Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Iwan Gontscharow >

Die Schlucht. Fünfter Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Fünfter Teil - Kapitel 7
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Fünfter Teil
booktitleDie Schlucht. Band 2
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid31dd1395
Schließen

Navigation:

VI

Am nächsten Tage gab es in Malinowka ein reges Leben und Treiben. Das ganze Haus war in Aufregung, Lakaien, Köche, Kutscher – alle liefen geschäftig durcheinander; die einen bereiteten das Frühstück, die andern spannten die Pferde vor die Equipagen, und alle waren vom frühen Morgen ab betrunken. Nur die Großtante verhielt sich wider ihre Gewohnheit schweigsam und war sogar ein wenig niedergeschlagen, als sie Marfinka zur Fahrt über die Wolga, wo sie ihre zukünftigen Verwandten besuchen sollte, entließ. Sie gab ihr keine guten Lehren mit auf den Weg, keine wohlgemeinten Ratschläge und Warnungen, ja, sie gab sogar auf Marfinkas Fragen, welche Kleider und sonstigen Sachen sie mitnehmen solle, nur zerstreute Antworten. »Nimm mit, was du willst«, sagte sie und beauftragte Wassilissa und die Kammerzofe Natalja, die Marfinka begleiten sollte, alles Erforderliche einzupacken.

Sie übergab ihr geliebtes Kind der Obhut Marja Jegorownas, der Mutter des Bräutigams, und schärfte diesem in ernsthaftem Ton ein, er solle dort, in seinem Dorf, den Respekt vor seiner Braut nicht außer acht lassen, namentlich wenn Fremde, etwa die Nachbarn oder sonst jemand, anwesend sein sollten. Die Freiheiten, die er hier unter ihren Augen und den Augen seiner Mutter sich im Verkehr mit Marfinka herausgenommen, würden von anderen Leuten leicht falsch ausgelegt werden; namentlich solle er es unterlassen, mit ihr in Wald und Garten umherzutollen, wie er es hier getan.

Wikentjew war bei diesen warnenden Worten ein wenig errötet, als hätte es ihn verletzt, daß die Großtante ihm nicht Takt genug zutraute, und auch seine Mutter biß sich leicht auf die Unterlippe und klopfte in leisem Takt, wie in leichter Ungeduld, mit dem Schuh auf den Fußboden. Als Tatjana Markowna diese Wirkung ihrer Worte bemerkte, schlug sie sogleich einen freundschaftlichen Ton an, klopfte ihrem lieben Nikolenka auf die Schulter und meinte, sie wisse ja selbst, wie überflüssig ihre Worte seien, aber es sei nun einmal die leidige Gewohnheit alter Weiber, Moral zu predigen. Dann seufzte sie still für sich und sprach bis zur Abfahrt der Gäste überhaupt nicht mehr.

Zum Frühstück erschien auch Wera. Sie war sehr blaß, und ihre Augen verrieten, daß sie nur wenig geschlafen hatte. Sie sagte, sie fühle sich leichter, nur habe sie noch ein wenig Kopfschmerzen.

Tatjana Markowna empfing sie freundlich, die Wikentjewa jedoch warf ihr mitten im Gespräch zwei oder drei verstohlene Blicke zu, die zu fragen schienen: ›Was ist mit ihr? Warum hat sie Kopfschmerzen, ohne doch krank zu sein? Warum ist sie gestern nicht zum Mittagessen erschienen, warum kam sie nur auf einen Augenblick, um bald wieder mit Tuschin fortzugehen, mit dem sie eine ganze Stunde lang im Dämmerlicht spazierenging? ...‹ Und so weiter, und so weiter.

Die kluge und pfiffige Dame gab aber diesen Fragen weiter keine Folge, sie waren ihr nur für einen Augenblick heimlich an den Augen abzulesen. Wera hatte jedoch die forschenden Blicke recht wohl bemerkt, obschon die Wikentjewa an Stelle des Zweifels rasch das teilnehmende Mitgefühl hatte aufmarschieren lassen. Auch Tatjana Markowna hatte die Fragen in den Augen der andern gelesen.

Wera blieb dabei vollkommen gleichgültig, im Gegensatz zu Tatjana Markowna, die plötzlich den Kopf sinken ließ und zu Boden blickte.

›Nun werden auch schon fremde Leute stutzig – und ich weiß von nichts! Und dabei ist sie doch vor meinen Augen geboren, ist mein Kind, das mir vertrauen sollte!‹ dachte sie traurig.

Wera war bleich, ihr Gesicht war wie von Stein; nichts war darin zu lesen. Alles Leben darin war wie eingefroren, obschon sie mit Marja Jegorowna, mit Marfinka, mit Wikentjew über alles mögliche sprach. Sie fragte die Schwester besorgt, ob sie sich auch mit warmem Schuhwerk versehen habe, sie ermahnte sie, für die Fahrt ein dickes Wollkleid anzuziehen, bot ihr ihren eigenen Plaid an und gab ihr den dringenden Rat, bei der Überfahrt über die Wolga im Wagen sitzenzubleiben, damit sie sich nicht erkälte.

Raiskij hatte einen Spaziergang gemacht und kehrte zum Frühstück wieder heim. Auch er hatte ein so ernstes, entschlossenes Gesicht, als ob ihm ein Zweikampf oder sonst ein ernster Schritt bevorstände, auf den er sich vorbereiten müsse. Er schien sich in seinem Wesen etwas geklärt und geformt zu haben, das düstere Gewölk von gestern schien verschwunden. Er blickte auf Wera ebenso ruhig wie auf die andern und wich auch den Blicken der Großtante nicht mehr aus, was dieser wieder Anlaß zu neuer Beunruhigung gab.

›Der führt etwas Neues im Schilde; er blickt ganz anders als gestern, spricht auch anders, wie sich selbst zum Possen. O Gott, welch ein Wirrwarr ... was ist nur mit ihnen?‹ dachte sie.

Raiskij hatte den Wikentjews versprochen, sie auf zwei Tage zu besuchen, und ging mit Vergnügen auf den Vorschlag des Bräutigams ein, mit ihm auf die Jagd und den Fischfang zu gehen.

Endlich brachen die Gäste auf. Tatjana Markowna und Raiskij fuhren bis ans Ufer mit, während Wera, nach einem zärtlichen Abschied von Marfinka, sich auf ihr Zimmer zurückzog.

Es war eine enge Welt, in der Weras Leben sich bisher abgespielt hatte, und sie sollte nun noch enger werden. Ihre ungewöhnliche, tief angelegte Natur hatte sich lange Zeit mit dem Vorrat von kleinen Beobachtungen und Erfahrungen begnügt, die sie rings um sich eingesammelt hatte. Einige wenige Menschen ersetzten ihr die große Welt; was ein anderer durch viele Begegnungen, in vielen Jahren und an vielen Orten sich erwirbt, das hatte sie in zwei, drei stillen Winkeln diesseits und jenseits der Wolga, im Verkehr mit fünf, sechs Personen, die für sie die Menschenwelt repräsentierten, in den wenigen Jahren seit dem Erwachen ihres selbständigen Denkens sich zusammensuchen müssen. Ihr Instinkt und ihr Eigenwille hatte ihr bisher die Gesetze ihres Mädchenlebens diktiert, und ihr Herz hatte mit feinem Gefühl erraten, wem sie ohne Bedenken ihre Sympathien zuwenden dürfe.

Sie war mit dem Verschenken dieser Sympathien sehr vorsichtig gewesen – sie teilte sie nicht so verschwenderisch an alle Welt aus wie Marfinka. Abgesehen vom Kreise der Ihrigen unterhielt sie nur zu der Frau des Priesters, die ihre Busenfreundin war, und zu Tuschin, den sie ganz offen ihren Freund nannte und als solchen behandelte, engere Beziehungen. Niemand sonst konnte auf ihre Zuneigung Anspruch erheben.

Sie verlor dabei den roten Faden des Lebens nicht aus dem Auge, und die kleinen Erscheinungen um sie her, die schlichten, wenig komplizierten Menschen, mit denen sie in stetem Verkehr stand, gaben ihr Gelegenheit, auch für das größere Leben da draußen ihre Folgerungen zu ziehen und ihre Willenskraft an den veralteten Begriffen, Despotismus und groben Sitten, ihrer Umgebung zu messen und zu üben.

Auf diesem einfachen Grunde hatte sie mit Geschick und gutem Verständnis sich den breit angelegten, kühnen Plan eines komplizierten Lebens mit anderen Forderungen, andern Ideen und Gefühlen zurechtgelegt, die sie zwar nicht kannte, wohl aber erriet, indem sie gleichsam zwischen den Zeilen des einfachen Wirklichkeitslebens, das sie umgab, die Sprache eines anderen, höheren Lebens herauslas, nach dem ihr Geist sich sehnte und ihre Natur verlangte.

Sie hatte rings um sich geschaut und dabei nicht das gesehen, was ist, sondern das, was sein sollte, was sie gern als Wirklichkeit gesehen hätte, und da es tatsächlich nicht existierte, so entnahm sie dem einfachen Leben, das sie umgab, nur das wirklich Lebendige, Zuverlässige und schuf sich so ein Bild des Lebens, das zu jenem, welches sie umgab, bis auf wenige Ausnahmeerscheinungen im Gegensatz stand.

Und wie sie mit ihren Sympathiebeweisen vorsichtig und sparsam war, so bewegte sie sich auch im Bereich des Denkens und Wissens nur mit vorsichtigen, mißtrauischen Schritten vorwärts. Sie hatte die Bücher in der Bibliothek des alten Hauses gelesen – anfangs nur, um sich die Langeweile zu vertreiben, ohne Auswahl und System, hatte aus den Fächern genommen, was ihr gerade unter die Hand kam, war auf den Inhalt neugierig geworden und hatte schließlich einzelnes mit Begeisterung verschlungen.

Bald aber fühlte sie die Unfruchtbarkeit und Zwecklosigkeit eines solchen Herumirrens in fremden Geistesgebieten heraus. In geschickter Weise wußte sie Koslow im Gespräch auf dies und das zu führen, was sie gerade las, ohne ihn geradezu zu fragen oder ihm mit besonderem Eifer zuzuhören, wie sie überhaupt vor niemandem damit prahlte, daß sie mancherlei wußte und kannte, was den Leuten, mit denen sie zusammenkam, verschlossen blieb. Nachdem sie so an Koslows Urteil ihr eigenes geschärft, las sie die Bücher noch einmal und fand sie nun schon weit klarer und interessanter. Später bat sie der Priester, Nataschas Gatte, ihm doch Bücher zu bringen, und wiederum hörte sie, ohne gerade zum Seminaristen zu werden, mehr oder weniger zerstreut zu, wenn er sich über die bei der Lektüre empfangenen Eindrücke und Anregungen äußerte.

Nach ihnen kam dann Mark und trug in alles das, was sie gelesen, gehört und sich an Wissen angeeignet hatte, den neuen Gedanken einer totalen Verneinung aller bisherigen Vorstellungen und Begriffe, aller göttlichen und irdischen Autorität, alles bisherigen Lebens, aller alten Wissenschaften, aller hergebrachten Tugenden und Laster hinein. In vorschnellem Triumphgefühl war er, den Sieg voraussehend, vor ihr aufgetaucht und – hatte eine Enttäuschung erlebt.

Mit Erstaunen hatte sie diesen neuen, plötzlich hervorbrechenden Strom von kühnen Ideen geschaut, doch hatte sie sich nicht blindlings von ihm fortreißen lassen, etwa in kleinlicher Furcht, daß sie sonst leicht als rückständig gelten könnte, sondern war erst einmal mit ihrer feinfühligen Vorsicht an die Prüfung der neuen Wahrheiten herangetreten, die dieser feurige Apostel so eifrig verfocht.

Vor allem fiel ihr das Schwankende und Einseitige seiner Ansichten auf – sie sah die Lückenhaftigkeit und Verlogenheit dieser Propaganda, auf die ihr Träger so viel lebendige Kraft, so viel Begabung, so viel kecken Witz verschwendete. Sie sah diese grenzenlose Eitelkeit und Dünkelhaftigkeit, die sich erhaben dünkte über die fertig vorliegenden, schlichten Lebensmaximen, einzig darum, wie sie meinte, weil sie schon fertig vorlagen.

Zuweilen glaubte sie in diesem unwiderstehlichen Drang nach einer neuen Wahrheit nur die Unfähigkeit zu sehen, sich in die alte Wahrheit hineinzufinden. Die »neue Wahrheit« erschien in der Darstellung ihres leidenschaftlichen Verfechters als etwas, das man nicht erst durch Anspannung aller seelischen Kräfte, durch geistigen Kampf und geistige Anstrengung zu erringen brauchte, sondern fix und fertig in die Tasche stecken konnte, indem man einfach das Alte unterschiedslos verachtete und von den plötzlich Gott weiß woher aufgetauchten neuen Autoritäten ohne Namen und Vergangenheit, ohne Geschichte und Recht jenes Neue auf Treue und Glauben hinnahm.

Sie suchte in der neuen Lehre, die ihr Mark so begeistert vortrug, etwas Zuverlässiges und Lebendiges, auf das sie sich stützen, das sie liebgewinnen könnte – ein festes, untrügliches Fundament, wie sie es in dem alten Leben vorfand, dem sie um dieses Untrüglichen, Lebendigen und Zuverlässigen willen seine Lächerlichkeit, Schädlichkeit und Abgelebtheit verzieh.

Sie litt unter diesen offenbaren Mängeln der alten Ordnung, die sich als Hemmungen des Lebens erwiesen; sie fühlte oft genug ihre Fesseln und wäre wohl bereit gewesen, um der Wahrheit willen ihre Hand einem feurigen Kameraden zu reichen, der ihr Freund, ihr Gatte, oder was er sonst wollte, geworden wäre. Sie wäre mit ihm in den Kampf gezogen gegen die Feinde aus dem alten Lager, hätte mit ihm die Lügen bekämpft, den Schmutz fortgefegt, in die dunklen Ecken hineingeleuchtet, hätte nicht nur einem Tytschkow, sondern auch der Großtante, soweit sie sich ihrer eignen Einsicht zum Trotz auf das Alte stützte, die Gefolgschaft verweigert und sie, wenn möglich, auch selbst auf den neuen Weg geführt. Aber um dies zu können, hätte sie die feste, unerschütterliche Überzeugung gewinnen müssen, daß die Wahrheit auch wirklich bei dem Neuen war.

Sie traute noch nicht, war noch von schweren Zweifeln befangen, ob sie nicht irre, ob der Apostel sich auch wirklich im Besitze der Wahrheit befinde, ob dort, wohin er so leidenschaftlich strebte, in der Tat etwas so Hohes, Hehres und Heiliges sei, das die Menschen nicht nur von allen alten Fesseln zu befreien, sondern ihnen auch ein neues Amerika zu entdecken, ihnen frische Luft zuzuführen, sie über sich selbst zu erheben, ihnen mehr, als sie besaßen, zu geben vermöchte.

Sie hörte sich die Schilderungen an, die er von dem neuen Glückszustand der Menschheit entwarf, las die Bücher, die er ihr brachte, verglich, was sie an neuen Ideen darin fand mit dem, was die alten Autoritäten lehrten – und konnte kein neues Leben, kein neues Glück, keine neue Wahrheit, kurz nichts von alledem, was der kühne Apostel versprach, darin finden.

Und doch folgte sie ihm, erfüllt von dem heißen Wunsch, endlich in Erfahrung zu bringen, was sich hinter dieser seltsamen, kühnen Erscheinung verbarg.

Die Sache lief vorläufig auf eine schonungslose Verurteilung und Verneinung alles dessen hinaus, an was die Mehrzahl der Lebenden glaubte, was sie liebte, worauf sie hoffte. Auf alles das drückte Mark den Stempel seiner Feindschaft und Verachtung. Aber Wera sah doch auch selbst so vielerlei in der alten Zeit als verwerflich an. Sie sah und kannte all die Mängel und Leiden auch ohne ihn – und wollte von ihm nun wissen, wo ist Amerika? Doch ihr Kolumbus zeigte ihr statt der lebendigen Ideale des Wahren und Guten, der Liebe, der menschlichen Entwicklung und Vervollkommnung nur eine Reihe von Gräbern, die das zu verschlingen drohten, wovon die Menschheit bisher gelebt hatte. Was sie da sah, waren die mageren Kühe des Pharao, die die fetten Kühe auffraßen, ohne selbst fett zu werden.

Er riß im Namen der Wahrheit die Krone vom Haupte des Menschen, degradierte ihn zum tierischen Organismus und beraubte ihn seiner anderen, untierischen Wesenheit. In der Liebe sah er nur eine Reihe flüchtiger Begegnungen und grober Sinnengenüsse, er entkleidete sie all der Illusionen, mit denen der Mensch sie schmückt, und von denen das Tier nichts weiß.

Der Lebensprozeß hatte nach der Auffassung dieses Neuerers seinen Endzweck in sich selbst. Indem er die Materie in ihre Teile zerlegte, glaubte er auch schon alles, was in dieser Materie zum Ausdruck kam, zerlegt und ergründet zu haben. Indem er die Gesetze der Erscheinungen bestimmte, meinte er jene unbekannte Macht, die diese Gesetze gegeben, überwunden und vernichtet zu haben, einzig dadurch, daß er, unfähig, sie zu begreifen, sie schlankweg negierte. Indem er die Seele des Menschen und sein Recht auf Unsterblichkeit leugnete, predigte er gleichzeitig irgendeine neue Wahrheit, eine neue Ehrenhaftigkeit, ein neues Streben nach einer besseren Ordnung der Dinge und edleren Zielen und vergaß dabei ganz, daß alles dies doch im Grunde genommen überflüssig sei angesichts des Zufalls, der nach seiner Lehre die Welt regierte und die Menschheit als eine Art durcheinanderschwirrenden Mückenschwarms, eine wirre Masse von Individuen erscheinen ließ, die zweck- und ziellos hin und her rennen, sich nähren und vermehren, sich ein Weilchen an der Sonne wärmen und in dem sinnlosen Prozeß des Lebens wieder verschwinden, um einem neuen Schwarm Platz zu machen.

›Wenn sich das wirklich so verhält‹, dachte Wera, ›dann verlohnt es sich nicht, an sich selbst zu arbeiten, damit man zum Ende des Lebens besser, reiner, aufrichtiger und edler werde. Warum dann dieses Streben nach Vervollkommnung? Verlohnt sich das um der wenigen Jahrzehnte willen, die der Mensch lebt? Für diesen Zweck genügt es doch, gleich der Ameise Futter für den Winter einzubringen, genügt das bißchen praktische Lebenskenntnis und Anpassungsfähigkeit, die es ermöglicht, das zuweilen recht kurze Leben halbwegs warm und behaglich hinzubringen. Dazu bedarf es doch nur der besonderen Ameisenideale und Ameisentugenden. Doch – wo sind die Beweise, daß dem wirklich so ist?‹

Und er verlangte nicht nur Ehrlichkeit und Wahrheit, sondern auch Vertrauen und Glauben an seine Lehre, ganz so wie jene andere Lehre, die aber dafür das Leben nach dem Tode verspricht und als Pfand für dieses Versprechen schon in diesem Leben ihren Gläubigen tröstend zuruft: »Bittet, so werdet ihr empfangen, klopfet an, so wird euch aufgetan!«

Diese neue Lehre gab tatsächlich nichts anderes als das, was schon vorher dagewesen, nur mit der Zutat von allen möglichen Demütigungen und Enttäuschungen; als Zukunftsbild aber zeigte sie nichts als Tod und Verwesung. Sie entnahm die Aufschriften ihrer Tugenden aus dem Buch der alten Lehre, begnügte sich mit dem leeren Buchstaben, ohne in Geist und Bedeutung einzudringen, und verlangte den Gehorsam gegen diesen Buchstaben mit einer zornigen Ungeduld, vor der die alte Lehre gerade gewarnt hatte. Und indem diese neue Lehre, diese »neue Kraft« sich einzig an dem animalischen Leben genügen ließ, erwies sie sich als unfähig, an Stelle des alten Lebensideals, das sie negierte, ein neues, besseres zu setzen.

Wenn Wera so tiefer hineinschaute und hineinhorchte in alles das, was die Predigt des jungen Apostels für neue Wahrheiten und Entdeckungen, für eine neue Heilslehre ausgab, sah sie mit Erstaunen, daß alles das, was in seiner Predigt gut und zuverlässig war, keineswegs neu war, sondern vielmehr aus derselben Quelle stammte, aus der auch die Leute der alten Schule schöpften, daß die Keime aller dieser neuen Ideen, der neuen Zivilisation, die er so prahlerisch und geheimnisvoll verkündete, bereits in der alten Lehre enthalten waren.

Die Folge davon war, daß sie nur um so fester an dieser letzteren festhielt und überzeugt war, daß der Mensch, wie entwickelt er auch sein mochte, sich doch von ihr nicht loslösen könne, ohne vom geraden Wege abzuweichen und Seitenpfade einzuschlagen oder gar rückwärts zu schreiten. Auch die Gegner der alten Lehre schienen ihre Argumente nur wieder aus ihr, der bekämpften, zu schöpfen – mit einem Wort, sie bot das einzige unfehlbare und vollkommene Lebensideal, außerhalb dessen es nur Irrtümer geben konnte.

Wera hatte der Persönlichkeit des neuen Propagandisten gegenüber ihr Mißtrauen nicht unterdrücken können und war ihm im Anfang ausgewichen. Als sie ein paarmal seine kecken Reden vernommen hatte, machte sie sogar Tatjana Markowna auf ihn aufmerksam, und diese hatte ihre Leute beauftragt, darauf achtzugeben, daß er nicht in den Garten käme. Wolochow unternahm seine Streifzüge zumeist von der Schlucht aus, von der die Leute sich in abergläubischer Furcht vor dem Grabe des Selbstmörders fernhielten. Er hatte das Mißtrauen, das Wera gegen ihn hegte, wohl bemerkt; er nahm sich vor, es zu überwinden, und es gelang ihm in der Tat, sie davon abzubringen.

Fast unmerklich war sie schließlich dazu gelangt, an die Aufrichtigkeit seiner einseitigen und oberflächlichen Überzeugungen zu glauben, und an Stelle ihres Mißtrauens war Erstaunen und Teilnahme getreten. Sie hatte zuweilen sogar Augenblicke, in denen sie an der Richtigkeit der von ihr selbst gesammelten Beobachtungen über das Leben und die Menschen wie an den für die Mehrzahl der Menschen maßgebenden Prinzipien zu zweifeln begann.

Sie begann über das, was bisher ihr geistiges Leben ausgemacht hatte, ernstlich nachzudenken. Eine innere Unruhe bemächtigte sich ihrer, neue Fragen tauchten vor ihr auf, und sie begann noch eindringlicher und gespannter auf Mark hinzuhören, den sie anfangs irgendwo im Freien oder jenseits der Wolga, wohin er ihr gewöhnlich folgte, und in letzter Zeit unten in der Schlucht, in dem alten Pavillon, zu treffen pflegte.

Wo sie auf handgreifliche Lügen und Sophismen stieß, trat sie ihnen lebhaft entgegen und wußte, auf ihre scharfe Beobachtungsgabe, ihre klare Logik und ihre freie Denkweise gestützt, alle Nebel zu zerstreuen. Mark stampfte oft wütend mit dem Fuß auf, ließ ganze Batterien von Argumenten, Theoremen und Aussprüchen seiner Autoritäten gegen sie auffahren – und sah sich schließlich doch nur einer unerschütterlichen Mauer gegenüber. Er raste und fletschte die Zähne wie ein Wolf. Aber dann schaute er in die schwarzen Samtaugen seiner Opponentin und fühlte ihre weiche, doch dabei kräftige Hand an seiner Stirn, und sein Wutgebrüll unterdrückend, streckte er sich friedlich zu ihren Füßen aus, den Sieg und die sichere Beute in einer – wenn auch vielleicht noch fernen – Zukunft vorausahnend.

Wo Wera sich nicht sicher genug fühlte, hörte sie ihm schweigend zu und suchte mit Scharfsinn zu ergründen, ob auch der Apostel selbst an seine Lehre glaube, ob das, was er sagte, in eigener innerer Erfahrung einen festen Rückhalt habe, oder ob er sich nur von einer geistvollen, glänzenden Hypothese mitreißen lasse. Er lockte sie vorwärts mit dem Bilde einer grandiosen Zukunft, einer nie dagewesenen Freiheit, einer endgültigen Beseitigung aller Schleier der Isis – und er glaubte diese Zukunft schon in allernächster Zeit, schon morgen hereinbrechen zu sehen. Er forderte sie auf, wenigstens einen Teil dieses Lebens vorauszukosten, alles Alte von sich zu werfen und, wenn nicht ihm, so doch der Erfahrung zu glauben. »Wir werden sein wie die Götter!« hatte er spöttisch hinzugefügt.

Wera folgte ihm nicht, nahm den Kampf mit ihm auf – und übernahm allmählich, ohne daß sie es merkte, selbst eine aktive Rolle. Sie versuchte, ihn auf den Weg des Wahren und Guten, das sie selbst erprobt, hinüberzuleiten, ihn zuerst durch eine wahre Liebe, ein nicht animalisches, sondern menschliches Glück zu gewinnen und ihn dann weiter auch in die Tiefe ihres Glaubens und Hoffens einzuführen.

Und Mark hatte in der Tat begonnen, ihr nach und nach in diesen und jenen Punkten nachzugeben, er ließ ab von seinen tollen Streichen, versuchte nicht mehr, die Ortsbehörden zu ärgern, war in seiner Lebensführung nicht mehr so unordentlich und prahlte auch nicht mehr mit seinem Zynismus.

Sie war sehr glücklich über diesen Erfolg – und das eben war die Ursache jener Ekstase gewesen, die Tatjana Markowna und Raiskij an ihr bemerkt hatten. Sie fühlte, daß ihre Kraftanstrengungen nicht vergeblich waren, wenn sich die Wirkung auch erst an seinem äußeren Leben zeigte, und sie hoffte, durch unermüdliche Arbeit, durch Opfer, die sie bringen würde, nach und nach ein Wunder zu vollbringen. Und ihr Lohn würde dann das Glück des Weibes, die Liebe eines Menschen sein, den ihr Herz entdeckt und erobert hatte.

Sie würde der Gesellschaft einen neuen, starken Menschen zuführen. Er besaß Verstand und Energie, und wenn er noch dazu jene Schlichtheit und Freude an nützlicher Tätigkeit hinzugewänne, wie sie etwa Tuschin eigen war, dann war ihr Ziel erreicht, dann hatte sie nicht umsonst gelebt. Was weiter werden sollte, wußte sie nicht und kümmerte sie nicht.

Inzwischen hatte sie sich, ihrem leidenschaftlichen, nervösen Temperament folgend, von seiner Persönlichkeit hinreißen lassen und sich in ihn selbst, in seine Kühnheit, seine tapfere Parteinahme für das Neue, seiner Meinung nach Bessere, verliebt – jedoch ihre Liebe auf seine Lehre, seine neue Wahrheit, sein neues Leben nicht zu übertragen vermocht und war den alten, zuverlässigen Vorstellungen von Glück und Leben treu geblieben. Er rief sie zur neuen Tat, zur neuen Arbeit – sie sah aber nichts von dieser neuen Arbeit, außer etwa dem Verteilen einiger verbotener Bücher.

Sie stimmte ihm darin zu, daß der Mensch arbeiten und sich betätigen müsse; sie warf sich selbst ihre eigene Untätigkeit vor und malte sich aus, daß sie schon in einer nicht fernen Zukunft sich einen schlichten, praktischen Wirkungskreis schaffen würde, während sie gleichzeitig Marfinka beneidete, die ihre Muße in einer ihren Kräften entsprechenden Weise der Wirtschaft und den Dorfbewohnern zu widmen verstand.

Sie wollte zunächst die Tätigkeit der Schwester teilen – wenn sie erst auf die eine oder andere Weise diesen schweren Kampf mit Mark überstanden hätte, der ja, wie es noch vor kurzem geschienen, unentschieden bleiben und mit einer Trennung für immer sein Ende finden mußte.

Alles dies war Wera durch den Kopf gegangen, während Tatjana Markowna und Raiskij die Gäste zur Wolga begleiteten.

›Was mag er jetzt treiben, dieser Wolf – ob er über seinen Sieg triumphiert?‹ fragte sie sich.

Sie fand keine Antwort auf diese Frage und fuhr unwillkürlich zusammen.

Sie zog die Schublade heraus und entnahm ihr einen noch versiegelten Brief auf blauem Papier, den ihr Mark am Morgen durch einen Fischer geschickt hatte. Sie sah einen Augenblick auf das Schreiben, dachte nach und warf den Brief entschlossen wieder in die Schublade zurück, ohne ihn geöffnet zu haben.

Sie barg alle sonstige Qual tief in ihrer Brust, und nur der eine Gedanke trat in ganzer Furchtbarkeit vor ihre Seele: was wird die Großtante sagen? Raiskij hatte Gelegenheit gefunden, ihr zuzuflüstern, daß er am Abend, wenn niemand mehr da sein würde, mit Tatjana Markowna reden wolle – es sollte kein Mensch, auch niemand von der Dienerschaft, den Eindruck beobachten können, den seine Enthüllung auf sie machen würde.

Es ging ihr wie ein Stich durchs Herz, als Raiskij ihr von diesen Vorsichtsmaßregeln sprach. Wie furchtbar mußte dieser Kummer sein, den sie da über das Haupt der armen Großtante heraufbeschworen hatte! Sie hätte am liebsten sterben mögen, noch bevor der Abend hereinbrach.

Es ward ihr ein wenig leichter ums Herz, nachdem sie Raiskij und Tuschin alles offenbart hatte. Sie fühlte sich jetzt ruhiger – sie hatte, wie die Schiffer im Sturm, einen Teil der Ladung über Bord geworfen, um das Schiff zu erleichtern. Aber der schwerste Teil der Ladung lag noch auf dem Grunde ihrer Seele, ihr Fahrzeug ging tief, das Wasser schlug über Bord, und bei dem nächsten plötzlichen Windstoß konnte es umschlagen, um sich nicht wieder aufzurichten.

Sie warf sich in Gedanken bald Raiskij, bald Tuschin an die Brust, ruhte für ein Weilchen aus und ließ dann wieder mutlos den Kopf sinken.

»Ich kann nicht leben, ich kann nicht!« flüsterte sie. Und sie ging zur Kapelle, kniete dort an der Schwelle nieder und schaute voll Entsetzen auf das Bild des Gekreuzigten. Nur ihre schmerzlichen Seufzer verrieten, daß nicht eine Statue, sondern ein lebendes Wesen, ein Weib dort kniete. Das Bild da drinnen starrte sie mit seinen nachdenklichen, halbgeöffneten Augen an – es schien sie nicht zu sehen, und die Hände waren wie zum Segen ausgestreckt, ohne sie zu segnen.

Sie blickte mit heißem Begehren nach diesen Augen hin und erwartete irgendein Zeichen – doch das Zeichen blieb aus. Wie zerschmettert, in tiefer Verzweiflung, ging sie davon.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.