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Die Schlucht. Fünfter Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Fünfter Teil - Kapitel 6
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Fünfter Teil
booktitleDie Schlucht. Band 2
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid31dd1395
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V

Sie hielt es nicht länger aus – sie empfahl sich bei den andern und gab Tuschin, ohne daß jemand es merkte, ein Zeichen, er solle ihr folgen.

»Bei mir oben kann ich Sie nicht empfangen«, sagte sie; »aber wir wollen in die Allee gehen und einen kleinen Spaziergang machen.«

»Ist es nicht zu feucht? Sie sind nicht wohl.«

»Tut nichts, tut nichts, kommen Sie nur«, sprach sie hastig.

Er sah auf die Uhr und sagte, daß er in einer Stunde wegfahren müsse. Er ließ inzwischen seinen Wagen anspannen, nahm die Peitsche mit dem silbernen Griff in die Hand und den Reisemantel über den Arm und ging mit Wera nach der Allee.

»Ich will ganz offen mit Ihnen reden, Iwan Iwanowitsch«, sagte Wera, innerlich bebend. »Was ist heute mit Ihnen? Sie sind so sonderbar, ganz anders als sonst, als ob Sie etwas Besonderes beschäftigte.«

Sie schwieg, hüllte sich fester in die Mantille und bewegte die Schultern, als ob sie fröstelte.

Er ging schweigend, wie über irgend etwas nachdenkend, neben ihr her, während sie es vermied, die Augen zu ihm aufzuheben.

»Sie sind heute nicht wohl, Wera Wassiljewna«, sagte er nachdenklich. »Ich will es lieber auf ein andermal verschieben. Sie haben recht gesehen, ich wünschte mit Ihnen zu sprechen ...«

»Nein, Iwan Iwanowitsch, tun Sie es heute!« unterbrach sie ihn mit Hast. »Was haben Sie auf dem Herzen? Ich will es wissen. Auch ich möchte mit Ihnen reden; vielleicht komme ich schon zu spät ... Ich kann nicht stehen, ich will mich setzen«, fügte sie hinzu und nahm auf einer Bank Platz.

Er merkte nichts von der bangen Sorge, die sich in ihren Zügen malte, zerbrach sich nicht den Kopf, was sie wohl mit ihm zu sprechen habe. Er war ganz von seinen eignen Gedanken in Anspruch genommen. Sie aber wurde von dem Gedanken gequält, daß er alles erfahren habe und ihr jetzt gleich, wie Raiskij, einen Dolchstich versetzen werde.

»Wohl – mag er es tun, wenn sie nur alle auf einmal zustechen wollten!« flüsterte sie.

»Wohlan denn, sprechen Sie!« sagte sie dann, von der Frage gepeinigt, wo und wie er es wohl erfahren haben konnte.

»Als ich heute hierherging«, begann er.

»Bitte, sprechen Sie nur!« schrie sie ihn fast an.

»Ich kann nicht, Wera Wassiljewna, beim besten Willen nicht.«

Er entfernte sich um zwei Schritte von ihr.

»Quälen Sie mich doch nicht!« flüsterte sie kaum hörbar.

»Ich liebe Sie«, begann er, plötzlich wieder zu ihr zurückkehrend.

»Nun, das weiß ich. Und auch ich habe Sie gern; das ist doch nichts Neues mehr! Was weiter? Sie ... hörten etwas?«

»Wo? Was?« fragte er und sah sich um, da er meinte, sie deute auf irgendeinen Laut in der Nähe. »Ich habe nichts gehört.«

Er sah ihre Erregung, und plötzlich stockte ihm der Atem vor Freude. ›Sie ist so scharfblickend, sie hat mein Geheimnis längst erraten und teilt meine Gefühle. Sie ist erregt, erwartet ein kurzes, offenes Wort.‹

Rasch jagten sich alle diese Gedanken in seinem Kopf.

»Sie sind so edel, so schön, Wera Wassiljewna. Sie sind so rein ...«

»Ach!« schrie sie verzweifelt und versuchte, sich zu erheben, vermochte es jedoch nicht. »Sie verhöhnen mich! Gut, verhöhnen Sie mich, nehmen Sie diese Peitsche, ich verdiene sie! Ich halte still. Aber sind Sie das wirklich, Iwan Iwanowitsch?«

In schmerzlicher Bestürzung faltete sie wie flehend die Hände vor ihm.

Er sah sie ganz erschrocken an.

›Sie ist krank!‹ sagte er sich.

»Sie sind nicht wohl, Wera Wassiljewna«, sprach er voll Angst und Erregung. »Verzeihen Sie mir, daß ich so zur Unzeit davon anfing!«

»Ist's denn nicht gleich? Einen Tag früher oder später, aber sagen Sie alles, ohne Umschweife, sofort! Auch ich werde Ihnen sagen, weshalb ich Sie hierher, in die Allee, gebeten habe.«

Seine Stimmung schlug wieder um.

»Ist's denn wahr?« sagte er und konnte sich vor Freude kaum halten.

»Was soll wahr sein?« fragte sie, während sie auf den unerwartet freundlichen Ton seiner Worte lauschte. »Sie wollen etwas anderes sagen, als ich dachte«, fügte sie ruhig hinzu.

»Nein, eben das ... ich nehme an ...«

»Sagen Sie es doch, quälen Sie mich nicht länger!«

»Ich liebe Sie ...«

Sie sah ihn einen Augenblick erwartungsvoll an.

»Wir sind doch alte Freunde. Auch ich ...«, begann sie darauf.

»Nein, Wera Wassiljewna, ich liebe Sie ... als Weib.«

Sie richtete sich plötzlich empor und sah ihn wie versteinert, mit stockendem Atem, an.

»Als das erste, herrlichste Weib in der Welt! Wenn ich annehmen dürfte, daß Sie dieses Gefühl wenigstens zu einem ganz geringen Teil erwidern ... nein, das wäre zuviel, das verdiene ich nicht. Wenn sie es billigen, wie ich zu hoffen wagte, wenn Sie keinen andern lieben, dann ... werden Sie meine Waldkönigin, meine Frau! Dann wird es auf Erden keinen Glücklicheren geben als mich. Das ist's, was ich Ihnen sagen wollte – und lange nicht zu sagen wagte! Ich wollte es verschieben bis auf Ihren Namenstag, doch hielt ich's nicht aus und kam heute hierher, um Ihnen gelegentlich dieses Familienfestes, des Geburtstags Ihrer Schwester ...«

Sie schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

»Iwan Iwanowitsch!« kam es wie ein Stöhnen aus ihr hervor, während sie ihm in die Arme sank.

›Nein – das ist keine Freude!‹ durchzuckte es ihn, und er fühlte, daß sich sein Haar sträubte. ›So äußert sich keine Freude!‹

Er half ihr, sich auf der Bank zurechtzusetzen.

»Was ist Ihnen, Wera Wassiljewna? Sie sind krank, oder Sie haben einen großen Kummer«, versetzte er beinahe ruhig, nachdem er seine Selbstbeherrschung wiedergewonnen hatte.

»Ja, einen sehr großen Kummer, Iwan Iwanowitsch ... ich werde sterben!«

»Was ist Ihnen? Sprechen Sie, um Gottes willen, was ist geschehen? Sie sagten, Sie wollten mit mir sprechen, Sie bedürfen also meiner. Es gibt nichts, was ich nicht für Sie zu tun bereit wäre! Vergessen Sie meine törichten Worte, und befehlen Sie über mich! Was ... soll ich tun?«

»Nichts sollen Sie tun«, flüsterte sie. »Ich wollte Ihnen nur sagen ... ach, auch Sie, armer Iwan Iwanowitsch! Wofür sollen Sie nun diesen bitteren Kelch trinken? O mein Gott!« sagte sie und hob die fieberglühenden Augen zum Himmel. »Ich kann nicht beten, nicht weinen; nichts schafft mir Erleichterung, nichts hilft mir!«

»Was ist Ihnen denn, Wera Wassiljewna? Was für Worte sind das, meine liebe Freundin, warum diese tiefe Verzweiflung?«

»Bedurfte es auch dieses Dolchstiches noch? War es nicht genug an dem andern? Wissen Sie auch, wen Sie lieben?« sagte sie, die Worte kaum über die Lippen bringend, während sie ihn mit einem leblosen, müden Blick ansah.

Er schwieg und suchte vergeblich nach dem Schlüssel zu ihren rätselhaften Worten. Er warf seinen Mantel auf die Bank und wischte sich den Schweiß vom Gesicht. Nur so viel sah er aus ihren Worten, daß seine Hoffnungen zerstoben waren, sie liebte offenbar einen andern. Er seufzte tief und saß, eine weitere Erklärung erwartend, unbeweglich da.

»Mein armer Freund!« sagte sie und ergriff seine Hand. Sein Herz krampfte sich zusammen bei diesen schlichten Worten; er fühlte, daß er in der Tat arm war. Er tat sich selbst leid und fühlte zugleich Mitleid mit Wera.

»Ich danke Ihnen für das offene Wort«, flüsterte er; noch wußte er nichts Näheres, doch fühlte er das eine deutlich, daß sie ihm nicht angehören könne.

»Verzeihen Sie«, fuhr er dann fort, »ich habe von nichts gewußt, Wera Wassiljewna. Ihre Freundlichkeit gegen mich hatte in mir Hoffnungen erweckt. Ich war ein Dummkopf – weiter nichts. Vergessen Sie meinen Antrag, und lassen Sie mich, wie bisher, Ihren Freund sein ... wenn ich dessen wert bin«, fügte er hinzu und ließ bei dem letzten Wort seine Stimme sinken. »Kann ich Ihnen nicht helfen? Es schien mir, daß Sie irgendeinen Dienst von mir erwarten?«

»Wenn Sie dessen wert sind ... bin ich aber Ihrer Freundschaft wert?«

»Sie, Wera Wassiljewna? Sie werden für mich stets so hoch stehen ...«

»Nein, mein armer Iwan Iwanowitsch, ich bin herabgesunken von der Höhe, und niemand vermag mich wieder emporzurichten ... Wollen Sie wissen, wohin ich gefallen bin? Kommen Sie, es wird Ihnen sofort leichter ums Herz werden.«

Langsam, mit schwankenden Schritten, führte sie ihn, während sie sich auf seinen Arm stützte, zum Rande der Schlucht.

»Kennen Sie diesen Ort?«

»Ja ... dort unten ist ein Selbstmörder begraben.«

»Dort unten ist auch Ihre reine Wera begraben; sie existiert nicht mehr. Sie ruht auf dem Grunde dieser Schlucht.«

Sie war ganz bleich, und verzweifelte Entschlossenheit lag in ihren Worten.

»Was sagen Sie da? Ich verstehe Sie nicht. Erklären Sie es mir, Wera Wassiljewna«, flüsterte er, während er sich mit dem Taschentuch über das Gesicht fuhr.

Sie richtete sich auf, stützte sich mit der Hand auf seine Schulter und stand ein Weilchen, ihre Kräfte sammelnd, da; dann ließ sie den Kopf sinken, sprach flüsternd, in abgerissenen Phrasen, nur zwei, drei Minuten lang, und fiel auf die Bank nieder. Er erblaßte. Dann wankte er plötzlich und setzte sich, als verlöre er das Gleichgewicht, auf die Bank. Wera sah im Dämmerlicht sein totenbleiches Gesicht.

»Und ich meinte immer«, sagte er mit einem seltsamen Lächeln, als schämte er sich seiner Schwäche, und stand dabei langsam und schwerfällig von der Bank auf, »daß nur ein Bär mich zu Falle bringen könne!«

Dann trat er auf sie zu.

»Wer ist's, und wo ist er zu finden?« flüsterte er.

Sie zuckte bei seiner Frage zusammen – so verblüffend, so barsch und unnatürlich klang sie in seinem Munde. Sie begriff nicht, wie er so ohne jede Schonung des weiblichen Gefühls diese offne Preisgabe eines Geheimnisses verlangte, das keine Frau offenbart. ›Warum fragt er danach?‹ verwunderte sie sich im stillen, ›er muß seinen besonderen Grund haben.‹

»Es ist Mark Wolochow«, sagte sie mutig, sich selbst überwindend.

Er war einen Augenblick wie erstarrt. Dann faßte er plötzlich den Griff seiner Peitsche mit beiden Händen und zerbrach ihn im Augenblick an seinem Knie in kleine Stücke. In grimmiger Wut warf er die Holzsplitter samt dem zerbrochenen Silberbeschlag zu Boden.

»So wird es ihm auch gehen!« brüllte er, sein Gesicht zu ihr vorbeugend, mit gesträubtem Haar, sich schüttelnd und schnaubend wie ein wildes Tier, das sich anschickt, den Feind anzufallen.

»Ist er jetzt dort?« fragte er, auf die Schlucht zeigend. Man hörte seinen schweren, keuchenden Atem. Sie sah ihn voll Bestürzung an und trat hinter die Bank.

»Ich fürchte mich, Iwan Iwanowitsch, verschonen Sie mich! Gehen Sie fort!« flüsterte sie voll Entsetzen, während sie beide Arme vorstreckte, als wollte sie ihn von sich abwehren.

»Zuerst schlage ich ihn tot, dann ... gehe ich fort!« sagte er, seiner selbst kaum mächtig.

»Wollen Sie das um meinetwillen tun ... oder um Ihretwillen?«

Er schwieg und sah zu Boden. Dann begann er mit großen Schritten auf und ab zu gehen.

»Was soll ich tun? Belehren Sie mich, Wera Wassiljewna!« sprach er, immer noch außer sich vor Zorn.

»Vor allem beruhigen Sie sich und sagen Sie mir, warum Sie ihn töten wollen! Sie wissen nicht, ob ich das will.«

»Er ist Ihr Feind, und folglich auch ... der meinige«, sagte er kaum vernehmlich.

»Soll man denn seinen Feind töten?«

Er senkte den Kopf auf die Brust und sah die Stücke der zerbrochenen Peitsche zu seinen Füßen. Er hob sie auf, als ob er sich seines Wutanfalles schämte, und steckte sie in die Tasche seines Mantels.

»Ich habe mich nicht über ihn beklagt, vergessen Sie das nicht! Ich allein bin schuld ... er ist im Recht«, sprach sie leise mit so schmerzlichem, von furchtbarer innerer Qual zeugendem Ausdruck, daß Tuschin unwillkürlich ihre Hand ergriff.

»Sie müssen entsetzlich leiden, Wera Wassiljewna!« sagte er.

Sie schwieg, während er sie voll Teilnahme und Verwunderung ansah.

»Ich verstehe nicht«, fuhr er fort, »er soll im Recht sein, Sie beklagen sich nicht ... wovon wollten Sie dann mit mir reden? Warum haben Sie mich hierhergerufen?«

»Ich wollte, daß Sie alles wissen sollen.«

Sie wandte sich ab und blickte schweigend nach der Schlucht. Auch er sah dorthin und blickte dann mit fragendem Ausdruck auf sie.

»Hören Sie, Wera Wassiljewna, lassen Sie mich nicht im dunkeln tappen! Wenn Sie es für notwendig hielten, mir ein Geheimnis anzuvertrauen, das ...« – er mußte sich bei diesen Worten sichtlich Zwang antun – »das nur Sie allein angeht, dann erklären Sie mir die ganze Geschichte.«

»Ich wußte nicht, wie ich Ihr heutiges Benehmen deuten sollte. Der Ausdruck Ihres Gesichts, die sonderbaren Blicke, die Sie mir zuwarfen, das alles ließ mich annehmen, daß Sie um die Sache wissen. Ich wollte offen mit Ihnen reden, wollte Ihre Meinung ergründen. Ich habe vorschnell gehandelt. Doch das ist nun gleich, früher oder später hätte ich Ihnen alles gesagt. Setzen Sie sich, hören Sie mich an – und dann stoßen Sie mich von sich!«

Er stützte die Ellbogen auf die Knie, barg sein Gesicht in den Händen und hörte zu, wie sie ihm in kurzen Worten ihre Geschichte erzählte. Er stand auf, ging ein Weilchen auf und ab und blieb dann vor ihr stehen.

»Sie haben ihm vergeben?« fragte er.

»Was vergeben? Sie sehen, daß ... ich allein schuld bin.«

»Und ... Sie haben jetzt endgültig Abschied von ihm genommen? – Oder hoffen Sie, daß er sich besinnt und zurückkehrt?«

Sie schüttelte den Kopf. »Zwischen uns ist nichts Gemeinsames, wir sind innerlich längst geschieden. Ich werde ihn niemals wiedersehen.«

»Jetzt beginne ich ein wenig zu begreifen, wenn ich auch noch nicht ganz klar sehe«, sagte Tuschin nach kurzem Besinnen und atmete tief auf wie ein Stier, von dessen Halse man das Joch abgenommen. »Ich dachte, Sie seien frech hintergangen worden.«

»Nein, nein.«

»Und Sie rufen mich zu Hilfe; ich dachte, Sie riefen den Bären, daß er Ihnen zu Diensten sei – es wäre ein rechter Bärendienst geworden«, fügte er, die Trümmer seiner Peitsche aus der Tasche ziehend und ihr vorzeigend, hinzu. »Darum nur stellte ich diese ungehörige Frage nach dem Namen. Verzeihen Sie mir, um Gottes willen, und sagen Sie mir noch das eine: Warum haben Sie mir das alles anvertraut?«

»Ich wollte nicht, daß Sie von mir besser denken, als ich es verdiene, wollte nicht eine Hochschätzung genießen, deren ich nicht wert bin.«

»Wie wollen Sie das bewirken? Ich werde von Ihnen nie anders denken, als ich stets gedacht habe, und werde Sie genauso hochschätzen, wie ich es immer getan.«

Ein Lichtstrahl erglänzte in ihren Augen und erlosch sogleich wieder.

»Sie wollen sich zu dieser Hochschätzung zwingen«, sagte sie. »Sie sind gut und großmütig, die arme Gefallene tut Ihnen leid, Sie wollen sie aufrichten. Ich kann Ihre Großmut verstehen, Iwan Iwanowitsch, doch ich bedarf ihrer nicht. Wessen ich bedarf, das ist, daß Sie alles wissen, daß Sie Ihre Hand nicht zurückziehen, wenn ich Ihnen die meinige reiche.«

Sie hielt ihm ihre Hand hin, und er küßte sie. Mit Ungeduld hatte er ihre Worte angehört.

»Ich kann mich nicht zwingen, Wera Wassiljewna, jemanden hochzuschätzen«, sagte er in zurückhaltendem, fast beleidigtem Ton. »Ein Tuschin lügt nicht. Wenn ich jemanden hochachte, so zeige ich ihm das auch, und wenn ich es nicht tue, lasse ich ihn darüber nicht im Zweifel, wie ich über ihn denke. Sie aber schätze ich ganz so, wie ich Sie bisher geschätzt habe, und ich liebe Sie – verzeihen Sie, daß ich das Wort schon wieder gebrauche – vielleicht noch mehr als früher, weil Sie ... unglücklich sind. Sie haben einen großen Kummer, ganz wie ich. Sie haben die Hoffnung auf Glück verloren ... es war nicht notwendig, daß Sie mir Ihr Geheimnis anvertrauten«, fügte er düster, fast verzweifelt hinzu. »Hätte ich es selbst von anderer Seite erfahren, ich hätte nicht aufgehört, Sie zu achten. Sie sind nicht verpflichtet, dieses Geheimnis irgend jemandem preiszugeben. Es gehört Ihnen ganz allein, niemand darf sich darum zu Ihrem Richter aufwerfen.«

Nur mit Mühe stieß er diese Worte hervor und seufzte schwer auf, als er zu Ende gesprochen, wobei er sich bemühte, Wera diesen Seufzer nicht hören zu lassen. Seine Stimme bebte wider seinen Willen. Man sah es ihm an, daß die Bürde dieses Geheimnisses, die er Wera erleichtern wollte, jetzt auch auf ihm schwer lastete. Er litt – und wollte es um jeden Preis vor ihr verbergen, daß er litt.

»Ich hätte es Ihnen doch sagen müssen, sobald Sie mir Ihren Antrag machten. Ich durfte Sie nicht belügen.«

Er schüttelte verneinend den Kopf.

»Meinen Antrag konnten Sie mit einem kurzen ›Nein‹ beantworten«, sagte er. »Da Sie mich aber Ihrer besonderen Freundschaft würdigen, hätten Sie mir, um mir dieses ›Nein‹ zu versüßen, in ihrer liebenswürdigen, gütigen Art zu verstehen geben sollen, daß Sie einen andern lieben. Das hätte genügt. Ich hätte nicht einmal gefragt, wen Sie lieben. Das Geheimnis aber hätten Sie für sich behalten sollen, darin hätte durchaus kein Betrug gelegen. Ja, wenn Sie trotz der Liebe zu einem andern meinen Antrag angenommen hätten ... aus Furcht oder aus sonst einem Grunde: das wäre ein Betrug gewesen ... ein Fehltritt, eine Ehrlosigkeit. Doch deren sind Sie eben nicht fähig. Und das da ...«, er nickte mit dem Kopfe nach der Schlucht und fügte im Flüstertone, wie für sich, hinzu: »das ist ein Unglück ... ein Irrtum.«

Nur schwer und langsam kamen die Worte aus seinem Mund, seine ganze Bärenkraft bot er auf, um den eignen Schmerz zu unterdrücken, damit sie nur ja nicht merkte, was in ihm vorging.

»Ein Unglück!« flüsterte er. »Er geht gerechtfertigt aus der Schlucht hervor – und Sie als die Schuldige! Wo steckt da die Wahrheit?«

»Ich hätte es Ihnen auf jeden Fall gesagt, Iwan Iwanowitsch. Nicht um Ihretwillen, sondern um meinetwillen hätte ich es getan. Sie wissen, wie sehr ich Ihre Freundschaft schätzte; es wäre für mich eine Qual gewesen, es vor Ihnen zu verheimlichen. Jetzt ist mir leichter ums Herz, ich kann Ihnen in die Augen sehen, ich hintergehe Sie nicht, habe Sie nicht getäuscht.«

Tränen erstickten ihre Stimme, und sie barg ihr Gesicht in ihrem Taschentuch. Er selbst war nahe daran, zu weinen, doch zuckte er nur zusammen, verneigte sich und küßte ihr wieder die Hand.

»Das ist eine andere Sache. Ich danke Ihnen, Wera Wassiljewna!« sprach er hastig und suchte seine Erregung zu verbergen. »Ihre Worte tun mir wohl; ich sehe, daß Ihre Freundschaft für mich unter dem andern Gefühl nichts eingebüßt hat, daß sie stark ist, trotz des andern Gefühls. Das ist ein großer Trost für mich! Auch das schon wird mich glücklich machen ... mit der Zeit, wenn wir uns beruhigt haben.«

»Ach, Iwan Iwanowitsch, wenn es doch möglich wäre, dieses Jahr aus meinem Leben auszustreichen!«

»Man muß es rasch vergessen, das ist so gut, als wenn es ausgestrichen würde.«

»Wo aber soll ich die Kraft schöpfen, um das alles zu ertragen, um zu vergessen?«

»Bei den Freunden«, flüsterte er, »und unter diesen ... auch bei mir.«

Sie schien leichter zu atmen, als hätte sie wieder frische Luft geschöpft. Sie hatte das Gefühl, daß da neben ihr eine Kraft sich regte, die ihr Schutz versprach, daß in der Person dieses Mannes ein fester, granitener Berg sich vor sie stellte, in dessen Schatten sie sich flüchten und den ersten Ansturm der Verzweiflung und Enttäuschung, das Erlöschen der noch rauchenden Leidenschaft abwarten konnte.

»Ich glaube an Ihre Freundschaft, Iwan Iwanowitsch, und ich danke Ihnen«, sagte sie, ihre Tränen trocknend. »Es ist mir ein wenig leichter ums Herz, und es wäre mir noch leichter, wenn ... die Großtante nicht wäre.«

»Sie weiß es noch nicht?« fragte er und schwieg dann plötzlich, in dem Gefühl, daß in seiner Frage ein Vorwurf liege.

Er neigte den Kopf und suchte sich vorzustellen, wie Tatjana Markowna das alles ertragen würde. Er konnte ein banges Gefühl nicht unterdrücken, suchte jedoch seine Befürchtungen vor Wera zu verheimlichen.

»Heute ging es der Gäste wegen nicht, sehen Sie, doch morgen soll sie alles erfahren. Leben Sie wohl, Iwan Iwanowitsch, ich leide entsetzlich. Ich muß mich hinlegen.«

Er sah Wera lange an.

›Mein Gott!‹ dachte er, zitternd vor Wut, ›was für ein blinder Tölpel muß dieser Wolochow sein ... oder ... was für eine Bestie!‹

»Haben Sie nicht irgendeinen Auftrag für mich? Soll ich nicht irgendwo etwas ausrichten?« fragte er.

»Ja, bitten Sie doch Natascha, sie möchte morgen oder übermorgen zu mir kommen.«

»Und ich – darf ich in der nächsten Woche kommen?« fragte er schüchtern. »Darf ich mich erkundigen, ob Sie sich beruhigt haben?«

»Beruhigen Sie sich vor allem selbst, Iwan Iwanowitsch, und leben Sie wohl! Ich kann mich kaum auf den Füßen halten.«

Er verabschiedete sich von ihr und jagte mit seinen Pferden so rasch den steilen Berg hinab, daß er beinahe selbst in die Schlucht abgestürzt wäre. Ab und zu wollte er nach seiner Gewohnheit zur Peitsche greifen, doch faßte er statt ihrer nur die zerbrochenen Stücke in der Tasche, die er auf dem Wege verstreute. Dennoch kam er zu spät, um noch über die Wolga setzen zu können; er übernachtete bei einem Freunde in der Stadt und fuhr erst am nächsten Morgen in aller Frühe in seinen Wald.

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