Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Iwan Gontscharow >

Die Schlucht. Zweiter Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Zweiter Teil - Kapitel 11
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Zweiter Teil
booktitleDie Schlucht. Band 1
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid8c69add1
Schließen

Navigation:

X

Raiskij hatte bereits mehrere solche Tage und Nächte verbracht, und er sollte ihrer noch mehr unter diesem Dache verbringen, zwischen diesen Gärten und Blumenbeeten, in dem alten verwilderten Park und dem Hain dahinter, zwischen dem neuen, behaglichen, von lebendigem Treiben erfüllten Hause und dem still daliegenden alten, von dem der Putz schon zum großen Teil abgefallen war – auf den Feldern draußen, am Ufer, auf dem Flusse, in Gesellschaft der Großtante und der beiden Mädchen, seines Freundes Leontij und des wackeren alten Tit Nikonytsch.

Unbewußt verwuchs er mit der ganzen Atmosphäre, die ihn umgab. Er konnte sich den Eindrücken nicht entziehen, die die ihn umgebende Natur, die Menschen, ihre Reden, der ganze Zuschnitt und Betrieb dieses Lebens auf ihn ausübten.

Auf Schritt und Tritt trat er in Widerspruch mit ihnen, doch litt er noch nicht unter diesem Widerspruch, sondern lächelte nur nachsichtig und fügte sich der sanften Einfachheit dieses Lebens, wie er sich beim Schlafengehen dem Despotismus der Großtante fügte und in den weichen Kissen versank.

Wenn er gähnte, so geschah es noch nicht aus Langerweile, sondern weil er verdaute, oder weil eine gesunde Müdigkeit ihn überkam.

Er fand dieses Leben ganz erträglich. Niemand suchte hier etwas anderes vorzustellen, besser, klüger, vornehmer, sittlicher zu sein, als er wirklich war; in Wahrheit jedoch war dieses Leben sittlicher und vielleicht auch verständiger, als es auf den ersten Blick hin erschien. Dort, im Kreise der Menschen mit den entwickelten Begriffen, herrschte das Bestreben, einfach und schlicht zu sein, ohne daß man es in Wirklichkeit war; hier waren alle einfach und schlicht, ohne viel darüber nachzudenken; niemand brauchte sich erst lange anzustrengen, um es zu sein.

Die Großtante blieb während dieser ganzen Zeit stets sich selbst gleich. Sie lief überall geschäftig umher, kommandierte, traf Anordnungen, griff auch selbst zu, kurz, sie brauchte immer eine »Rolle«. Sie war ihr Leben lang tätig gewesen, und hatte sie einmal keine Tätigkeit, so dachte sie sich rasch eine aus.

Wie bisher, so fühlte sie auch jetzt nicht das Bedürfnis, weiter ins Leben einzudringen, als die vier Wände ihres Hauses, der Hof, die Gärten und Felder und die benachbarte Stadt es ihr vorzeichneten. Darüber hinaus war die Welt für sie mit Brettern vernagelt.

Die Überlieferung spricht durch ihren Mund, Sprichwörter und fertig geprägte Sentenzen voll alter Weisheit rollen nur so über ihre Lippen. Sie verteidigt ihre Ansichten tapfer gegen Raiskij, und der ganze äußere Gang ihres Lebens vollzieht sich nach alten, gefestigten Grundsätzen. Wenn jedoch Raiskij näher zusah, konnte er entdecken, daß in solchen Fällen, in denen aus irgendeinem Grunde die gefestigten Grundsätze nicht ausreichten, bei der Großtante plötzlich eigene Kräfte hervortraten, daß sie dann selbständig, ganz auf ihre eigene Art handelte.

Mitten durch die banale, abgegriffene und unbrauchbare alte Weisheit brach dann bei ihr ein lebendiger Strom gesunder, praktischer Klugheit hindurch, eigene Ideen, Ansichten und Begriffe kamen zum Vorschein. Nur etwas unruhig und ängstlich wurde sie, wenn sie ihre eigenen Kräfte ins Spiel setzte, und um sich selbst zu ermutigen, zog sie wenigstens ein paar alte Parallelen und Beispiele hinzu.

Raiskij gefiel diese einfache Form des Lebens, dieser geschlossene enge Rahmen, in den der Mensch sich einfügt und fünfzig, sechzig Jahre in lauter Wiederholungen zubringt, die er gar nicht merkt, und immer wartet, daß morgen oder übermorgen oder im nächsten Jahre etwas Neues geschehen wird, etwas noch nicht Dagewesenes, Erfreuliches, Interessantes.

›Wie leben sie eigentlich?‹ dachte er, als er sah, daß weder die Großtante noch Marfinka noch Leontij sich aus diesem Leben wegsehnten, daß sie gar nicht das Bedürfnis hatten, tiefer auf den Grund dieses Lebens zu schauen und zu ermitteln, was denn dort unten liegt, und daß sie sich vom Strome auch nicht weitertragen ließen nach der Mündung, um dort aufzublicken und sich zu fragen, was das eigentlich für ein Ozean sei, auf den die Strömung sie hinausgetrieben. Nein, nie kam ihnen das in den Sinn. »Wie Gott will«, pflegte die Großtante zu sagen, und damit war alles erledigt.

Über die Menschen, die sie kennt, urteilt sie mit sehr sicherem Blick; über das, was gestern geschah oder morgen geschehen soll, hat sie sehr richtige Ansichten, nie irrt sie sich. Ihr Horizont ist von der einen Seite durch die Gutsäcker, von der anderen durch die Wolga mit ihren Höhen, von der dritten durch die Stadt und von der vierten durch die in die weite Welt hinausführende Landstraße begrenzt – aber diese Welt da draußen geht sie nichts mehr an.

Wenn der Winter zu Ende geht, hat sie den Wunsch, daß es recht bald Frühling werden möchte, daß der Eisgang auf dem Strome an dem und dem Tage beginnen solle, daß der Sommer schön warm sei und gute Erträge liefere, daß die Getreidepreise sich hoch halten und der Zucker billig werde, daß ihn die Kaufleute womöglich umsonst geben, ebenso wie den Kaffee, den Wein und noch manches andere.

Sie erhob den Anspruch, daß von Zeit zu Zeit der Gouverneur ihr einen Besuch machte, daß alle irgendwie hervorragenden Persönlichkeiten, die aus Petersburg nach der Stadt kamen, unbedingt auch bei ihr vorsprächen, daß die Frau des Vizegouverneurs in der Kirche nach der Messe zuerst zu ihr käme und sie zuerst begrüßte und nicht umgekehrt. Wenn sie in die Stadt kam, wollte sie von jedem, der vorüberging oder vorüberfuhr, höflich gegrüßt sein, die Kaufleute sollten sogleich auf sie zustürzen und alle übrigen Kunden stehenlassen, sobald sie in den Laden trat, niemand sollte je ein böses Wort über sie sagen, im Hause sollte alles ihr gehorchen, so daß sogar keiner der Kutscher es wagte, sich eine Pfeife anzuzünden, am allerwenigsten auf dem Heuboden, daß Taras endlich das Trinken ließe, und daß überhaupt alle ihre Anordnungen befolgt würden, ohne daß sie sich weiter darum zu bekümmern brauchte.

Sie sah es gern, daß alle Tage jemand zu ihr zu Besuch kam, und an ihrem Namenstage vollends sollte niemand vergessen, ihr zu gratulieren, vom Bischof und Gouverneur bis zum letzten Kanzleivorsteher im Gericht. Drei Tage lang sollte die ganze Stadt von dem glänzenden Gastmahl sprechen, das sie gegeben, wenn sie auch weder auf den Gouverneur noch auf den Kanzleivorsteher besonders gut zu sprechen war. Wären an diesem Tage Monsieur Charles, den sie nicht leiden konnte, oder Polina Karpowna fortgeblieben, sie wäre tief beleidigt gewesen. Ja, sie wünschte vielleicht sogar ganz insgeheim, daß an diesem Tage auch Markuschka käme, um von der Festpastete zu kosten.

Bis zur Ankunft Raiskijs hatte ihr Leben fest und sicher auf diesem einfachen, soliden Fundament geruht, nicht im Traume wäre ihr der Gedanke gekommen, daß daran irgend etwas nicht in Ordnung sei, daß sie ihr ganzes Leben »im Kampfe mit den Widersprüchen« zugebracht habe, wie Raiskij sich ausdrückte.

Trat wirklich irgendwo ein Widerspruch, ein Gegensatz zutage, dann suchte sie jedenfalls die Schuld nicht bei sich, sondern bei dem andern, mit dem sie gerade zu tun hatte, und wenn es keinen solchen andern gab, beim Schicksal. Und als nun Raiskij auf der Bildfläche erschien und sowohl diesen »andern« als auch das Schicksal in seiner Person vereinigte, da war sie höchst erstaunt und schob alles auf den Ungehorsam und die Absonderlichkeiten ihres Großneffen.

Sie verteidigte sich mit Leidenschaft, zuerst mit Überlieferungen, Sentenzen und Sprichwörtern, doch als diese tote Kraft beim ersten Zusammentreffen mit der lebendigen Kraft der Analyse wie Spreu im Winde zerstob, griff sie sogleich zu ihrer eigenen, natürlichen Logik.

Das hatte Raiskij nur abgewartet – er wußte, daß sie dann sogleich zwischen zwei Feuer kommen mußte, zwischen die alte und die neue Zeit, zwischen die Überlieferung und den gesunden Menschenverstand, und er zweifelte nicht, daß schließlich der letztere bei ihr obsiegen würde.

Aber die Großtante überließ ihm nie den endgültigen Triumph, sie ergab sich nicht so leicht und schnitt den Streit damit ab, daß sie sich in despotischer Weise auf die Autorität berief – wenn auch nicht mehr der Einsicht und Weisheit, so doch ihrer Verwandtschaft und ihrer reifen Jahre.

Und Raiskij, der ihr auf dem Boden der Logik in nichts nachgab, senkte die Flagge vor ihrem sympathischen Wesen, kniete lachend vor ihr nieder und küßte ihr die Hand.

Er staunte darüber, wie sich das alles in ihr so miteinander vertrug, wie sie, ohne den ewigen Gegensatz zwischen alten und neuen Begriffen zu bemerken, sich im Leben zurechtfand und alles verdaute, und wie sie dabei frisch blieb und munter, keine Langeweile kannte, das Leben liebte, voll Glaubens war, nichts gleichgültig ansah und jeden neuen Tag wie eine neue, frische Blume begrüßte, von der sie morgen schon Früchte erwartete.

Die Großtante, Marfinka, selbst Leontij, der doch ein denkender, gelehrter, belesener Mensch war – sie alle hatten einen Stützpunkt gefunden in diesem Leben, sie wurzelten fest darin und waren glücklich.

Die Großtante hatte sich hier ihre Lebensweisheit erworben, gleichsam pfundweise, als hätte sie sie nach Gewicht gekauft. Sie begnügte sich damit, sie wollte nichts von dem wissen, was darüber hinausreichte, was sie nicht mit ihren eigenen Augen gesehen, und kümmerte sich nicht darum, ob es überhaupt noch etwas anderes gab oder nicht. Sie machte daher große Augen, als ihr nun Raiskij mit seinen »Absonderlichkeiten«, mit seinen ihr ganz verrückt vorkommenden Reden, mit seinem »zigeunerhaften« Tun und seiner Streitlust entgegentrat.

»Ein ganz seltsamer, ein eigenartiger Mensch«, sagte sie immer wieder und konnte sich nicht genug darüber wundern, daß er nicht auf sie hörte und nicht tat, was sie ihn tun hieß. Kann man denn anders leben, als sie es sich vorstellte? Tit Nikonytsch war von ihr entzückt, selbst Nil Andrejitsch urteilte günstig über sie, die ganze Stadt schätzte sie hoch, bis auf Markuschka vielleicht, der jedesmal höhnisch lachte, wenn er sie sah, aber der war ja ohnedies ein Verlorener.

Und nun kommt ihr eigener Großneffe, ihr lieber Verwandter, den sie von klein auf erzogen hat, und wagt es, ihr Trotz zu bieten, rechtfertigt sich, verteidigt sich, streitet mit ihr und wirft ihr gar vor, daß die Art, wie sie lebt, und das, was sie tut, ganz verkehrt sei!

Und sie kennt doch das Leben mit allem, was dazu gehört, wie ihre eigene Tasche. Weder die Kaufleute noch das Hofgesinde können ihr etwas vormachen, in der Stadt kennt und durchschaut sie jeden einzelnen, und in ihrer Häuslichkeit, in der Behandlung der ihr anvertrauten Nichten wie der Bauern, im Kreise ihrer Bekannten begeht sie nie einen Fehler, sie weiß immer, wohin sie treten, was sie sagen, wie sie mit eigenem und fremdem Gute schalten soll. Sie spielt, mit einem Wort, auf dem Leben wie auf einem Klavier – »nach Noten«.

Und er hört nicht auf sie und verurteilt sie obendrein!

Sie hatte aus ihren Beobachtungen und Erfahrungen die sinnreiche Folgerung gezogen, daß jedem Menschen eine bestimmte Linie im Leben vorgezeichnet sei – verfolgt er die, so kann er eine gewisse Bedeutung erlangen, gewisse Ziele und Erfolge erreichen. Jedem einzelnen war nach ihrer Meinung die Möglichkeit gegeben – natürlich den Verhältnissen entsprechend –, es zu Rang und Reichtum zu bringen, und wer die Zeit und den günstigen Augenblick verpaßte, wer die ihm vom Schicksal dargebotene Gelegenheit übersah, der hatte niemanden sonst als nur sich selbst anzuklagen.

»Jedem hat das Schicksal irgendeine Gabe mitgegeben«, sagte sie, »der eine zum Beispiel hat viel Verstand bekommen, irgendein Können, eine Geistesschärfe« – sie meinte die besonderen Fähigkeiten und Talente –, »dafür ist ihm kein Reichtum zuteil geworden.« Und sogleich war sie mit irgendeinem Beispiel zur Hand, nannte einen ihr bekannten Architekten oder einen Arzt oder den Bauer Stenka. Dieser Stenka sei ein Dummkopf, könne nicht bis drei zählen, nicht einmal das Kreuzzeichen machen, wisse rechts und links nicht zu unterscheiden, habe weder den Pflug zu führen noch den Spaten im Garten zu handhaben gewußt – dafür besitze er aber eine ganz erstaunliche Fertigkeit, allerhand Holzgeschirr, Löffel, Schiffchen und sonstiges Kinderspielzeug, auf der Drehbank anzufertigen. All das gehe ihm so leicht von der Hand! Und wieviel er davon an jedem Jahrmarkt verkaufe! Ein anderer sei ein Staatskerl, so hübsch wie ein Bild anzusehen – und dabei ein ausgemachter Dummkopf! Balakin zum Beispiel: kein verständiges Mädchen würde ihn heiraten, und was für ein nettes Gesicht hat er! Nun, wenn er den richtigen Moment nicht verpaßt, wird auch er sein Glück machen. »Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf!« sagte sie, ihre Ansicht durch ein Sprichwort stützend. »Er wird schon irgendeine reiche dumme Gans finden!« Andern wieder hat das Schicksal die Geistesgaben und den Reichtum versagt, dafür hat es ihnen den Fleiß gegeben, und mit dessen Hilfe setzen sie sich durch. Nun, und wer ein Faulpelz ist, wer die Augen nicht offenhält, wer die Gaben vernachlässigt, die das Schicksal ihm verliehen hat – der ist eben selbst schuld an seinem Unglück! Darum gibt es in der Welt so viele verlorene Existenzen: Faulpelze, Müßiggänger, Trunkenbolde, die mit Löchern in den Ärmeln herumlaufen, einen Fuß im Pantoffel, den andern in der Galosche, mit roter Nase, mit aufgesprungenen Lippen, nach Branntwein riechend! Raiskij mußte immer laut lachen, wenn er sie so räsonieren hörte, namentlich ihre Charakteristik des Trunkenboldes, der für sie der widerwärtigste und erbärmlichste Mensch war, machte ihm Spaß. So stark war ihre Abneigung gegen das Trinken, daß, obschon sie bei Raiskij nicht die geringste Neigung dafür bemerkte, sie doch jedesmal unruhig wurde, wenn es ihm einfiel, sich ein großes Glas Wein oder Likör einzuschenken statt eines Gläschens.

»Wird's dir auch nicht schaden? Ist's nicht zuviel?« sagte sie stirnrunzelnd und den Kopf schüttelnd.

Sie hatte geradezu eine physische Abneigung gegen jeden Trinker.

»Ja, ja, lach nur!« sagte sie, »und es ist doch wahr!«

»Man kann doch aber auch ohne eigene Schuld zugrunde gehen, Tantchen«, versetzte Raiskij, der sehen wollte, wieweit ihre Einsicht in die Praxis des Lebens wohl reichte. »Es gibt Feindschaften unter den Menschen, es gibt Leidenschaften. Wie kann ein Mensch schuld haben, wenn ihm jemand ein Bein stellt, wenn er in eine Intrige verwickelt wird, wenn er bestohlen oder ermordet wird? Was für Zufälle gibt es nicht im Leben!«

»Gewiß hat er schuld, unbedingt!« entschied sie, ohne auch nur den leisesten Protest zuzulassen. »Wenn jemand im Unglück ist, wenn es ihm schlecht geht, wenn er in Armut und Elend, in Schmach und Schande steckt, im Laster versinkt und sich nicht aufzuraffen vermag – dann ist er ganz allein schuld! Irgendwo und irgendwie hat er sicher gesündigt oder sündigt noch – und ist er nicht dem Laster zum Opfer gefallen, dann sicherlich schwerem eigenem Irrtum. Feindschaften! Leidenschaften! Was soll das heißen? Immer ist und bleibt der Mensch sich der schlimmste Feind ... Gott straft wohl bisweilen, aber er verzeiht auch, wenn der Mensch sich demütig unterwirft und wieder auf den rechten Weg zurückkehrt. Wer aber immer wieder strauchelt und im Schmutz liegenbleibt, dem kann nicht verziehen werden, weil er sich selbst nicht überwindet, nicht dem Branntwein und den Karten entsagt, nicht wiedergibt, was er gestohlen hat, weil er einen falschen Stolz hat, alle Welt beleidigt, jähzornig ist oder ein Wüstling, ein Betrüger, ein Verräter. Was es auch sei, irgend etwas liegt immer vor! Hat er den guten Willen, dann gelingt's ihm auch, auf den rechten Weg zurückzugelangen. Und ist er zu schwach dazu, hat er nicht Kraft genug, so zeigt das eben, daß er den Glauben nicht hat. Ist der Glaube da, dann ist auch die Kraft da. Ja, ja – es ist so, wie ich sage! Sprich nicht, sprich nicht! Lach meinetwegen, aber schweig!« fügte sie hinzu, als sie bemerkte, daß er ihr etwas entgegnen wollte. »Nie soll ein Mensch die Schuld auf die anderen schieben! Paß auf, halt die Augen offen, achte auf dich selbst! Bist du gestrauchelt, dann steh wieder auf und sieh zu, ob der Fehler nicht in dir liegt! Bete – und bessere dich! Da haben wir zum Beispiel unseren Alexej Petrowitsch. Drei Gouverneure hatten ihn aus dem Dienst gejagt, unter Kuratel war er gestellt, kein Mensch borgte ihm mehr etwas, dem Bettelstabe schien er nahe – und jetzt hat er seine Zeit abgewartet, hat's geduldig getragen, hat Reue empfunden und Buße getan – ach, und was für Sünden hat er begangen! – und ist wieder ein Mensch geworden ...«

»Nun – gut, gut, Tantchen! Und sagen Sie – es war doch hier einmal solch ein Krakeeler, erinnern Sie sich? Polizeimeister war er oder Kreispolizeichef – der Ihnen das Dach vom Hause abtragen lassen wollte; er legte Ihnen widerrechtlich eine Geldbuße auf, machte Ihnen allerhand Scherereien ...«

»Ganz recht – das war ein ganz abscheulicher, böser Mensch, er war mein Feind, ich konnte ihn nicht leiden. Und was war sein Ende? Wie der neue Gouverneur kam und von seinen Streichen hörte, jagte er ihn aus dem Dienst. Er war ganz heruntergekommen, hatte sich dem Trunk ergeben, war unter die Fuchtel seiner leibeigenen Magd geraten; nicht mucken durfte er! Kein Mensch hat ihm eine Träne nachgeweint, als der Tod ihn holte.«

»Nun, sehen Sie – was hatten Sie getan, daß er Sie so verfolgte? Waren Sie da schuld?«

»Gewiß!« rief die Großtante. »Ich habe mein Teil nicht umsonst bekommen. Das Schicksal straft nicht mir nichts, dir nichts ...«

»Wirklich nicht? Was hatten Sie denn getan?«

»Was ich getan hatte?« wiederholte sie. »Du bist noch zu jung, um alle die Schlechtigkeiten zu kennen, die deine alte Tante begangen hat. Doch ich kann dir's sagen: es war zu der Zeit, als die Branntweinpacht von Staats wegen eingeführt wurde, als nicht mehr jedermann brauen und brennen durfte – ich kehrte mich nicht daran, ließ zu Hause Bier brauen für die Leute und auch Branntwein brennen, nicht viel, nur was so für Gäste und fürs Hausgesinde nötig war, aber es war doch einmal verboten. Auch die Brücken ließ ich nicht reparieren ... Als ich ihn nun nicht spickte, wurde er böse, siehst du! Wenn schon das Unglück über einen hereinbricht, dann kommt es knüppeldick. Da heißt es rasch Buße tun in Sack und Asche, sonst geht's dir immer schlechter und schlechter ... und dann ...«

»Und dann bekommt man eine rote Nase, und die Lippen springen auf, und ein Fuß steckt im Pantoffel, der andere in der Galosche!« sagte Raiskij lachend. »Ach, Tantchen, Sie haben doch eine recht eigenartige Auffassung von den Dingen! Das Schicksal zum Beispiel – wenn ich mir vornehme, unbedingt das und das zu tun, wenn ich mich mit meinem ganzen Willen wappne ...«

»Sag niemals ›unbedingt‹!« unterbrach ihn Tatjana Markowna. »Gott behüte!«

»Warum denn nicht? Wieder etwas Neues!« sagte Raiskij. »Hör einmal, Marfinka – ich werde unbedingt dein Porträt malen, unbedingt meinen Roman schreiben, unbedingt Markuschkas Bekanntschaft machen, unbedingt diesen Sommer hier bei euch verbringen und euch allen – der Tante, dir und Werotschka – eure veralteten Vorurteile austreiben!«

Marfinka begann zu lachen, während Tatjana Markowna ihn verwundert durch die Brille ansah.

»Du scheinst den Verstand verloren zu haben! Lern du erst mal bei deiner alten Tante, wie man leben soll! Du traust dir doch gar zu viel zu! Daß dir das Schicksal nur nicht auf dein ›Unbedingt‹ seine Antwort gibt! Gebrauch das Wort nie wieder! Sag lieber: ›ich möchte‹, ›so Gott will‹, ›wenn ich gesund und am Leben bleibe‹ ... Sonst straft dich das Schicksal für deine Vermessenheit; nie geht es so, wie du willst ...«

»Ihre Vorstellung vom Schicksal, liebes Tantchen, ist etwa dieselbe Vorstellung der alten Griechen vom Fatum: Sie stellen sich das Schicksal als eine Persönlichkeit vor, als ein Wesen, das hier irgendwo in der Ecke steht und lauscht ...«

»Ja, ja«, sagte die Großtante und machte unwillkürlich eine Bewegung, als wollte sie sich umsehen, »es steht wirklich jemand da und lauscht! Du brauchst nur nicht achtzugeben, nur einen Augenblick zu vergessen, daß der Mensch fallen kann – und da liegst du auch schon! Hoffe nur immer drauflos – eh du dich versiehst, hat das Schicksal dir einen Streich gespielt, nimmt es dir vor der Nase weg, wonach du eben noch gegriffen hast. Wenn du es am wenigsten erwartest, versetzt es dir Maulschellen ...«

»Nun, und wann kommt das Glück? Denn es gibt doch nicht bloß Maulschellen im Leben!«

»Gewiß nicht! Wenn du bescheiden wartest, nicht überheblich bist, immer Zweifel hast – dann wird's dir zuteil. Vor allem nicht den Kopf zu hoch getragen, nicht den Nacken zu stolz gehalten, immer ein bißchen bescheiden und schüchtern – dann kommt es vielleicht, das Glück. Das Schicksal verlangt, daß der Mensch vorsichtig sei. Darum sagt auch das Sprichwort: ›Den Behutsamen behütet auch Gott!‹ Freilich soll man auch da nicht übertreiben. Wer gar zu ängstlich ist und sich feig versteckt, den liebt das Schicksal nicht, dem stellt es gelegentlich eine Falle. Wer sich vor dem Wasser fürchtet, den Flüssen aus dem Wege geht, nie in ein Boot steigen mag, läßt sich schließlich doch einmal zu einer Gondelfahrt verführen, und dann liegt er auch schon, plumps, im Wasser!«

Raiskij lachte hell auf.

»Ja, ja – das Schicksal hat den Schalk im Nacken sitzen!« fuhr sie fort. »Wenn du im Geldbeutel ein Zehnkopekenstück suchst, kommen dir lauter Zwanzigkopekenstücke zwischen die Finger, und ganz zuletzt findest du dann erst das Zehnkopekenstück. Erwartest du jemanden, dann kommt er ganz gewiß nicht, dafür kommen aber zehn, zwanzig andere, die Tür hört gar nicht auf zu klappern, du kochst vor Ärger und Wut, und der Erwartete kommt nicht. Du hast etwas verloren, suchst das ganze Haus danach ab, wühlst in allen Ecken – und schließlich liegt es dir vor der Nase! So ist's, mein Lieber!«

»Welche Sklaverei!« sagte Raiskij. »So das ganze Leben mit lauter Kleinigkeiten zu verzetteln! Und warum, in welcher Absicht geschieht denn das alles, Tantchen – denn es ist doch nach Ihrer Meinung irgend jemand da, der dabei eine Absicht hat? Nein, ich getraue mich nun wirklich nicht mehr, Sie eines Besseren zu belehren, Sie sind von Grund aus verdorben!«

»In welcher Absicht?« sagte sie. »Nun, damit der Mensch nicht einschlafe und sich nicht vergesse, sondern daran denke, daß jemand über ihm ist; damit er sich rühre, damit er die Augen offenhalte und nachdenke und sich mühe. Das Schicksal lehrt ihn Geduld, stählt seinen Charakter, damit er sich lebhaft tummle, auf alles sorgfältig achte, nicht auf der Bärenhaut liege und tue, was der Herr ihm zu tun aufgegeben hat.«

»Sie meinen also, daß dem Menschen sozusagen ein unsichtbarer Polizeisergeant beigegeben ist, der ihn immer wach halten soll?«

»Ja, scherze du nur – gerade in deinem Scherz liegt die Wahrheit!« bemerkte die Großtante.

»Wie elastisch ist doch das Leben!« sagte Raiskij nachdenklich.

»Was?«

»Ich sprach so halb für mich, halb für Marfinka. Du magst glauben, woran du willst – an die Gottheit, an die Mathematik oder an die Philosophie –, das Leben paßt sich allem an. Wo hast du deine Ausbildung erhalten, Marfinka?«

»In der Pension, bei Madame Meyer.«

»Zwölfhundert Rubel habe ich für jede von ihnen bezahlt«, sagte die Großtante. »Fünf Jahre lang waren sie da ...«

»Kennst du das ptolemäische Weltsystem?«

»Ptolemäus ... das war ja wohl ein Kaiser oder König ...«, sagte Marfinka und errötete ein wenig darüber, daß sie mit den Weltsystemen nicht recht Bescheid wußte.

»Ja, ein König oder ein Gelehrter. Du weißt, daß man früher die Erde für das Zentrum der Welt hielt, um das sich alle übrigen Weltkörper drehen, bis dann Galilei und Kopernikus entdeckten, daß sich alles um die Sonne dreht, und andere jetzt gefunden haben, daß auch die Sonne um irgendeinen Zentralkörper kreist. Jahrhunderte gingen hin – und die Erscheinungen der physischen Welt paßten sich stets jeder dieser Theorien an. So ist's auch mit dem Menschenleben. Zuerst ordnete man es dem Fatum unter, dann einem lenkenden Verstand, dann dem Zufall – mit jeder Elle läßt es sich messen. Bei Tantchen scheint irgendein Hausgeist die Rolle des Lebenslenkers zu spielen ...«

»Kein Hausgeist, sondern Gott und das Schicksal«, sagte sie.

»Zwei also sind's, die es lenken! Und sechzig Jahre lang hat sie sich ihr ganzes Erdendasein mit den geringfügigsten Einzelheiten nach dieser Theorie zurechtgelegt. Und wie sicher sie sich darin fühlt – während unsereins sich quält und abmüht ... warum nur, möcht ich wissen!«

Er zog in Gedanken eine Parallele zwischen sich selbst und der Großtante.

›Ich mühe mich und tu alles mögliche‹, dachte er, ›um ein humaner, guter Mensch zu sein – und sie hat nicht die geringste Anstrengung in dieser Richtung gemacht, und ist doch human und gut! Ich bin mißtrauisch und kalt gegen die Menschen und werde nur dort warm, wo es sich um die Geschöpfe meiner Phantasie handelt, während sie voll Wärme gegen den Nächsten ist und voll Glauben. Ich sehe, wo die Täuschung ist, ich weiß, daß alles Illusion ist, ich kann mich an nichts fesseln, finde nirgends die Aussöhnung, den inneren Frieden – während sie nirgends und bei niemandem eine Täuschung voraussetzt, außer vielleicht bei ihren Kaufleuten, und voll Liebe, voll Nachsicht, voll Güte ist, weil sie selbst an das Gute und die Menschen glaubt. Während meine Nachsicht, wo sie einmal zutage tritt, im kalten Grunde des Bewußtseins wurzelt, hat bei ihr die Güte und Rücksicht im Gemüt, im warmen Herzen, in ihrer ganzen trefflichen Natur ihren Grund. Ich bin ein Nichtstuer – sie aber hat ihr ganzes Leben lang gewirkt und geschafft ...‹

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.