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Die Schlucht. Zweiter Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Zweiter Teil - Kapitel 18
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Zweiter Teil
booktitleDie Schlucht. Band 1
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid8c69add1
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XVII

Raiskij beschloß, Wera durch Gleichgültigkeit zu strafen, ihr nicht die geringste Aufmerksamkeit zu schenken. Statt dessen jedoch ging er drei Tage lang schmollend umher. Wenn er ihr begegnete, wechselte er höchstens zwei, drei Worte mit ihr, doch sprach aus diesen sein ganzer verhaltener Ärger.

Er verschloß sich in seinem Zimmer, arbeitete an dem Plan seines Romans und schrieb einige Bemerkungen »über die vergiftende Wirkung der Langeweile« nieder, die bereits für den Roman bestimmt waren. Er analysierte dieses Leiden, das ihn seit einiger Zeit wieder peinigte, indem er das Tatsachenmaterial aus seinem Innenleben hervorholte.

Er wollte abreisen, irgendwohin, wo es noch stiller, noch einsamer wäre, vielleicht nach Nowosselowo, dem Gut der Großtante, um dort in gänzlicher Abgeschiedenheit an dem Aufbau seines Romans, dem Netz all der mannigfachen Beziehungen und Handlungen, zu arbeiten, den beherrschenden Mittelpunkt für das geplante Gemälde zu finden, alle Zusammenhänge logisch einzuordnen und seine zukünftige Schöpfung von vornherein zum Rang eines Kunstwerkes zu erheben.

Hier war alles seiner Arbeit hinderlich. Eben hatte Marfinka im Garten ein Liedchen angestimmt: »Du mein herziger Schatz, o wie lieb ich dich treu!« sang sie mit ihrer reinen, wohltönenden Stimme, und nicht eine Spur von Liebe klang aus dieser Stimme, die durch die Stille des Gartens und Parkes schallte; dann hörte man, wie sie mitten im Gesang innehielt und Matrjona zurief, sie solle Kopfsalat zum Mittagessen schneiden, und wieder nach einer Weile hörte man ihr helles Lachen schon irgendwo aus einer Gruppe von Bauernkindern.

Ein paar Bauernfuhren, mit Hafer oder Mehl beladen, kamen auf den Hof gefahren; die Räder knarrten, das Hofgesinde lief schwatzend hin und her, Türen wurden geschlagen – kurz, alles störte und hinderte ihn.

Weiter hinaus sah er aus dem Fenster den goldig schimmernden Hain, die weißen Buchweizenfelder, die blühenden Mohnbeete und Kleeschläge, die das Bild der Landschaft so mannigfach bunt färben und Augen und Sinn von den Heften abziehen.

Lange kämpfte Raiskij mit sich selbst, um nicht nach Weras Fenster zu sehen, endlich aber hielt er's nicht mehr aus und schielte wenigstens heimlich hinüber. Es war ganz still dort, sie selbst war unsichtbar, nur der lila Vorhang wurde leicht vom Winde bewegt.

Gestern hatte sie den ganzen Abend im Kabinett Tatjana Markownas zugebracht. Alle, auch Marfinka und Tit Nikonytsch, waren da zusammengewesen. Marfinka hatte eine Handarbeit vor, goß den Tee ein und spielte später Klavier. Wera schwieg; wurde sie nach etwas gefragt, so antwortete sie, ergriff jedoch niemals selbst das Wort.

Sie trank keinen Tee, stocherte beim Abendbrot nur in zwei, drei Tellern mit der Gabel herum, nahm ein paar Bissen in den Mund, aß einen Löffel Kompott und ging sogleich nach dem Abendbrot, um sich schlafen zu legen.

Je weniger Raiskij sie beachtete, desto freundlicher war sie gegen ihn; doch küßte sie ihn nie, obschon die Großtante darauf bestand, und wollte ihn, dem Befehl der Tante zum Trotz, nicht duzen, wiewohl er selbst längst zum traulichen »Du« übergegangen war. Sowie er sie jedoch groß ansah und auszufragen begann, wurde sie mißtrauisch und vorsichtig und verschloß sich vor ihm gleichsam in sich selbst.

Raiskij ärgerte sich darüber, daß ihr Bild sich immer und immer wieder in seinen Vorstellungskreis drängte. Wenn sie schon sein Erscheinen kaum zu bemerken schien, so suchte er sich erst recht in den Mantel der Unnahbarkeit und Gleichgültigkeit zu hüllen und zu vergessen, daß sie mit ihm unter einem Dache lebte. Und zwar tat er das nicht bloß zum Schein, um sich vor ihr aufzuspielen, sondern in dem ernsthaften Bestreben, seine Beziehungen zu ihr auf einen rein äußerlichen Fuß zu stellen.

Aber je mehr er sich Mühe gab, diesem Ziel näherzukommen, desto lebhafter regte sich zu seinem Ärger in ihm der Drang, jeden ihrer Schritte, jede Bewegung, jedes Wort in kleinlicher und zudringlicher Weise zu überwachen. Zuweilen gelang es ihm, sich für ein Weilchen zu beherrschen, aber schon bohrte die Neugier wieder in ihm, er mußte einen raschen, verstohlenen Blick nach ihr werfen – und alles war vorüber. Und dann vermochte er schon gar nicht mehr, die Augen von ihr abzuwenden.

Alles schien ihm wie umgewandelt, sobald sie ins Zimmer trat: als wenn ein anderes Licht auf alle Gegenstände fiele; der schlichteste Raum wurde durch ihren Eintritt für ihn zum Tempel, und sie selbst stand, ob sie sich gleich in den äußersten Winkel flüchtete, stets im Vordergrunde, wie auf einem Piedestal, wie von magischen Flammen oder von silbernem Mondschein beleuchtet.

Kam sie, während er bei herabgelassenem Vorhang in seine Arbeit vertieft war, auf dem Gartenpfade daher, dann hätte er, ohne den Kopf zu heben, ruhig weiterarbeiten sollen; statt dessen lüftete er, in dem krampfhaften Bemühen, nur ja nicht zu verraten, daß er ihr Kommen bemerkt habe, ganz behutsam, wie ein verliebter Narr, einen Zipfel des Vorhangs, beobachtete, wie sie ging, was für eine Miene sie machte, worauf ihr Blick sich richtete, und suchte ihre Gedanken zu erraten. Natürlich bemerkte sie, daß der Zipfel gehoben wurde, und erriet auch, weshalb es geschah.

Ging er selbst über den Hof oder durch den Garten, dann begann er, statt geradeaus zu gehen und sich nicht lange umzusehen, auf seltsame Art zu manövrieren, guckte erst nach der von ihren Fenstern abgewandten Richtung und hob dann plötzlich den Blick zu ihnen empor, um natürlich ihrem Blick zu begegnen, dem, wie ein feines ironisches Lächeln ihn belehrte, seine Manöver nicht entgangen waren. Oder er fragte Marina aus, wo sie sei und was sie treibe, und hatte er sie aus den Augen verloren, so lief er umher und suchte sie überall wie eine Stecknadel, um dann, sobald er sie entdeckt hatte, wieder den Gleichgültigen zu spielen.

Zuweilen sprach er zwei Tage lang hintereinander mit Wera kein Wort, traf sie nicht ein einziges Mal – und wußte doch in jedem Augenblick ganz genau, wo sie war und was sie vorhatte. Er besaß von jeher eine scharfe Beobachtungsgabe, die, wenn es sich um einen Gegenstand handelte, der ihn interessierte, sich zur höchsten Feinheit und Eindringlichkeit steigern konnte, jetzt aber, bei der schweigsamen Überwachung Weras, schon fast die Stufe des Hellsehens erreichte.

Er vernahm ihre Stimme durch die Wände hindurch und konnte in jedem Augenblick, gleichsam instinktiv, voraussagen, was sie reden und wie sie handeln würde. Innerhalb weniger Tage hatte er ihre Gewohnheiten, ihren Geschmack, verschiedene ihrer kleinen Neigungen genau kennengelernt, freilich nur solche, die sich auf ihr äußerliches, häusliches Leben bezogen.

Ihr sittliches Ich dagegen blieb für ihn noch immer in Dunkel gehüllt.

In der Unterhaltung ließ sie sich nie von seiner glühenden Phantasie mit fortreißen, seine Scherze beantwortete sie nur mit einem leichten Lächeln, und wenn es ihm gelang, sie richtig zum Lachen zu bringen, dann konnte er wohl sehen, wie ihr Kinn zu zittern und zu zucken begann, doch verfiel sie alsbald wieder in gleichgültiges Schweigen oder stilles Sinnen, über dem sie seine Anwesenheit völlig zu vergessen schien. Weckte er sie daraus durch eine Frage oder eine Bewegung, dann fuhr sie wie aus tiefem Schlaf jäh empor.

Sie hatte es nicht gern, wenn jemand zu ihr in das alte Haus kam. Auch die Großtante ließ sie dort unbehelligt, und Marfinka, die ohnedies das alte Haus mied, wurde von ihr ohne weiteres fortgeschickt.

Kam Raiskij hinüber, so wartete sie, ob er nicht bald wieder gehen würde, und wenn er Miene machte, länger zu verweilen, so blieb sie aus Höflichkeit etwa zehn Minuten, um ihn dann allein zu lassen.

Jede persönliche Zuneigung schien ihr, so unnatürlich das bei einem jungen Mädchen auch sein mochte, gänzlich fremd zu sein. Diesen Eindruck wenigstens machte ihr Verhalten äußerlich, und in ihre Seele ließ sie niemanden schauen. Von der Großtante und Marfinka sprach sie stets in einem ruhigen, fast gleichgültigen Ton.

Eine regelmäßige Beschäftigung hatte sie nicht. Wenn sie las oder nähte, so tat sie es ganz beiläufig und sprach auch nicht viel von dem, was sie gelesen hatte. Auch Klavierspielen war nicht nach ihrem Sinn; ab und zu griff sie ein paar lose, unzusammenhängende Akkorde, denen sie dann eine ganze Weile lauschte; wenn Marfinka neue Noten bekam, suchte sie dies oder das heraus, sagte: »Spiel das einmal!« und dann: »Jetzt das ... und dann das ...« – hörte eine Weile zu, blickte starr zum Fenster hinaus und erwähnte das vorgespielte Stück nie wieder mit einer Silbe.

Es fiel Raiskij auf, daß die Großtante, die Marfinka jeden Augenblick mit Belehrungen und Warnungen aller Art bedachte, in dieser Hinsicht Wera gegenüber weit zurückhaltender war, einerseits in gewisser Rücksichtnahme, andererseits, weil sie nur wenig Hoffnung hatte, daß das ausgestreute Samenkorn viel Frucht tragen würde.

Es kam jedoch vor, daß Wera plötzlich von einem fieberhaften Tätigkeitsdrang ergriffen wurde; dann entwickelte sie eine erstaunliche Behendigkeit und eine Fülle von kleinen Geschicklichkeiten, die man ihr nicht zugetraut hätte. Es handelte sich dabei zumeist um Angelegenheiten der Wirtschaft oder der Toilette, die wohl zu unwichtig waren, um Raiskij, in der ersten Zeit wenigstens, besonders aufzufallen. So fertigte sie einmal aus einem Stück Mull in kaum anderthalb Stunden zwei Häubchen, eins für die Großtante, eins für die Krizkaja; sie bewies dabei einen überaus feinen Geschmack und eine große Gewandtheit. Fünf Minuten später dachte sie nicht mehr an die Häubchen und saß wieder untätig da.

Zuweilen glaubte sie in den Augen der Großtante einen Vorwurf zu lesen – dann gab sie sich mit ganz besonderem Eifer diesem Tätigkeitsdrang hin. Sie begann Marfinka in der Wirtschaft zu helfen und brachte in zehn, zwölf Minuten, gleichsam stoßweise, alles mögliche zustande. So nahm sie etwas vor und beendete es rasch, ließ es dann liegen oder vergaß es, griff nach etwas anderem, machte es ebenfalls fertig und verschwand so rasch, wie sie gekommen war.

Zuweilen klagte die Tante, daß sie mit der Unterhaltung der Gäste nicht zu Rande käme, und war unwillig darüber, daß Wera ihr nicht helfen wollte. Wera runzelte die Brauen, sie litt offenbar selbst darunter, daß sie sich nicht zu zwingen vermochte. Dann aber erschien sie ganz plötzlich und unerwartet unter den Gästen, so heiter, die Augen so voll warmer, treuherziger Güte, plauderte voll Geist und Grazie, daß die Großtante fast erschrak vor lauter Staunen. Und so blieb sie während des ganzen Abends, zuweilen während eines ganzen Tages, und am nächsten Morgen war alles wie abgeschnitten: sie war wieder in sich gekehrt, und niemand wußte, was ihren Sinn beschäftigte, was in ihrer Seele vorging.

Das war alles, was Raiskij bisher hatte beobachten können; es war nicht mehr als das, was auch die andern sahen und wußten. Aber je dürftiger das Tatsachenmaterial war, das er gesammelt hatte, desto eifriger arbeitete seine Phantasie im Verein mit dem analysierenden Verstand, um endlich den Schlüssel zu dieser verschlossenen Tür zu finden.

Seit er sich mit dem neuen Problem »Wera« abgab, wurden seine Debatten mit der Großtante seltener und kühler, während Marfinka ihn fast gar nicht mehr beschäftigte, zumal nach jenem Abend im Garten, als er seine Hoffnung, aus dem naiven, ein wenig beschränkten Kinde ein Weib zu machen, für immer aufgegeben hatte.

Im übrigen waren die drei – Raiskij, die Großtante und Marfinka – unzertrennlich. Nach dem Tee pflegte Raiskij ein Stündchen in Tatjana Markownas Kabinett zu verbringen, nach dem Mittagessen desgleichen, und bei schlechtem Wetter saß er den ganzen Abend bei ihr.

Wera kam nur für ein Weilchen herüber, um die Großtante und die Schwester zu begrüßen, und ging dann zurück in das alte Haus; was sie dort trieb, war nicht in Erfahrung zu bringen. Manchmal erschien sie überhaupt nicht, sondern ließ sich durch Marina den Kaffee hinüberholen.

Die Großtante zog wohl die Stirn in Falten und murmelte vor sich hin: »Wieder einmal launisch – die richtige Wilde!«, doch widersetzte sie sich im übrigen den Launen Weras nicht.

Gegen alles in der Welt, was nicht Schönheit war, völlig gleichgültig, hegte Raiskij für diese eine wahrhaft sklavische Verehrung, blieb kühl gegen alles Unschöne und verschmähte, ja verabscheute jede Art von Häßlichkeit.

Nicht nur von der äußeren Welt, der Welt der Formen, verlangte er gebieterisch Schönheit, auch die sittliche Welt sah er nicht so, wie sie ist, mit ihren unausgeglichenen, rohen Dissonanzen, als eine von Urbeginn an einsetzende, noch unvollendete Arbeit der Menschheit, sondern als ein harmonisches Ganzes, als den fertigen Inbegriff hehrer Ideale, die er selbst sich geschaffen, die aus seinem Innern Lebenskraft und Farbe, Feuer und Pulsschlag empfingen.

Er besaß nicht die Geduld, sich in diesem Lärm, dieser Unruhe, diesem Getriebe des Werktaglebens heimisch zu machen und mit Mühe und Ausdauer seine Kräfte für jenen feierlichen Moment vorzubereiten, in dem die Menschheit fühlen würde, daß sie der Vollendung nahe ist und den Höhepunkt ihrer Entwicklung erreicht hat, in dem der Strom des Lebens, für alle Zeiten in seiner Richtung bestimmt, in den Ozean der Ewigkeit einmünden würde.

Dieser überall zutage tretende ewige Widerspruch zwischen der Wirklichkeit und der Schönheit seiner Ideale hatte für ihn etwas Verletzendes, und er litt darunter für sich selbst wie für die ganze Welt.

Er glaubte an den idealen Fortschritt, an die Vervollkommnung der Form und des Geistes stärker, als die Materialisten an den Fortschritt im utilitaristischen Sinne glauben; aber er litt unter dem Schneckengang dieses Fortschritts und wurde darüber zum Hypochonder, dem all die kleinen Kratzwunden, die das häßliche Milieu ihm beibrachte, unerträglich waren.

In solcher Stimmung erschienen ihm alle Menschen seiner Umgebung wie biblische Särge, voll »Staub und Verwesung«. Die greisenhafte Schönheit der Großtante, diese Schönheit des Charakters, der Denkweise, der gefestigten alten Sitten, der Herzensgüte und all der sonstigen reifen Vorzüge verblaßte in seinen Augen. Da und dort sah er ihren einsichtslosen Trotz, ihren Egoismus hervorgucken; ihre feudalen Anwandlungen erschienen ihm als wahre Tyrannei, und wenn er so recht mutlos und verzweifelt war, ließ er nicht einmal ihr Alter und ihre Erziehung als Milderungsgründe gelten.

Tit Nikonytsch war ein abgelebter alter Herr, der zu nichts mehr taugte, Leontij ein Schulpedant, seine Frau ein albernes, liederliches Weibsbild, das ganze Hofgesinde von Malinowka eine gefräßige Horde von Wilden, denen jeder edlere menschliche Zug fremd war.

Dieser ganze stille Winkel, die Gutswirtschaft mit den Dorfhütten, den Bauern, dem Vieh und Geflügel verlor in seinen Augen das Kolorit des heiteren, glücklichen Nestes und erschien ihm einfach als ein Stall, dem er längst den Rücken gekehrt hätte, wenn nicht ... Wera gewesen wäre!

An einem solchen mißmutig-hypochondrischen Tage lag er mit der Zigarre im Mund auf dem Diwan in Tatjana Markownas Zimmer. Die Großtante, die nie ohne eine Beschäftigung sein konnte, saß da und prüfte einige Rechnungen, die Sawelij gebracht hatte. Kleine Häufchen von Hafer und Roggen lagen auf Papierblättern vor ihr. Marfinka war in eine feine Spitzenarbeit vertieft und so sehr bei der Sache, daß sie die Lippen fest zusammenpreßte und um die Nase wie auf der Stirn sich feine Fältchen bildeten. Wera war, wie gewöhnlich, nicht anwesend.

Raiskij warf zufällig einen Blick auf Marfinka und mußte laut lachen. Sie wurde rot und sah ihn fragend an.

»Was für ein drolliges Gesicht du eben gemacht hast!« sagte er.

»Nun, Gott sei Dank, die Sonne bricht wieder durch die Wolken!« versetzte Tatjana Markowna. »Das war ja nicht mehr mit anzusehen!«

Er stieß einen Seufzer aus.

»Was seufzst du, du hast es wohl recht schwer hier auf dieser Welt?«

»Freilich hab ich's schwer, Tantchen. Haben Sie es denn so leicht?«

»Nun hör einer! Willst du vielleicht Gott versuchen? Dir sollte man wirklich Schröpfköpfe ansetzen!«

»Meinetwegen – nur irgendeine Abwechslung! Das ist ja sonst hier das reine Grab!«

»Verzeih ihm, o Herr, er weiß nicht, was er spricht! Ach, Borjuschka, daß du dir nicht noch ein Unglück auf den Hals redest! Ist es erst da, dann wirst du bitter bereuen. Ja ja«, fügte sie nach kurzem Schweigen mit einem stillen Seufzer hinzu, »es ist schon so im Menschenschicksal begründet, daß Hochmut vor dem Falle kommt. Jetzt überhebst du dich – aber du wirst schon geduckt werden! Das Schicksal wird dir eine gründliche Lehre geben, du wirst an mich denken.«

»Sie meinen, es wird mir Schröpfköpfe ansetzen? Ich fürchte mich nicht. Ich habe niemanden und nichts in der Welt – was kann es mir anhaben?«

»Wart's nur ab! Es weiß schon, wo es einen zu fassen hat. Manch einer vergißt zeitlebens den Denkzettel nicht, den er bekommen hat. Da ist zum Beispiel Kirill Kirillytsch« – sie war, nach ihrer Gewohnheit, sogleich mit einem Beispiel bei der Hand –, »der war reich und gesund und kannte sein Lebtag nichts als hihihi! und hahaha!, und eines schönen Tages geht ihm die Frau durch! Seit der Zeit läßt er den Kopf hängen – sechs Jahre lang irrte er wie ein Schatten umher ... Und Jegor Iljitsch ...«

»Aber ich habe doch keine Frau, mithin kann mir das nie passieren.«

»Dann heirate doch!«

»Wozu? Damit meine Frau mir durchgeht?«

»Nicht alle Frauen gehen ihren Männern durch. Willst du, daß ich dir eine verschaffe?«

»Nein, ich danke; denken Sie sich einen anderen ›Schröpfkopf‹ für mich aus.«

»Das überlaß nur dem Schicksal! Gott behüte dich, daß deine losen Reden dir nicht schlecht bekommen! Ich will dir etwas vorschlagen: Komm, laß uns in die Stadt fahren und Visiten abstatten. Man macht mir ohnedies schon Vorwürfe, daß ich dich hier so eingeschlossen halte. Die Vizegouverneurin, Nil Andrejitsch, die Fürstin – sie alle wollen dich sehen! Und auch bei dieser schamlosen Person, der Polina Karpowna, wollen wir vorsprechen, damit sie uns nichts nachredet. Und dann geht's zum Steuerpächter.«

»Was wollen wir da?«

»Das sage ich dir später.«

»Weshalb will Tantchen durchaus mit mir zu diesem Pächter fahren? Weißt du es nicht, Marfinka?«

»Er hat eine heiratsfähige Tochter, Tantchen erzählte Ihnen schon einmal von ihr, erinnern Sie sich nicht? Wahrscheinlich sollen Sie da anbeißen.«

»Seh doch einer, wie sie gleich alles errät! Wer hat dich denn beauftragt, hier Auskünfte zu erteilen?« versetzte die Tante. »Als ob ich's ihm nicht selbst sagen könnte! Du hast überhaupt eine recht scharfe Zunge.«

»Gut, Tantchen«, sagte Raiskij gähnend, »ich will Sie zu allen diesen Visiten begleiten, doch nur unter einer Bedingung: daß Sie mit mir auch zu Mark kommen. Ich bin ihm doch einen Gegenbesuch schuldig!«

Tatjana Markowna schwieg.

»Nun, Tantchen, Sie schweigen, Sie sind also einverstanden, daß wir ihn besuchen?«

»Rede keinen Unsinn! Es war recht überflüssig, daß du dich mit ihm eingelassen hast. Etwas Gutes kann dabei nicht herauskommen, er wird dich nur verführen. Wovon hat er denn mit dir gesprochen?«

»Er hat fast gar nicht gesprochen, wir verzehrten unser Abendbrot und legten uns schlafen.«

»Hat er noch kein Geld von dir borgen wollen?«

»Das hat er allerdings.«

»Aha! Sieh dich nur vor, gib ihm nichts!«

»Ich habe ihm schon welches gegeben.«

»Schon gegeben!« rief sie schmerzlich aus.

»Weil Sie gerade von Geld sprechen, er wollte hundert Rubel haben, und ich besaß nur achtzig. Wo ist denn mein Geld? Bitte, geben Sie mir welches, ich muß ihm den Rest schicken.«

»Hab ich dir's nicht gesagt, Boris Pawlowitsch, daß er alle Welt anborgt? Du meine Güte! Wann will er es denn zurückzahlen?«

»Er sagte, das würde er überhaupt nicht tun.«

Sie geriet in so heftige Bewegung, daß der Stuhl unter ihr zu tanzen begann.

»Was soll denn das heißen? Man redet und redet, und du tust doch, was du willst!« sagte sie. »Das Geld ist also verloren!«

»Geben Sie mir noch so viel, daß er seine hundert Rubel voll hat!«

»Ja, bist du ihm denn zinspflichtig, oder was sonst?«

»Er hat nichts zu essen.«

»Du willst also für seinen Unterhalt sorgen! Er hat nichts zu essen! Das sind doch nur Zigeuner und Vagabunden, die auf anderer Leute Kosten leben! Man ist doch nicht verpflichtet, alle Welt satt zu machen! Achtzig Rubel!«

Tatjana Markowna schaute höchst unzufrieden drein.

»Ich habe kein Geld«, sagte sie kurz. »Und ich gebe dir überhaupt keins. Wenn du nicht im guten hören willst, dann will ich dich eben zwingen, deiner Großtante zu gehorchen.«

»Nun seh einer diese Despotin!« bemerkte Raiskij.

»Wie steht's – soll ich anspannen lassen?« fragte die Großtante nach einem Weilchen.

»Wozu?«

»Nun, wir wollten doch Besuche machen!«

»Sie wollten nicht so, wie ich will – also will auch ich nicht so, wie Sie wollen.«

»Nun stellt er sich schon mit mir auf eine Stufe! Seit wann ist es denn Sitte, daß das Ei die Henne belehrt? Das ist Sünde, Sünde, mein Herr! Ein sonderbarer Mensch bist du doch, ein ganz merkwürdiger Mensch! Alles soll nach seinem Kopf gehen!«

»Nicht ich bin merkwürdig, sondern Sie sind es, Tantchen, Sie!«

»Was ist denn an mir so merkwürdig? Sag mir das gefälligst!«

»Sie fragen noch? Und dabei verbieten Sie mir, meine Bekanntschaften da zu suchen, wo ich will, und mein Geld so zu verwenden, wie ich will! Sie heißen mich Leute besuchen, die ich nicht besuchen mag, und wollen mich nicht zu denen begleiten, die ich gern besuchen möchte. Nun, meinetwegen, wenn Sie zu Mark nicht mitkommen wollen, ich zwinge Sie nicht dazu. Aber dann müssen auch Sie mir keinen Zwang antun wollen.«

»Ich will dich in der guten Gesellschaft einführen.«

»Nach meiner Meinung ist das keine gute Gesellschaft.«

»So – und Mark zählst du wohl zur guten Gesellschaft?«

»Mark gefällt mir. Er besitzt einen lebhaften, freien Geist, einen selbständigen Willen, Humor.«

»Ach, geh mir schon mit ihm!« warf sie ärgerlich ein. »Kommst du nun mit mir zu Mamykins?«

»Wer sind diese Mamykins?«

»Mamykin ist der Steuerpächter, der die heiratsfähige Tochter hat«, mischte sich Marfinka ins Gespräch. – »Fahren Sie nur hin, Vetter! Sie geben nächstens eine große Abendgesellschaft, sie werden uns einladen«, fügte sie leiser hinzu. »Die Großtante fährt nicht hin, und wir können doch nicht allein fahren, mit Ihnen aber läßt sie uns hin.«

»Tu deiner alten Tante schon den Gefallen und fahr hin!« sagte Tatjana Markowna ihrerseits.

»Und ich bitte Sie, mir den Gefallen zu tun, endlich von etwas anderem zu reden!«

»Wirklich ein zu merkwürdiger Mensch; ich soll ihm etwas zu Gefallen tun, und von einer Gegengefälligkeit will er nichts wissen!«

»Hinter Ihrem Vorschlage verbirgt sich vermutlich der Plan, mich zu verheiraten, nicht wahr?«

»Nun, und wenn es der Fall wäre: ich will doch nur dein Glück!«

»Wie kommen Sie zu der Annahme, daß es für mich ein Glück ist, die Tochter irgendeines Herrn Mamykin zu heiraten?«

»Sie ist ein hübsches Mädchen und in der teuersten Moskauer Pension erzogen. Allein in Brillanten besitzt sie gegen achtzigtausend Rubel ... Du tust sicher gut daran, dich zu verheiraten ... Du bekommst eine reiche Mitgift, machst ein großes Haus, siehst die ganze Stadt bei dir zu Gast, alle würden dir den Hof machen, der Name Raiskij würde in neuem Glanze erstrahlen, du würdest dir Verbindungen schaffen ... Selbst in Petersburg würde man aufmerksam werden«, schwärmte die Großtante.

»Ich will aber gar nicht, daß man mir den Hof macht, ich finde das widerwärtig! Dabei glaubte ich immer, Sie hätten mich lieb, Tantchen – wenn Sie mir nichts Besseres zu wünschen haben ...«

»Dir tun wirklich einmal Schröpfköpfe not! Ich habe nur dein Bestes im Auge, und du ...«

»Mein Bestes? Ich danke! So mir nichts, dir nichts einen Haufen fremder Brillanten und fremden Geldes zu nehmen, und als Zugabe obendrein irgendeine Golenducha Paramonowna ...«

»Nein, keine Golenducha, sondern eine hübsche, reiche Braut! So liegen die Dinge, du merkwürdiger Mensch!«

»Jemanden um jeden Preis verheiraten wollen, mit einer Person, die er nicht kennt und nicht mag – das bringen nur Sie fertig, Sie merkwürdige Frau!«

»Nun, lieber Boris, das muß ich sagen: Ich hätte mir nie träumen lassen, daß du je ein solcher Tor werden könntest.«

»Nicht ich bin der Tor, Tantchen, sondern Sie sind die Törin!«

»Ach«, rief Marfinka ganz erschrocken aus, »wie können Sie nur so etwas zu Tantchen sagen!«

»So – und Tantchen darf es mir sagen, wie?«

»Tantchen ist doch älter als Sie ... sie ist eben Ihre Tante!«

»Wie wär's denn, Tantchen«, wandte er sich plötzlich an Tatjana Markowna, »wenn ich plötzlich auf den Einfall käme, Sie zu verheiraten?«

»Marfinka, du sitzt näher bei ihm, mach doch das Kreuz über ihm!« rief die Tante voll Zorn.

Marfinka lachte hell auf.

»Nein, in allem Ernst«, scherzte Raiskij.

»Du erlaubst dir einen Spaß mit mir – und ich rede im Ernst, ich will dich glücklich sehen.«

»Auch ich will Sie glücklich sehen. Es kommen so oft Augenblicke über Sie, in denen Sie von Gram heimgesucht werden und sich auflehnen gegen Ihr Geschick, ja selbst Tränen habe ich zuweilen schon in Ihren Augen gesehen. ›Ich bin so verlassen, hab keinen Menschen, mit dem ich reden könnte‹, klagen Sie – ›die Nichten gehen aus dem Hause, und ich bleibe mutterseelenallein zurück – wenn mich der Herr doch zu sich nehmen wollte! Wenn die Mädchen heiraten, wird kein Mensch sich um mich kümmern!‹ und so weiter. Und so würde ein ehrenwerter Mensch neben Ihnen sitzen, würde Ihnen die Hände küssen, würde statt Ihrer aufs Feld hinausfahren, mit Ihnen Arm in Arm im Garten spazierengehen, eine Partie Pikett mit Ihnen spielen ... Nein, wirklich, Tantchen, Sie sollten ...«

»Hör auf, Boris Pawlowitsch, ich habe genug von dem Unsinn«, sagte die Großtante mit einem Seufzer, fast verlegen. »Als du jünger warst, hast du keinen solchen Unsinn geredet. Da warst du viel vernünftiger!«

Sie sah ihn durch die Brille an.

»Nun, Tit Nikonytsch scharwenzelt doch beständig um Sie herum und betet Sie förmlich an – ewig liegt er Ihnen zu Füßen! Geben Sie ihm nur das ersehnte Zeichen, und er ist der glücklichste aller Sterblichen!«

Marfinka konnte sich nicht halten vor Lachen. Eine leichte Röte bedeckte das Gesicht der Großtante.

»Seht doch, da hätte er also richtig einen Bräutigam für mich gefunden!« sagte sie scherzend.

»Warum nicht?« fuhr Raiskij fort, sie zu necken. »Sie wohnen hier in einem netten Häuschen, haben auch ein hübsches Stück Geld – und er ist so vereinsamt ... das gibt doch eine passende Partie!«

»Weil ich also Geld habe und ein Haus dazu, darum soll ich heiraten? Er soll wohl als Armenhäusler zu mir ziehen? Übrigens gehört das Haus nicht mir, sondern dir, und außerdem ist er nicht arm.«

»Ich soll aber des Geldes wegen heiraten?«

»Vielleicht gefällst du der jungen Dame, und wahrscheinlich wird auch sie dir gefallen, sie ist sehr nett.«

»Auch Sie und Tit Nikonytsch haben doch aneinander Gefallen, auch Sie beide sind nett.«

»Geh mir endlich mit deinem Tit Nikonytsch!« fuhr Tatjana Markowna heftig auf. »Ich habe nur dein Bestes im Auge.«

»Genauso, wie ich nur Ihr Bestes im Auge habe!«

»Hör endlich auf, leeres Stroh zu dreschen, ich bin's schon satt! Wenn du meinem Rate nicht folgen willst, dann tu, was du willst!«

»Und warum wollen Sie meinem Rate nicht folgen? Ich habe Mamykins Tochter nie gesehen und weiß nicht, wie sie aussieht, während Tit Nikonytsch Ihnen doch gefällt und Sie selbst ihm ein klein wenig verliebte Äugelchen machen ...«

»Ja, ja, Vetter«, fiel Marfinka ihm ins Wort, »und noch eins: wenn Tit Nikonytsch krank wird, pflegt ihn Tantchen.«

»Hör einmal, meine Liebe!« rief die Großtante zornig, »wie darf solch ein junges Ding es wagen, sich über mich alte Frau lustig zu machen? Ich will dich bei den Ohren nehmen und ganz gehörig schütteln, so alt und groß du bist! Der da hat sich meiner Aufsicht entzogen und geht seine eigenen Wege, er hält sich jetzt an Markuschka, was freilich traurig genug ist. Er ist mir entwachsen – mit dir aber werde ich noch fertig, wart's nur ab! ... Und du, Boris Pawlowitsch, magst heiraten oder nicht, mir soll's gleichbleiben; nur laß mich in Ruhe und schwatz keinen Unsinn! Jedenfalls werde ich Tit Nikonytsch nicht mehr empfangen.«

»Armer Tit Nikonytsch!« rief Raiskij mit komischem Bedauern, während er Marfinka verständnisinnig zublinzelte. »Endlich haben Sie das richtige Wort gefunden, Tantchen«, fuhr er dann fort – »›heirate oder nicht – tu, was du willst!‹ Das hätten Sie längst sagen sollen! Wir wollen also meine Hochzeit so gut wie die Ihrige auf unbestimmte Zeit verschieben!«

»›Das richtige Wort‹!« brummte die Tante leise vor sich hin. »Wir wollen sehen, wie du weiterleben wirst!«

»Ganz nach meinem Geschmack, Tantchen.«

»Ist das auch das Rechte?«

»Soll ich vielleicht nach fremdem Geschmack leben?«

»Du sollst so leben wie andere Menschen.«

»Was für Menschen? Gibt es denn hier überhaupt Menschen?«

In diesem Augenblick trat Wassilissa ins Zimmer und meldete, es seien Gäste da: »Der junge Herr aus Koltschino ...«

»Ah, Nikolai Andrejewitsch Wikentjew – ich lasse bitten! Ob es hier überhaupt Menschen gibt? Da hätten wir gleich einen Menschen! Mein Gott, wir sind doch keine Heiden!« sagte die Bereshkowa.

Marfinka errötete leicht, strich ihr Kleid und ihr Haar zurecht und warf einen flüchtigen Blick in den Spiegel. Raiskij drohte ihr mit dem Finger, und sie errötete noch heftiger.

»Was denn, Vetter? Sie wollen schon wieder ...« begann sie, sprach jedoch den Satz nicht zu Ende.

Wassilissa, die bereits hinausgegangen war, kehrte noch einmal ins Zimmer zurück.

»Es ist auch noch jener da gekommen«, sagte sie zu Raiskij, »der damals hier über Nacht war – er fragt nach Ihnen!«

»Doch nicht am Ende Markuschka?« fragte die Großtante erschrocken.

»Ganz recht, der ist's!« bestätigte Wassilissa.

»Das ist doch mal ein Mensch!« sagte Raiskij und begab sich rasch nach seinem Zimmer.

»Wie er sich freut! Wie eilig er's hat! Endlich hat er einen Menschen gefunden! Vergiß nur nicht, das Geld von ihm zurückzufordern! Vielleicht hat er Hunger – ich schick ihm was zu essen!« rief die Großtante dem Davoneilenden nach.

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