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Die Schlucht. Zweiter Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Zweiter Teil - Kapitel 10
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Zweiter Teil
booktitleDie Schlucht. Band 1
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid8c69add1
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IX

Die Sonne ging eben unter, als Raiskij nach Hause zurückkehrte. Auf der Treppe kam ihm Marfinka entgegen.

»Wo haben Sie denn gesteckt, Vetter?« sagte sie. »Die Tante ist ganz aufgebracht über Sie – keinen Menschen sieht sie an.«

»Ich war bei Leontij«, antwortete er gleichgültig.

»Ich dachte es mir; ich suchte die Tante zu beruhigen, so gut ich konnte, aber sie wollte von nichts hören, selbst mit Tit Nikonytsch spricht sie nicht. Er ist noch bei uns, und auch Polina Karpowna ist da. Nil Andrejitsch und die Fürstin haben hergeschickt und Ihnen ihren Gruß und Willkommen übersandt.«

»Was gehe ich sie an?«

»Sie haben jeden Tag hergeschickt und sich erkundigt, ob Sie schon da seien.«

»Das war sehr nötig!«

»Kommen Sie, kommen Sie zu Tantchen! Jetzt wird Ihnen gehörig der Kopf gewaschen!« suchte Marfinka ihm bange zu machen. »Haben Sie nicht Angst? Schlägt Ihr Herz nicht schneller?«

Raiskij mußte lachen.

»Sie ist sehr böse. Wir haben so viele gute Sachen zubereitet!«

»Die essen wir nun zum Abendbrot«, sagte Raiskij.

»Wirklich? Wollen Sie wirklich essen? Tantchen, Tantchen!« rief sie freudig und lief ins Zimmer voraus. »Der Vetter ist gekommen, er will Abendbrot essen!«

Aber die Großtante saß mürrisch da und blickte gar nicht auf, als Raiskij ins Zimmer trat, als er Tit Nikonytsch umarmte, und als Polina Karpowna sich affektiert vor ihm verneigte. Diese letztere war inzwischen zu einer fünfundvierzigjährigen Matrone herangereift, was sie nicht hinderte, in ihrem tiefausgeschnittenen Musselinkleid mit dem schlecht schließenden Mieder kokett auf ihrem Stuhl zu sitzen und abwechselnd mit dem feinen, spitzenbesetzten Taschentuch oder dem Fächer zu spielen, den sie hin und her bewegte, obwohl die Luft im Zimmer sich längst abgekühlt hatte.

»Nein, wie stattlich Sie aussehen! Wie männlich! Ich hätte Sie nicht wiedererkannt!« sagte Tit Nikonytsch, strahlend vor Gutmütigkeit und Zufriedenheit.

»Wirklich, sehr hübsch sind Sie geworden!« sagte Polina Karpowna gedehnt, fast, als ob sie für sich spräche. Sie hatte noch nicht vergessen, daß sie damals, bei Raiskijs letztem Besuch, zum Ärger der Großtante den jungen Studenten mit einem Kuß begrüßt hatte.

»Sie haben sich gar nicht verändert, Tit Nikonytsch!« sagte Raiskij, während er den Alten betrachtete. »Die Jahre sind fast spurlos an Ihnen vorübergegangen, so frisch, so rüstig sehen Sie aus – und ebenso freundlich und gutmütig!« Tit Nikonytsch dankte ihm für das Kompliment mit einem Kratzfuß.

»Es geht noch so halbwegs, Gott sei Dank!« sagte er. »Nur das Reißen ist lästig, und der Magen ist nicht ganz in Ordnung. Man altert eben!«

Er sah auf die Damen und hielt leicht verwirrt inne.

»Sie sind ja nun glücklich da!« fuhr er dann fort. »Und Tatjana Markowna hatte schon solche Angst um Sie: die Hohlwege, und die Räuber! Bleiben Sie lange hier?«

»Jedenfalls doch den ganzen Sommer«, bemerkte die Krizkaja. »Hier haben Sie die herrliche Natur, die reine Luft! Es gibt hier soviel Leute, die sich für Sie interessieren.«

Er sah sie von der Seite an, ohne etwas zu erwidern.

»Wie wird man sich beim Adelsmarschall freuen! Wie sehnlich wünscht der Vizegouverneur, Sie zu sehen! Die Gutsbesitzer aus der Umgegend werden eigens Ihretwegen nach der Stadt kommen«, fuhr sie aufdringlich fort.

»Was wollen sie denn von mir? Sie kennen mich doch nicht!«

»Sie haben soviel Interessantes von Ihnen gehört«, sagte sie und sah ihn dabei durchdringend an. »Erinnern Sie sich meiner noch?«

Die Großtante wandte den Blick ab, als sie bemerkte, wie Polina Karpowna ihre Augen spielen ließ.

»Nein ... ich ... erinnere mich nicht mehr.«

»Ja, in der Residenz verwischen sich alle Eindrücke sehr rasch!« sagte sie schmachtend. »Wie schick Ihr Reisemantel ist!« fügte sie, ihn musternd, hinzu.

»In der Tat – ich bin noch im Reiseanzug!« sagte Raiskij. »Vielleicht kann Jegor meinen Koffer auspacken?«

Jegor kam, und Raiskij übergab ihm den Schlüssel zu seinem Koffer.

»Nimm meine Sachen heraus und leg sie in meinem Zimmer hin«, sagte er. »Und den Koffer bring irgendwohin auf den Boden. Ihnen, Tantchen«, sagte er zu Tatjana Markowna gewandt, »und euch, liebe Kusinen, habe ich ein paar kleine Andenken aus Petersburg mitgebracht. Vielleicht könnte man sie gleich herbringen?«

Marfinka wurde ganz rot vor Freude.

»Wo wollen Sie mich denn unterbringen, Tantchen?« fragte er.

»Wo du willst, das Haus gehört dir«, erwiderte sie kühl.

»Seien Sie nicht böse, Tantchen – ich tu's nicht wieder!« sagte er lachend.

»Ja, lach nur, lach nur, Boris Pawlowitsch! Aber hier vor den Gästen will ich es dir sagen: das war nicht schön von dir! Hat kaum die Nase ins Haus gesteckt – und verschwindet für den ganzen Tag! Das ist eine Nichtachtung gegen deine alte Tante.«

»Eine Nichtachtung? Wieso? Sie werden mich doch jetzt hier Tag für Tag auf dem Halse haben! Ich habe einen alten Freund besucht, und wir haben uns verplaudert.«

»Gewiß doch, Tantchen, der Vetter hat es doch nicht absichtlich getan! Leontij Iwanowitsch ist ein so guter Mensch.«

»Halt gefälligst den Mund, meine Liebe, wenn du nicht gefragt wirst! Es schickt sich nicht, daß du deiner Tante widersprichst! Sie weiß schon, was sie sagt!«

Marfinka errötete und setzte sich lächelnd in eine Ecke.

»Uljana Andrejewna wird dich natürlich besser bewirten als ich. Wie kann ich gegen sie aufkommen! Was kann ich solch einem Herrn aus der Residenz auch bieten?« fuhr die Großtante fort zu räsonieren. »Was für Frikassees hat sie dir denn vorgesetzt?« fragte sie nicht ohne Neugier.

»Es gab Nudeln«, versetzte Raiskij, »dann eine Pastete mit Kohl und Eiern ... dann Rinderbraten mit Kartoffeln.«

»Nudeln und Rindfleisch!« lachte die Tante ironisch.

»Dann gab's auch noch einen Grützebrei aus der Pfanne: sehr schmackhaft«, fuhr Raiskij in seiner Aufzählung fort.

»Solche Leckerbissen hast du wohl in Petersburg nicht gegessen?«

»Warum nicht? Ich esse oft mit meinen Kollegen zusammen, da gibt es so etwas häufig.«

»Das sind ganz schmackhafte Gerichte«, sagte Tit Nikonytsch in verbindlichem Ton, »nur etwas schwer verdaulich.«

»Ja, Sie sind natürlich auf seiner Seite! Gut also«, sagte sie und wurde plötzlich munter, »morgen, Marfinka, lassen wir dem gnädigen Herrn Kaldaunen kochen, und Sülze, und Pastete von Mohrrüben, vielleicht auch noch Gänsebraten.«

»Fi donc! Pfui!« rief Polina Karpowna aus. »Wird der gnädige Herr denn mit solchen groben Speisen vorliebnehmen?«

»Warum nicht?« sagte Raiskij. »Namentlich, wenn die Gans mit Grütze gefüllt ist.«

»Das ist aber ein schwerverdauliches Gericht!« bemerkte Tit Nikonytsch. »Eine leichte Graupensuppe, ein Kotelett oder ein Hühnchen und etwas Gelee ... das ist mehr nach meinem Geschmack.«

»Wie ist's denn mit frischen Pilzen? Essen Sie die gern, Vetter?« fragte Marfinka.

»Gewiß! Kann ich die noch zum Abendbrot haben?«

»Geh, Marfinka, sag es in der Küche!« versetzte die Großtante.

»Nicht doch, Mütterchen, nicht doch!« sagte Tit Nikonytsch mit leichtem Stirnrunzeln. »Pilze zur Nacht – das ist doch unmöglich.«

»Willst du also wirklich Abendbrot essen – oder treibst du deinen Scherz mit mir?« fragte Tatjana Markowna ein wenig milder.

»Meinen Scherz?« sagte Raiskij. »Nicht im geringsten! Und wenn es in den Kellereien meines Erbgutes Champagner gibt, dann erbitte ich mir eine Flasche davon zum Abendbrot – ich will mit Tit Nikonytsch auf Ihre Gesundheit anstoßen, Tantchen! Nicht wahr, Tit Nikonytsch?«

»Ja – und auf Ihre glückliche Ankunft, Boris Pawlowitsch – obwohl Champagner, zu Pilzen genossen, dem Magen nicht sehr bekömmlich ist.«

»Wieder ein neuer Einfall! Laß eine Flasche Champagner auf Eis legen, Marfinka«, sagte die Großtante. »Nun, das wäre das Abendbrot – aber daß du das erste Mittagessen nicht zu Hause eingenommen hast, damit hast du mich wirklich gekränkt!«

»Ach, Tatjana Markowna – das mag eben anders sein in der Residenz!« suchte die Krizkaja Raiskij zu verteidigen. »Bei uns hier gelten noch die kleinbürgerlichen Bräuche.«

Die Augen der Großtante begannen zu funkeln.

»Das sind keine Kleinbürger, Polina Karpowna!« rief sie heftig und zeigte auf die Ahnenporträts an der Wand. »Und auch Gerichtsbeamte sind's nicht«, fügte sie mit einer Anspielung auf den verstorbenen Gatten der Krizkaja hinzu.

»Boris Pawlowitsch wollte sich vermutlich vor dem Essen nur ein wenig Bewegung machen, ist dabei wahrscheinlich etwas zu weit gegangen und konnte infolgedessen nicht rechtzeitig nach Hause kommen«, suchte auch Tit Nikonytsch den Sünder zu verteidigen.

»Ach, gehen Sie mit Ihrer Bewegung!« fuhr Tatjana Markowna in komischem Zorn, doch bereits wieder mit einem gutmütigen Ausdruck in den Augen, auf ihn los. »Vierzehn Tage lang habe ich ihn erwartet; bin nicht vom Fenster weggekommen, und wieviel Mittagessen sind umsonst hergerichtet worden! Ist denn das eine Art? Und was werden die Leute sagen: geht zu Fremden, um sich dort mit Grütze und Nudeln füttern zu lassen, als ob's bei der Tante nichts zu essen gäbe!«

Tit Nikonytsch lächelte still, neigte den Kopf ein wenig vor und schwieg.

»Wir wollen einen Vertrag miteinander schließen, Tantchen«, sagte Raiskij. »Wir wollen einander gegenseitig volle Freiheit lassen und uns keine Vorwürfe machen. Sie tun, was Sie wollen, und ich werde gleichfalls tun, was mir gut dünkt. Das Mittagessen, das Sie für mich bestimmt hatten, esse ich jetzt zum Abend, und die Nacht über bleibe ich zu Hause, heute wenigstens. Und was ich morgen anfange, wo ich morgen zu Mittag esse und zur Nacht bleibe – das weiß ich nicht!«

»Bravo, bravo!« rief die Krizkaja mit kindlicher Lebhaftigkeit.

»Was soll das heißen? Bist du vielleicht ein Zigeuner?« versetzte die Großtante verwundert.

»Monsieur Raiskij ist ein Poet, und die Poeten sind frei wie der Wind!« bemerkte Polina Karpowna, während sie von neuem ihr Augenspiel begann, die Spitze ihres Schuhes bewegte und auf jede Weise Raiskijs Aufmerksamkeit auf sich zu lenken suchte.

Aber je mehr sie sich bemühte, desto kühler wurde er. Er ärgerte sich schon lange über ihre Anwesenheit. Nur Marfinka lächelte ganz heimlich, während sie sie ansah. Die Großtante schenkte ihr gar keine Beachtung.

»Zwei eigene Häuser hat er, und Land, und Bauern, und soviel Silber und Kristall – und er zieht aus einem Winkel in den andern wie ein ruheloser Sünder, wie der heimatlose Markuschka!«

»Schon wieder dieser Markuschka! Ich muß ihn doch einmal aufsuchen und seine Bekanntschaft machen!«

»Nein, tu das nicht, das würde mich sehr kränken!« versetzte Tatjana Markowna herrisch. »Geh ihm aus dem Wege, wenn du ihn siehst!«

»Warum denn?«

»Weil er dich nur vom rechten Wege abbringen würde.«

»Nun, das hat keine Gefahr, nur aus Neugier möcht ich ihn kennenlernen, er soll ein interessanter Mensch sein. Ist's wahr, Tit Nikonytsch?«

Watutin lächelte.

»Er ist sozusagen ein Rätsel für alle«, antwortete er. »Er muß schon in früher Jugend vom rechten Wege abgewichen sein ... doch scheint er sehr begabt und sehr viel zu wissen. Er könnte sich recht nützlich machen.«

»Ein Grobian ist er, und ein schlecht erzogener Mensch!« sagte die Krizkaja mit Würde, während sie zu Raiskij hinüberschielte. Sie lispelte ein wenig.

»Ja, sehr begabt ist er. Dreihundert Rubel kostet Sie seine Begabung! Hat er Ihnen das Geld schon zurückgegeben?« fragte Tatjana Markowna.

»Ich ... habe es nicht verlangt!« sagte Tit Nikonytsch. »Übrigens benimmt er sich gegen mich ... beinah höflich.«

»Hat er noch nicht nach Ihnen geschlagen oder geschossen? Unsern Nil Andrejewitsch hätte er nämlich um ein Haar totgeschossen«, sagte sie zu Raiskij.

»Seine Hunde haben mir die Schleppe zerrissen!« beklagte sich die Krizkaja.

»Hat er sich nicht wieder einmal bei Ihnen zum Mittagessen eingeladen?« fragte die Großtante Watutin.

»Nein. Sie wollten es doch nicht haben, daß ich ihn einlade, und so habe ich ihn nicht mehr empfangen«, sagte Watutin. »Er kam einmal mitten in der Nacht von der Jagd zu mir und bat mich, ihm doch etwas zu essen zu geben, er hätte seit vierundzwanzig Stunden nichts mehr genossen«, erzählte Tit Nikonytsch. »Ich setzte ihm etwas vor, und wir haben die Zeit sehr angenehm miteinander verbracht.«

»Das nennen Sie angenehm?« versetzte die Großtante. »Nein, das kann ich nicht mehr mit anhören! Wenn er bei mir so mitten in der Nacht einbräche – ich würde ihm ein Mittagessen reichen lassen, an das er zeitlebens denken sollte! Nein, Boris Pawlowitsch, halt du dich nur an die anständigen Leute; bleib bei uns, iß mit uns zu Hause, geh mit uns spazieren, sieh dir's an, wie ich hier die Wirtschaft führe, schilt mich aus, wenn ich dir etwas nicht recht mache – aber gib dich nicht mit verdächtigen Leuten ab.«

»Das wird aber langweilig sein, Tantchen! Lassen Sie doch jeden leben, wie er will.«

»So-o! Also zu Mittag essen wirst du, wo sich's gerade trifft, Nudeln, Grütze, ganz gleich, was? Und nach Hause kommen willst du nicht? Das kann ja heiter werden! Und wenn ich nun nach Nowosselowo fahre, in mein Dörfchen, oder zu Anna Iwanowna Tuschina gehe, drüben über der Wolga, die mich schon lange bei sich erwartet, und wenn ich alle Schlüssel mitnehme und den Leuten sage, sie sollen nicht verraten, wo ich bin, und du kommst dann mit einemmal nach Hause und willst zu Mittag essen; was wirst du da sagen?«

»Gar nichts werde ich sagen.«

»Wirst du dich nicht wundern, dich nicht gekränkt fühlen?«

»Nicht im geringsten.«

»Was wirst du denn machen?«

»Ich gehe in das erste beste Wirtshaus.«

»Ins Wirtshaus!« rief die Großtante ganz erschrocken, und auch Tit Nikonytsch schien durch Raiskijs Antwort verblüfft.

»Man wird Sie nicht ins Wirtshaus gehen lassen«, versetzte er. »Mein Haus, meine Küche, meine Leute, ich selbst, kurz, alles steht Ihnen zur Verfügung, und ich werde es mir zur Ehre anrechnen.«

»Gehst du denn ins Wirtshaus?« fragte die Großtante streng.

»Ich esse stets im Wirtshaus zu Mittag.«

»Du spielst wohl auch Billard und rauchst?«

»Ich spiele ganz gern, und ich rauche auch. Ich will meine Zigarren holen – eine sehr gute Sorte. Sie sollten sie einmal probieren, Tit Nikonytsch!«

»Danke ganz ergebenst, ich rauche nicht. Das Nikotin ist den Lungen und dem Magen sehr schädlich, es beschleunigt die Verdauung in unzuträglicher Weise und hat auch sonst üble Wirkungen. Außerdem ... ist der Tabakqualm den Damen unangenehm.«

»Wirklich, ein sonderbarer, ein ungewöhnlicher Mensch!« sagte die Großtante.

»Das bin ich keineswegs, Tantchen – wohl aber sind Sie eine ungewöhnliche Frau!«

»So-o! Und worin siehst du denn das Ungewöhnliche an mir?«

»Nun – Sie verlangen, daß ich zu Hause essen soll, daß ich nicht dorthin gehen soll, wo es mir gefällt, daß ich schlafen soll, wenn ich nicht schläfrig bin – warum soll ich mir durchaus Zwang antun?«

»Um der Tante einen Gefallen zu tun.«

»Oh, Sie sind eine Despotin, Tantchen, eine Egoistin! Lebt man Ihnen zu Gefallen, dann fühlt man sich unbehaglich, und lebt man sich selbst zu Gefallen, dann fühlen Sie sich unbehaglich; gibt es keinen Ausweg aus diesem Dilemma? Warum wollen Sie denn auf Ihren armen Neffen so gar keine Rücksicht nehmen?«

»Nun hör einer! Die alte Tante soll auf den Neffen Rücksicht nehmen! Ich habe dich ja als kleines Kind auf den Armen getragen!«

»Dafür will auch ich Sie auf den Armen tragen, wenn Sie einmal ganz alt sind!«

»Suche ich dir nicht alles an den Augen abzusehen? Wen habe ich denn eine ganze Woche lang hier erwartet, fast ohne ein Auge zu schließen? Alle Tage ließ ich deine Lieblingsspeisen bereiten, hatte die Hände voll zu tun, ließ die Zimmer streichen, richtete sie ein, kaufte seidene Vorhänge, ließ neue Fensterrahmen einsetzen.«

»Das alles haben Sie nicht mir zuliebe getan, sondern sich selbst zuliebe.«

»Mir selbst zuliebe?!« wiederholte die Großtante ganz erstaunt.

»Ja, Ihnen sind diese Sorgen und Laufereien angenehm, sie vertreiben Ihnen die Zeit; Sie müssen doch zugeben, daß Sie ohne diese Sorgen nicht wüßten, was Sie anfangen sollten! Die guten Schüsseln haben Sie nur bereiten lassen, um zu zeigen, was für eine liebenswürdige, gastfreie Hausfrau Sie sind. Wenn Markuschka käme, würden Sie ihn gleichfalls bewirten!«

»Ja, ja, Vetter, ganz sicher würde sie es tun!« sagte Marfinka. »Tantchen ist ja so gut, sie verstellt sich nur.«

»Schweig – kein Mensch hat dich gefragt!« rief Tatjana Markowna unwirsch. »Immer muß sie der Tante dazwischenreden! Das erlaubt sie sich nur in deiner Gegenwart; sonst hält sie den Mund, und mit einemmal! Was für Einfälle du hast: ich werde den Markuschka bewirten!«

»Sehen Sie! Sie selbst tun also nur, was Ihnen gefällt, und wenn ich dasselbe tun will, so schelten Sie mich, weil ich damit Ihre Anordnungen störe, Ihrem Despotismus zuwiderhandle. Nicht wahr, Tantchen, so ist's doch? Nun geben Sie mir einen Kuß – und lassen wir einander fortan freie Hand.«

»Was für ein seltsamer Mensch! Haben Sie gehört, Tit Nikonytsch, was er sagte?« wandte die Großtante sich zu Watutin, während sie Raiskij beiseite schob.

»Es war mir ein Genuß, das alles zu hören; wirklich sehr, sehr vernünftig! Jedes Wort habe ich förmlich verschlungen!« sagte die Krizkaja, die sich immer noch vergeblich bemühte, Raiskijs Blick auf sich zu ziehen.

Tit Nikonytsch sah nachdenklich vor sich hin und lächelte dann Raiskij freundschaftlich zu.

»Was ich sagte, ist also unvernünftig, wie?« versetzte die Großtante ärgerlich auf die Bemerkung der Krizkaja.

»Offenbar hat Boris Pawlowitsch viel gute neue Bücher gelesen«, sagte Watutin ausweichend. »Er spricht so elegant, so stilvoll. Aber ich sehe da, Mütterchen, daß man den Samowar bringt – ich fürchte ... den Kohlendunst.«

»Wir wollen auf die Veranda gehen und den Tee dort trinken!« sagte Tatjana Markowna.

»Wird es dort nicht zu feucht sein?« bemerkte Watutin.

Noch an diesem Abend schlossen Raiskij und die Großtante wenn auch nicht Frieden, so doch wenigstens einen Waffenstillstand. Tatjana Markowna überzeugte sich davon, daß ihr Großneffe sie liebte und achtete – und wie wenig gehörte dazu, sich davon zu überzeugen!

Raiskij hatte die Geschenke geholt, die er mitgebracht hatte: für die Tante ein paar Pfund vom besten Tee, den sie über alles liebte, dann eine neuerfundene Kaffeemaschine und Stoff zu einem dunkelbraunen Seidenkleid. Die Schwestern hatte er je mit einem Armband bedacht, in dem der Name der Besitzerin eingraviert war. Tit Nikonytsch bekam, der Bitte der Tante entsprechend, das gemslederne Wams samt ebensolchen Beinkleidern.

Die Großtante war zu Tränen gerührt.

»Mich Alte hat er nicht vergessen!« sagte sie, während sie sich ganz dicht neben ihn setzte und ihm auf die Schultern klopfte.

»An wen hätte ich denn mehr denken sollen als an Sie? Sie sind mir doch die Liebste auf der ganzen Welt!«

»Ja, wie denn?« sagte sie. »Die Rechnungen hast du zerrissen, die Briefe unbeantwortet gelassen, das Gut verschenkst du – und daß ich mir gern einmal ganz früh am Morgen ein Täßchen Kaffee koche, das hast du dir gemerkt und mir die Maschine mitgebracht! Und auch meinen Lieblingstee kennst du, und ein Kleid schenkst du mir noch obendrein! Verwöhnen willst du mich, du Verschwender! Ach, Borjuschka, Borjuschka – sagt ich's nicht, daß du ein Sonderling bist?«

Marfinka war ganz rot geworden vor Freude, und die Röte wich nicht von ihrem Gesicht, solange sie die Geschenke betrachtete. Vor lauter Freude und Aufregung hatte sie, wie es oft bei kleinen Kindern geschieht, ganz vergessen, dem Geber zu danken.

»Und du bedankst dich nicht einmal?« mahnte sie Tatjana Markowna. »Du bist mir schön! Vor lauter Freude vergißt sie's!«

Marfinka war verwirrt und machte einen Knicks. Raiskij lachte hell auf.

»Wie albern ich doch bin – mache nun gar einen Knicks!« sagte sie.

Sie trat auf ihn zu und umarmte ihn.

Tit Nikonytsch war ganz außer sich vor Freude und kam aus den Kratzfüßen nicht heraus.

Auch Raiskij konnte sich überzeugen, daß die Großtante bei dem, was sie tat, doch nicht immer nur an sich dachte. In seinem Zimmer angelangt, konnte er sehen, wie sie sein Bett nachsah und sorgfältig die Kissen untersuchte, und wie sie selbst die Vorhänge zuzog, damit ihn am Morgen die Sonne nicht zu früh wecke. Er hörte ihre besorgten Fragen, um wieviel Uhr er geweckt sein wolle, ob er Kaffee oder Tee, Butter oder Eier, Rahm oder Eingemachtes zum Frühstück wünsche. Und als er sich dann schlafen gelegt hatte, kam sie wohl drei- oder viermal herein, um zu sehen, ob er schon schlafe, ob es ihm nicht zu unruhig sei im Hause, ob er noch irgend etwas brauche.

Tit Nikonytsch und die Krizkaja waren bereits gegangen. Die letztere zeigte sich sehr besorgt, wie sie allein nach Hause kommen sollte. Sie sagte, sie habe niemanden bestellt, der sie abholen solle; sie habe gehofft, daß sie irgend jemand nach Hause begleiten würde. Sie hatte dabei Raiskij angesehen. Tit Nikonytsch hatte sich zum größten Ärger der Großtante sogleich erboten, sie zu begleiten.

»Warum denn?« flüsterte Tatjana Markowna ihm zu. »Warum kommt sie erst her? Niemand hat sie gebeten! Jegorka kann mit ihr gehen.«

»Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen von Herzen!« sagte Polina Karpowna, als sie an Raiskij vorüberging.

»Wofür?« fragte er verwundert.

»Für die angenehme Unterhaltung – wenn Sie auch mit mir nicht gesprochen haben, so habe ich doch viele Anregungen empfangen.«

»Nun, die Unterhaltung hat sich doch mehr um praktische Dinge gedreht«, sagte er, »um Gänsebraten, um Grütze ... und dann zankten wir uns mit der Tante.«

»Oh, reden Sie nicht, ich weiß alles!« sagte sie mit vielsagender Miene. »Ich habe zwei Blicke aufgefangen, nur zwei ... die waren für mich bestimmt, nicht wahr? Leugnen Sie es nicht! Oh, ich erwarte, ich erhoffe etwas.«

Mit diesen Worten ging sie zur Tür hinaus. Raiskij wandte sich zu Marfinka und fragte sie mit den Augen, was das zu bedeuten habe.

»Was für zwei Blicke meint sie?« sagte er.

Marfinka lachte.

»Das ist einmal so ihre Art«, sagte sie.

»Was hat sie dir denn da zugeflüstert, Borjuschka?« fragte die Großtante. »Hör nicht auf sie! Sie träumt immer noch von Eroberungen.«

Raiskij warf den ganzen Berg von Kissen, den man auf seinem Bett aufgetürmt hatte, in die Ecke und legte sich statt dessen ein hartes Sofakissen unter den Kopf. Dann warf er Jegorka, den ihm die Großtante als Hilfe beim Auskleiden gesandt hatte, zur Tür hinaus. Aber die Tante bestand diesmal auf ihrem Willen. Sie ließ ihm die Kopfkissen wieder ins Bett legen, und auch Jegorka kehrte wieder ins Schlafzimmer zurück.

»Was für eine hartnäckige Despotin!« sagte Raiskij, während er es geduldig über sich ergehen ließ, daß Jegorka ihm die Stiefel auszog, den Rock aufknöpfte, ja sogar die Strümpfe ausziehen wollte.

Raiskij versank ganz in den weichen Kissen.

Eine halbe Stunde war vergangen, da steckte die Großtante nochmals den Kopf durch die Tür.

»Was ist, Tantchen?« fragte Raiskij.

»Ich wollte nur sehen, ob bei dir noch Licht brennt – warum löschst du es nicht aus?«

Er mußte lachen.

»Ich möchte noch ein wenig rauchen, aber ich habe die Zigarren bei Ihnen auf dem Tisch liegenlassen«, sagte er.

Sie brachte ihm die Zigarren.

»Da – beeil dich mit dem Rauchen! Ich lege mich nicht eher hin, als bis du fertig bist, ich habe Angst«, sagte sie.

»Nun, dann werde ich lieber nicht rauchen.«

»Rauche, sag ich dir!« sprach sie in befehlendem Ton.

Aber er löschte das Licht aus.

›Ein ganz eigenwilliger Mensch! Nicht einmal auf seine alte Tante will er hören! Wirklich ein Sonderling!‹ dachte Tatjana Markowna, während sie zu Bett ging.

Raiskij hatte diesen Tag in einer Weise zugebracht, wie schon lange keinen, und er versank in einen so festen, gesunden Schlaf, wie er ihn kaum mehr gekannt, seit er zum letztenmal unter diesem Dach geruht hatte.

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