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Die Schlucht. Zweiter Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Zweiter Teil - Kapitel 16
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Zweiter Teil
booktitleDie Schlucht. Band 1
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid8c69add1
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XV

Mark hatte in der Tat Hunger: fünf-, sechsmal langte er zu und – der Sterlet war verspeist. Aber auch Raiskij hieb tapfer ein; als Marina kam, um abzuräumen, fand sie nur noch das Gerippe des Truthahns vor.

»Jetzt noch irgendeine süße Speise!« sagte Boris Pawlowitsch.

»Vom Nachtisch ist nichts übriggeblieben«, versetzte Marina. »Eingemachtes Obst ist da, aber die Kellerschlüssel hat Wassilissa.«

»Ach was, eingemachtes Obst!« ließ Mark sich vernehmen. »Wollen wir nicht lieber einen Punsch brauen? Ist Rum da?«

Raiskij sah Marina fragend an.

»Ich glaube wohl – das Fräulein hat dem Koch welchen herausgegeben, für morgen zum Pudding; ich will im Büfett nachsehen.«

»Ist Zucker da?«

»Beim Fräulein im Zimmer – ich werde ihn schon herausholen«, sagte Marina und verschwand.

»Und eine Zitrone!« rief Mark hinterher.

Marina brachte eine Flasche Rum, eine Zitrone und Zucker, und Mark begann, den Punsch zu bereiten. Die Kerzen wurden ausgelöscht, nur die unheimlich flackernde blaue Flamme über dem Gefäß, in dem der Punsch bereitet wurde, erhellte das Zimmer. Mark rührte von Zeit zu Zeit mit dem Teelöffel den Rum auf; der von zwei Gabeln festgehaltene Zucker zerschmolz in der Flamme, und die Tropfen fielen zischend in die Terrine. Mark kostete ab und zu, ob das Gebräu schon fertig war, und rührte es dann wieder mit dem Löffel.

»Ja, also ...«, begann Raiskij nach einer Weile und hielt inne.

»Was – also?« wiederholte Mark und sah ihn fragend an.

»Sind Sie schon lange in der Stadt?«

»Seit zwei Jahren.«

»Sie langweilen sich jedenfalls?«

»Ich suche mich nach Möglichkeit zu zerstreuen.«

»Erlauben Sie – ich möchte doch ...«

»Bitte, sprechen Sie ohne Umstände! Fragen Sie nach Belieben! Was sollte ich also erlauben?«

»Ich möchte doch bezweifeln ...«

»Was?«

»Daß es mit Ihren Zerstreuungen weit her ist. Überhaupt scheint mir die Rolle, die Sie spielen ... oder vielmehr ... verzeihen Sie ...«

»Schon wieder ›verzeihen Sie‹!«

»... und die man Ihnen zuschreibt ...«

»Ich spiele hier überhaupt keine Rolle – darum schreibt man mir eben eine zu!«

Er schenkte sich ein Glas Punsch ein und trank davon.

»Er ist fertig, trinken Sie!« sagte er, goß ein zweites Glas voll und schob es Raiskij hin. Dieser trank es langsam aus – er fand keinen Geschmack an dem Trank und wollte nur seinem Gast Gesellschaft leisten.

»Ich meine«, fuhr er dann fort, »die Rolle, die Sie anscheinend spielen, ist nicht Ihre wirkliche Rolle.«

»Wie sonderbar Sie sind! Ich sage Ihnen doch, daß ich überhaupt keine Rolle spiele! Kann man denn nicht ohne solch eine Rolle leben?«

»Aber der Mensch hat doch den unwiderstehlichen Drang, sich irgendwie zu betätigen. Und Sie tun anscheinend gar nichts.«

»Und was tun Sie denn?«

»Ich sagte Ihnen doch bereits, daß ich ... ein Künstler bin.«

»Zeigen Sie mir irgendein Erzeugnis Ihrer Kunst.«

»Ich habe augenblicklich nichts da – höchstens hier eine Bagatelle, die noch gar nicht fertig ist.«

Er erhob sich vom Sofa, nahm die Schutzhülle von Marfinkas Porträt und zündete ein Licht an.

»Ja, es ist Ähnlichkeit da«, sagte Mark. ›Nicht übel! Er hat doch Talent!‹ dachte er bei sich. »Es wäre sogar ganz ausgezeichnet, wenn nicht ... der Kopf zu groß und die Schultern etwas zu breit angelegt wären.«

›Er sieht ganz richtig!‹ sagte sich Raiskij.

»Das beste daran ist der helle Ton in der Luft und im Hintergrund. Die ganze Gestalt erscheint dadurch leicht und ätherisch, gleichsam durchsichtig. Sie haben das Charakteristische der jungen Dame richtig erfaßt. Zu ihrem Teint und der Farbe ihres Haares paßt dieses leichte Kolorit.«

›Er hat Geschmack und Verständnis‹, dachte Raiskij wieder. ›Sollte er insgeheim vielleicht selbst Künstler sein?‹

»Kennen Sie Marfinka?« fragte er Mark.

»Ja, ich kenne sie.«

»Und Wera?«

»Auch Wera kenne ich.«

»Wo haben Sie sie gesehen? Sie kommen doch nicht ins Haus!«

»Ich sah sie in der Kirche.«

»In der Kirche? Es heißt doch, Sie gehen nicht in die Kirche!«

»Ich erinnere mich nicht recht, wo ich sie sah. Vielleicht bin ich ihnen im Dorf oder auf dem Feld begegnet.«

Er trank noch ein zweites Glas Punsch.

»Trinken Sie nicht noch eins?« fragte er, während er auch für Raiskij ein zweites Glas einschenkte.

»Nein – ich trinke fast gar nicht, höchstens einmal zur Gesellschaft. Das eine ist mir schon zu Kopf gestiegen.«

»Mir geht's ebenso, aber was tut das? Trinken Sie nur! Wenn's nicht berauschte, würde man doch nicht trinken.«

»Warum soll ich trinken, wenn ich doch gar kein Bedürfnis danach habe?«

»Da haben Sie freilich recht; nun, so will ich statt Ihrer trinken!«

Und er trank auch Raiskijs Glas aus.

›Ist er nicht gar ein Säufer?‹ dachte Raiskij, als er sah, mit welchem Behagen Mark Glas auf Glas leerte.

»Sie wundern sich wohl, daß ich soviel trinke?« sagte Mark, der seine Gedanken erriet. »Ich tu's aus Langerweile und Trägheit ... man hat nichts Besseres vor!«

Er füllte von neuem sein Glas, stellte es neben sich und bat um eine Zigarre. Raiskij reichte ihm die Kiste.

›Er hat ganz rote Augen‹, dachte er. ›Ich hätte ihn doch nicht mitnehmen sollen. Die Tante scheint recht zu haben; es scheint nicht ganz geheuer mit ihm.‹

»Der Müßiggang – ja, der ist ...«

»Aller Laster Anfang, wollen Sie sagen«, unterbrach ihn Mark. »Schreiben Sie das in Ihren Roman hinein und verkaufen Sie es als allerneueste Weisheit.«

»Ich will nur sagen«, fuhr Raiskij fort, »daß es ganz von uns abhängt, ob wir müßig gehen wollen oder nicht.«

»Als Sie vorhin bei Leontij über den Zaun kletterten«, fuhr Mark wieder dazwischen, »da dachte ich, Sie wären ein verständiger Mensch. Jetzt glaube ich aber doch fast, daß Sie zur Garde des ehrenwerten Nil Andrejitsch gehören – Sie halten Moralpredigten.«

»Sie sehen also, daß ich recht daran tat, mich von vornherein bei Ihnen zu entschuldigen. Man kann in seinen Worten nicht vorsichtig genug sein!« bemerkte Raiskij.

»Vorsichtig? Durchaus nicht! Sagen Sie ruhig, was Sie denken, und lassen Sie mich Ihnen antworten, was ich denke. Ich habe mich doch auch nicht erst entschuldigt, als ich Sie der Garde des Nil Andrejitsch zuzählte – und eine größere Beleidigung kann's doch gar nicht geben!«

»Ist es wahr, daß Sie nach ihm geschossen haben?« fragte Raiskij neugierig.

»Unsinn! Ich habe draußen vor der Stadt auf Tauben geschossen, um mein Gewehr zu entladen – ich kam gerade von der Jagd zurück. Er ging da spazieren, und als er sah, daß ich schieße, schrie er mich an, es sei Sünde, auf Tauben zu schießen, und ähnliches dummes Zeug. Wär's dabei geblieben, dann hätte ich ihn höchstens einen Esel genannt und wäre weitergegangen; aber er stampfte mit den Füßen, drohte mir mit dem Stock und rief: ›Ich laß dich ins Loch sperren, Bursche, ich bring dich in Teufels Küche, ich laß dich windelweich prügeln, ich zertrete dich zu Staub, laß dich binnen vierundzwanzig Stunden nach Sibirien transportieren!‹ Ich ließ ihn den ganzen Born seiner Koseworte erschöpfen, hörte ihn kaltblütig an und zielte dann auf ihn.«

»Und er?«

»Nun, er duckte sich, verlor seinen Stock und seine Gummischuhe, setzte sich schließlich vor lauter Angst auf den Boden und bat um Verzeihung. Ich schoß meine Büchse in die Luft ab und ließ sie sinken – das war alles.«

»Und das nennen Sie ... eine Zerstreuung?« fragte Raiskij mit leichter Ironie.

»Nein«, antwortete Mark mit ernster Miene, »das war eine wohlverdiente Lektion, die ich einem alten Kinde gab.«

»Was geschah dann weiter?«

»Nichts. Er fuhr zum Gouverneur, um über mich Beschwerde zu führen, und log ihm vor, ich hätte nach ihm geschossen, jedoch nicht getroffen. Wäre ich ein regulärer Bürger dieser Stadt, dann hätte man mich sogleich beim Wickel genommen, da ich jedoch außerhalb des Gesetzes stehe und mein eigenes Konto habe, so ließ der Gouverneur die Sache in aller Stille untersuchen und riet Nil Andrejitsch, zu schweigen, ›damit nicht erst in Petersburg etwas darüber verlautbare‹. Davor hat er nämlich eine Heidenangst.«

›Er scheint sich auf seine Heldentaten etwas zugute zu tun‹, dachte Raiskij, während er ihm aufmerksam ins Gesicht sah. ›Am Ende ist er nichts weiter als ein ganz gewöhnlicher Prahlhans aus der Provinz!‹

»Ich wollte Ihnen durchaus nicht Moral predigen«, sagte er laut, »als ich vorhin von Müßiggang sprach – ich wunderte mich nur, daß ein Mensch von Ihrem Verstand, Ihrer Bildung und Ihren Fähigkeiten ...«

»Was wissen Sie denn von meinem Verstand, meiner Bildung, meinen Fähigkeiten?«

»Ich sehe doch ...«

»Was sehen Sie? Daß ich über Zäune klettern, auf alte Narren schießen, viel essen und trinken kann, das sehen Sie, weiter doch nichts!«

Er goß sich noch ein Glas Punsch ein und trank. Nicht ohne Besorgnis sah Raiskij, mit welchem Eifer er dem starken Getränk zusprach, und fragte sich, wie das wohl enden würde. Er bereute im stillen schon diesen kleinen »Spaß«, den er sich mit der Tante hatte erlauben wollen.

»Sie runzeln die Stirn«, sagte Mark; »haben Sie keine Angst, ich werde das Haus nicht in Brand stecken und auch niemandem die Gurgel abschneiden. Wenn ich heute mehr trinke als sonst, so geschieht es, weil ich durchfroren und müde bin. Ich bin kein Säufer.«

Er goß den letzten Rum aus der Flasche in die Terrine und zündete ihn an. Dann legte er beide Ellbogen auf den Tisch und sah geringschätzig auf Raiskij. In seinen ohnedies ungebundenen Manieren trat mehr und mehr jene zudringliche Ungezwungenheit zutage, die sich zumeist bei der Flasche einzustellen pflegt und auf den nüchternen Partner immer peinlich wirkt.

Die Unterhaltung nahm einen ganz familiären Ton an. Trotz der gegenteiligen Versicherung Marks konnte sich Raiskij der Befürchtung nicht erwehren, daß sein Gast doch noch die »Grenzen« überschreiten würde.

»Auch Sie scheinen ja Verstand zu besitzen«, sagte Mark halb ernst, halb ironisch, wobei er Raiskij ungeniert ins Gesicht sah, »ich weiß noch nicht, vielleicht ist's auch nicht der Fall, aber Fähigkeiten, ja sogar Talent – das seh ich – besitzen Sie jedenfalls, ich könnte Sie also mit noch größerem Recht fragen, warum Sie nichts tun?«

»Aber ich habe doch ...«

»Sie haben das Porträt gemalt, wollen Sie sagen!« unterbrach ihn Mark. »Ja – sind Sie denn Porträtist?«

»Ja, ich habe öfters Porträts gemalt.«

»Öfters Porträts gemalt – das nenne ich noch keine Tätigkeit. Auch ich habe öfters dies und jenes getrieben.«

Er mischte sich einen neuen Punsch und schenkte sich ein frisches Glas ein. Raiskij hätte die Unterhaltung mit ihm gern weitergeführt, fürchtete jedoch, daß der Punsch dabei seine böse Wirkung zeigen könnte.

»Sie sagten«, begann er gleichwohl, »ich besäße Talent. Auch andere sagen mir das, ja, sie behaupten sogar, ich besäße verschiedene Talente. Und vielleicht bin ich auch meiner inneren Veranlagung nach ein echter, rechter Künstler – aber ich habe nicht die genügende Vorbereitung für diesen Beruf erhalten.«

»Weshalb nicht?«

»Wie soll ich Ihnen das sagen? Es fehlt bei uns eine eigentliche Arena für die künstlerische Betätigung und somit auch eine richtige Vorbereitung für diese Arena.«

»Nun, Sie haben doch einigen Unterricht empfangen, man kann sich doch nicht so ohne weiteres ans Klavier setzen und drauflosspielen. Auf Ihrem Porträt ist die Schulter schief und der Kopf zu groß – das stimmt wohl, aber Sie haben doch wenigstens gelernt, wie man den Pinsel führt!«

»Nun ja, wenn Sie wollen, habe ich allerdings einigen Unterricht empfangen – um in der Gesellschaft mit liebenswürdigen Talenten zu glänzen, wie mein Vormund sich ausdrückte, um etwas ins Album zu zeichnen, eine schöne Romanze vortragen zu können. Das habe ich ja sehr rasch gelernt. Als ich dann aber älter wurde und erkannte, was der Beruf des Künstlers in Wirklichkeit erfordert, als ich nur der Kunst, nur ihr ganz allein dienen wollte – da suchte man mich abzulenken und wies mich darauf hin, daß die Kunst doch eigentlich nur eine Sache für Plebejer sei. Ich sah, wie man berühmte Sänger und Sängerinnen, die das Publikum in ihren Konzerten zur Begeisterung hinrissen, hinterher von oben herab behandelte. Ich sah tüchtige Maler und Zeichner, die am Hungertuch nagten. Die Tante schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als sie hörte, welches Tätigkeitsfeld ich mir erwählt hatte. Unter meinen Ahnen befinden sich Leute von historischem Namen, Männer in Generalsuniform, mit Ordensbändern und Sternen auf der Brust; auch mich wollte man unter die Kammerjunker stecken, durch die Husarenuniform blenden. Ich war damals noch ein Knabe, ließ mich wirklich blenden und ging unter die Husaren.«

»Nun – und dann? In Petersburg ist doch eine Kunstakademie.«

»Dann ...«

»Was – dann?« unterbrach ihn Mark und lachte hell auf.

»Dann war es zu spät! Was kann die Akademie noch helfen, wenn der Rausch dieses Petersburger Lebens Herz und Hirn schon verwüstet hat?« Es klang wie Unwille aus den Worten Raiskijs, der in grüblerischem Sinnen im Zimmer auf und ab schritt. »Ich habe Vermögen, sehen Sie ... habe eine vornehme Verwandtschaft, bewege mich in der großen Welt ... Alles das hätte ich unter die Armen verteilen müssen, um das Kreuz auf mich zu nehmen und nur meinem Ideal zu folgen, wie ein mir befreundeter Künstler sich ausdrückte. Man hat mich losgerissen von der Kunst wie den Säugling von der Brust der Amme.« Ein Seufzer entrang sich ihm. »Aber ich will zu ihr zurückkehren, will ans Ziel gelangen!« sagte er entschlossen. »Noch ist meine Zeit nicht abgelaufen, noch bin ich nicht alt.«

Mark lachte wieder laut.

»Nein«, sagte er; »das werden Sie nicht tun; nie im Leben!«

»Warum nicht? Wie können Sie das so bestimmt sagen?« rief Raiskij fast leidenschaftlich, während er auf ihn zutrat. »Sie sehen doch, ich habe die Willenskraft, die Energie.«

»Ja, ja, ich sehe es. Ihr Gesicht ist ganz entflammt, und Ihre Augen glühen – und alles das von einem einzigen Glas. Wie wird's erst sein, wenn Sie noch mehr trinken! Dann werden Sie gleich hier, auf der Stelle, etwas dichten oder zeichnen. Trinken Sie doch noch – wollen Sie nicht?«

»Aber wie können Sie so reden? Glauben Sie nicht an den Ernst meiner Vorsätze?«

»Warum soll ich nicht daran glauben? Es heißt freilich, der Weg zur Hölle sei mit guten Vorsätzen gepflastert. Nein, Sie werden nichts fertigbringen, und es wird nichts aus Ihnen werden, außer eben das, was schon aus Ihnen geworden ist, und das ist sehr wenig. Solche Künstler hat es immer bei uns gegeben und gibt es auch heute noch in Menge; sie ergeben sich dem Trunk oder gehen sonstwie zugrunde. Ich wundere mich noch, daß Sie nicht trinken; unsere Künstler enden zumeist auf diese Weise. Lauter Pechvögel!«

Er schob Raiskij mit spöttischem Lächeln das gefüllte Glas hin und trank selbst.

›Er ist kalt, herzlos, boshaft!‹ dachte Raiskij im stillen. Ganz besonders machten ihn die letzten Worte betroffen. ›Solche Künstler gibt es bei uns in Menge‹, flüsterte er still vor sich hin und versank in Nachsinnen. ›Gehöre ich wirklich zu dieser Kategorie? Zu diesen Unglücklichen mit dem Stempel des Talents, die in Unbildung und Schmutz verkommen und ihre Begabung dem Branntweinteufel opfern? ›Ein Fuß in der Galosche, der andere im Pantoffel‹‹ – der anschauliche Vergleich der Großtante fiel ihm plötzlich ein. ›Bin ich wirklich ein ... verbummeltes Genie? Und diese Hartnäckigkeit, dieses Festhalten an dem einzigen, ewigen Ziel – was bedeutet das? Nein, es ist nicht wahr, was er sagt!‹

»Sie werden sehen, daß nicht alle so sind«, versetzte er leidenschaftlich. »Sie werden sehen, daß ich unbedingt ...« Er hielt unwillkürlich inne: das hochmütige ›unbedingt‹, das der Großtante so verhaßt war, war ihm wieder einmal entschlüpft. »Sie sehen doch selbst, daß ich mich nicht dem Trunk ergeben habe«, fügte er hinzu.

»Ganz recht, Sie trinken nicht. Das ist ein Fortschritt, ein Anfang zum Besseren. Die große Welt, die Handschuhe, die Bälle und Parfüms haben Sie vor dem Branntwein bewahrt. Aber es gibt noch andere Mittel, sich zu berauschen. Sagen Sie, sind Sie nicht sehr leicht verliebt?«

Raiskij errötete leicht.

»Ich hab's getroffen, hm?«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Nun, das gehört doch auch zum Naturell des Künstlers. Nichts Menschliches liegt ihm fern, nil humani – und so weiter! Jeder Mensch hat seine Schwäche, bei dem einen ist's der Wein, bei dem anderen die holde Weiblichkeit, beim dritten das Kartenspiel – und die Herren Künstler halten es gern mit allen dreien.«

»Wein, Weiblichkeit, Kartenspiel!« wiederholte Raiskij ganz aufgebracht. »Wann wird man endlich aufhören, das Weib als eine Art Narkotikum zu betrachten und mit Wein und Kartenspiel in einem Atem zu nennen! – Wie kommen Sie zu der Vermutung, daß ich mich leicht verliebe?« fügte er nach einem Weilchen hinzu.

»Sie sagten doch selbst, daß Sie die Schönheit lieben und anbeten.«

»Nun, und was folgern Sie daraus? Gewiß, ich bete die Schönheit an.«

»Sie sind wahrscheinlich in Marfinka verliebt. So mir nichts, dir nichts werden Sie doch ihr Porträt nicht malen! Künstler tun nichts umsonst, sowenig wie Ärzte und Pfaffen. Ein Mädchen zu verführen, einen kleinen Roman einzufädeln, vielleicht gar ein Drama – warum nicht? Mit Vergnügen.«

Er sah Raiskij bei diesen Worten höchst respektlos an und lachte boshaft.

»Mein Herr!« fuhr jener jähzornig heraus. »Wer gibt Ihnen das Recht, so zu reden und zu denken?«

Er blieb plötzlich stehen. Die Szene mit Marfinka im Garten fiel ihm ein, und er fuhr sich mit der Hand nervös durch das dichte Haar.

»Nicht so laut – die Großtante hört's sonst!« sagte Mark in nachlässigem Ton.

»Hören Sie ...!« begann Raiskij, die Brauen runzelnd, von neuem.

»... wenn ich Sie bisher nicht hinausgeworfen habe«, beendete Mark den Satz, »so verdanken Sie das einzig dem Umstand, daß Sie sich unter meinem Dach befinden! Sehr wohl – und was weiter? Hahaha!« Raiskij machte ein paar Schritte durch das Zimmer.

»Nein – sondern dem Umstande, daß Sie betrunken sind!« sagte er ruhig, nahm im Sessel Platz und versank in Nachdenken.

Er hatte plötzlich ein peinliches Empfinden, wie es sich bei einem nüchternen Menschen, der mit einem Betrunkenen zusammen ist, leicht einzustellen pflegt.

»Worüber denken Sie nach?« fragte ihn Mark.

»Raten Sie einmal, Sie Meister im Erraten!«

»Sie bedauern, daß Sie mich zum Mitgehen aufgefordert haben.«

»Beinahe ...«, antwortete Raiskij zögernd. Ein letzter Rest von Höflichkeit hielt ihn davon zurück, völlig aufrichtig zu sein.

»Seien Sie ganz offen – wie ich es bin. Sagen Sie alles, was Sie von mir denken. Ich flößte Ihnen anfangs einiges Interesse ein, und jetzt ...«

»Jetzt, offengestanden, nur wenig.«

»Sie sind meiner überdrüssig?«

»Das nicht gerade, aber Sie bieten mir nichts Neues mehr. Ich durchschaue und kenne Sie.«

»Nun, dann sagen Sie: Was bin ich?«

»Was Sie sind?« versetzte Raiskij, während er vor ihm stehenblieb und ihn ebenso respektlos und herausfordernd ansah, wie Mark ihn vorher angesehen hatte. »Sie sind kein allzu schweres Rätsel. ›In früher Jugend entgleist‹, meinte Tit Nikonytsch, und ich meine, Sie sind einfach ohne jede Erziehung aufgewachsen, sonst wären Sie nicht entgleist. Das ist auch der Grund Ihrer Müßiggängerei. Ich entschuldige mich nicht wegen meiner Offenheit, Sie haben das ja nicht gern; ich folge ja auch nur Ihrem Beispiel.«

»Oh, bitte, bitte, fahren Sie nur fort! Es bedarf keiner Rechtfertigung«, sagte Mark, lebhafter werdend. »Sie steigen in meiner Hochachtung – ich dachte, Sie wären nur so ein welkes, süßliches, höfliches Herrchen, wie all die anderen dort. Und nun seh ich, es ist Spiritus in Ihnen ... sehr gut, fahren Sie nur fort!«

Raiskij schwieg und sah geringschätzig zur Seite.

»Was ist Erziehung?« nahm Mark wieder das Wort. »Nehmen Sie alle Ihre Verwandten und Bekannten, alle diese wohlerzogenen, sauber gewaschenen und gekämmten Herrschaften, die nicht trinken, sich elegant kleiden, gute Manieren haben. Sie werden zugeben müssen, daß sie nicht mehr tun als ich! Und auch Sie selbst sind wohlerzogen, und Sie trinken auch nicht, und doch haben Sie, mit Ausnahme von Marfinkas Porträt und des Romans, den Sie erst noch planen ...«

Raiskij machte eine ungeduldige Bewegung, und Mark brach seinen Satz mit lautem Lachen ab. Dieses Lachen reizte Raiskijs Nerven. Er wollte Mark seine Offenheit mit gleicher Münze heimzahlen.

»Ja, Sie haben recht, weder jene noch ich sind zur Arbeit angehalten worden. Wir waren in gesicherter Lebenslage«, sagte er.

»Wie denn? Man lehrte Sie doch reiten, weil Sie einmal Offizier werden sollten, und man brachte Ihnen eine gute Handschrift bei, die Sie im Zivildienst brauchen konnten. Und auf der Universität trieben Sie Jurisprudenz, und griechische und lateinische Philosophie, und Staatswissenschaften, und was nicht sonst noch alles. Und alles das war umsonst! Nun, fahren Sie fort – was bin ich also?«

»Sie bemerkten vorhin«, sagte Raiskij, »daß unsere Künstler das Trinken aufgegeben haben, und Sie haben durchaus recht, wenn Sie darin einen Fortschritt, ein Resultat der Erziehung sehen. Die Künstler Ihres Schlages dagegen haben noch keinen Fortschritt aufzuweisen, sie sind, wie ich sehe, ganz die alten geblieben.«

»Von was für Künstlern reden Sie eigentlich? Sprechen Sie gefälligst offen und ohne Umschweife!«

»Von jenen Künstlern ›sans façon‹ rede ich, die sich gleich bei der ersten Bekanntschaft volltrinken, den Leuten in der Nacht die Fensterscheiben einschlagen, die Wirtshäuser stürmen, Hunde auf Damen hetzen, auf Menschen schießen, alle Welt anborgen ...«

»Und nichts zurückgeben!« fügte Mark hinzu. »Bravo! Eine sehr hübsche Charakteristik. Die müssen Sie in Ihren Roman bringen.«

»Das tue ich vielleicht.«

»Und weil wir gerade vom Anborgen sprechen und ich gern Ihre Charakteristik bestätigen möchte: leihen Sie mir hundert Rubel, ich gebe sie Ihnen niemals zurück – außer, wenn Sie einmal in meiner Lage sind und ich in der Ihrigen.«

»Soll das ein Scherz sein?«

»Wieso ein Scherz? Der Gärtner, bei dem ich wohne, drängt mich, er beköstigt mich und hat selber nichts. Wir sind beide in Verlegenheit.«

Raiskij zuckte die Achseln, suchte dann in seinen Taschen, fand endlich seine Brieftasche, nahm eine Anzahl Geldscheine heraus und legte sie auf den Tisch.

»Hier sind nur achtzig Rubel – Sie wollen mich betrügen«, sagte Mark, als er die Summe nachgezählt hatte.

»Ich habe nicht mehr. Die Großtante hat mein Geld in Verwahrung, ich schicke Ihnen morgen den Rest.«

»Vergessen Sie es nicht! Vorläufig reicht es. Nun – also weiter, ›alle Welt anborgen und nichts zurückgeben‹, so war's ja wohl?« sagte Mark, während er das Geld einsteckte.

»Träge Nichtstuer, denen alles, was Arbeit und Ordnung heißt, zuwider ist«, fuhr Raiskij fort. »Ein Vagabundenleben, immer von der Hand in den Mund, immer auf fremde Rechnung – das ist alles, was ihnen übrigbleibt, wenn sie erst einmal entgleist sind. Sie sind zumeist grob und schmutzig, und es gibt Gecken unter ihnen, die auf ihren Zynismus und ihre Lumpen noch stolz sind.«

Mark lachte.

»Das war ins Schwarze getroffen! Sehr gut, sehr gut!« sagte er.

»Wenn es viele Künstler gibt, die mir gleichen«, sagte Raiskij, »so gibt es noch weit mehr von Ihrem Schlage: ihre Zahl ist Legion!«

»Fahren Sie nur immer fort; noch ein klein wenig, und wir sind quitt«, versetzte Mark.

Er lachte wieder, und auch Raiskij mußte lachen.

»Ist es vielleicht nicht wahr?« sagte Raiskij. »Seien Sie aufrichtig! Ich gebe zu, daß ich zu der Sorte von Künstlern gehöre, denen Sie jenen Namen gaben ... wie sagten Sie doch gleich?«

»Pechvögel.«

»Ganz recht – eine sehr zutreffende Bezeichnung.«

»Eignes Fabrikat. Man tut, was man kann«, versetzte Mark mit einer Verbeugung. »Nun möchten Sie gern, daß ich auch Ihre Charakteristik meiner Person als richtig anerkenne. Ich muß es wohl tun, wenn ich auch noch so empfindlich wäre und Ihnen lieber widerspräche. Und so beglückwünsche ich Sie denn: der äußere Umriß stimmt fast genau.«

»Sie pflichten mir bei – und bleiben doch ...«

»Und bleiben doch der alte, wollen Sie sagen?« fiel ihm Mark ins Wort. »Wundert Sie das? Sie haben sich doch auch im Spiegel wiedererkannt; Sie hatten sogar die Gewogenheit, die Bezeichnung ›Pechvogel‹ zu akzeptieren, und tun nichts, um sie zu entkräften!«

»Aber ich will etwas tun, und ich werde etwas tun!« sagte Raiskij fast leidenschaftlich.

»Auch ich will herzlich gern etwas tun, werde aber, wie ich glaube, nichts tun.«

Raiskij zuckte die Achseln.

»Warum nicht?« fragte er.

»Ich finde kein Tätigkeitsfeld, keine ›Arena‹, wie Sie sich ausdrücken.«

»Haben Sie irgendwelche Ziele?«

»Erklären Sie mir erst einmal, warum ich so bin, wie ich bin!« sagte Mark. »Sie haben den Umriß so gut getroffen; das Schloß ist vor Ihnen, suchen Sie den Schlüssel dazu! Was sehen Sie noch weiter hinter dem Umriß? Vielleicht sage ich Ihnen dann auch, warum ich nichts tun werde.«

Raiskij begann im Zimmer auf und ab zu gehen und suchte sich in dieses neue Problem zu vertiefen.

»Warum Sie eigentlich so sind?« wiederholte er nachdenklich, während er vor Mark stehenblieb. »Ich glaube wohl – darum: Sie waren von Haus aus ein lebhafter, feuriger Knabe. Von der Mutter, von der Kinderfrau wurden Sie verzogen.« Mark lächelte.

»Das entwickelte den Despoten in Ihnen, und als dann die Zeit der Kinderfrauen und Erzieher vorüber war und fremde Leute Ihren zügellosen Willen einzuschränken begannen, gefiel Ihnen das nicht. Sie ließen sich dann irgendeine exzentrische Handlung zuschulden kommen, und man jagte Sie irgendwo fort. Nun begannen Sie sich an der Gesellschaft zu rächen. Praktische Lebensklugheit, Ruhe, fremder Besitz – alles das erschien Ihnen als Sünde und Schmach, die Ordnung wurde Ihnen zuwider, die Menschen fanden Sie abgeschmackt, und Sie verlegten sich darauf, die Ruhe der friedlichen Leute zu stören.«

Mark schüttelte den Kopf.

»Ein Teil der Künstler dieses Schlages geht am Branntwein und Kartenspiel zugrunde«, fuhr Raiskij fort, »ein anderer Teil sucht sonstwie seine Rolle weiterzuspielen. Auch Don Quichottes gibt es darunter. Sie verrennen sich in irgendeine verrückte Idee, die sie zuweilen ganz ehrlich und aufrichtig verfechten; sie fühlen den Prophetenberuf in sich und treiben irgendwo in den Zirkeln von Schwachköpfen, in den Schenken Propaganda. Das ist leichter als arbeiten. Sie führen kecke Reden über die Obrigkeit, und man interniert sie da oder dort, schickt sie von einem Ort zum andern. Aller Welt fallen sie zur Last, überall ist man ihrer überdrüssig. Sie enden, je nach ihrer Veranlagung, auf die eine oder andere Art; die einen, wie Sie zum Beispiel, machen ihren Frieden.«

»Aber ich bin doch noch lange nicht am Ende angelangt – was reden Sie denn? Ich fange eben erst an!« unterbrach ihn Mark.

»Andere werden ihrer Ideen wegen ins Irrenhaus gesperrt.«

»Das ist noch kein Beweis dafür, daß sie auch wirklich irrsinnig sind. Sie werden sich erinnern, daß man auch den Mann, der zuerst die Dampfkraft praktisch verwerten wollte, ins Irrenhaus gesperrt hat«, bemerkte Mark.

»Ah! Zu der Kategorie also zählen Sie! Sie machen den Anspruch, der Träger einer großen Idee zu sein und sie praktisch zu verwirklichen!«

»Ganz recht, ganz recht!« bestätigte Mark mit komischer Feierlichkeit.

»Und was für eine Idee ist das?«

»Wie indiskret Sie fragen! Erraten Sie es doch!« sagte Mark gähnend, legte den Kopf auf das Kissen und schloß die Augen.

»Ich bin schläfrig«, fügte er einen Augenblick später hinzu.

»Legen Sie sich dahin, auf mein Bett. Ich will hier auf dem Diwan schlafen«, lud Raiskij ihn ein, »Sie sind mein Gast und ...«

»Schlimmer als ein Tatar!« murmelte Mark, halb im Schlaf, ein volkstümliches Sprichwort zitierend. »Behalten Sie ruhig Ihr Bett, mir ist's gleich, wo ich schlafe.«

›Was ist er eigentlich?‹ dachte Raiskij, den ebenfalls ein Gähnen ankam. ›Er lebt wie die Vögel des Himmels, die nicht säen noch ernten, oder wie ein herrenloser Hund, der weder Haus noch Hof zu bewachen, also weder Zweck noch Ziel hat. Ist er ein Nichtstuer, ein Entgleister, ein verlorenes Schaf – oder gar ...‹

»Gute Nacht, Pechvogel!« rief Mark ihm zu.

»Gute Nacht, Sie russischer ... Karl Moor!« antwortete Raiskij scherzend und versank wieder in Nachdenken.

Als er aus seinem Sinnen erwachte, lag Mark bereits in tiefem, festem Schlaf, wie ihn nur jemand kennt, der tüchtig durchgefroren und müde geworden ist und sich dann ordentlich satt gegessen und satt getrunken hat.

Raiskij trat ans Fenster, schob den Vorhang zurück und lauschte in die sternhelle Nacht hinaus. Ab und zu drang ein Klopfen, ein langgezogener Ruf des Wächters zu ihm herauf, und von der Stadt her ließ sich gedämpftes Hundegebell vernehmen. Sonst herrschte Stille, Dunkelheit, ungestörte Ruhe.

Auf dem Tisch, in der Punschterrine, die Mark nicht leer getrunken hatte, flackerte still ein blaues Flämmchen, das von Zeit zu Zeit aufleuchtete, das Zimmer für einen Moment erhellte und dann wieder trüb weiterbrannte, um vielleicht schon im nächsten Augenblick zu erlöschen.

Es klopfte leise an die Tür.

»Wer ist da?« fragte Raiskij.

»Ich bin's, Borjuschka, öffne rasch! Was geht denn bei dir vor?« ließ sich Tatjana Markownas erschrockene Stimme vernehmen.

Raiskij schob den Riegel zurück. Die Tür ging auf, und auf der Schwelle erschien die Großtante, gespenstisch, ganz in Weiß gekleidet.

»Um Gottes willen! Was für ein Licht ist denn das?« fragte sie voll Angst und blickte starr auf das flackernde blaue Flämmchen.

Raiskij antwortete mit einem Lachen.

»Was ist denn hier bei dir los? Ich sah das Licht im Fenster und erschrak, weil ich dachte, du seist eingeschlafen. Was brennt denn da in der Terrine?«

»Rum.«

»Trinkst du denn Punsch zur Nacht?« flüsterte sie ganz entsetzt und sah verblüfft bald auf ihn, bald auf die Terrine.

»Ich bekenne mich schuldig, Tantchen, ab und zu trink ich ganz gern einen Schluck.«

»Und wer schläft denn da?« fragte sie in neuer Bestürzung, als sie plötzlich den schlafenden Mark erblickte.

»Still, Tantchen, es ist Mark – wecken Sie ihn nicht!«

»Mark?! Soll ich nicht lieber zur Polizei schicken? Wie kommt er hierher? Wie kommst du in seine Gesellschaft?« flüsterte sie ganz entsetzt. »Punsch trinkt er mit Mark, mitten in der Nacht! Was ist denn in dich gefahren, Boris Pawlowitsch?«

»Ich habe ihn bei Leontij getroffen«, antwortete er, sich an ihrem Schrecken weidend. »Wir hatten beide Hunger, er lud mich ein, mit ihm in ein Wirtshaus zu gehen.«

»In ein Wirtshaus? Das fehlte gerade noch!«

»Ich brachte ihn statt dessen lieber mit hierher – und wir aßen Abendbrot.«

»Warum hast du mich nicht geweckt? Wer hat euch serviert? Was hat man euch aufgetischt?«

»Sterlet und Pute. Marina brachte uns alles herein.«

»Lauter kalte Schüsseln! Warum hat man mich nicht geweckt. Es ist Fleisch da, und junge Hühner. Ach, Borjuschka, was für Schande machst du mir!«

»Wir sind auch so satt geworden.«

»Und der Nachtisch?« versetzte sie rasch, »davon ist doch nichts übriggeblieben! Was habt ihr denn statt dessen gehabt?«

»Gar nichts. Mark zog es vor, einen Punsch zu brauen. Wir sind satt.«

»Satt! Ein kaltes Abendbrot ohne Nachtisch! Ich will gleich etwas Eingemachtes herschicken.«

»Nein, nein, lassen Sie nur! Wenn Sie wollen, wecke ich Mark und frage ihn.«

»Was fällt dir ein? Um Gottes willen! Ich bin in der Nachtjacke!« fiel Tatjana Markowna ihm ins Wort und retirierte rasch in den Korridor. »Gott mit ihm! Laß ihn ruhig schlafen! Sieh doch, wie er daliegt – ganz zusammengerollt, wie ein kleiner Hund!« fügte sie mit einem Seitenblick auf Mark hinzu. »Aber das ist ja eine Schande, Boris Pawlowitsch! Als ob's keine Betten im Hause gäbe! Ach, du mein Gott! So lösch doch endlich diese abscheuliche Flamme aus! Nein, so was. Ein Abendbrot ohne Nachtisch!«

Raiskij blies die blaue Flamme aus und umarmte die Tante. Sie schlug das Kreuz über ihm, schielte noch einmal zu Mark hinüber und ging auf den Zehen hinaus.

Er war eben dabei, sich ins Bett zu legen, als es abermals an der Tür klopfte.

»Wer ist denn da noch?« fragte Raiskij und schob den Riegel zurück.

Marina trat ins Zimmer, stellte ein Glas mit eingemachten Früchten auf den Tisch und brachte dann ein Deckbett nebst zwei Kopfkissen herein.

»Die Gnädige schickt mich her. Vielleicht essen Sie noch etwas Eingemachtes?« fragte sie. »Und hier sind Betten – wenn Mark Iwanytsch erwachen, möchten Sie sich doch darauf legen.«

Raiskij mußte noch einmal recht von Herzen lachen. Zugleich aber war er fast zu Tränen gerührt durch die Güte der Großtante, durch den Zartsinn ihres echten Frauenherzens und ihre Prinzipientreue, die sie nicht um einen Fingerbreit von den Gesetzen der Gastlichkeit abweichen ließ.

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