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Die Schlucht. Zweiter Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Zweiter Teil - Kapitel 13
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Zweiter Teil
booktitleDie Schlucht. Band 1
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid8c69add1
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XII

Sie gingen nach dem zweiten Hof, auf dem sich die Wirtschaftsgebäude, Speicher, Gesindewohnungen, Kellereien und Stallungen befanden.

Ein lebhaftes Treiben herrschte hier, in der Küche flackerte das Herdfeuer, in der Gesindestube aßen die Leute zu Mittag, im Wagenschuppen putzte Taras die Kalesche, während Prochor die Pferde zur Tränke führte.

Aus der Gesindestube konnte man das Gespräch der Leute deutlich hören. Raiskij und Marfinka vernahmen ein grobes Lachen und ein Durcheinander von Stimmen, das plötzlich verstummte, als der Herr und das Fräulein durchs Fenster sichtbar wurden.

Nur ein kleines Bruchstück der freundschaftlichen Unterhaltung drang an ihr Ohr.

»Du wirst's nicht mehr lange machen, Motjka, wirst bald ins Gras beißen!« sagte irgend jemand, vielleicht Jegorka oder Wasjka.

»Wie kannst du ihm das sagen – das ist doch sündhaft!« sagte der nachdenkliche, fromme Jakow in vorwurfsvollem Ton.

»Nein, wirklich Kinder«, versetzte die erste Stimme, »denkt an mein Wort. Wem die Brust so einfällt und die Haare so verschießen und die Augen so tief in die Höhlen zurückfallen – der stirbt unbedingt bald ... Leb wohl, Motinka, wir wollen dir einen hübschen Sarg zimmern lassen und ein Holzscheit unter den Kopf legen ...«

»Na, da kannst du noch lange warten; kannst bis dahin noch manchmal Prügel von mir besehen ...«, sprach eine dritte Stimme, die jedenfalls Motjka gehörte.

»Riechst schon ganz nach Weihrauch und ereiferst dich noch! Küß ihn doch mal, Matrjona Fadejewna, er ist doch so hübsch; kein Toter kann hübscher sein! Sogar gelbe Flecke hat er auf den Backen! Leb wohl, Motja ...«

»So hör endlich auf, den Herrgott zu erzürnen!« suchte Jakow den Redestrom des anderen zu hemmen.

Auch die Mägde nahmen sich des Kranken an und schalten den frechen Spötter.

Das Gespräch ward plötzlich durch ein lautes Geschrei unterbrochen, das von einer anderen Seite her ertönte. Aus der Tür der zweiten Gesindestube stürzte Marina heraus und lief, so rasch ihre Füße sie tragen konnten, über den Hof. Ein Holzscheit, das sie offenbar hatte treffen sollen, flog ihr nach, doch verfehlte es, dank ihrer Behendigkeit, sein Ziel. Ihr Haar jedoch war ganz zersaust, in der Hand hielt sie einen Kamm und heulte laut.

»Was hat das zu bedeuten?« fragte Raiskij, doch ehe er noch eine Antwort bekommen hatte, stand Marina schon vor ihnen.

»O Gott, gnädiger Herr!« schrie sie und wandte ihnen das blutig geschlagene Gesicht zu, während sie zugleich nach der Tür zeigte, aus der sie geflohen war. »O Gott, wie er mich zugerichtet hat, gnädiges Fräuleinchen – ich kann so nicht weiterleben!«

Aus allen Türen guckten neugierige Gesichter sie an, bei deren Anblick sie plötzlich mitten durch ihre Tränen zu lachen begann, wobei ihre blinkend weißen Zähne sichtbar wurden. Im nächsten Augenblick jedoch ward das Lachen schon wieder durch lautes Wimmern und Klagen abgelöst.

»Ich geh zur gnädigen Frau, er schlägt mich noch tot!« sagte sie und lief nach dem Herrschaftshaus.

»Was hat das zu bedeuten?« fragte Raiskij die Leute.

Jegorka sah ihn grinsend an, ein paar von den Weibern lachten gleichfalls; die übrigen senkten den Kopf und schwiegen.

»Was hat das zu bedeuten?« wiederholte Raiskij, zu Marfinka gewandt.

Aus dem Hause vernahm man abwechselnd Klagen Marinas und die Vorwürfe der Großtante.

Raiskij begab sich ins Haus.

»Da – sieh, wie ihr Mann sie zugerichtet hat!« wandte sich Tatjana Markowna an ihn. »Und er hat alle Ursache dazu – ja!«

»Nein, gnädige Frau, nicht im geringsten! Weiß der Henker, was ihm wieder eingefallen ist – daß er doch krepieren wollte, der Hund! Ich ging ins Gebüsch, um trockene Äste zu holen, und da traf ich zufällig den Gärtner vom Grafen. ›Komm‹, sagte er, ›ich will dir helfen‹, und nun trug er mir die Äste bis ans Hoftor. Sawelij aber hat sich gleich wieder was ausgedacht ...«

»Lüge nicht, lüge nicht, du Nichtsnutzige!« fiel die Großtante ihr streng ins Wort. »Er hat dich nicht umsonst geprügelt!«

»In die Erde will ich hier sogleich versinken! Nicht bis morgen soll Gott mich leben lassen!«

»Nun schwört sie auch noch! Schweig! In voriger Woche batest du, zum Abendgottesdienst gehen zu dürfen – und dann hat man dich mit dem Feldscher in der Vorstadt gesehen ...«

»Nein, Gnädige, das bin ich nicht gewesen, auf der Stelle soll mich der Herrgott hier tot hinsinken lassen ...«

»Wie denn? Jakow hat dich doch selbst gesehen, der wird doch nicht lügen!«

»Nicht ich war's, Gnädige – das muß der Teufel gewesen sein, in meiner Gestalt ...«

»Fort, aus meinen Augen! Ruft mir den Sawelij her!« befahl schließlich die Großtante. »Boris Pawlowitsch, du bist hier der Herr im Hause, nimm sie dir mal beide vor!«

»Ich versteh nicht das geringste!« sagte Raiskij.

Sawelij traf mit Marina auf dem Hof zusammen. Raiskij vernahm einen dumpfen Schlag, als wenn er sie mit der Faust auf den Rücken oder in den Nacken geschlagen hätte, dann hörte man wieder ihr Weinen und Jammern.

Marina riß sich los und rannte über den Hof nach dem Gesindehaus, wo sie mit lautem Gelächter empfangen wurde. Sie antwortete darauf, während sie sich mit der Schürze die Augen trocknete und den Kamm in das zerzauste Haar steckte, gleichfalls mit einem Lachen, dann aber gewannen Schmerz und Zorn wieder die Oberhand.

»Der Satan! Der Waldteufel! Krepieren soll er!« rief sie aufschluchzend, während alle ringsum boshaft grinsten.

Sawelij, der zur Herrin gerufen worden war, trat mit gesenktem Blick, verlegen und schwerfällig, über die Schwelle des Zimmers und blieb in der Ecke stehen.

»Warum beherrschst du dich nicht, Sawelij?« begann die Großtante vorwurfsvoll. »Wie leicht kann eine Sünde geschehen! Du wirst sie einmal so schlagen, daß sie tot liegenbleibt. Wie wird's dir dann ergehen?«

»Ein Hund stirbt eben auf Hundeart!« sagte Sawelij finster, während er zu Boden sah.

Auf seiner Stirn hatten sich tiefe Falten gebildet, er war ganz bleich.

»Nun, wie du willst – ich kann dich dann aber hier nicht mehr brauchen, ich will keinen Strafprozeß im Hause haben. Ist denn das eine Art, so mit dem ersten besten Gegenstand zuzuschlagen, der dir in die Hand kommt? Ich sagte dir gleich damals, heirate sie nicht! Aber du hast darauf bestanden, hast nicht auf mich gehört – jetzt hast du die Bescherung!«

»Ja, es ist schlimm ...«, murmelte Sawelij leise vor sich hin, während sein Kopf auf die Brust sank.

»Daß mir das nicht wieder vorkommt!« versetzte die Großtante. »Geschieht es noch einmal, dann schicke ich sie auf das andere Gut.«

»Was soll ich mit ihr machen?« fragte Sawelij leise.

»Was hilft das Schlagen? Sie bessert sich doch nicht danach!«

»Sie kriegt doch ... wenigstens Angst ...«, sagte Sawelij, ohne aufzuschauen.

»Geh jetzt! Und daß es das letztemal war, hörst du?«

Er blickte langsam auf und warf zuerst auf Tatjana Markowna und dann auf Raiskij einen unsicheren, finsteren Blick. Danach drehte er sich langsam um, ging in Nachdenken versunken über den Hof, öffnete die Tür und überschritt mit der Schulter voran die Schwelle seiner Wohnung. Jegorka wies, während Sawelij über den Hof schritt, höhnisch lachend mit dem Finger nach ihm, schubste Marina zum Fenster und meinte, sie solle sich ihren Mann doch mal ansehen.

»Laß mich in Ruhe, du Satan!« sagte sie und holte mit der Hand nach ihm aus; dann lachte sie übers ganze Gesicht und zeigte ihre Zähne.

»Was hat das alles zu bedeuten, Tantchen?« fragte Raiskij.

Die Großtante erklärte ihm den Vorfall. Marina war als sechzehnjähriges Mädchen aus dem Dorf auf den Hof genommen worden. Sie übertraf an Begabung und Gewandtheit alle anderen Mädchen und erfüllte alle Erwartungen, die nur an sie gestellt werden konnten.

Es gab keine Arbeit, zu der sie nicht geschickt gewesen wäre, und wo andere eine Stunde brauchten, war sie in fünf Minuten fertig.

Wenn andere erst noch lange über einen Auftrag nachdachten und sich den Kopf und den Rücken kratzten, war sie längst am anderen Ende des Hofes, tat, was verlangt wurde, führte es tadellos aus und war schon wieder zurück.

Ob sie den jungen Damen beim Ankleiden helfen, ob sie Wäsche plätten, ob sie eine Besorgung machen, etwas einkaufen oder in der Küche helfen sollte, stets führte sie alles zur vollsten Zufriedenheit aus. Es war etwas Blitzartiges in ihr, eine ungewöhnliche Behendigkeit und Fingerfertigkeit, die ein scharfes, sicheres Auge unterstützte. Sie bemerkte alles, erriet alles, machte sich von allem sogleich ein klares Bild und griff immer gleich tatkräftig zu.

Sie war ewig in Bewegung, tat immer irgend etwas, und ruhte sie einmal, so sah man es doch ihren Händen an, daß sie soeben noch tätig gewesen waren oder sich anschickten, wieder etwas vorzunehmen.

Dabei war sie von größter Ehrlichkeit, stahl nichts, versteckte nichts, war überhaupt weder eigennützig noch habgierig. Nicht einmal genäschig war sie, und sie aß auch nur wenig – nur so mitten bei der Arbeit, was etwa von der Tafel der Herrschaft übriggeblieben war, ein paar Löffel Suppe, eine Gurke, ein Stückchen Brot; noch während sie daran kaute, war sie schon wieder bei der Arbeit.

Tatjana Markowna wußte sie nicht genug zu schätzen. Sie hatte sie zuerst zum Aufräumen der Zimmer verwandt und dann auf Werotschkas Bitten sie zu deren Kammerzofe gemacht. In dieser Stellung hatte Marina wenig zu tun, und sie fuhr fort, wie bisher, alle sonstige Arbeit zu machen und zu helfen, wo sie konnte. Werotschka hatte sie sehr gern, und auch Marina war ihrem Fräulein zugetan und las ihr jeden Wunsch von den Augen ab.

Trotz alledem aber hatte die Großtante sich veranlaßt gesehen, Marina aus ihrer bevorzugten Stellung als Kammerzofe zu entfernen und sie wieder unter die Hofmägde zu stecken, ja zuletzt mußte sie sogar die gewöhnlichste Arbeit verrichten, das Geschirr aufwaschen, die Fußböden scheuern, die Wäsche besorgen.

Nur ihrem gewandten Benehmen hatte sie es zu verdanken, daß sie doch noch zu dem alten Hause in Beziehung blieb und von Wera, die ihr ihr Vertrauen nicht entzogen hatte, Aufträge entgegennahm.

Der Grund, weshalb Marina bei ihrer Herrin in Ungnade gefallen war, lag darin, daß sie »der Liebe Lust und Leid« in allzu großem Umfange kennengelernt hatte, wobei zuerst Nikita, dann Pjotr, dann Terentij und all die anderen ihre Partner gewesen waren. Es gab keinen Lakaien auf dem Hof, keinen stattlichen Burschen im Dorf, auf dem nicht einmal ihr Blick mit Wohlgefallen geruht hätte. Ihre Liebschaften waren ungezählt und unbegrenzt.

In Moskau, in Petersburg oder sonst einer größeren Stadt hätte die Angst ums liebe Brot, um Stellung und Verdienst ihrem ungezähmten Liebesbedürfnis wohl die Zügel angelegt. Hier aber, als leibeigene Hofmagd, die wenigstens ihr Stück Brot hatte, überließ sie sich ganz ihrer zügellosen Leidenschaft.

Sie wußte, daß man sie nicht fortjagen, nicht des Lebensunterhalts berauben würde, und an die Schande konnte sie sich schließlich gewöhnen, sobald erst alle, die mit ihr verwandt oder durch Gevatterschaft verbunden waren, sich mit der Sache abgefunden hatten.

Marina war nicht gerade eine Schönheit, doch lag etwas in ihrem Wesen, das unwillkürlich reizte und anzog, obschon man nicht recht sagen konnte, was eigentlich ihre zahlreichen Verehrer so bezauberte. Vielleicht war es der rasch über alles hinhuschende, nirgends lange haftende Blick ihrer gelbgrauen, schelmischen, kecken Augen, oder das eigentümliche, nervöse Zucken ihrer Schultern und Hüften, oder das bewegliche Spiel ihrer Lippen, ihrer Wangen, ihrer Hände, ihrer ganzen Gestalt; vielleicht war es alles zusammen – und dazu noch der leichte, schwebende Gang, das jähe, plötzlich wie ein grelles Leuchten über das ganze Gesicht zuckende Lachen, das die blitzend weißen Zähne sichtbar werden ließ, doch ebenso jäh oft verschwand und durch lautes Weinen oder Schluchzen abgelöst wurde.

Wer mit ihr sprach, mit ihr einen Blick tauschte oder ihr auch nur begegnete, fühlte sich versucht, umzukehren und ihr zu folgen.

Sie hielt dabei nicht einmal besonders auf ihr Äußeres, namentlich seit sie wieder unter die Hofmägde versetzt worden war. Sie trug einen groben Rock, die Ärmel hatte sie stets aufgestreift, und Hals und Arme waren bis über die Ellbogen hinauf von der Sonnenhitze und der Arbeit gebräunt; dort aber, wo die braune Färbung aufhörte, setzte unmittelbar die feine weiße Haut ein. Ihr Wuchs war vortrefflich; die schlanke, geschmeidige, durch kein Korsett und keine Krinoline eingezwängte Taille zeichnete sich, wenn sie über den Hof hinschwebte, in gefälligen Linien über den Hüften ab.

Es war mit Sawelij genauso gegangen wie mit den anderen; er hatte sie zweimal mit seinem finsteren Blick angesehen und war ebenso wie die anderen durch ihr wohlwollendes Lächeln und sonstige Gunstbezeigungen beglückt worden. Er war dann zu Tatjana Markowna gegangen und hatte sie um die Erlaubnis gebeten, Marina zur Frau zu nehmen.

»Hast du den Verstand verloren?« sprach Tatjana Markowna ganz verblüfft.

»Ich bezahle die Loskaufsumme für sie«, versetzte Sawelij.

»Nicht darum ist es mir zu tun – aber du weißt doch, wie es mit ihr steht; wie willst du mit ihr auskommen?«

»Das ist meine Sache«, sagte Sawelij.

Tatjana Markowna gab ihm zwei Wochen Frist zum Überlegen, und als die zwei Wochen um waren, trat Sawelij auf die Minute pünktlich ins Zimmer und stand finster in der Ecke.

»Was willst du?«

»Erlauben Sie mir, Marina zu heiraten«, lautete die Antwort.

»Aber sie wird nicht Vernunft annehmen!«

»Sie wird's!«

»Nun, tu was du willst – aber die Verantwortung fällt auf dich selbst! Ich will an Boris Pawlowitsch schreiben, denn Marina gehört ja nicht mir, sondern ihm. Er soll entscheiden.«

Die Großtante hatte ihm auch wirklich geschrieben, aber Raiskij hatte nicht geantwortet, und weil er's nicht verboten hatte, so heiratete sie Sawelij.

Marina dachte nicht daran, sich zu ändern, und hatte überhaupt vom Wesen der Ehe nur eine sehr dunkle Vorstellung. Kaum zwei Wochen waren vergangen, als Sawelij eines Tages einen Unteroffizier der Garnison in seiner Wohnung als Gast antraf, der bei seinem Erscheinen rasch aus der Tür schlüpfte und über den Zaun kletterte.

Sawelij erbleichte und sah mit fragendem Blick auf seine Frau; die schwur Stein und Bein, daß nichts geschehen sei, doch es half ihr nichts. Er sann eine Weile nach, legte die Stirn in tiefe Falten, verschloß dann die Tür, streifte langsam die Ärmel auf, nahm ein altes Lenkseil, das an einem Nagel an der Wand hing, und begann langsam und schwer Schlag auf Schlag zu führen, wohin es gerade traf.

Marina suchte mit der ganzen ihr eigenen Behendigkeit den Schlägen auszuweichen, wand sich wie eine Schlange, lief aus einer Ecke in die andere, sprang auf Bänke und Tische, aufs Fensterbrett, auf den Ofen, versuchte sogar in den Ofen selbst zu kriechen – aber das Seil folgte ihr überallhin und erreichte sie überall, bis sie schließlich durch einen glücklichen Zufall die Türklinke zu fassen bekam, den Riegel zurückschob und so, zerzaust und verprügelt, wie sie war, unter Weinen und Heulen auf den Hof hinausstürzte.

Das Hofgesinde lief zusammen und schaute erschreckt auf das mißhandelte Weib, dessen Schluchzen und Klagen schließlich bis ans Ohr der Herrin drang. Voll Unruhe war Tatjana Markowna auf den Balkon hinausgetreten, und da stand nun das Opfer des eheherrlichen Zornes schluchzend und klagend vor ihr und stieß dieselben Klagen, Schwüre und Flüche aus, deren Zeuge Raiskij soeben gewesen war.

Die Lektion, die Sawelij ihr erteilt hatte, war völlig wirkungslos. Marina blieb in jeder Beziehung die alte, bekam eine Tracht Prügel nach der anderen und lief entweder zu Tatjana Markowna, um sich zu beklagen, oder versteckte sich drei, vier Tage lang vor ihrem Mann auf den Böden und in den Scheunen, bis sein erster Zorn verraucht war.

Sie hatte die Lebenskraft und die Widerstandsfähigkeit einer Katze, erholte sich rasch von den Schlägen, die sie bekommen, und wenn das Hofgesinde über die Eifersucht Sawelijs, über seine vergeblichen Versuche, Marina zu bessern, und über die Prügel, die sie bekam, spöttisch lachte, lachte sie selber mit – ganz gemütlich und unverfroren, ohne eine Spur von Scham.

Aber Sawelij änderte sich zusehends, er magerte ab, zeigte sich seltener in der Gesindestube unter den Leuten und wurde immer nachdenklicher und verschlossener.

Seine Frau sah er nun gar nicht mehr an, doch wußte er in jedem Augenblick, wo sie war und was sie trieb.

Sie konnte sich selbst nicht genug wundern darüber. So geschickt sie auch war und so schlau sie es auch anstellte, wie ein Schatten von Tür zu Tür zu huschen, sich vom Hofe nach der Vorstadt oder vom Garten nach dem Walde zu stehlen – er merkte es jedesmal, als ob ein Gefühl es ihm sagte, und ehe sie sich's versah, tauchte er, fast stets mit dem Lenkseil in der Hand, vor ihr auf. Für das Hofgesinde war der Kampf der beiden eine unerschöpfliche Quelle des Vergnügens, ein wahres Theater.

Sawelij verlor allen Mut, er betete, saß finster und schweigend wie ein Werwolf in seiner Klause und ächzte schwer.

Dann wieder fiel er ganz ins Gegenteil. War Jahrmarkt in der Stadt, so gab er alles Geld für Marina aus, kaufte ihr Kleider, Tücher, Schuhe oder Spangen. In der Osterwoche führte er sie, ohne ein Wort zu sagen, an die Schaukeln und kaufte Nüsse, Pfefferkuchen, Johannisbrot und sonstige Näschereien in solcher Menge, daß sie das ganze Hofgesinde damit beschenken konnte.

»Was sagst du nun dazu?« fragte Tatjana Markowna, nachdem sie ihrem Großneffen alle diese Einzelheiten mitgeteilt hatte.

»Das ist ja köstlich!« sagte dieser. »Das ist ja ein ganzes Drama!«

Und schon hatte er im Kopf den Entwurf einer Dorftragödie fertig. Dieser finstere, verschlossene Typus eines Bauern schien ihm eine originelle, kraftvolle, in sich gefestigte Gestalt und so recht geeignet zum Träger einer Leidenschaft, die selbst einem solchen Abgrund von Lasterhaftigkeit gegenüber standhielt.

Er war entzückt über diesen Stoff und fest entschlossen, das Wesen dieses Charakters tiefer zu ergründen. Auch Marina sah er in künstlerischer Beleuchtung. Er erblickte in ihr nicht schlechtweg die liederliche Hofmagd, die etwa in dem unverbesserlichen Trunkenbold ihr männliches Gegenstück fand, sondern die selbstlose Priesterin der sinnlichen Liebe, der »Mutter der Lust«.

»Was soll mit ihnen geschehen?« fragte die Großtante. »Hast du darüber nachgedacht? Soll man sie nicht verschicken?«

»Ach nein, Tantchen – lassen Sie sie laufen!« rief er fast ängstlich. »Sie würden mir dieses naturwüchsige Drama zerstören.«

»Aber ich bitte dich um des Himmels willen; er wird sie ja totschlagen!«

»Was tut's? Bei uns gibt's überhaupt kein Leben, keine echten Dramen. Schlagen sie sich gegenseitig tot, dann geschieht es im Rausche, bei einer Prügelei, wie die Wilden. Und hier kommt einmal in hundert Jahren ein lebendiges menschliches Interesse ins Spiel, der Knoten eines Dramas schürzt sich – und Sie wollen da störend eingreifen! Lassen Sie sie, um Gottes willen! Wir wollen sehen, wie die Sache endet – ob blutig, oder ...«

»Eins will ich jedenfalls tun«, sagte Tatjana Markowna, »ich will den Geistlichen bitten, daß er mit Sawelij spricht, und auch du mußt ihm ins Gewissen reden, Borjuschka! Du bist doch ein sonderbarer Mensch; freust dich, daß ein anderer Mensch so in Seelennot ist!«

»Sagen Sie, Tantchen, ist Marina die einzige, die es hier so treibt – oder ...?«

Tatjana Markowna machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Alles ist hier verschwägert miteinander«, sagte sie mit einer Miene, die ihren Widerwillen ausdrückte. »Matrjoschka steckt ewig mit Jegorka zusammen, und Maschka – die als junges Mädchen auf die Kinder achtgab, erinnerst du dich? – ist immer bei Prochor in der Scheune. Akulina hält es mit Nikitka, Tanja mit Wasjka ... Nur Wassilissa und Jakow sind anständige Leute; die anderen treiben es wenigstens nur heimlich – doch diese Marina ...!«

Sie spuckte aus, und Raiskij mußte lachen.

»Ich geh jetzt gleich, ich muß das alles unbedingt zu Papier bringen ...«, sagte er. »Gott sei Dank, endlich eine Leidenschaft! Dieser Sawelij!«

»Du sagst wieder ›unbedingt‹!« sprach die Großtante warnend.

Er sprang lebhaft vom Stuhl auf und wollte soeben in sein Zimmer gehen, als er plötzlich durchs Fenster Polina Karpowna Krizkaja erblickte. Schon hatte auch sie ihn, die Freitreppe emporsteigend, durch die halbgeöffnete Tür gesehen, so daß an ein Entkommen nicht mehr zu denken war.

»Da hast du dein ›unbedingt‹!« flüsterte Tatjana Markowna ihm zu. »Siehst du, jetzt wird sie jeden Augenblick hierher gelaufen kommen, gar nicht mehr loswerden wird man sie! Die fehlte uns hier noch – die paßt zur Marina! Was meinst du, ist das nicht auch eine Heldin für ein Drama?«

»Nein, die gehört mehr ... in die Komödie!« sagte Raiskij und sah unwillkürlich im Geiste Polina Karpowna als Heldin einer Possenszene.

»Bonjour, bonjour!« rief Polina Karpowna in zärtlichem Flüsterton. »Wie glücklich bin ich, daß Sie zu Hause sind! Sie wollten mich nicht besuchen – und da bin ich wieder selbst hergekommen. Guten Tag, Tatjana Markowna!«

»Guten Tag, Polina Karpowna!« antwortete die Großtante lebhaft, indem sie plötzlich einen höchst vergnügten Ton anschlug. »Bitte, treten Sie nur näher, setzen Sie sich dahin, auf das Sofa! Wassilissa – rasch Kaffee! Und daß das Frühstück bald fertig wird!«

»Nein, merci, ich habe schon Kaffee getrunken.«

»Aber ich bitte Sie, ein Täßchen! Es ist doch noch so früh, so weit hin bis Mittag!«

»Nein, ich danke Ihnen, ich mag nicht.«

»Nicht doch, Sie müssen ... Es ist ein so weiter Weg hierher ...«

Und die Großtante blieb dabei, daß sie noch einmal Kaffee trinken müsse.

Raiskij musterte nicht ohne Neugier die herausgeputzte Besucherin. Sie war gepudert, trug Locken und rosa Bändchen an dem kleinen Hut und an der Brust, sie war stark dekolletiert, und ihre Füße steckten in den Stiefelchen eines fünfjährigen Kindes, so daß das Blut ihr zu Kopfe stieg. Sie trug neue gelbe Glacéhandschuhe, die jedoch an den Nähten geplatzt waren, da sie zu klein waren für ihre Hände.

Hinter ihr her kam ein soeben aus dem Kadettenkorps entlassener junger Mann, auf dessen Oberlippe kaum der erste Flaum sichtbar war. Er trug Polina Karpownas Schal, Sonnenschirm und Fächer. Kerzengerade stand er hinter ihr und wagte kaum zu atmen.

»Gestatten Sie, daß ich Sie miteinander bekannt mache«, sagte sie, zu Raiskij gewandt, »Michel Ramin, augenblicklich bei uns hier auf Urlaub ... Tatjana Markowna kennt ihn bereits.«

Der junge Mann neigte sich mit seiner ganzen Gestalt nach vorn, als wollte er tauchen, errötete übers ganze Gesicht und stand dann wieder starr und unbeweglich auf seinem Platz.

»Dites quelque chose Sagen Sie etwas, Michel!« sagte die Krizkaja leise zu ihm.

Aber Michel errötete nur noch tiefer und blieb auf seinem Platz.

»Asseyez-vous donc Setzen Sie sich doch«, sagte sie und nahm selbst Platz.

»Es ist so heiß«, fuhr sie lispelnd fort, »très chaud! Wo ist mein Fächer? Geben Sie ihn mir, Michel!«

Sie begann sich Luft zuzufächeln und sah Raiskij dabei an.

»Ich habe vergeblich Ihren Besuch erwartet!« wiederholte sie.

»Ich bin nirgends gewesen«, sagte Raiskij.

»Reden Sie nicht, verteidigen Sie sich nicht! Ich weiß den Grund. Sie fürchteten sich ...«

»Wovor?«

»Ah, le monde est si méchant! Oh, die Welt ist so schlecht!«

›Was will sie, zum Teufel?‹ dachte Raiskij, während er sie groß ansah.

»Ich hab's erraten – nicht wahr?« sagte sie. »Ich habe gleich beim erstenmal bemerkt, que nous nous entendons! daß wir uns verstehen! Jene beiden Blicke – erinnern Sie sich? Voilà, voilà, tenez ... Da, da ist ... Oh, das war er wieder, dieser Blick! Und ich errate, was er sagen will ...«

Er lachte laut auf.

»Ja, ja – nicht wahr? Oh, nous nous convenons! Oh, wie wir zueinander passen! Was mich betrifft, so weiß ich die Welt und ihre Meinung zu verachten. Nicht wahr, sie verdient nichts anderes? Dort, wo Aufrichtigkeit, Sympathie ist, wo die Menschen einander verstehen, selbst ohne Worte, nur mit solch einem Blick ...«

»Ein Täßchen Kaffee, Polina Karpowna!« unterbrach sie Tatjana Markowna und schob ihr die Tasse hin. – »Höre nicht auf sie!« flüsterte sie mit einem Seitenblick auf die halbentblößte Brust der Krizkaja Raiskij zu. »Sie lügt, die schamlose Schwätzerin! – Bitte, trinken Sie«, sagte sie, sich zu dem jungen Manne wendend, »und da ist auch Weißbrot!«

»Débarrassez-vous de tout cela Befreien Sie sich von all dem«, sagte die Krizkaja zu ihm und nahm ihm den Schirm und den Schal ab.

»Ich habe allerdings schon getrunken ...«, näselte der Kadett, nahm jedoch die Tasse, suchte sich die größte Semmel aus und biß gleich die Hälfte davon ab, wobei er wiederum heftig errötete.

Polina Karpowna pflegte, seit sie Witwe geworden, mit Vorliebe von ihrer »unglücklichen Ehe« zu reden, obschon alle Welt sagte, daß ihr Gatte ein überaus gutmütiger, stiller Mensch gewesen sei, der sich nie in ihre Angelegenheiten gemischt habe. Sie aber seufzte, nannte ihn einen Tyrannen, behauptete, ihre Jugend sei freudlos dahingeflossen, sie habe niemals Glück und Liebe kennengelernt, und war fest überzeugt, daß »ihre Stunde noch schlagen, daß noch einmal eine ideale Liebe sie beglücken und beseligen werde«.

Tatjana Markowna hatte nicht ganz recht gehabt, als sie sie mit Marina verglich. Polina Karpowna besaß ein ruhiges Temperament. Sie hatte es nie darauf abgesehen, zu »fallen«, und keine Verletzung der ehelichen Pflichten belastete ihr Gewissen.

Sie war auch nicht sentimental, und wenn sie seufzte, die Augen gen Himmel erhob, sich in zärtlichen Redensarten gefiel, so war das alles bei ihr nur Verstellung, nur Koketterie.

Sie hatte nur den leidenschaftlichen Wunsch, daß immer irgend jemand in sie verliebt sei, daß die ganze Stadt es wüßte und davon reden möchte. Überall, in den Häusern, auf der Straße, in der Kirche sollten die Leute sich erzählen, daß der und der ihretwegen »leide«, heimliche Tränen vergieße, nicht schlafen noch essen könne. Und ob auch nichts von alledem den Tatsachen entsprach – wenn nur davon geredet wurde, soviel wie möglich!

In der Stadt hatte man sie längst durchschaut, und sie verlegte sich jetzt zumeist darauf, ganz grüne Neulinge, Studenten, die zu Besuch weilten, Fähnriche und junge Beamte anzulocken.

Sie tat schön mit ihnen, fütterte sie, setzte ihnen Leckerbissen vor, reizte ihre Eigenliebe. Sie aßen, tranken und rauchten bei ihr nach Herzenslust und empfahlen sich dann wieder. Sie aber setzte dann unterderhand das Gerücht in Umlauf, daß dieser oder jener sterblich in sie verliebt sei.

»Pauvre garçon! Armer Junge!« sagte sie bedauernd. Augenblicklich hatte sie Michel Ramin, einen in der Stadt zu Besuch weilenden Jüngling, der frisch von der Schulbank auf Urlaub gekommen war, ihrer Person attachiert. Steif schritt er überall hinter ihr her, die tadellose Uniform stets bis oben fest zugeknöpft, und antwortete auf die an ihn gerichteten Fragen unter heftigem Erröten mit einem schüchternen, heiseren Baß. Für seine ungewöhnlich großen Hände war nirgends ein Glacéhandschuh zu finden, er trug daher stets nur gemslederne. Er hatte den ganzen unverwüstlichen Appetit eines Kadetten und war imstande, drei Pfund Konfekt auf einmal zu verzehren, was Polina Karpowna allerdings etwas zuviel schien. Sie nahm ihn überallhin mit und ließ ihn als getreuen Pagen ihre Mantille, ihren Fächer und ihren Schirm tragen.

»Je veux former le jeune homme, ce pauvre enfant! Ich will den jungen Mann, dieses arme Kind, heranbilden!« pflegte sie über ihre Beziehungen zu ihm offiziell zu erklären.

»Was haben Sie heute vor? Ich bleibe bei Ihnen zu Tisch; ce projet vous sourit-il? gefällt Ihnen das Vorhaben?« wandte sie sich an Raiskij.

Ein Schauer lief Tatjana Markowna bei dieser Eröffnung über den Rücken, sie ließ sich jedoch nichts anmerken, sondern tat sehr erfreut.

»Ach, wie liebenswürdig von Ihnen! – Marfinka, Marfinka!«

Marfinka trat ein. Die Krizkaja begrüßte sie mit heiterer Miene, und der Jüngling errötete tief. Marfinka musterte Polina Karpownas Toilette und hätte am liebsten hell aufgelacht, doch wußte sie sich zu beherrschen. Als sie den Adjutanten der schönen Witwe erblickte, wäre sie beinahe herausgeplatzt.

»Marfa Wassiljewna!« ließ plötzlich der junge Mann seinen Baß ertönen, »ich habe eine Ziege in Ihrem Gemüsegarten gesehen! Daß sie nicht etwa in den Park läuft!«

»Ich danke Ihnen, ich lasse sie sogleich hinausjagen«, versetzte Marfinka. »Das ist meine Maschka – die sucht mich, ich will ihr Brot geben.«

Tatjana Markowna flüsterte ihr ins Ohr, was sie noch für die unerwarteten Gäste an Extraschüsseln bereiten lassen solle, und Marfinka ging hinaus.

»In der Stadt spricht alles nur von Ihnen, man wundert sich sehr darüber, daß Sie noch nirgends gewesen sind, weder beim Gouverneur, noch beim Bischof, noch beim Adelsmarschall«, wandte Polina Karpowna sich an Raiskij.

»Genau dasselbe habe ich ihm gesagt!« versetzte Tatjana Markowna. »Aber es ist jetzt nicht Mode, auf die alten Leute zu hören. Es ist sehr unrecht von dir, Boris Pawlowitsch; du solltest wenigstens Nil Andrejitsch deine Aufwartung machen, der alte Herr verdient es und wird es dir nicht verzeihen, wenn du nicht hingehst. Ich lasse die Kutsche instand bringen, und du fährst hin.«

»Ich fahre zu keinem Menschen, Tantchen«, sagte Raiskij gähnend.

»Und zu mir?« fragte die Krizkaja.

Er sah sie an und schwieg höflich.

»Tun Sie sich durchaus keinen Zwang an; de grace, faites ce qu'il vous plaira bitte, tun Sie, was Ihnen beliebt. Jetzt kenne ich Ihre Denkweise, ich bin davon überzeugt« – sie gab diesen Worten eine ganz besondere Betonung –, »daß Sie wohl möchten, aber die Welt scheuen ... die bösen Zungen.«

Er lachte.

»Nicht wahr, ich habe es erraten? Ja, ja! Oh, wir werden glücklich sein! Enfin! Endlich!« flüsterte sie vor sich hin, doch so, daß er es hörte.

›Ob sie mich noch oft heimzusuchen gedenkt?‹ dachte Raiskij und sah sie dabei ganz entsetzt an. ›Wohin soll ich vor ihr fliehen? Und dabei kann ich sie nicht einmal für meinen Roman gebrauchen. Sie ist schon gar zu sehr Karikatur, kein Mensch wird so etwas für möglich halten ...‹

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