen verleihen ... Ich halte es sogar für möglich, daß ich an etwas, das es nicht gibt, und woran kein Mensch mehr glaubt, an die Freundschaft zwischen Mann und Frau, zu glauben beginne. Hältst du eine solche Freundschaft für möglich, Wera?«

»Warum nicht? Wenn zwei solche Freunde sich nur dazu entschließen können, gegeneinander gerecht zu sein.«

»Wie meinst du das?«

»Wenn sie gegenseitig ihre Freiheit achten, einander keinen Zwang anzutun suchen. Freilich wird sich das, wie ich glaube, nur selten verwirklichen lassen. Auf der einen oder anderen Seite wird doch einmal die Selbstsucht zutage treten, der eine oder andere Teil wird seine Krallen zeigen. Glauben Sie, das Zeug zu einer solchen Freundschaft zu haben?«

»Versuch's – und du wirst sehen, was für einen treuergebenen Sklaven du in deinem Freunde haben wirst.«

»In der Freundschaft darf es keinen Sklaven geben, sowenig wie einen Herrn. Freundschaft kann sich nur auf Gleichheit, auf Gerechtigkeit aufbauen.«

»Bravo, Wera! Woher kommt dir nur diese Weisheit?«

»Was für ein lächerliches Wort!«

»Nun, also dieser Takt?«

»Der Geist Gottes weht nicht nur über den finnischen Sümpfen: auch hier in unserem weltverlorenen Winkel haben wir seinen Hauch verspürt.«

»Es wäre also jetzt meine Aufgabe, deine Schönheit nicht zu bemerken und dafür eifrigst um deine Freundschaft zu werben?« sagte er lachend. »Wohlan denn, ich bin einverstanden und will mir alle Mühe geben.«

»Ja, soviel oder sowenig Glück sich auch dabei ergeben mag«, sagte sie in einschmeichelndem Ton. »Den Willen des anderen nicht unterdrücken, ihn nicht ausspähen und ausforschen, nicht fragen, was in seiner Seele vorgeht, warum er froh oder traurig ist, was ihn melancholisch stimmt; immer gleichmäßig gut gegen ihn sein, seine Ruhe nicht stören, selbst seine Geheimnisse respektieren.«

›Jetzt diktiert sie mir das Programm meines zukünftigen Verhaltens gegen sie‹, dachte er.

»Nicht voneinander hören oder sehen, einander nicht kennen«, fügte er dann laut hinzu, »das ist ja eine neue, ganz unerhörte Art von Freundschaft! Die gibt es sonst nicht, Wera, die hast du dir ausgedacht!«

Er sah sie an, und sie erwiderte seinen Blick mit einem seltsamen Ausdruck der Augen. ›Ein Nixenblick!‹ dachte er im stillen; es lag etwas Gläsernes, Leeres in diesem Blick, ein flüchtiges Leuchten, das in den Augen aufblitzte und jäh erlosch.

›Wie seltsam!‹ sagte sich Raiskij, ›ich kenne ihn, diesen durchsichtigen, leeren Blick. So blicken die Frauen, wenn sie betrügen! Sie will mich einschläfern. Was hat das zu bedeuten? Sollte sie wirklich schon jemanden lieben? Sie redet immer von ihrer Freiheit ... davon, daß ich ihren Willen nicht unterdrücken soll. Doch nein, es kann nicht sein ... wer käme denn hier in Frage?‹

»Worüber denken Sie nach?« fragte sie.

»Über nichts, über nichts. Sprich nur weiter, bitte!«

»Ich bin zu Ende.«

»Gut, Wera, ich will ehrlich an mir arbeiten, und wenn es mir nicht gelingen sollte, mich so weit zu beherrschen, daß ich deine Anwesenheit im Hause ganz vergesse, so will ich mich doch zu verstellen wissen.«

»Wozu sich verstellen? Sie brauchen nur ganz ehrlich, nicht nur hier vor mir in Worten, sondern wirklich und aufrichtig in Ihrer Seele, auf mich zu verzichten.«

»Du bist unbarmherzig!«

»Halten Sie sich nur immer gegenwärtig, daß meine Ruhe, meine Muße, mein Zimmer, meine ... Schönheit und Liebe, soweit jetzt oder in Zukunft von ihnen die Rede ist ... daß alles dies mein eigen ist, und daß, wer das eine oder andere davon antastet, nichts anderes begeht als ...«

Sie hielt einen Augenblick inne.

»Als?«

»Als einen Angriff auf fremdes Eigentum, auf die Persönlichkeit.«

»Oh, oh, oh – also mit anderen Worten: einen Diebstahl, eine Vergewaltigung! Sehr gut gesagt, Wera! Wie kommst du zu diesen subtilen juristischen Begriffen? Nun – und die Freundschaft würdest du nicht unter einem so strengen Gesichtspunkt betrachten? Die könnte ich dann wohl als mein Eigentum betrachten? Wohl, ich will mir Mühe geben! Laß mir eine Frist von zwei Wochen, das soll meine Probezeit sein. Bestehe ich sie, so kehre ich als dein Bruder, dein Freund zu dir zurück; wir wollen dann unsere Beziehungen ganz nach deinem Programm einrichten. Andernfalls ... wenn wirklich etwas wie Liebe im Spiel sein sollte ... reise ich ab!«

Wieder erschien jenes flüchtige Leuchten in ihren Augen. Er blickte zu ihr hin, doch es war zu spät, sie hatte die Augen bereits zu Boden geschlagen, und als sie wieder aufsah, blickten sie leer und ohne Ausdruck.

»Ein Wetterleuchten in der Nacht!« flüsterte er halblaut für sich.

»Abgemacht also!« sagte sie und reichte ihm die Hand. »Kommen Sie, wir wollen jetzt mit Tantchen Tee trinken, sie hat eben das Fenster geöffnet und wird uns gleich rufen.«

»Noch ein Wort, Wera. Sag einmal, wie bist du eigentlich so geworden?«

»Wie denn?«

»Nun – so ... weise, selbstsicher, so resolut?«

»Was denn noch alles?« sagte sie, während ein Lächeln um ihr zitterndes Kinn glitt. »Was verstehen Sie unter Weisheit?«

»Weisheit ... ist der Inbegriff all der Wahrheiten, die wir mit Hilfe des Verstandes, der Beobachtung und Erfahrung uns erstritten haben und auf die Praxis des Lebens anwenden«, definierte Raiskij, »mit anderen Worten: die Harmonie zwischen Idee und Leben.«

»Von Erfahrung ist bei mir so gut wie gar nicht die Rede«, sprach sie nachdenklich. »Ich wüßte wirklich nicht, woher ich solche Wahrheiten und Ideen hätte nehmen sollen.«

»Nun, dann ist es bei dir eben der natürliche Scharfblick, der klar denkende Verstand.«

»Darf denn ein junges Mädchen solche Eigenschaften überhaupt besitzen? Oder ziemt ihm ein solcher Besitz nicht?«

»Wie kommst du zu allen diesen gesunden, freien Gedanken, zu dieser fließenden Sprache?« fragte Raiskij, sie immer wieder voll Staunen anschauend.

»Sie wundern sich, daß auch einmal solch ein armes Ding wie ich mit einem Tropfen ›Weisheit‹ gesalbt ist? Sie ärgern sich darüber? Sie möchten lieber ein albernes Gänschen an meiner Stelle sehen?«

»O nein – ich bin im Gegenteil entzückt von dem ›armen Ding‹! Du bist unwillig darüber, daß ich so viel von Schönheit rede, und verbietest mir, es weiterhin zu tun. Wohlan denn – soll ich dir sagen, was ich unter Schönheit verstehe und warum ich sie so hoch schätze? Schönheit ist das Ziel und die Triebkraft der Kunst, und ich bin ein Künstler. Laß es mich ein für allemal aussprechen.«

»Sprechen Sie«, sagte sie.

»In der hehren, reinen Schönheit der Frau«, begann er, voll Leidenschaft und Freude darüber, daß sie ihm endlich die Zunge löste, »in deiner Schönheit zum Beispiel liegt unbedingt auch Geist. Schönheit, die mit Dummheit gepaart ist, ist keine Schönheit. Betrachtet man eine geistlose Schöne, vertieft man sich in jeden Einzelzug ihres Gesichts, in ihr Lächeln, ihren Blick, dann kann man beobachten, wie sich allmählich ihre vermeintliche Schönheit in Häßlichkeit verwandelt. Wohl kann die Einbildungskraft für einen Augenblick mit fortgerissen werden, aber Verstand und Gefühl finden an solch einer Schönheit kein Genügen: ihr Platz ist im Harem. Schönheit dagegen, die von Geist erfüllt ist, ist eine ungewöhnliche Kraft, eine Macht, die Welten bewegt, die Geschichte macht, die Schicksale gestaltet; sie bestätigt sich, insgeheim oder offen, bei jedem historischen Ereignis. Schönheit und Grazie sind eine besondere Verkörperung des Geistes. Daher kann eine dumme Frau nie zugleich schön sein, während eine Häßliche, die Geist besitzt, häufig in Schönheit erstrahlt. Die Schönheit, von der ich rede, ist nicht Materie, sie entflammt nicht die Glut leidenschaftlicher Wünsche, sondern weckt vor allem das Menschliche im Menschen, regt das Denken an, erhebt den Geist, befruchtet die schöpferische Kraft des Genies – vorausgesetzt, daß sie selbst sich auf der Höhe ihrer Würde zu halten weiß, daß sie ihr strahlendes Licht nicht an kleinliche Dinge verschwendet, nicht selbst ihr reines Kleid befleckt.«

Er hielt einen Augenblick inne und versank in stilles Sinnen.

»Alles das, was ich sage, ist natürlich nicht neu«, fuhr er dann fort, »aber die Wahrheit kann nicht oft genug wiederholt werden. Ja, Schönheit ist ein Gemeingut, ist Menschenglück«, sprach er leise, wie traumverloren. »Schönheit ist Weisheit, jedoch eine Weisheit, die nicht von Menschen stammt. Die Menschen können nur ihre Reflexe auffangen und ihr Bild in der Kunst festzuhalten suchen – sie drängen alle, alle, bald bewußt, bald instinktiv, der Schönheit, der Schönheit, der Schönheit zu! Sie ist hier – und sie ist dort!« sprach er mit einem Aufblick zum Himmel, »und wie der Mann den Geist, den Verstand erniedrigen und schänden, in Roheit, Lüge und Verderbtheit herabziehen kann, so kann die Frau die Schönheit entwerten und verunglimpfen, indem sie sie wie einen Modelappen zu eitlem Putz verwendet und abnutzt. Macht sie dagegen von ihrer Schönheit den rechten Gebrauch, dann kann sie zur Sonne, zur gnadenspendenden Göttin werden für den Kreis, in dem sie lebt, kann so viel Gutes wirken. Das ist die Weisheit des Weibes! Du wirst verstehen, Wera, was ich sagen will, du bist selbst ein Weib! Und ... wenn du nun deine Hand zu erheben vermagst, um einen Menschen, einen Künstler zu strafen, weil er die Schönheit des Weibes verehrt ...«

»Ihr Loblied auf die Schönheit ist sehr beredt, Cousin«, sagte Wera, ihm mit einem Lächeln ins Wort fallend. »Schreiben Sie das alles nieder und schicken Sie es der Belowodowa. Sie sagten einmal, ihre Schönheit habe etwas Unirdisches. Vielleicht birgt in ihrer Schönheit sich Weisheit – bei meiner Schönheit ist's nicht der Fall! Und wenn die Weisheit darin besteht, daß wir, wie Sie sagten, mit all diesen Wahrheiten und Grundsätzen an der Hand durchs Leben schreiten, dann ...«

»Was?«

»Dann bin ich kein weises Mädchen! Nein, nein, mit diesem Öl bin ich nicht gesalbt!« sagte sie lebhaft.

Ein leiser Schatten von Trauer huschte über ihre Augen, die sie einen Augenblick zum Himmel emporhob und dann rasch wieder senkte. Sie erschauerte und ging hastig davon, dem alten Hause zu.

›Ein wunderbares Mädchen – und ebenso wunderlich! Ein fremder Hauch hat sie offenbar angeweht, der nicht aus diesen Gauen stammt. Ob ich das Rätsel lösen werde? Sie ist undurchdringlich wie die Nacht! Sollte ihr junges Leben schon von finstren Schatten getrübt sein?‹ dachte Raiskij voll Angst, während er ihr mit den Augen folgte.

 

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