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Die Schlucht. Fünfter Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Fünfter Teil - Kapitel 25
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Fünfter Teil
booktitleDie Schlucht. Band 2
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid31dd1395
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XXIV

Am folgenden Tage, ganz früh am Morgen, war das ganze Haus in Bewegung, um dem abreisenden Gast das Geleit zu geben. Auch Tuschin und die jungen Wikentjews fanden sich ein. Marfinka war entzückend in ihrer Schönheit und wonnigen Verschämtheit. Bei jedem Blick, jeder Frage, die an sie gerichtet wurde, bedeckte ihr Gesicht sich mit hellem Rot, und ein geheimnisvolles, nervöses Spiel feinster seelischer Regungen, zarter Töne und subtiler Gedanken, kurz all des neuen, köstlichen Lebens aus dem vollen, das ihr in diesen letzten acht Tagen aufgegangen, spiegelte sich hell in ihren Zügen. Wikentjew war wie ein Page hinter ihr her und suchte ihr an den Augen abzulesen, ob sie nicht etwas brauche, irgendeinen Wunsch habe oder durch irgend etwas beunruhigt werde.

Sie waren so recht egoistisch in ihrem jungen Glück und sahen und bemerkten niemanden ringsum außer sich selbst. Sie waren auch gar zu trübselig, gar zu ernst und nachdenklich gestimmt, diese anderen. Erst am Nachmittag begann das junge Pärchen aus seinem selbstischen Traumleben zu erwachen und auch für die andern Augen zu haben. Marfinka zeigte eine sehr betrübte Miene und war gegen Raiskij die Zärtlichkeit selbst. Beim Frühstück hatte niemand Appetit gehabt außer Koslow, der in seinem melancholischen Hinbrüten, den Blick in die unbestimmte Ferne richtend und von Zeit zu Zeit einen Seufzer ausstoßend, ganz allein, rein mechanisch eine ganze Schüssel Mayonnaise verzehrte. Tatjana Markowna wollte die wirtschaftlichen Angelegenheiten aufs Tapet bringen und noch vor Übergabe des Gutes an die beiden Schwestern eine Generalabrechnung halten, doch Raiskij sah sie mit so müden Augen an, daß sie die Abrechnung verschob und ihm nur einen ihm noch zustehenden Betrag von sechshundert Rubel übergab. Die Hälfte der Summe händigte er noch in ihrer Gegenwart Wassilissa und Jakow ein – sie sollten das Geld unter das Hofgesinde verteilen und sich in seinem Namen für alle Freundlichkeiten und Gefälligkeiten bedanken, die sie ihm erwiesen hätten.

»Das ist zuviel – du bist nicht bei Troste! Sie werden es doch nur vertrinken!« flüsterte Tatjana Markowna ihm zu.

»Lassen Sie sie, Tantchen, und schenken Sie ihnen die Freiheit.«

»Gewiß, meinetwegen können sie gleich jetzt vom Hof laufen! Ich brauche jetzt mit Wera zusammen nur einen Diener und ein Mädchen. Aber sie werden ja nicht gehen wollen! Wohin sollen sie sich denn wenden? Sie sind verwöhnt, hatten hier alles in Hülle und Fülle!«

Nach dem Frühstück waren alle um Raiskij herum. Marfinka vergoß eine wahre Tränenflut, drei oder vier Taschentücher brauchte sie. Wera hatte ihm die Hand auf die Schulter gelegt und sah ihn mit einem müden Lächeln an, während Raiskij mit ernstem Blick auf sie schaute. Auf Wikentjews Gesicht lag ein freundschaftliches Lächeln, und an seiner Nase entlang rann eine Riesenträne herab, »so groß wie eine Kirsche«, meinte Marfinka, als sie ihm verschämt mit ihrem Taschentuch das Gesicht abtrocknete.

Die Großtante blickte düster drein, hielt jedoch tapfer an sich, um nicht von ihrem Gefühl überwältigt zu werden.

»Bleib doch hier bei uns!« sprach sie vorwurfsvoll zu Raiskij. »Wohin willst du eigentlich? Du weißt es selber nicht.«

»Doch – ich will nach Rom, Tantchen.«

»Was willst du denn dort? Dir den Papst ansehen?«

»Ton kneten will ich.«

»Was?«

Es hätte gar zu lange gedauert, wenn er ihr seine neuen Pläne hätte auseinandersetzen wollen, und so verzichtete er lieber darauf.

»Bleiben Sie, bleiben Sie!« bat auch Marfinka und hängte sich an seine andere Schulter. Wera sagte nichts. Sie wußte, daß er nicht bleiben würde; nicht ohne Besorgnis fragte sie sich – jetzt, nachdem sie seinen Charakter kennnengelernt hatte –, was wohl nun mit ihm werden, wie er mit seiner Muse und seinen Talenten fertig werden würde. Würde er sie immer nur so »in sich fühlen«, ohne das eine vielleicht wirklich Vorhandene zu entdecken und zur Ausführung zu bringen?

»Sag, Vetter«, flüsterte sie ihm zu, »wenn dich wieder einmal die Langeweile plagt, willst du dann nicht in diesen stillen Winkel hier zurückkommen, in dem man dich jetzt versteht und liebt?«

»Unbedingt, Wera! Mein Herz hat hier eine Zuflucht gefunden, ich liebe euch alle, ihr seid und bleibt meine Familie. Eine andere werde ich niemals haben! Tantchen, du und Marfinka – ihr drei werdet mich überallhin begleiten, jetzt aber haltet mich nicht länger fest, die Phantasie treibt mich fort ... es gärt in meinem Kopf«, flüsterte er Wera zu. »In einem Jahr vielleicht ... gedenke ich deine Statue zu machen ... in Marmor.«

Um ihr Kinn zitterte ein verstohlenes Lächeln.

»Und der Roman?« fragte sie.

Er winkte mit der Hand ab.

»Wenn ich tot bin, mag sich mit meinen Papieren herumärgern, wer da will. Material ist genug da. Mich aber hat das Schicksal ausersehen, deine Statue zu meißeln.«

»Kein Jahr wird vergehen, und du wirst wieder bis über die Ohren verliebt sein und nicht wissen, wessen Statue du meißeln sollst.«

»Wohl möglich, daß ich mich wieder verliebe – lieben aber werde ich keine mehr außer dir, und dich modelliere ich ganz bestimmt. Ich sehe die Gestalt schon wie lebendig in Marmor vor mir stehen!«

Sie blickte ihn noch immer lächelnd an.

»Unbedingt, ganz unbedingt!« beteuerte er leidenschaftlich.

»Du sagst wieder ›unbedingt‹!« mischte Tatjana Markowna sich ins Gespräch. »Ich weiß nicht, was du wieder vorhast – sobald du aber ›unbedingt‹ sagst, wird sicher nichts daraus.«

Raiskij trat auf Tuschin zu, der nachdenklich in einer Ecke saß und schweigend die Abschiedsszene beobachtete.

»Wenn einmal das sich erfüllt, Iwan Iwanowitsch ... was wir alle wünschen ...«, flüsterte er, sich zu Tuschin herabbeugend und ihm scharf in die Augen blickend.

Tuschin verstand ihn.

»Wirklich, alle, Boris Pawlowitsch?« fragte er, »und wird es sich auch erfüllen?«

»Ich glaube es ganz bestimmt, es kann ja nicht anders sein. Wenn Tantchen und ihr ›Schicksal‹ es wollen.«

»Es muß auch jemand anders es wollen.«

»Es wird sicherlich eintreffen«, sagte Raiskij zuversichtlich. »Und wenn es eintrifft – geben Sie mir Ihr Wort, daß Sie mich dann telegrafisch benachrichtigen ... wo ich auch sein mag? Ich will Weras Brautführer sein.«

»Ja, wenn es eintrifft ... ich gebe Ihnen mein Wort.«

»Und ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich komme.«

Koslow führte nun seinerseits Raiskij in eine Ecke und flüsterte lange mit ihm. Er bat ihn, seine Frau aufzusuchen, gab ihm einen Brief an sie mitsamt ihrer Adresse und beruhigte sich erst, als Raiskij den Brief sorgsam in seine Brieftasche gelegt hatte.

»Rede mit ihr ... und schreib mir darüber«, bat er zum Schluß, »und wenn sie sich entschließt, hierher zurückzukehren, dann telegrafiere mir. Ich fahre dann nach Moskau, um sie zu holen.«

Raiskij versprach alles und wandte sich mit schwerem Herzen von ihm ab. Er riet ihm, vorläufig noch auszuruhen und die Winterferien bei Tuschin zu verbringen.

Traurig traten alle vor das Haus und umstanden in düsterem Schweigen die Equipage. Marfinka fuhr fort zu weinen, Wikentjew reichte ihr bereits das fünfte Taschentuch.

Im letzten Augenblick, als Raiskij eben im Wagen Platz nehmen wollte, wandte er sich noch einmal um und betrachtete die Gruppe der Lieben, die ihm das Geleit gaben. Er tauschte noch einen letzten Blick mit Tatjana Markowna, mit Wera und Tuschin – und in diesem einen, raschen Blicke, den sie wechselten, drückte sich nochmals die ganze, kaum überstandene Qual dieses schweren Traumes aus, den sie durch mehr als ein halbes Jahr geträumt hatten. Keines von den vieren sprach ein Wort. Weder Marfinka noch ihr Gatte verstanden diesen Blick, und auch die Dienerschaft, die in der Nähe stand, merkte nicht das geringste.

Mit diesem Blick und der Erinnerung an diesen Traum entschwand Raiskij aus ihrem Gesichtskreis.

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