Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Iwan Gontscharow >

Die Schlucht. Zweiter Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Zweiter Teil - Kapitel 17
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Zweiter Teil
booktitleDie Schlucht. Band 1
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid8c69add1
Schließen

Navigation:

XVI

Früh am Morgen weckte ein leises Geräusch am Fenster Raiskij aus dem Schlaf. Es rührte von Mark her, der eben durchs Fenster den Weg ins Freie nahm.

›Er liebt die geraden Wege nicht!‹ dachte Raiskij, als er sah, wie sich Mark durch die Blumenanlagen und den Gemüsegarten schlich, um dann zwischen den Bäumen plötzlich am Rande des steilen Abhangs zu verschwinden.

Boris hatte kein Bedürfnis, noch länger zu schlafen, und begab sich, in einen leichten Morgenpaletot gehüllt, in den Garten, um Mark womöglich einzuholen. Er sah ihn jedoch bereits weit unten am Ufer der Wolga entlanggehen.

Raiskij stand ein Weilchen oben am Rande des Abhangs. Es war noch früh am Tage; die Sonne war noch nicht hinter den Hügeln hervorgekommen, doch vergoldeten ihre Strahlen schon die Wipfel der Bäume; in der Ferne schimmerten die taugetränkten Fluren, und eine leichte Morgenbrise brachte angenehme Kühlung. Die Luft erwärmte sich rasch, alles versprach einen heißen Tag.

Raiskij machte einen Gang durch den Garten. Dort regte sich bereits das Leben; die Vögel sangen in fröhlichem Chor und flogen, ihr Frühstück suchend, geschäftig hin und her; die Bienen und Hummeln summten um die Blumen. Aus der Ferne, vom Felde her, ließ sich das Brüllen der Kühe vernehmen, und eine Staubwolke, die von einer Schafherde aufgewirbelt wurde, stieg empor; im Dorfe knarrte ein Hoftor, man hörte das Holpern eines Bauernwagens; im Roggenfeld schlugen die Wachteln.

Auch auf dem Hof war die Arbeit des Tages bereits im Gange. Prochor tränkte und putzte im Stall die Pferde, irgend jemand, Kusjma oder Stepan, hackte Holz, Matrjona ging mit einer Mulde voll Mehl nach der Küche, und Marina huschte wohl drei- oder viermal mit den frischgeplätteten Unterröcken des Fräuleins, die sie weit vor sich hingestreckt hielt, über den Hof. In einem Winkel des Hofes, am Brunnen, machte Jegorka Toilette; er schnaubte, spuckte, spritzte um sich und warf zwischendurch Marina, die an ihm vorüberging, einen spöttischen Blick zu. Jakow kniete auf der Freitreppe des Gutshauses und verrichtete, das Gesicht dem Kreuze auf der hinter den Dorfhütten sichtbaren Stadtkirche zugewandt, sein Morgengebet.

Auf dem Hof drängten sich um einen Trog mit irgendeinem Brei die Enten und Hühner, während die Hunde überall frech herumschnüffelten, in ihrem Hunger jeden, der vorbeikam, anbettelten, sogar die eigenen Leute, und zuletzt wütend aufeinander loskläfften.

»Gestern, heute, morgen – alle Tage dasselbe!« flüsterte Raiskij.

Er blieb ein Weilchen mitten im Hof stehen, sah sich träge nach allen Seiten um, kratzte sich, gähnte und verspürte plötzlich alle Symptome der Krankheit, die ihn auch schon in Petersburg gepeinigt hatte.

Er empfand Langeweile. Vor ihm lag der ganze lange Tag mit all den Eindrücken und Empfindungen von gestern, von vorgestern. Ringsum dieselbe ihm naiv zulächelnde Natur, derselbe Wald, dieselbe einförmig-melancholische Wolga, dieselbe unveränderliche Atmosphäre.

Immer standen, vom Augenblick des Erwachens an, die gleichen Bilder und Vorstellungen wie eine unbewegliche Kulisse vor ihm; und dieselben Gesichter, dieselben Kreaturen huschten an ihm vorüber.

Er verspürte die Einwirkung einer Kraft, die ihn zugleich anzog und abstieß. Er sehnte sich nach Leontij, den er schätzte und liebte, und kaum war er bei ihm, so trieb es ihn auch schon wieder von ihm fort. Leontij kam ihm vor wie eine Skulptur, die für immer ihre Form angenommen hat, für immer starrer Stein bleibt, an deren Bestimmung nichts mehr zu ändern ist. Er selbst strebte etwas anderes an, das ihn vor diesem passiven, unbewußten Versteinern bewahren sollte.

Er suchte das Zimmer der Großtante auf; dort, auf dem ledernen Kanapee, trat ihm doch wenigstens noch etwas entgegen, das nach pulsierendem Leben aussah. Dort gab es noch ein Stück Arbeit zu leisten, einen harten, zähen Widerstand zu brechen.

Tatjana Markowna machte es ihm nicht leicht, seinen Standpunkt zu behaupten, es bedurfte dazu von seiner Seite eines gehörigen Aufwands an dialektischer Schärfe und Temperament. Als Ergebnis des Kampfes konnte er dann ein paar Perlen praktischer Lebensklugheit einheimsen und beobachten, wie sich dieses seltsame, stagnierende Leben, getragen von naivem Vertrauen und Glauben oder vielmehr krassem Aberglauben, abspielte.

Immerhin gab es hier doch etwas, das ihn in Erregung versetzte: es gab Ärger, Lachen, selbst eine Anwandlung von Rührung. War freilich der Streit vorüber, so erlosch auch sein Interesse, und er sah auch hier nur die einfachen, reizlosen Formen eines ungegliederten, ziel- und zwecklosen Lebens.

Marfinka war seit dem gestrigen Abend für ihn nur noch die Schwester, sie konnte ihm nie etwas anderes werden. Und auch als Schwester war sie ihm nicht viel, er fühlte recht wenig brüderliche Zärtlichkeit für sie.

Er empfand nicht mehr das Bedürfnis, sie umzumodeln. Eine andere Erziehung, eine andere Lebensauffassung, jede Entwicklung überhaupt hätte auf diese in sich abgeschlossene Natur nur als Störung gewirkt, hätte ihr das Naive, Kindliche, Falterartige genommen. Und was hätte sie als Ersatz dafür erhalten? Einer starken Leidenschaft, eines machtvollen, kühnen Aufschwungs, eines kraftvollen Strebens nach einem fernen Ziel war ihr Naturell nicht fähig. Nur ein Chaos, ein uferloses Meer von Zweifeln wäre in ihrer Seele entstanden. Es wäre für sie schon eine Leistung gewesen, wenn sie sich zu einer Fahrt nach Moskau entschlossen, einen Ball in der Adelsversammlung mitgemacht und eine elegante Robe von der Schmiedebrücke heimgebracht hätte. Das hätte ihr dann bis in ihre alten Tage Stoff zum Renommieren vor den Frauen der kleinen Provinzbeamten gegeben.

Tit Nikonytsch und die wenigen sonstigen Personen, mit denen Raiskij gelegentlich zusammengekommen war, huschten an seinem geistigen Auge nur ganz flüchtig vorüber – wie etwa die ledernen Kanapees, die Spinde, die sächsischen Porzellantassen und böhmischen Kristallgläser drinnen im Hause.

Blieben nur Mark und vielleicht noch Wera als nebelhaft unbestimmte Gestalten übrig.

Mark hatte er nun kennengelernt, und sosehr sich dieser auch Mühe gab, in seinem Diogenesfaß versteckt zu bleiben, so hatte Raiskij die Hauptzüge seiner Physiognomie doch zu erhaschen vermocht.

Ihn eingehender zu studieren, sein Wesen endgültig zu ergründen, verspürte er kein Bedürfnis. Er hätte sich dann mit ihm betrinken, ihm Geld borgen und sich vermutlich seine wenig unterhaltenden Histörchen anhören müssen, wie er seinem Regimentskommandeur grob gekommen sei oder einen Juden durchgeprügelt oder im Wirtshaus seine Zeche nicht bezahlt habe, wie er irgendwo die Fahne des Aufruhrs gegen die Kreis- oder Landschaftspolizei erhoben, dafür aus dem Dienste gejagt und unter Polizeiaufsicht irgendwohin in ein weltverlorenes Nest verschickt worden sei.

Raiskij schritt, tief in Gedanken versunken, über den Hof, ohne den Gruß des Gesindes zu beachten oder die Hunde zu bemerken, die schweifwedelnd um ihn herum waren; er geriet mitten in eine Schar von jungen Enten und hätte beinahe einige von ihnen zertreten.

›Was für eine Existenz ist das nun!‹ sagte er sich. ›Seinen Blick so auf den Erscheinungen ruhen zu lassen, ihre Bilder in sich aufzunehmen, für einen Augenblick zu erglühen und sogleich wieder zu erkalten und Langeweile zu empfinden, um erst wieder mit Gewalt, durch künstliche Mittel, in sich die Lebenslust, wie etwa den Appetit zum Essen, periodisch aufzufrischen! Das ganze Geheimnis der Lebenkunst läuft also lediglich darauf hinaus, diese Lustperioden nach Möglichkeit auszudehnen – was doch im Grunde genommen gar kein Geheimnis, sondern eine unbewußte, natürliche Gabe ist. Mit geschlossenen Augen und Ohren muß man leben – dann lebt man leicht und lange! Und diejenigen haben recht, denen der Stachel des Denkens nicht im Gehirn sitzt, die kurzsichtig sind und stumpf von Sinnen, wie im Nebel dahinschreiten und die Illusion nicht verlieren. Wie soll man es nur anfangen, um alles immer bunt und reizend zu schauen, um die Augen vor der nüchternen Wirklichkeit zu verschließen und nicht zu sehen, daß das Laub gar nicht grün und der Himmel nicht blau ist, daß Mark kein bezaubernder Held, sondern nur ein kleiner liberaler Frondeur und Marfinka nur ein Zuckerpüppchen ist, und daß Wera ...‹

›Ja, was ist eigentlich Wera?‹ fragte er sich und gähnte.

Er zog die Schultern hoch, als wenn ihm ein Frostschauer über den Rücken liefe, runzelte die Brauen und ging, die Hände in den Taschen, im Garten auf und ab, ohne die bunte Farbenpracht des Morgens zu bemerken oder den warmen Lufthauch zu verspüren, der seine Nerven kosend umschmeichelte, ohne selbst der Wolga einen Blick zu schenken. Er lag ganz im Banne ödester Langerweile, und mit Schrecken sah er eine endlos lange Reihe ziel- und zweckloser Tage vor sich liegen.

Ein Gedanke, der ihm schon früher zuweilen gekommen war, schoß ihm durch den Kopf: ein »Buch der Langeweile« zu schreiben. ›Das Leben‹, sagte er sich, ›ist doch so vielseitig und vielgestaltig, und wenn diese breite, kahle, an die einförmige Steppenlandschaft gemahnende Langeweile im Leben selbst begründet liegt und etwas Vorhandenes, Seiendes ist, wie die uferlosen Sandflächen, die Kahlheit und Dürftigkeit der Wüste, dann kann und darf auch die Langeweile als eine der vielen Seiten des Lebens ein Gegenstand des Denkens, der Analyse, der Darstellung durch Feder oder Pinsel werden.‹

›Ja‹, sagte er sich, ›ich will dieses endlos breite, nebelhaft einförmige Wesen der Langeweile in meinem Roman schildern, und die Kälte, der Widerwille, die Bitterkeit, die von meinem Innern Besitz ergriffen, sollen dem Bilde Farbe und Kolorit geben! Es soll der Wirklichkeit entsprechen, dieses Bild ...‹

Raiskij wollte sich eben in sein Zimmer begeben, um seine ersten Aufzeichnungen »über die Langeweile« zu Papier zu bringen, als er plötzlich bemerkte, daß die sonst verschlossene Tür des alten Hauses offenstand. Er hatte das Gebäude nur das eine Mal, als er mit Marfinka in Weras Zimmer war, ganz flüchtig in Augenschein genommen. Jetzt kam ihm plötzlich der Einfall, es näher zu besichtigen, und in dieser Absicht betrat er den Flur.

Nicht mit pochendem Herzen, wie dereinst, sondern apathisch und gleichgültig durchschritt er den düstern Saal mit den Säulengängen und die Gesellschaftsräume mit den Statuen, Bronzeuhren und Rokokoschränken. Ohne irgendeinen dieser Gegenstände seines Blickes zu würdigen, begab er sich nach den Zimmern der oberen Etage. Er erinnerte sich, daß einst hier oben die Kinderstube und sein eignes kleines Schlafzimmerchen lag, in dem seine Mutter so gern gesessen hatte. Träge und langsam zogen die bleichen Bilder der Vergangenheit an seinem Geiste vorüber. Er erinnerte sich, wie die Mutter ihn liebkoste, ihm zärtliche Worte ins Ohr flüsterte, seine kleinen Finger auf die Klaviertasten legte und ihn ein Liedchen klimpern ließ, dann aber ihn vergaß und selbst eine ganze Weile weiterspielte, während er, an ihre Knie geschmiegt, ihrem Spiel lauschte, und wie sie ihn dann nach dem Eckzimmer führte, von dem aus sie auf die Wolga und die Niederung jenseits des Stromes hinabschaute.

Nach einem flüchtigen Blick in den einen und anderen der Räume begab er sich nach dem Eckzimmer, um einen Blick auf die Wolga zu werfen. Ganz in Gedanken versunken, stieß er leise mit dem Fuße die Tür auf, sah hinein und – blieb wie versteinert stehen.

In dem Zimmer befand sich ein lebendes Wesen.

Mit gespannter Aufmerksamkeit nach dem Flußufer schauend, stand da, die Hand auf das Fensterbrett gestützt und das Gesicht seitlich ihm zugewandt, ein junges Mädchen von zwei- bis dreiundzwanzig Jahren. Das bleiche, fast weiße Gesicht, das dunkle Haar, die schwarzen Samtaugen und die langen Wimpern fesselten seinen Blick und blendeten ihn förmlich.

Das Mädchen stand unbeweglich da und sah voll Spannung in die Ferne, als folge es jemandem mit den Augen. Dann nahm ihr Gesicht einen gleichgültigen Ausdruck an; sie überschaute flüchtig die Landschaft, warf einen Blick in den Hof, wandte sich ab und fuhr jäh zusammen, als sie Raiskij erblickte.

Ihr Gesicht drückte Überraschung aus, die alsbald einem starken, durch einen leichten Schatten von Unzufriedenheit nuancierten Erstaunen wich und zuletzt in gemessene Erwartung überging.

»Kusine Wera!« rief Raiskij aus.

Ihr Gesicht erhellte sich, und ihr Auge blieb mit dem Ausdruck verhaltener Neugier auf ihm haften.

Er trat auf sie zu, ergriff ihre Hand und wollte sie küssen. Sie neigte sich ein wenig zurück und wandte ihr Gesicht leicht zur Seite, so daß seine Lippen nur ihre Wange statt des Mundes berührten.

Sie setzten sich am Fenster einander gegenüber.

»Wie sehnsüchtig habe ich auf Sie gewartet. Sie haben Ihren Besuch drüben am anderen Ufer etwas lang ausgedehnt!« sprach er und sah voll Ungeduld ihrer Antwort entgegen, um ihre Stimme zu vernehmen.

›Die Stimme, die Stimme!‹ rief seine Phantasie, die nach einer Ergänzung dieser blendenden Erscheinung verlangte.

»Ich habe erst gestern von Marina gehört, daß Sie hier sind«, antwortete sie.

Ihre Stimme hatte nicht jenen Wohlklang, den Marfinkas Stimme besaß, sie klang frisch und jugendlich, doch leise, mit einem Timbre wie ein tiefes Flüstern, das auch dann, wenn sie laut sprach, durchklang.

»Tantchen wollte Sie holen lassen, aber ich bat sie, Ihnen von meiner Ankunft keine Mitteilung zu machen. Wann sind Sie zurückgekehrt? Mir hat niemand etwas gesagt.«

»Ich bin gestern nach dem Abendessen angelangt, die Tante und die Schwester wissen noch nichts, nur Marina hat mich gesehen.«

Sie saß zurückgelehnt auf dem Stuhl, stützte den einen Ellenbogen auf das Fensterbrett und sah Raiskij nicht offen und voll, sondern nur wie beiläufig an, als ob er gerade an der Reihe wäre, mit einem Blick bedacht zu werden.

Er aber betrachtete sie mit der ganzen Kraft einer lange zurückgehaltenen Neugier. Nicht eine ihrer Bewegungen entging seinem heißhungrigen Blick.

Schon ihre eigenartige, ihm völlig neue Schönheit, die ganz anders war als die Schönheit Marfinkas oder der Belowodowa, machte auf ihn einen tiefen Eindruck.

Sie besaß nicht jene strenge Regelmäßigkeit der Gesichtszüge, jenes zarte Kolorit, jene Weiße der Stirn und Offenheit des Ausdrucks, die Sofja bei aller Kälte so sympathisch erscheinen ließen. Sie hatte auch nichts von dem kindlich frischen, an die Schönheit eines Cherubs erinnernden Hauch Marfinkas. Wohl aber lag in ihrer ganzen Erscheinung etwas Bezauberndes, Geheimnisvolles, ein verborgener Reiz, der in dem strahlenden Blick, der jähen Wendung des Kopfes, der verhaltenen Grazie der Bewegungen gleichsam blitzartig zum Ausdruck kam und sich unwiderstehlich in die Seele stahl.

Die dunklen Augen hatten etwas Samtartiges, der Blick erschien tief wie ein Abgrund. Der Teint des Gesichts war weiß, von mattem Glanz, mit weichen Schatten um die Augen und im Nacken. Das dunkle, leicht ins Kastanienbraune schimmernde Haar lag in dichter Masse um Stirn und Schläfen, deren blendendes Weiß von feinen blauen Äderchen durchzogen war.

Mehr ärgerlich als verschämt nahm sie einen Haufen von Unterröcken, die Marina gebracht hatte, vom Stuhl und warf sie ins anstoßende Zimmer; dann räumte sie flink ein Bündel weg, das sie vermutlich am Abend beiseite gelegt hatte, und rückte ein kleines Tischchen ans Fenster. Alles das war in zwei, drei Minuten erledigt – dann nahm sie wieder auf dem Stuhl vor ihm Platz, frei und ungezwungen, als wenn er überhaupt nicht anwesend wäre.

»Ich habe Kaffee bestellt – wollen Sie eine Tasse mit mir trinken? Drüben gibt es noch lange nichts, Marfinka steht spät auf.«

»Ja, ja, mit Vergnügen«, sagte Raiskij und fuhr dabei fort, ihr Gesicht, ihre Bewegungen, jeden ihrer Blicke, jedes Lächeln zu studieren.

Ihr Blick war bald reizend und lockend, als zöge er einen irgendwohin in eine unergründliche Tiefe, bald durchdringend und scharf prüfend. Auch fiel ihm das zwiefache Mienenspiel auf, das zuweilen über ihre Züge huschte, und das Zittern des Kinns, wenn sie lachte, die wohlgeformte, nicht allzu schlanke Taille mit dem beim Gehen leicht wogenden Busen, und der unhörbare, fast katzenartige Gang.

›Was für ein reizvolles, rätselhaftes Wesen!‹ dachte Raiskij – ›und welcher Gegensatz zur Schwester: jene nichts als heller Sonnenschein, lauter Licht und Wärme, und diese hier ein einziges Flimmern und Glitzern, geheimnisvoll wie die Nacht, voll Nebel und Funken, voll Lockungen und Wunder.‹

Mit der Leidenschaftlichkeit des Künstlers gab er sich ganz dem unerwarteten neuen Eindruck hin. Sofja sowohl wie Marfinka wurden wie durch Zaubermacht in den Hintergrund gebannt, und die Langeweile war plötzlich verschwunden. Wiederum schlug ihm ein warmer Hauch entgegen, wieder erschien die Natur ihm schön und frisch, und alles ringsum atmete neues Leben.

Voll Eifer ging er daran, von neuem seine Diogeneslaterne anzuzünden und mit ihr diese neue, plötzlich vor ihm aufgetauchte Erscheinung zu belichten.

»Sie haben mich wohl schon ganz vergessen, Wera?« fragte er.

»Nein«, sagte sie, während sie den Kaffee einschenkte, »ich habe noch alles im Gedächtnis.«

»Alles – nur nicht meine Wenigkeit, nicht wahr?«

»Auch Sie.«

»Was wissen Sie denn noch von mir?«

»Nun – alles.«

»Ich habe, offengestanden, nur noch eine schwache Erinnerung an Sie beide. Ich weiß, daß Marfinka immer weinte und Sie nicht; Sie hatten so etwas Schelmisches, verübten in aller Stille mutwillige kleine Streiche, aßen heimlich Johannisbeeren, liefen allein in den Garten und hierher ins alte Haus.«

Sie antwortete mit einem Lächeln.

»Trinken Sie den Kaffee süß?« fragte sie, im Begriff, ihm ein Zuckerstückchen in die Tasse zu legen.

›Wie kalt sie ist, und ... wie ungezwungen, so gar nicht verlegen!‹ dachte er.

»Ja, süß ... Sagen Sie, Wera, haben Sie wohl bisweilen an mich gedacht?« fragte er.

»Sehr oft. Tantchen hat uns ja so viel von Ihnen vorgeschwärmt!«

»Tantchen! Und Sie selbst?«

»Haben Sie denn an uns gedacht?« fragte sie, während sie achtgab, wie der Kaffee aus der Kanne in die Tasse floß, und nur ganz flüchtig zu Raiskij aufblickte.

Er schwieg. Sie reichte ihm die Tasse und stellte ihm das Brot hin, während sie selbst den Kaffee mit dem Löffelchen zu sich nahm und von Zeit zu Zeit ein Stückchen Weißbrot auf den Löffel legte.

Hundert Fragen, die ihm durch den Kopf schwirrten, hätte er ihr vorlegen mögen, doch lief alles so wirr durcheinander, daß er nicht wußte, womit er anfangen sollte.

»Ich war bereits in Ihrem Zimmer, entschuldigen Sie meine Neugier«, sagte er.

»Es gibt hier nichts zu sehen«, versetzte sie, während sie aufmerksam umherspähte, ob nicht irgend etwas liegengeblieben wäre.

»Allerdings ... Was für ein Buch haben Sie da?« fragte er und wollte ein neben ihr liegendes Buch aufnehmen.

Sie legte das Buch rasch auf ein hinter ihr befindliches Wandbrett. Er mußte lachen.

»Ganz wie damals: rasch mit der Johannisbeere in den Mund! Zeigen Sie mir doch das Buch!«

Sie schüttelte verneinend den Kopf.

»So-o, also Sie lesen Bücher, die Sie niemand zu zeigen wagen!« scherzte er.

Sie schloß das Buch in den Schrank ein, setzte sich, die Arme über der Brust gekreuzt, ihm gegenüber und blickte zerstreut um sich. Zuweilen sah sie zum Fenster hinaus und schien seine Anwesenheit ganz vergessen zu haben. Nur wenn er eine Frage an sie richtete, sah sie ihn einfach und ungezwungen an.

»Trinken Sie noch eine Tasse?« fragte sie.

»Ja, wenn ich bitten darf. Hören Sie, Wera – ich hätte Ihnen so viel zu sagen ...«

Er erhob sich und durchschritt das Zimmer; gar zu gern hätte er ein Thema gefunden, das ihm die Möglichkeit bot, ein zusammenhängendes Gespräch mit ihr anzuknüpfen.

Er erinnerte sich, daß auch die Unterhaltung mit Marfinka anfänglich nur stockend vor sich gegangen war. Aber bei der lag der Grund in einer kindlichen Verschämtheit, von der hier nicht die Rede sein konnte. Nein, Wera war nicht schüchtern – das sah man auf den ersten Blick; wohl aber hatte sie etwas Kaltes in ihrem Wesen und interessierte sich anscheinend gar nicht für ihn.

›Was hat das zu bedeuten? Ist dieser Mangel an Furcht und Verlegenheit eine Folge ihrer angeborenen Unkenntnis, oder sind List und Verstellung mit im Spiele?‹ dachte er und gab sich alle Mühe, die Wahrheit zu erraten. ›Ich bin doch für sie eine neue Erscheinung! Oder hält sie es vielleicht für unklug, Mund und Augen aufzureißen und mir zu verraten, welchen Eindruck ich auf sie mache? Nein, das kann nicht sein, das wäre gar zu subtil, gar zu fein gedacht und sähe einem solchen Dämchen vom Lande gar zu unähnlich. Doch wes Geistes Kind sie immer sei – jedenfalls ist sie anders als Marfinka. Und wie schön sie ist, mein Gott! In diesem Winkel hier solch eine Schönheit zu finden – wie seltsam!‹

Er gab sich alle Mühe, sie aus ihrer vorsichtigen Haltung herauszulocken, auf eine lebendige Ader bei ihr zu treffen und sie zu aufrichtigen Erklärungen zu veranlassen. Aber je mehr Mühe er sich gab, je gereizter er wurde, desto kühler wurde sie. Unsicher tastete er von Frage zu Frage.

»Sie haben sich in meiner Abwesenheit meiner Bibliothek angenommen?« fragte er.

»Ein wenig, ja – dann nahm Leontij Iwanowitsch sie in seine Obhut. Ich war herzlich froh, die Sorge los zu sein.«

»Hoffentlich hat er nicht alle Bücher fortgenommen? Sie haben doch einiges für sich behalten?«

»Nein, er hat alles fortgebracht ... doch es kann sein, daß Marfinka einige Bücher behalten hat.«

»Und Sie? Hatten Sie nicht den Wunsch, etwas davon für sich zu nehmen?«

»Nein. Ich las, was mir gefiel, und stellte es wieder zurück.«

»Und was gefiel Ihnen denn?«

Sie schwieg.

»Nun, Wera?«

»Sehr vieles; was es war, hab ich schon vergessen«, sagte sie und blickte dabei zum Fenster hinaus.

»Es sind verschiedene historische Werke darunter, auch einige Poesie ... Haben Sie das alles gelesen?«

»Ja, so manches ...«

»Was zum Beispiel?«

»Ich weiß es wirklich nicht mehr!« versetzte sie träge – seine Fragen schienen ihr offenbar lästig zu sein.

»Lieben Sie die Musik?« fragte er.

Sie sah ihn bei dieser neuen Frage forschend an.

»Lieben? Wie meinen Sie das? Soll das heißen, ob ich selbst musiziere oder ob ich gern Musik höre?«

»Das eine wie das andere.«

»Nein, ich musiziere nicht selbst, und was das Anhören betrifft ... wo bekommt man hier gute Musik zu hören?«

»Was lieben Sie überhaupt?«

Sie sah ihn wieder fragend an.

»Sind Sie gern in der Wirtschaft tätig? Befassen Sie sich mit Handarbeiten, mit Stickereien?«

»Nein. – Aber Marfinka versteht sich auf alle diese Dinge.«

Raiskij sah sie an, machte ein paar Schritte durchs Zimmer und blieb dann vor ihr stehen.

»Sagen Sie, Wera – Sie ... fürchten sich wohl vor mir?« fragte er.

Sie verstand seine Frage nicht und sah ihn groß an, mit einer naiv erstaunten Miene, die so gar nicht zu ihren klugen, durchdringenden scharfen Augen paßte.

»Warum sprechen Sie sich nicht frei aus? Warum halten Sie vor mir hinterm Berge?« fuhr er fort. »Sie denken vielleicht, ich könnte mich ... über Sie lustig machen oder geringschätzig von den Dingen reden, die Sie interessieren ... mit einem Wort: meine Fragen sind Ihnen peinlich, machen Sie verlegen und schüchtern ...«

Sie blickte mit einem Ausdruck so spöttischer Verwunderung auf ihn, daß er nicht einen Augenblick darüber in Zweifel blieb, wie wenig von Verlegenheit und Schüchternheit bei ihr die Rede sein konnte.

Er begriff, daß seine Frage einfach töricht war und war auf sich selbst ernstlich erzürnt.

»Marfinka nämlich fürchtet sich vor mir«, sagte er, in der Absicht, den schlechten Eindruck zu verwischen, den seine Worte auf sie zu machen schienen. »Und dabei liegt gar kein Grund vor.«

»Ganz recht, auch ich sehe keinen Grund, mich vor Ihnen zu fürchten, und ich fürchte mich auch wirklich nicht«, antwortete sie mit einem feinen Lächeln.

»Aber sagen Sie, was lieben Sie überhaupt?« sprach er, die alte Frage wieder aufnehmend. »Bücher interessieren Sie anscheinend nicht besonders; in der Wirtschaft sind Sie, wie Sie sagen, nicht gern tätig. Irgend etwas muß es aber doch geben, das Ihnen Freude macht. Haben Sie Blumen gern?«

»Blumen? Wenn sie im Garten draußen stehen, hab ich sie gern, aber nicht im Zimmer, da machen sie zuviel Schererei!«

»Und lieben Sie die Natur ... im allgemeinen, mein ich?«

»O ja – diesen lauschigen Winkel hier, die Wolga, die Schlucht, den Wald dort, den Garten: das alles liebe ich sehr!« versetzte sie, und ihr Auge ruhte mit offenbarer Freude auf dem Landschaftsbild vor ihrem Fenster.

»Was fesselt Sie denn so sehr an diesen Winkel hier?«

Sie schwieg und fuhr fort, gleichsam jeden Baum, jeden Hügel, jede Biegung des Flusses mit entzückten Blicken zu liebkosen.

»Alles«, entgegnete sie gleichmütig auf seine Frage.

»Gewiß, das alles ist schön und anziehend, aber es dürfte doch auf die Dauer nicht genügen: diese Aussicht, dieses Ufer, die Berge, der Wald – es muß Sie doch mit der Zeit langweilen, wenn nicht irgendein lebendes, gleichfühlendes Wesen Ihre Sympathien teilt und immer wieder auffrischt.«

»Ganz recht, es müßte mich mit der Zeit langweilen«, pflichtete sie ihm bei.

»Sie haben also hier jemanden, mit dem Sie Ihre Sympathien teilen und Ihre Gedanken austauschen?«

Sie schwieg und tat, als höre sie ihn nicht.

»Wie steht's damit, Wera?«

»Wie? ... Sie wissen doch, daß ich hier nicht allein lebe«, sagte sie. »Ich habe die Tante, habe Marfinka.«

»Sollten Sie wirklich mit ihnen Ihre Sympathien teilen und Ihre Gedanken austauschen?«

Sie sah ihn ein wenig verwundert an. ›Warum nicht?‹ stand in ihren Augen zu lesen.

»Nein«, fuhr er fort, »nicht die Ihrigen hier meine ich. Doch vielleicht gibt es sonst jemanden, mit dem Sie gern dort am Rande der Schlucht stehen oder im dichten Gebüsch sitzen – es ist ja auch eine Bank da ... mit dem Sie den Morgen, den Abend, die ganze Nacht dort zubringen, ohne zu merken, wie die Zeit verrinnt, ohne Unterlaß plaudernd oder auch halbe Tage lang schweigend, ganz im Gefühl des Glücks, des gegenseitigen Verstehens ..., so daß Sie nicht nur wissen, was der andere denkt, wenn er spricht, sondern auch, wenn er schweigt ... daß er in dem abgrundtiefen Blick Ihres Auges das Geheimnis Ihrer Seele, das Flüstern Ihres Herzens zu lesen vermag ... das meine ich!«

Sie saß mit gesenkten Wimpern da, wie in tiefes Nachdenken versunken.

»Vielleicht gibt es solch einen Partner Ihres Wesens«, fuhr er, während er sie forschend ansah, in seiner Rede fort, »der, wenn er gleich in der Ferne weilt, doch ewig um Sie ist, daß Sie seine Nähe fühlen, daß er einen Teil Ihres Seins in sich trägt, wie Sie einen Teil seines Herzens, seines Denkens, seines Schicksals in sich tragen, daß Sie diese Berge und Wälder nicht mit Ihren Augen allein sehen, dieses Rauschen nicht mit Ihren Ohren allein hören, daß vom lauen Hauch der dunklen Nacht nicht Ihr Antlitz allein umfächelt wird, sondern überall jenes zweite, verwandte Wesen mit Ihnen ist ...«

Sie machte plötzlich eine rasche Bewegung und warf ihm einen Blick zu, der ihn wie ein jäher Lichtstrahl traf. Unwillkürlich hielt Raiskij einen Augenblick inne, doch der Strahl erlosch, und sie saß wieder unbeweglich da.

»Nur dann«, fuhr er, während er in ihren Zügen zu lesen suchte, fort, »ja, nur dann hat alles das einen Sinn, nur dann bedeutet es Freude und Glück. Mein Gott, und welch ein Glück! Haben Sie hier solch einen Partner – solch ein zweites Herz, eine zweite Seele, die Sie in innigem Austausch teilnehmen lassen an dem Leben Ihres Herzens und Ihrer Seele? Existiert es, dieses zweite Wesen?«

»Ja, es existiert!« sagte sie, und deutlich klang jener seltsame, tiefe Flüsterton in ihrer Stimme mit.

»Es existiert?! Und wer ist dieses glückliche Wesen?« fragte er in einem Ton, aus dem es wie Neid und Eifersucht, ja fast wie Furcht hervorklang.

Sie schwieg ein Weilchen.

»Es ist ... die Frau des Popen, bei der ich zu Besuch war – man hat Ihnen wohl von ihr erzählt?« antwortete Wera, erhob sich von ihrem Stuhl und strich mit der Hand über ihre Schürze, um die Zwiebackkrümchen davon zu entfernen.

»Die Frau des Popen!« wiederholte Raiskij ungläubig.

»Ja, sie ist mein Seelenpartner. Wenn sie mich besucht, blicken wir oft stundenlang auf die Wolga und können uns nicht satt sehen und satt plaudern. Und auch auf jener Bank sitzen wir, wie Sie richtig erraten haben ... Trinken Sie nicht mehr? Dann lasse ich abräumen ...«

»Die Frau des Popen!« wiederholte er, in Nachdenken versunken, ohne zu hören, was sie sagte, und ohne zu bemerken, daß sie lächelte und daß ihr Kinn dabei bebte.

Auf sein Gesicht aber legte sich eine Wolke von Zweifel, Mißtrauen und grundloser, unmotivierter Trauer. Er begann sich selbst zu analysieren und mußte sich gestehen, daß er Wera keineswegs aus Teilnahme nach diesem »jemand« ausgeforscht hatte, mit dem sie ihre Sympathien austauschte, sondern um sie auszuhorchen und vor ihr zu prunken, sie einen Blick in seine reiche Gedanken- und Gefühlswelt tun zu lassen. Er mußte sich sagen, daß er insgeheim die Hoffnung gehegt hatte, in ihr ein ebenso jugendlich-knospenhaftes Wesen zu finden wie in Marfinka, und daß er, zunächst wohl unbewußt, im stillen sich selbst die Rolle zugeteilt hatte, die junge Knospe zur Entwicklung zu bringen, die Landschaft da draußen für sie zu beleben und ihr »Partner« zu werden.

Mit einem Wort: Dieselben Wünsche und Bestrebungen, die bei der Begegnung mit der Belowodowa und mit Marfinka sich in ihm geregt hatten, traten auch jetzt zutage, und zwar um so stärker und unwiderstehlicher, als Weras Schönheit etwas so geheimnisvoll Lockendes hatte und der ganze Reiz ihres Wesens nicht auf einmal zutage trat wie bei jenen beiden und so vielen anderen, die er gekannt hatte, sondern sich hinter dem Schleier der Zurückhaltung barg und seine Phantasie schon bei dieser ersten Begegnung aufs lebhafteste reizte.

Was würde die Zukunft ihm noch über sie enthüllen: Wer war sie, was war sie? Eine listige Kokette, eine geschickte Schauspielerin – oder eine tief angelegte, zarte Frauennatur, eins von jenen Wesen, die ganz nach Willkür mit dem Leben eines Menschen spielen, ihn mit Füßen treten, seine Existenz vernichten – – oder ihm ein Glück gewähren, wie es köstlicher, heißer, lebendiger einem Sterblichen nicht gewährt werden kann?

»Wollen Sie noch Kaffee trinken?« fragte Wera zum zweiten Male.

»Nein, ich danke. – Sagen Sie einmal, Wera, lieben Sie die Großtante und Marfinka?« fragte er nachdenklich, um auf ein anderes Thema überzugehen.

»Wen sollte ich denn sonst noch lieben?«

»Und lieben Sie mich?« fragte er plötzlich, einen scherzhaften Ton anschlagend.

»Auch Sie werde ich lieben«, sagte sie, ihn mit heiterem Blick ansehend, »wenn Sie ... es verdienen!«

»Ah, so-o! Aber ich bin doch Ihr Vetter. Sie sind mir auch ohnedies Liebe schuldig!«

»Ich bin keinem Menschen etwas schuldig!«

»Wie Sie prahlen können! ›Ich bin niemandem verpflichtet, beuge mich vor niemand, fürchte niemand: ich bin stolz!‹ ... Ist's nicht so?«

»Nein, durchaus nicht.«

Raiskij schwieg einen Augenblick.

›Sie ist über diese Gemeinplätze noch nicht hinweg – noch zu sehr Provinz‹, dachte er, während er verstimmt im Zimmer auf und ab schritt.

»Und wie muß man es anfangen, um ein solches Glück zu verdienen?«

»Welches Glück?«

»Das Glück, Ihre Liebe zu erringen.«

»Es heißt, daß die Liebe so gegeben wird, ohne Verdienst, daß sie blind ist ... Ich weiß im übrigen nicht ...«

»Zuweilen keimt sie doch auch zwischen Sehenden auf«, versetzte Raiskij, »auf dem Wege des Vertrauens, der Achtung, der Freundschaft. Mit diesen möchte ich beginnen, um mit der Liebe zu enden. Was muß ich also tun, liebe Kusine, um Ihre Blicke auf mich zu ziehen, Ihre Aufmerksamkeit zu verdienen?«

»Was Sie tun müssen? Mich überhaupt nicht beachten«, sagte sie nach kurzem Schweigen.

»Wie – ich soll so tun, als bemerke ich Sie gar nicht?«

»Sie sollen nicht so große Augen machen wie eben jetzt!« fiel sie ihm ins Wort. »Dann sollen Sie auch nicht in mein Zimmer gehen, wenn ich nicht da bin, und mich nicht fragen, wen und was ich liebe oder nicht liebe.«

»Wie stolz! Aber sagen Sie, Kusine, entschuldigen Sie meine Offenheit: Ist dieser Stolz nicht ein bißchen übertrieben?«

Sie schwieg.

»Wollen Sie nicht ein klein wenig mit Ihrem unabhängigen Charakter prahlen? Sie halten es vielleicht mit dem Selfgovernment, wollen zeigen, daß Sie sich von den hiesigen Autoritäten, von Tantchen, von Nil Andrejitsch und so weiter emanzipiert haben?«

»Sie wollen anscheinend jetzt gleich den Anfang damit machen, mein Vertrauen und meine Freundschaft zu verdienen?« versetzte sie lachend, nahm dann aber eine ernste Miene an und sah müde und gelangweilt aus. »Ich verstehe nicht ganz, was Sie eigentlich sagen wollen«, fügte sie hinzu.

»Ich sagte das alles nur darum, weil Tantchen mir mehrfach versicherte, Sie seien sehr stolz.«

»Tantchen? Wie konnte sie das sagen? Ich bin durchaus nicht stolz. Wie kam sie dazu, Ihnen das zu versichern?«

»Ich habe mich entschlossen, Ihnen und Marfinka das alles hier, die beiden Häuser, die Gartenanlagen und den Park, zum Geschenk zu machen. Sie meinte nun, Sie würden das Geschenk nicht annehmen – hat sie recht gehabt?«

»Es ist mir ganz gleich, ob es Ihnen oder mir gehört, wenn ich nur hierbleiben kann«, sagte Wera.

»Sie selbst wollte aber nicht hierbleiben – sie wollte nach Nowosselowo ziehen.«

»In der Tat?« rief Wera jäh aus, und es klang wie Angst aus ihrer Stimme.

»Nun, ich habe alles wieder ins gleiche gebracht. Welchen Sinn hätte es für sie, hier fortzuziehen! Marfinka hat das Geschenk angenommen, jedoch nur unter der Bedingung, daß auch Sie einwilligen. Auch Tantchen ist schwankend geworden und wartet offenbar mit ihrer Entscheidung, bis Sie sich geäußert haben. Nun – und was sagen Sie? Werden Sie es annehmen, wie eine Schwester vom Bruder?«

»Ja, ich nehme es an«, sagte sie hastig. »Oder nein: warum sollen Sie es mir schenken? Ich kaufe es Ihnen ab. Verkaufen Sie mir das alles hier – ich bin nicht ohne Mittel, ich zahle Ihnen dafür fünfzigtausend Rubel.«

»Nein, darauf lasse ich mich nicht ein.«

Sie stand einen Augenblick sinnend da und warf einen Blick auf die Wolga, den steilen Abhang und den Park.

»Gut, wie Sie wollen – ich bin mit allem einverstanden, wenn wir nur hierbleiben.«

»Dann kann ich also die Schenkungsurkunde ausstellen lassen?«

»Ja, ich danke Ihnen«, sagte sie, trat auf ihn zu und streckte ihm beide Hände entgegen. Er nahm sie, schüttelte sie und küßte sie dann auf die Wange. Sie erwiderte mit einem kräftigen Händedruck und einem Kuß in die Luft.

»Sie scheinen diesen Winkel und das alte Haus wirklich sehr zu lieben?«

»Ja, sehr.«

»Hören Sie, Wera, überlassen Sie mir ein Zimmer hier im Hause – wir wollen zusammen lesen, studieren. Interessieren Sie sich für wissenschaftliche Dinge?«

»Was sollen wir denn studieren?« fragte sie verwundert.

»Nun, sehen Sie, ich möchte für Marfinka einen praktischen Kursus der Literatur- und Kunstgeschichte arrangieren. Haben Sie keine Angst«, fügte er rasch hinzu, als er sah, daß ein Schatten sich auf ihr Gesicht legte, »unser Kursus wird sich auf etwas Lektüre und die daran anschließende Unterhaltung beschränken. Wir werden alles mögliche lesen. Altes und Neues, Einheimisches und Fremdes. Wir werden uns gegenseitig unsere Eindrücke mitteilen und über das Gelesene diskutieren. Das wird für mich eine angenehme Beschäftigung sein und vielleicht auch Ihnen Vergnügen machen. Lieben Sie die Kunst?«

Sie gähnte leise in die vorgehaltene Hand, und er bemerkte es.

›Es scheint, daß sie keine Lust hat, die Schülerin zu spielen; entweder weiß sie schon alles, oder sie will davon nichts wissen‹, entschied er im stillen.

»Wie lange gedenken Sie hierzubleiben?« fragte sie ihrerseits nach einem Weilchen, ohne auf seine Frage zu antworten.

»Ich weiß es nicht, das hängt von den Umständen ab und ... von Ihnen.«

»Von mir?« wiederholte sie und sah, in Nachdenken versunken, zur Seite.

»Gehen wir hinüber in das andere Haus«, schlug er vor. »Ich will Ihnen meine Skizzenbücher und meine Zeichnungen zeigen, wir wollen miteinander plaudern.«

»Gut, gehen Sie voraus, und ich komme nach. Ich habe mich hier noch gar nicht wieder eingerichtet und muß erst meine Sachen einräumen.«

Er zögerte. Sie hielt die Türklinke in der Hand und wartete, ob er nicht gehen würde.

›Mein Gott, wie schön ist sie! Und was für eine seltsame, sinnbetörende Schönheit!‹ dachte er, während er sich nach seinem Zimmer begab und zu ihrem Fenster hinaufblickte.

»Wera Wassiljewna ist angekommen!« sagte er lebhaft zu Jakow, den er im Vorzimmer traf.

»Tantchen, Wera ist angekommen!« rief er laut, als er am Kabinett der Großtante vorüberging, und klopfte an die Tür.

»Marfinka!« schrie er an der Treppe, die zu Marfinkas Zimmer führte, »Werotschka ist angekommen!«

Ein hastiges Laufen, Lärmen und Rufen, vermischt mit dem Klirren von Schlüsseln und dem Fauchen des Samowars, war die Antwort auf die Nachricht, die er brachte.

Er begann hastig in seinen Mappen und Papieren zu wühlen, trug, was er ausgewählt hatte, in den Salon, breitete es dort auf dem Tisch aus und wartete mit Ungeduld, bis Wera, nachdem sie alle Umarmungen, Zärtlichkeiten und Fragen der Großtante und Marfinkas überstanden hatte, endlich zu ihm eilen würde, um das begonnene Gespräch fortzusetzen, das, wenn es nach ihm gegangen wäre, nie ein Ende gefunden hätte. Er wunderte sich selbst über seine Behendigkeit und schämte sich sogar ein wenig dieser Geschäftigkeit, die wirklich so aussah, als wollte er sich um jeden Preis »ihre Aufmerksamkeit, ihre Freundschaft und ihr Vertrauen verdienen«.

›Wart nur‹, dachte er, ›ich will dir beweisen, daß du im Vergleich zu mir nichts weiter bist als ein unbedeutendes kleines Mädchen.‹

Er wartete mit Ungeduld, aber wer nicht kam, war Wera. Er hatte es sich so zurechtgelegt, daß er sie zunächst in ein endloses Gespräch über die Kunst verwickeln würde, um dann auf das Wesen der Schönheit, die Welt der Gefühle und so weiter überzugehen.

›Noch hat dir die Frau des Popen nicht alles offenbart!‹ dachte er. ›Noch sind dir weite Gebiete des Geistes- und Gefühlslebens verschlossen geblieben – wir wollen doch sehen, ob du deiner selbst wirklich so sicher bist, wenn du erst ...‹

Doch sie kam und kam nicht. Er wurde ernsthaft böse, packte seine Zeichnungen zusammen und wollte sie eben in sein Zimmer zurücktragen, als plötzlich die Tür weit aufging und – Polina Karpowna vor ihm stand, in einem wolkenartigen Musselinkleid, mit hellblauen Schleifchen um den Hals, auf der Brust, über dem Magen, an den Schultern und einem durchsichtigen Hütchen mit Ähren und Vergißmeinnichtblüten auf dem Kopfe. Hinter ihr her kam, mit Fächer und Klappstuhl beladen, ihr Kadett ins Zimmer stolziert.

»O mein Gott!« rief Raiskij, und ein schmerzliches Zucken ging über sein Gesicht.

»Bon jour!« rief sie ihm entgegen. »Sie haben mich nicht erwartet? Ich sehe es, ich sehe es! Du courage! Ich kann alles begreifen. Ich machte mit Michel einen Spaziergang durchs Gehölz und dachte, du wirst einmal bei ihnen vorsprechen! – Michel! Saluez donc monsieur et mettez tout cela de côté! – Was haben Sie denn da? Ah, Ihre Skizzenbücher und Zeichnungen, die Erzeugnisse Ihrer Muse. Ich bin schon ganz hin vor lauter Entzücken, ehe ich noch etwas gesehen habe. Zeigen Sie her, zeigen Sie her, um Gottes willen! Setzen Sie sich hierher – so, näher heran, näher heran.«

Sie brauchte das Sofa und noch ein paar Stühle dazu, um ihr Kleid darauf auszubreiten.

Raiskij hätte ihr am liebsten die Mappen und Hefte an den Kopf geworfen. Er stand da und wußte nicht, ob er aus dem Zimmer gehen und sie allein lassen, oder ob er sich vor seinem Schicksal demütig beugen und ihr die Zeichnungen zeigen sollte.

»Nicht so zaghaft, immer Mut, Mut!« rief sie ihm zu.

»Michel, allez-vous promener un peu dans le jardin! Setzen Sie sich doch hierher, näher zu mir!« sagte sie, als der Kadett hinausgegangen war.

Raiskij brach plötzlich in ein nervöses Lachen aus und setzte sich neben sie.

»So ist's recht!« sagte sie, und im Flüsterton fügte sie hinzu: »Ich sehe, daß Sie mich verstehen.«

Raiskij hatte seine gute Laune wiedererlangt.

›Die spielt ihre naive Komödie wenigstens offen, ohne Winkelzüge und Heimlichkeiten, wie jene‹, dachte er.

»Nein, wie lieb! Charmant, ce paysage!« schwatzte die Krizkaja drauflos, während sie die Zeichnungen betrachtete. »Qu'est-ce que c'est que cette belle figure?« fragte sie, ein Aquarellporträt der Belowodowa eingehend prüfend. »Ah, que c'est beau! Das ist wohl der Gegenstand Ihrer Anbetung? Bekennen Sie!«

»Ja.«

»Ich wußte es. Oh, vous êtes terrible, allez!« sagte sie und versetzte ihm mit dem Fächer einen leichten Schlag auf die Schulter.

Er lachte.

»Es seufzen doch sicher sehr viele nach Ihnen, n'est-ce pas? Gestehen Sie es nur! Und was hier noch alles zu erwarten steht!«

Sie warf ihm einen langen, listig forschenden Blick zu.

»Monstre!« rief sie dann schelmisch.

›O Gott, wie widerwärtig ist sie doch, prügeln möchte man sie!‹ dachte er, wieder in seinen ganzen Ingrimm zurückfallend, und knirschte mit den Zähnen.

»Ich habe eine Bitte an Sie, Monsieur Boris, hoffentlich darf ich mir die kleine Vertraulichkeit erlauben, Sie so zu nennen? Faites mon portrait!«

Er schwieg.

»Ma figure y prête, j'espère?«

Er schwieg noch immer.

»Sie schweigen – also ist die Sache abgemacht? Wann darf ich Ihnen sitzen? Was für ein Kleid soll ich anziehen? Raten Sie mir, ich verlasse mich ganz auf Sie, bin Ihre ergebene Sklavin«, flüsterte sie lispelnd, wobei sie ihn zärtlich ansah und fast geneigt schien, ihren Kopf an seine Schulter zu legen.

»Lassen Sie mich hinaus, um Gottes willen, ich muß in die frische Luft!« rief er in höchster Qual und erhob sich, seine Beine nur mit Mühe aus dem Gefält ihrer Röcke befreiend.

»Ah, Sie sind erregt – ganz natürlich, ja, ja, ich habe das beabsichtigt, und ich habe es erreicht!« rief sie triumphierend und fächelte sich das Gesicht. »Wann fangen wir also mit dem Porträt an?«

Er wickelte schweigend seine Beine aus dem Gewirr ihrer Röcke heraus.

»Oh, oh, Sie sind gefangen, ich lasse Sie nicht los!« neckte sie ihn und suchte ihn in der Umstrickung festzuhalten.

»Lassen Sie mich los – sonst schrei ich!«

In diesem Moment ging leise die Tür auf, und Wera erschien auf der Schwelle. Sie stand ein paar Augenblicke da, ehe die beiden sie bemerkten. Die Krizkaja sah sie zuerst und rief in scherzendem Tone:

»Ah, Wera Wassiljewna! Sie sind zurück? Welch ein Glück! Sie haben uns gefehlt, sehen Sie nur, Ihr Cousin ist gefangen – wie ein Löwe, der in die Falle geraten ist, nicht wahr? Wie geht's Ihnen, meine Liebe? Sie sehen frisch aus, Sie haben zugenommen.«

Und sie erhob sich, um Wera mit einem Kuß zu begrüßen.

Wera hatte schweigend die sonderbare Szene betrachtet. Um ihr Kinn zitterte ein feines Lachen.

»Ich habe Sie schon längst erwartet«, bemerkte Raiskij trocken zu ihr.

»Ich habe gut daran getan, nicht eher zu kommen«, sagte Wera ironisch, doch höflich, nachdem sie die Krizkaja begrüßt hatte. »Polina Karpowna ist zur rechten Zeit gekommen.«

»N'est-ce pas?«

»Sie hat jedenfalls mehr Verständnis für diese Sachen als ich. Ich habe in Dingen der Kunst kein Urteil, und auch mein Geschmack ist nicht weit her«, fuhr Wera fort, nahm zwei oder drei Zeichnungen auf, betrachtete sie flüchtig, legte sie wieder hin und trat vor den Spiegel, in dem sie sich aufmerksam betrachtete.

»Wie blaß ich heute bin! Der Kopf tut mir etwas weh, ich habe heute nacht schlecht geschlafen. Auf Wiedersehen, Cousin, ich will noch etwas ruhen. Entschuldigen Sie mich, Polina Karpowna!« fügte sie hinzu und schlüpfte zur Tür hinaus.

Man hörte ihre Schritte nicht, nur das Knarren der Treppe ließ darauf schließen, daß sie zu Marfinka hinaufging.

»Nun sind wir wieder allein!« sagte Polina Karpowna, während sie das Sofa und den halben Tisch mit ihren Röcken bedeckte. »Lassen Sie sehen! Setzen Sie sich hierher, ganz nahe zu mir!«

Raiskij raffte schweigend, mit einer einzigen Handbewegung, alle Zeichnungen und Hefte in einen Haufen zusammen, schob alles in die größte Mappe hinein, klappte sie heftig zu und ging, ohne sich umzusehen, mit zornigen Schritten zur Tür hinaus.

 << Kapitel 16  Kapitel 18 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.