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Die Schlucht. Fünfter Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Fünfter Teil - Kapitel 5
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Fünfter Teil
booktitleDie Schlucht. Band 2
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid31dd1395
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IV

Wera erhob sich, verschloß die Tür hinter ihm und legte sich wieder hin. Eine Wolke des Kummers und des Schreckens war über ihr emporgezogen und drückte schwer auf ihre Seele. Raiskijs Freundschaft, seine Teilnahme, seine Ergebenheit und Hilfsbereitschaft hatten ihr im ersten Augenblick eine leichte Stütze gewährt. Sie griff begierig danach, um einen Augenblick Atem zu schöpfen, wie der Ertrinkende, der noch einmal für einen Moment an die Oberfläche taucht, voll Gier die Luft in sich zieht. Kaum aber war Raiskij zur Tür hinaus, als sie sogleich wieder in den Fluten versank.

»Mein Leben ist zu Ende!« flüsterte sie voll Verzweiflung und sah vor sich nichts als öde, kahle Steppe, ohne Heim, ohne traute Häuslichkeit, ohne all die Liebe und Anhänglichkeit, die dem Leben der Frau Wert und Halt verleiht. Vor ihr war ein gähnender Abgrund, so tief und dunkel wie das Grab. Aug' in Auge sollte sie nun der Großtante gegenübertreten und ihr sagen: »Sieh, wie ich dir all deine Liebe und Güte gelohnt, wie ich dein Vertrauen getäuscht habe! Blick her, wohin meine Eigenwilligkeit geführt hat!«

In dem verzweiflungsvollen dumpfen Halbschlummer, der sie befiel, sah sie den Blick, den die Großtante ihr zuwarf, nachdem sie alles erfahren, vernahm sie ihre Stimme, die keine Stimme mehr war, sondern eine Reihe entsetzter, todesmatter Laute.

Und dann, dann ... sie wußte nicht, was dann sein würde. Sie wollte den schrecklichen Traum nicht weiterträumen und barg ihr Gesicht immer tiefer in den Kissen. Tränen waren ihr in die Augen getreten, doch sie strömten wieder zurück nach dem wunden Herzen.

›Wenn ich doch stürbe!‹ durchzuckte es sie plötzlich, und ein Leuchten ging über ihre Züge bei diesem Gedanken. Sie lächelte.

Doch jetzt vernahm sie draußen das Geräusch von Schritten – und die Stimme der Großtante. Es war ihr, als seien ihr alle Glieder plötzlich gelähmt. Bleich, ohne sich vom Fleck zu rühren, mit dem Ausdruck der Angst hörte sie dieses entsetzliche leise Klopfen an der Tür.

»Ich stehe nicht auf, ich kann nicht«, flüsterte sie. Das Klopfen wiederholte sich. Sie sprang plötzlich mit einem Aufwand an Kraft, der in solchen Augenblicken dem Menschen aus irgendeiner geheimen Quelle zuströmt, vom Sofa auf, brachte ihre Kleider in Ordnung, trocknete ihre Tränen und ging lächelnd der Großtante entgegen.

Tatjana Markowna, die von Marfinka gehört hatte, daß Wera nicht wohl sei und den ganzen Tag nicht herunterkommen würde, kam nun selbst, um nach ihr zu sehen. Sie warf einen flüchtigen Blick auf Wera und setzte sich aufs Sofa.

»Ach, bin ich müde geworden, habe mich kaum die Treppe hinaufgeschleppt«, begann sie. »Wir waren nämlich in der Kirche, zur Messe ... Was fehlt dir denn, Werotschka? Bist du krank?« fragte sie und ließ ihren forschenden Blick auf Weras Gesicht ruhen.

»Ich gratuliere zum heutigen Tage!« versetzte Wera munter, die Stimme eines kleinen Mädchens nachahmend, das zum erstenmal sein Mütterchen zum Geburtstag beglückwünscht. Und während sie der Großtante die Hand küßte, wunderte sie sich selbst im stillen darüber, daß ihr diese Worte so glatt über die Lippen gingen. »Es hat gar nichts zu bedeuten, Tantchen, ich habe nur gestern abend nasse Füße bekommen, und nun tut mir der Kopf etwas weh«, fügte sie hinzu und versuchte dabei zu lächeln. Doch ihre Lippen lächelten nicht, nur zwei oder drei der oberen Zähne wurden sichtbar.

»Du hättest gleich gestern die Schläfen mit Weingeist einreiben sollen; hast du keinen da?« sagte die Großtante zurückhaltend; sie sah dabei Wera nicht an. Der gezwungene Ton, in dem diese sprach, und das seltsame Lächeln, das so ganz anders war als ihr sonstiges Lächeln, legten ihr die Vermutung nahe, daß Wera ihr nicht die Wahrheit sagte.

»Kommst du zu uns herunter?« fragte sie dann.

Wera erschrak bei dieser Frage. Dort unten zu erscheinen, wäre für sie eine Folter gewesen, die zu ertragen über ihre Kräfte ging. Sie blickte bestürzt auf die Großtante.

»Du brauchst dir keinen Zwang anzutun«, sagte Tatjana Markowna entgegenkommend. »Es könnte dir vielleicht schaden.«

Der freundliche Ton, in dem die Großtante sprach, ließ Wera das Schlimmste befürchten. Das Bewußtsein der Schuld spiegelte ihr vor, daß die Großtante bereits alles erraten habe und daß sie mit ihrer Beichte zu spät komme. Noch ein Augenblick, noch ein Wort – und sie warf sich ihr an die Brust und sagte ihr alles. Aber der Gedanke, daß dann das ganze Haus zum Zeugen ihres Dramas werden würde, hielt sie zurück.

»Nur zum Mittagessen möchte ich nicht kommen, Tantchen, wenn Sie erlauben«, sagte sie, mit Mühe Haltung bewahrend. »Nach Tisch werde ich vielleicht erscheinen.«

»Wie du willst; ich lasse dir das Mittagessen heraufschicken.«

»Ja ... ja ... Ich habe schon jetzt Hunger«, sagte Wera, um nur irgend etwas zu sagen.

Tatjana Markowna küßte sie, strich ihr leicht mit der Hand über das Haar und entfernte sich. Noch im Gehen ermahnte sie Wera, durch Marinka oder Maschka oder Nataschka das Zimmer in Ordnung bringen zu lassen; »denn schließlich könnte doch jemand von den Gästen auf den Einfall kommen, dir einen Krankenbesuch abzustatten.« Damit ging sie zur Tür hinaus.

Wera sank erschöpft aufs Sofa, saß dort ein Weilchen, nahm dann das Eau-de-Cologne-Fläschchen und befeuchtete sich den Scheitel und die Schläfen.

»Ach, wie das hier hämmert, wie das schmerzt!« flüsterte sie, die Hand auf den Kopf legend. »O Gott, wann wird diese Qual endlich aufhören? Wenn sie es doch recht bald, recht bald erführe! Und dann, sobald sie es erst weiß, mag alle Welt es erfahren und denken, was sie will!«

Sie blickte zum Himmel auf, fuhr erschauernd zusammen und sank voll Verzweiflung auf das Sofa.

Die Großtante kam mit bekümmertem Gesicht in ihr Kabinett zurück; sie war wie vor den Kopf geschlagen. Sie empfing die Gäste, ging zwischen ihnen auf und ab, bewirtete sie – aber Raiskij sah, daß sie nach dem Besuch bei Wera nicht mehr dieselbe war. Sie hatte nicht mehr die sichere Haltung wie sonst, ließ bei Tisch verschiedene Gerichte an sich vorübergehen, ohne sie zu berühren, und merkte es nicht einmal, daß Petruschka einen Teller fallen ließ und zerschlug; sie machte bei der Unterhaltung mitten im Satz halt und verfiel in stilles Brüten.

Als die Gäste nach dem Mittagessen auf die breite Terrasse hinausgingen, um, von den kargen Strahlen der Septembersonne beschienen, draußen den Kaffee und Likör zu trinken und eine Zigarette zu rauchen, ging Tatjana Markowna zwischen ihnen umher, als wenn sie sie gar nicht bemerkte, und zog und zupfte nur immer an ihrem türkischen Schal. Von Zeit zu Zeit nur schien sie zu erwachen, sprach in gezwungenem Ton mit diesem und jenem ein paar Worte und versank dann wieder in ihr Brüten.

Raiskij beobachtete sie düster und wandte kaum einen Blick von ihr.

»Was ist mit Wera?« flüsterte sie ihm im Vorübergehen zu. »Bist du bei ihr gewesen? Sie hat irgendeinen Kummer.«

Er sagte, er wisse von nichts. Die Großtante sah ihn mißtrauisch an.

Polina Karpowna war nicht unter den Gästen. Sie hatte sich mit Krankheit entschuldigen lassen und Marfinka Blumen geschickt. Raiskij hatte sie am Morgen besucht, um sich wegen der gestrigen Szene bei ihr zu entschuldigen und in Erfahrung zu bringen, ob sie irgend etwas bemerkt habe. Sie stellte sich zwar noch beleidigt, konnte jedoch ihren Triumph darüber, daß er selbst zu ihr kam, nur mit Mühe verbergen. Er erzählte ihr, er sei am Abend bei Bekannten gewesen, habe da ein Gläschen zuviel getrunken – nun, und davon sei dann alles gekommen.

Er erbat ihre Verzeihung, die sie ihm lächelnd gewährte. Sie ermangelte nicht, diese ganze Szene des »Verführungsversuchs« dann später aller Welt zu erzählen, wobei sie statt »ich bin hingefallen« jedesmal »ich bin gefallen« sagte.

Auch Tuschin, der bereits am Abend vorher in die Stadt gekommen war, fand sich zum Mittagessen ein. Er machte Marfinka einen prächtigen Pony zum Geschenk, auf dem sie fleißig spazierenreiten solle – falls, wie er bescheiden hinzufügte, die Großtante es erlaube.

»Jetzt habe ich nichts mehr zu sagen. Fragen Sie diesen Herrn da!« antwortete die Großtante und zeigte auf Wikentjew, während sie an ganz andere Dinge dachte.

Tuschin erkundigte sich nach Wera und schien bestürzt, als er hörte, daß sie krank sei und zum Mittagessen nicht erscheinen werde. Als sie dann in der Tat nicht kam, war er sichtlich erregt.

Tatjana Markowna begann nun auch Tuschin mit mißtrauischen Augen anzusehen. Es beunruhigte sie, daß er plötzlich so betroffen war, als Wera sich nicht zeigte. Es war ihm doch nichts Neues, daß sie nicht herunterkam, wenn Gäste da waren; er hatte es schon öfter erlebt, ohne sich darüber zu verwundern.

›Was mag nur seit gestern abend mit ihr passiert sein?‹ Diese Frage ging ihr nicht aus dem Sinn.

Mit Tit Nikonytsch hatte sie sich wegen des Toilettentisches, den er Marfinka geschenkt hatte, ganz gehörig gezankt, sie wäre beinahe handgreiflich geworden. Dann hatten sie in ihrem Kabinett miteinander ein Gespräch unter vier Augen, und er kam mit ziemlich nachdenklicher Miene heraus, machte weniger Kratzfüße als sonst und blickte, wenn er auch die Damen nicht ganz vernachlässigte, doch vorwiegend auf Raiskij und Tuschin, und zwar in so ernster, forschender Weise, daß ihre Blicke ihn ganz verwundert fragten, was er denn eigentlich von ihnen wolle. Er blickte dann rasch von ihnen weg und begann eifrig den Damen den Hof zu machen.

Tatjana Markowna hatte diesen Geburtstag Marfinkas so heiter und sorglos begrüßt und schon im voraus überlegt, wie der vierzehn Tage später stattfindende Namenstag Weras begangen werden sollte, damit es nicht aussähe, als wenn sie die eine ihrer Großnichten der andern vorzöge. Wera hatte zwar ganz bestimmt erklärt, daß sie ihren Namenstag bei Tuschins Schwester oder ihrer Freundin Natalja zubringen wolle, davon hatte jedoch Tatjana Markowna durchaus nichts wissen wollen.

Bis zum Mittagessen hatte Tatjana Markownas Stimmung heute auch wirklich vorgehalten. Dann aber war sie plötzlich umgeschlagen, und sie spähte und lauschte voll Argwohn nach allen Seiten, als ob sie irgendeine heimlich lauernde Gefahr wittere. Raiskij verglich sie mit einem Pferd, das, sein Maul bis an die Ohren in der Krippe vergrabend, ruhig seinen Hafer fraß, bis es plötzlich durch ein Geräusch aufgeschreckt wurde oder einen unbekannten, unsichtbaren Feind witterte. Es spitzt die Ohren, wirft den Kopf empor, wendet ihn in schönem Schwung zurück und lauscht unbeweglich, mit weit geöffneten Augen und kräftig atmenden Nüstern: nein, es ist nichts. Dann kehrt es sich langsam wieder der Krippe zu, schüttelt dreimal, immer noch lauschend, ohne Hast den Kopf, schlägt dreimal in gemessenen Abständen mit dem Huf auf, teils um sich zu beruhigen, teils um dem Feinde ein Zeichen seiner Wachsamkeit zu geben, und frißt seinen Hafer weiter, doch mit Vorsicht, ohne viel Geräusch, wobei es von Zeit zu Zeit immer wieder den Kopf hebt und lauschend zurückblickt. Es ist gewarnt und bleibt auf der Hut: wieder und wieder geht, während es weiterfrißt, ein Zucken über seinen Rücken, und die Ohren bewegen sich bald vorwärts, bald rückwärts.

So dachte auch die Großtante, während sie sich mit ihren Gästen beschäftigte, immer wieder daran, daß mit Wera irgend etwas geschehen sei, daß sie nicht so sei wie sonst, daß es nicht gut um sie stehe. Noch niemals war sie ihr so sonderbar vorgekommen, immer von neuem mußte sie an sie denken. Als Marfinka ihr sagte, daß Wera sich nicht wohl fühle und nicht in die Kirche mitkommen werde, war Tatjana Markowna zuerst recht ärgerlich gewesen.

»Schon um deinetwillen, des Familienfestes wegen, hätte sie ihre Launen aufstecken können«, hatte sie gesagt und war schließlich ohne sie gefahren.

Als sie jedoch hörte, daß Wera vielleicht auch nicht zu Tisch kommen werde, wurde sie um ihre Gesundheit ernstlich besorgt und suchte sie in ihrem Zimmer auf. Der Vorwand, daß Wera sich erkältet habe, vermochte sie nicht zu täuschen. Sie hatte es an ihrem Gesicht gesehen, daß die Erkältung nur vorgeschützt war, und als sie ihr dann das Haar zurechtgestrichen und dabei, ohne daß Wera es merkte, ihre Stirn befühlt hatte, war diese Annahme nur bestätigt worden.

Doch Wera war blaß, ihre Züge waren wie verstört; sie lag in den Kleidern auf dem Sofa, als hätte sie sie gar nicht abgelegt gehabt. Das alles, vor allem aber das todesstarre Lächeln Weras, machte sie betroffen.

Sie erinnerte sich, daß Wera und Raiskij am Abend vorher aus dem Zimmer verschwunden und nicht zum Abendbrot erschienen waren. Und sie fuhr fort, Raiskij voll Argwohn zu betrachten, und daß dieser ihrem Blick auszuweichen suchte, gab ihrem Verdacht nur neue Nahrung.

Was Raiskij in diesen Stunden litt, war bitterer als alle Qualen, die er je erduldet. Sein Herz härmte sich um die Großtante wie um die arme, einsame, zitternde, keinem Troste zugängliche Wera.

Sie hatte ihm zugelächelt, ihm die Hand gereicht, ihm all die zarten Rechte der Freundschaft eingeräumt – und doch war sie unter der Schwere des Schlages, der sie so jäh und unerwartet wie ein Blitz vom heiteren Himmel getroffen, vor seinen Augen verzweiflungsvoll zusammengebrochen.

Er sah, daß sein Mitgefühl weit mehr ihm selbst Erleichterung brachte als ihr, wie denn überhaupt das Mitleid der Angehörigen die Schmerzen, die ein Übel verursacht, niemals mildert.

Das Übel, sagte er sich, mußte mit der Wurzel ausgerottet werden; aber diese Wurzel steckte nicht nur in Wera, sondern auch in der Großtante, und überhaupt in diesem ganzen Zusammenhang von betrübenden Umständen. Entschwindendes Glück, hinwelkende Lebenshoffnung, Trennung und Abschied – nein, es war nicht leicht, Wera zu trösten!

Und die arme Großtante – wie leid tat sie ihm! Welcher furchtbare, unerwartete Schmerz wird den Frieden ihrer Seele zerstören! ›Wie, wenn sie plötzlich zusammenbricht?‹ sagte er sich. Jetzt schon ist sie ganz außer sich, und dabei weiß sie noch gar nichts! Die Tränen waren ihm nahe bei diesem Gedanken.

Er hatte es als eine unabweisbare Pflicht übernommen, den Dolch in das Herz dieser Frau zu stoßen, die ihm stets eine Mutter gewesen.

›Wie, wenn sie beide erkranken? Soll ich nicht vielleicht Natalja Iwanowna kommen lassen?‹ dachte er. ›Ich müßte freilich erst Wera fragen, doch diese ...‹

Er hatte seinen Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, als sich plötzlich die Tür öffnete und Wera inmitten der Gäste erschien. Sie trug ihr neues helles Kleid, hatte jedoch ein Tuch um den Hals gebunden und eine warme Mantille um die Schultern genommen.

Raiskij war verblüfft durch ihr Erscheinen. Vor wenigen Stunden noch war sie ihm wie gebrochen erschienen, sie konnte kaum sprechen, und nun kam sie selbst herunter!

›Woher nehmen die Frauen diese Kraft?‹ dachte er, während er sie beobachtete, wie sie sich bei den Gästen entschuldigte, wie sie mit ihrem gewohnten Lächeln all die Beweise der Teilnahme entgegennahm und Marfinkas Geschenke betrachtete.

Sie aß nichts von dem Konfekt, das ihr gebracht wurde, verzehrte jedoch mit Appetit ein Stück von der kühlenden Wassermelone, sagte, daß sie starken Durst habe, und bat um Nachsicht dafür, daß sie die Gäste leider bald wieder verlassen müsse.

Die Großtante wurde durch ihr Kommen ein wenig beruhigt. Sie hatte jedoch bemerkt, daß bei ihrem Eintreten in Raiskijs Zügen eine Veränderung vor sich ging und daß er bemüht war, sie nicht anzusehen. Wohl zum erstenmal in ihrem Leben verwünschte sie die Anwesenheit ihrer Gäste. Nun nahmen sie gar am Kartentisch Platz, blieben also auch zum Tee und zum Abendbrot, und Wikentjew würde auch erst morgen abfahren.

Raiskij befand sich gleichsam zwischen zwei Feuern.

»Was ist mit ihr?« flüsterte Tatjana Markowna von der einen Seite ihm zu. »Du mußt es wissen ...«

›Ach, wenn sie doch recht bald alles wüßte!‹ las er in Weras verzweifeltem Blick.

Raiskij hätte in den Boden sinken mögen.

Auch Tuschin sah auf Wera heute mit einem ganz besonderen Ausdruck. Nicht nur der Großtante und Raiskij fiel es auf, auch Wera selbst bemerkte es.

Diese Blicke Tuschins erfüllten sie mit Schrecken.

›Hat er vielleicht etwas erfahren? Ist ihm etwas zu Ohren gekommen?‹ flüsterte ihr die Stimme des Gewissens zu. Er schätzte sie so hoch, hielt sie für die Trefflichste von allen! Wenn sie jetzt schweigt, stiehlt sie seine Achtung ... nein, auch er mag es wissen! Sie will nicht als Lügnerin erscheinen, will nicht Betrug üben; lieber will sie noch neue Qualen zu den alten erdulden!

Leise, ohne ihn anzusehen, begrüßte sie Tuschin. Er sah sie teilnahmsvoll an und senkte auf ganz besondere, schüchterne Art die Augen.

›Nein, ich kann das nicht ertragen! Ich will wissen, was er von mir denkt. Ich breche hier vor allen zusammen, wenn er mich noch einmal mit diesem sonderbaren Blick ansieht ...‹

Und eben wieder sah er sie mit diesem Blick an.

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