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Die Schlucht. Zweiter Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Zweiter Teil - Kapitel 12
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Zweiter Teil
booktitleDie Schlucht. Band 1
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid8c69add1
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XI

In Nachdenken versunken ließ er seine Augen von der Großtante zu Marfinka hinüberschweifen, um sie mit Zärtlichkeit auf dieser ruhen zu lassen.

›Wie wäre es‹, dachte er, ›wenn ich mich gleichfalls zu dem Schicksalsglauben der Tante bekehrte? Hier scheint die gläubige, demütige Unterwerfung ja in der Luft zu liegen! Wie wäre es, wenn ich meinen Nacken unter das Joch dieses ruhigen, sanften Lebens hier beugte und mich zum Helden eines stillen Romans machte? Vielleicht hält das Schicksal auch für mich hier ein klein wenig Glück in Bereitschaft ... wie wäre es, wenn ich hier heiratete?‹

Er dehnte sich und gähnte, schaute auf Marfinka und sah mit Wohlgefallen ihre schöne weiße Stirn, die zarten, gesunden, frischen Wangen und die feinen, weichen Hände.

Doch so aufmerksam er sie auch betrachtete, von welcher Seite er auch in ihr Wesen einzudringen suchte – er sah bisher nur so viel, daß sie ein lebhaftes, gesundes und frisches blondes Mädchen von etwas vollen Formen war.

Sie war fleißig, nähte gern und zeichnete auch ganz hübsch. Saß sie an einer Näharbeit, dann war sie ganz ernsthaft und schweigsam darin vertieft und konnte stundenlang dabei sitzen; setzte sie sich ans Klavier, dann spielte sie unbedingt das Stück zu Ende, das sie vornahm; ein Buch las sie immer aus, vorausgesetzt, daß es gut ausging, und wenn es ihr gefiel, erzählte sie lange und gern, was sie gelesen hatte. Sie sang, sie pflegte ihre Blumen und Vögel, sie war sehr häuslich und aß gern Näschereien.

Sie hatte ein Schränkchen, in dem stets Rosinen, Backpflaumen und Konfekt vorrätig waren. Sie liebte die frische Luft und machte sich nichts daraus, wenn die Sonne sie bräunte. Gleich der Eidechse liebte sie die Sonnenwärme.

Ihre Bedürfnisse und Neigungen entsprachen ganz dem Kreise, in dem sie lebte. Sie hatte es gern, wenn zu Ostern trockenes, schönes Wetter war, wenn in der Zeit zwischen Weihnachten und dem Dreikönigsfest scharfer Frost herrschte, so daß der Schnee unter dem Schlitten knirschte und die Kälte die Nase zwickte. Sie liebte das Schlittschuhlaufen und den Tanz, die bunte Volksmenge und den Festtrubel, und sie war entzückt, wenn Gäste kamen oder wenn sie selbst Besuch machen konnte. Sie war eine Freundin von Putz und Schmuck und hatte eine Vorliebe für kleine Nippsachen auf Tischen und Etageren.

Aber obwohl sie gern Bälle mitmachte, erwartete sie doch mit Ungeduld den Sommer, die Zeit der Früchte. Sie freute sich, wenn recht viel Kirschen an den Bäumen hingen, wenn die Wassermelonen recht groß wurden und es nirgends so viel Äpfel gab wie in ihrem Garten.

Überall im Hause war Marfinka zu hören und zu sehen. Bald hörte man sie lachen, bald laut sprechen. Sie hatte eine angenehme, tiefe, wohlklingende Stimme. Jetzt hörte man im Garten, wie sie oben im Hause ein Liedchen sang, und eine Minute darauf schallte ihre Stimme schon vom anderen Ende des Hofes oder ihr Lachen aus dem Gemüsegarten.

Schon als Kind pflegte sie, wenn sie hörte, daß einem Bauern eine Kuh oder ein Pferd gefallen war, sich der Großtante auf den Schoß zu setzen und so lange zu bitten, bis diese den Verlust zu ersetzen versprach. War ein Bauernhaus baufällig oder irgendwo ein Hofgebäude zu errichten, so wußte sie stets das nötige Holz von der Großtante zu erbitten.

Starb einer Bäuerin ein Kind und saß dann die unglückliche Mutter wie zerschmettert, unfähig, etwas zu tun, im Winkel, so besuchte Marfinka sie, saß bis zu zwei Stunden bei ihr, sah sie an, sprach ihr Trost zu und kam mit vom Weinen verschwollenen Augen nach Hause.

Wurde ein Bauer von schwerer Krankheit befallen, dann ruhte sie nicht, bis Iwan Bogdanowitsch, der Arzt, ihn zu besuchen versprach, und sprang selbst zu ihm in den Wagen, um ihn zu dem Kranken zu begleiten.

Jeden Augenblick hatte sie eine Bitte an die Tante; bald verlangte sie ein Stück Leinwand oder Baumwollstoff, bald Zucker, Tee, Seife. Den Mädchen gab sie ihre alten Kleider und verlangte von ihnen, daß sie sich sauber hielten. Dem blinden alten Mann im Dorf brachte sie irgendeine Leckerei oder beschenkte ihn mit Geld. Sie kannte alle Frauen, alle Kinder beim Namen; den letzteren kaufte sie Schuhe, nähte ihnen Hemdchen und hob fast alle Neugeborenen aus der Taufe.

War eine Hochzeit im Dorf, dann kannte Marfinkas Freigebigkeit keine Grenzen; nur mit Mühe vermochte die Tante sie zurückzuhalten. Sie schenkte Wäsche und Schuhwerk, dachte sich irgendeinen hübschen Aufputz für die Braut aus, verschwendete ihr ganzes Taschengeld und mußte dann lange knausern und sparen.

Nur Trunkenbolde waren ihr, wie der Großtante, zuwider, und einmal schlug sie sogar mit dem Regenschirm auf einen Bauern los, der in betrunkenem Zustand seine Frau prügeln wollte, während Marfinka dabeistand.

Schreitet sie durch das Dorf, dann sind die Kinder sogleich wie närrisch hinter ihr her. Kaum haben sie sie erblickt, so sind sie auch schon in Scharen um sie herum. Sie schenkt ihnen Pfefferkuchen und Nüsse, nimmt auch wohl einige von ihnen mit ins Haus, wäscht sie und spielt mit ihnen.

Alle Hunde im Dorfe kennen und lieben sie, und auch unter den Kühen und Schafen hat sie ihre Lieblinge.

Alles Sinnen und Brüten war Marfinka fremd, sie sah den Dingen keck und offen ins Gesicht.

War sie allein im Zimmer, dann hatte sie Langeweile und ging dahin, wo sie Menschen traf. Stockte das Gespräch auch nur einen Augenblick, so war ihr das schon peinlich, sie gähnte und ging fort, oder begann selbst zu sprechen.

An Wochentagen trug sie ein schlichtes Woll- oder Leinenkleid mit einfachem Besatz, des Sonntags dagegen hatte sie unbedingt ihr gutes Kleid an, im Winter aus feinem Wollstoff oder Seide, im Sommer aus Musselin. Sie hielt sich dann überhaupt ganz feiertäglich, setzte sich vor Beendigung des Gottesdienstes nicht auf den ersten besten Platz, vermied alle häuslichen Arbeiten, zeichnete auch nicht und spielte höchstens nach dem Mittagessen ein wenig Klavier.

›Glückliches Kind!‹ dachte Raiskij und betrachtete sie mit Wohlgefallen. ›Wirst du wohl je erwachen oder wirst du dein ganzes Leben so spielend und singend verbringen unter dem Schutze des »Schicksals«, an das die Tante so fest glaubt? Was würde geschehen, wenn jemand versuchte, dich aus deinem Schlummer zu wecken?‹

»Komm, Marfinka«, sagte er eines Tages bald nach seiner Ankunft, »laß uns ein wenig spazierengehen! Zeig mir die Wirtschaft, mach mich mit den Hofleuten bekannt, führ mich in dein Zimmer und auch in Werotschkas Zimmer. Ich habe mich noch gar nicht umgesehen im Hause.«

Er hätte ihr keine größere Freude bereiten können. Fröhlich lief sie voraus, um ihm zuerst ihr Zimmer zu zeigen, öffnete die Türen vor ihm, lenkte seine Aufmerksamkeit auf jede Kleinigkeit, schwatzte, hüpfte und sang.

In ihrem Zimmer war alles heiter, im Kleinformat, so behaglich. Blumen auf den Fenstern, Vogelbauer, ein kleiner Heiligenschrein über dem Bett, eine Unmenge von Schächtelchen und Kästchen, in denen alle möglichen Dinge enthalten waren: Flicken, Zwirn, Seide, Stickarbeiten; sie stickte nämlich sehr zierlich in Wolle und Seide. Weiter fanden sich da Reste von Wachskerzen, Säckchen mit Räucherwerk, getrocknete Blumen, zusammengewachsene Nüsse, Muscheln und bunte Steinchen vom Ufer der Wolga.

An der Wand stand ein großes Kleiderspind – alles war darin wohlgeordnet, glatt hingelegt oder hingehängt. Das Bett war nicht groß und darauf lag eine ganze Anzahl von Kissen, eine seidene Steppdecke, hübsch gemustert und mit einer Musselinborte verziert, war darübergebreitet.

An den Wänden hingen englische und französische Stiche, die aus dem alten Hause herübergeholt waren und Szenen aus dem Familienleben darstellten: einen Greis, der am Kamin eingeschlafen war, eine alte Frau, die in der Bibel las, eine Mutter im Kreise ihrer Kinder, ein paar Kopien von Teniersschen Bildern, endlich der Kopf eines Hundes und eine Anzahl von Tierabbildungen, die aus irgendeinem Buche ausgeschnitten waren, auch einige Modebilder.

Sie öffnete ein Schränkchen, dem der süßliche Duft von Leckereien entströmte.

»Essen Sie ein paar Mandeln?« fragte sie.

»Nein, ich danke.«

»Oder Rosinen? Sie haben keine Kerne und schmecken sehr süß.«

Sie knackte mit den Zähnen eine Nuß auf und steckte zwei kleine Rosinen in den Mund.

»Nun möchte ich auch Weras Zimmer sehen«, sagte Raiskij.

»Das liegt im alten Haus – ich lasse rasch den Schlüssel holen.«

Raiskij wartete auf dem Hof, bis Jakow den Schlüssel brachte.

Marfinka ging dann mit ihm die breite Freitreppe hinauf. Sie betraten das große Vorzimmer, gingen durch den Korridor, stiegen zum oberen Stockwerk hinauf und blieben an der Tür von Weras Zimmer stehen.

Raiskij hatte sich bereits in seiner Vorstellung ein Bild von diesem Zimmer zurechtgemacht. Er sah die Möbel, die Dekorationen, die Bilder an der Wand, allerhand Kleinigkeiten – alles das stellte er sich ganz anders vor, als es bei Marfinka gewesen.

Neugierig überschritt er die Schwelle, sah sich im Zimmer um und – war in seiner Erwartung getäuscht. Nichts von alledem, was er sich vorgestellt, war darin zu sehen.

›Tantchen würde sagen, das Schicksal habe mit mir seinen Scherz getrieben‹, dachte er. ›Du erwartest es so – und findest es, eh du dich versiehst, ganz anders!‹

Ein einfaches Bett mit einem hoch hinaufreichenden Vorhang stand an der Wand, und nur ein einziges Kissen und eine dünne Baumwolldecke lag darauf. Ein Sofa, ein Teppich auf dem Fußboden, ein runder Tisch vor dem Sofa, am Fenster ein mit Wachstuch überzogener kleiner Schreibtisch, der indes nur wenig benutzt zu werden schien, ein kleiner alter Spiegel und ein einfaches Kleiderspind – das war alles. Keine Bilder an der Wand, keine Bücher, keine Nippsachen, die einen Schluß auf den Geschmack der Bewohnerin gestattet hätten.

»Wo hat sie denn ihre übrigen Sachen?«

»Sie hat nichts weiter.«

»Wie denn? Kein Tintenfaß, kein Schreibpapier?«

»Das ist alles im Tischkasten drin – den Schlüssel hat sie immer bei sich.«

Raiskij trat erst an das eine und dann an das andere Fenster. Die Aussicht ging auf der einen Seite über die Felder hinweg nach dem Dorf, auf der anderen Seite nach dem neuen Haus, dem Park und der Schlucht.

»Kommen Sie, Vetter – hier ist es so öde und unheimlich!« sagte Marfinka. »Daß Wera sich hier nicht fürchtet; ich würde sterben vor Angst! Und dabei hat sie es nicht einmal gern, wenn sie jemand hier besucht. Vor nichts fürchtet sie sich! Wenn's sein muß, geht sie mitten in der Nacht auf den Kirchhof dort – sehen Sie?«

Sie zeigte nach einem Hügel, ein wenig abseits von den Bauernhöfen, auf dem zahlreiche Grabkreuze, ganz dicht nebeneinander gedrängt, zu sehen waren.

»Und du – gehst du nicht hin?« fragte er.

»Am Tage wohl, doch nehme ich immer Agafja oder eins von den Dorfkindern mit. Auch wenn einmal ein Bauer begraben wird, geh ich mit. Es stirbt, Gott sei Dank, bei uns nur selten jemand.«

Raiskij warf noch einen Blick in das Zimmer und suchte sich die Züge der kleinen Wera, die er einstmals gekannt hatte, ins Gedächtnis zurückzurufen; er erinnerte sich nur eines sehr schlanken und brünetten kleinen Mädchens mit dunkelbraunen Augen, weißen Zähnchen und nicht immer sauberen Händchen.

›Wie mag sie jetzt aussehen? Sehr hübsch, sagen Marfinka und die Großtante – nun, wir werden ja sehen!‹ dachte er, während er hinter Marfinka herschritt.

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