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Die Schlucht. Fünfter Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Fünfter Teil - Kapitel 26
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Fünfter Teil
booktitleDie Schlucht. Band 2
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid31dd1395
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XXV

In Petersburg begab sich Raiskij sogleich nach seiner Ankunft zu Kirillow. Er betastete ihn förmlich, um sich davon zu überzeugen, daß er es auch wirklich war, und nicht etwa irgendein anderer, der wirkliche Kirillow, sich schon allein auf den Weg gemacht. Er wiederholte dem Maler nun noch einmal mündlich, daß er eine entschiedene Begabung für die Bildhauerei in sich entdeckt habe. Kirillow zog seine Brauen finster zusammen, wobei die Nase ganz in dem Bart verschwand, und wandte sich mürrisch ab.

»Was ist das für ein Einfall!« sagte er dann. »Als ich Ihren Brief las, glaubte ich wirklich, es sei bei Ihnen eine Schraube los. Sie haben doch nun einmal ein ganz bestimmtes Talent, warum wollen Sie das verkümmern lassen? Nehmen Sie nur getrost wieder den Bleistift zur Hand, gehen Sie in die Akademie und zeichnen Sie fleißig drauflos. Und dann kaufen Sie sich das da –«, er zeigte auf ein dickes Heft mit Lithographien, die anatomische Sujets darstellten. »Die Skulptur – was Ihnen da wieder in den Kopf gekommen ist! Dazu ist es zu spät ... wie sind Sie denn darauf gekommen?«

»Ja, es scheint mir eben«, meinte Raiskij, während er die Spitzen der fünf Finger seiner rechten Hand zusammenzog und aneinanderrieb, »als säße hier so etwas drin ... so ein besonderer Drang zum Kneten.«

»Auf was für Dinge Sie nicht kommen! Und wenn selbst etwas Derartiges vorhanden wäre, so wäre es doch zu spät.«

»Wieso zu spät? Ich kenne einen Fähnrich, der hat sich auch darauf geworfen und macht ganz wunderbare Sachen.«

»Ja, ein Fähnrich! Aber Sie sind doch ein Herr mit ›grauen Haaren‹.«

Er schüttelte energisch den Kopf. Raiskij ließ sich weiter auf keinen Disput mit ihm ein, sondern begab sich zu einem Professor, einem Bildhauer, machte sich mit dessen Schülern bekannt und ging mit ihnen zusammen etwa drei Wochen lang ins Atelier. In seiner Wohnung häufte er große Vorräte Ton an, kaufte sich Gipsmodelle von Köpfen, Armen, Beinen, Rümpfen, band sich eine Schürze vor und begann mit wahrem Feuereifer draufloszukneten. Er schlief nicht, verkehrte nirgends, sah keinen Menschen außer dem Professor und seinen Schülern, besuchte mit ihnen die Isaaks-Kathedrale, bewunderte dort mit ihnen die Skulpturen Vitalis', vertiefte sich ganz in das Studium der Werke dieses Meisters und ging überhaupt in seiner neuen Kunstsphäre völlig auf. Er war wie im Fieber, sah nichts als Statuen, immer nur Statuen, saß tagelang in der Eremitage und trieb Kirillow zum schleunigen Aufbruch nach Italien, nach Rom.

Er hatte jedoch den Auftrag, den ihm Koslow gegeben hatte, nicht vergessen und suchte Uljana Andrejewna auf, die irgendwo in der Gorochowaja ein möbliertes Zimmer bewohnen sollte. Als er den Korridor betrat, an dem ihr Zimmer lag, vernahm er die Töne eines Walzers und fröhliches Geplauder. Er glaubte, die Stimme Uljana Andrejewnas ganz deutlich zu erkennen. Er gab dem Mädchen, das ihm die Tür öffnete, seine Karte und Koslows Brief. Nach einem Weilchen kam das Mädchen zurück und erklärte ein wenig verlegen, Uljana Andrejewna sei nicht zu Hause, sie sei zu Bekannten nach Zarskoje Selo gefahren und werde von dort aus gleich nach Moskau reisen.

Raiskij wandte sich zum Gehen. Auf dem Flur begegnete ihm eine Frau, die ihn fragte, zu wem er wolle. Er sagte, er habe einen Besuch bei der Gattin Koslows vorgehabt. »Sie ist krank, liegt im Bett und empfängt niemanden«, log auch sie.

Raiskij schrieb Koslow nichts von diesem Besuch.

Mit Ajanow kam er nur ganz flüchtig zusammen. Er ließ seine Möbel zu Ajanow bringen und vermietete seine Wohnung. Von seinem Vormund erhielt er eine beträchtliche Geldsumme, die jener durch Verpfändung von Raiskijs Gut aufgebracht hatte, und im Januar reiste er dann mit Kirillow ins Ausland. Zuerst ging er nach Dresden, wo er der Sixtinischen Madonna seine Reverenz erwies und die »Nacht« des Correggio, die Meisterwerke Tizians, Paolo Veroneses und vieler anderer Großen bewunderte.

In Dresden verbrachte er Morgen für Morgen mit Kirillow in der Galerie, nur ins Theater ging er ab und zu einmal. Raiskij trieb zur Weiterfahrt, nach Holland, nach England und dann nach Paris, doch Kirillow wollte von England nichts wissen.

»Was soll ich in England? Ich will nicht dorthin!« sagte er. »Dort befinden sich alle guten Sachen in Privatgalerien, die dem Fremden nicht zugänglich sind. Die öffentlichen Sammlungen sind nicht reich. Reisen Sie von Holland aus getrost nach England – ich will nach Paris, in den Louvre, wo wir ja wieder zusammentreffen können.«

So machten sie es auch. Raiskij blieb nur zwei Wochen in England. Der gewaltige Mechanismus, den das gesellschaftliche Leben dieses Landes darstellt, setzte ihn zwar in Erstaunen, sagte ihm jedoch nicht besonders zu, und so beeilte er sich, nach dem heiteren Paris zu kommen. Er besuchte hier an den Vormittagen den Louvre, während er sich des Abends dem ewig wirbelnden Pariser Strudel mit seinem bunten Treiben, seinem Kreischen und seinen Orgien überließ. Nur ein dumpfer Rausch war es, was diese Orgien bei ihm hervorriefen – eine tiefere Wirkung brachten die Gedanken, Beobachtungen und Eindrücke, die er aus diesem Pfuhl davontrug, bei ihm nicht hervor. Kaum waren die ersten Strahlen der jungen Frühlingssonne über die Alpenwipfel gedrungen, als die beiden Künstler sich sogleich über die Schweiz nach Italien wandten. Mit empfänglicher Seele nahm Raiskij die Bilder und Eindrücke auf, die Land und Leute ihm hier darboten. Von der Kunst wandte er sich zur Natur, von dieser zu den Menschen, den Einheimischen wie den Fremden, denen er begegnete. In all dem mannigfachen Durcheinander jedoch fühlte er lebhaft und deutlich, daß die drei tiefsten Eindrücke, die er je empfangen, die drei teuersten Erinnerungen, die das Leben ihm gewährt – die Großtante, Wera und Marfinka –, ihm überallhin folgten, in jeder neuen Umgebung ihm zur Seite blieben, in den Stunden der Muße treulich bei ihm weilten, daß er mit diesen drei Frauengestalten aufs innigste verbunden war, daß ihm wohl war in dieser unsichtbaren Gemeinschaft und daß er es höchst schmerzlich empfunden hätte, wenn das Schicksal an das seelische Band gerührt hätte, das ihn mit ihnen verknüpfte.

Überall sah auch sein Künstlerauge diese drei Gestalten. Die aufschäumende graue Meereswoge, der ragende Schneegipfel der Alpen – sie riefen ihm das graue Haupt der Großtante ins Gedächtnis. Er sah sie in den ehrwürdigen Matronen, die ein Velazquez, ein Gerard Dow gemalt, wie er Wera in den Gestalten Murillos und Marfinka in den zarten Köpfen eines Greuze, auch wohl in manchen Schöpfungen Raffaels wiederzuerkennen meinte.

Wenn er in den Schluchten der Schweizer Berge daherschritt, trat ihm das Bild Weras vor die Seele, oben auf den Felsen träumte er von dem verzweifelten Kampf, den er mit ihr bestanden, von dem Orangenblütenstrauß, den er vor ihre Füße geworfen, von ihren Leiden, ihrer Sühne. Er fuhr aus seinen Träumen auf und wurde wieder nüchtern, sah sie jedoch im nächsten Augenblick wieder, diese drei, die mit liebevollem Lächeln die Arme nach ihm ausstreckten.

Die drei Gestalten bildeten auch jenseits der Alpen, wo ein anderes hehres Dreigestirn – Natur, Kunst, Geschichte – in strahlendem Glanz über seinem Horizont emporstieg, seine ständige Begleitung.

Mit Leidenschaft aber gab er sich auch dem Zauber hin, den jene drei neuen Mächte auf ihn ausübten – bis ins Tiefste, Innerste ergriffen sie seinen Organismus.

In Rom hatte er sich mit Kirillow gemeinsam ein Atelier eingerichtet. Er teilte seine Zeit zwischen den Museen, Palästen und Ruinen, hatte anfangs kaum Sinn und Verständnis für die Schönheit der Natur, verschloß sich und arbeitete, tauchte dann wieder in der Menschenmenge unter, die für ihn so interessant war und ihm wie ein grellbuntes, bewegliches Riesengemälde erschien, das die tausendjährige, halb schon vermoderte und halb noch lebendige Geschichte der Menschheit mit all dem Glanz ihrer Größe und der erschreckenden Nacktheit ihrer Laster widerspiegelte.

Überall aber inmitten dieses heiß pulsierenden Künstlerlebens wahrte er seiner Familie daheim, seiner »Gruppe«, die Treue. Er wuchs nicht hinein in das fremde Erdreich, fühlte sich stets nur als der Zugewanderte, der fremde Gast. Am liebsten hätte er etwas von dieser unvergänglichen Schönheit der Natur und Kunst erraffen und heimlich nach seinem Malinowka mitnehmen mögen. Nach diesem aber stand trotz allen Lockungen doch immer noch sein Sinn. Mitten in dem ungewohnten, aufregend heißen Farbenrausch des Südens ergriff ihn oft die Sehnsucht nach dem heimatlichen Winkel.

Dort standen und lockten sie, die drei geliebten Gestalten: seine Wera, seine Marfinka und die teure Alte, die ihm eine zweite Mutter gewesen. Und hinter ihnen stand und rief ihn noch lauter eine vierte Gestalt, riesengroß emporragend, gewaltig und mächtig: das alte Mütterchen Rußland ...

 

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