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Die Schlucht. Fünfter Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Fünfter Teil - Kapitel 22
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Fünfter Teil
booktitleDie Schlucht. Band 2
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid31dd1395
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XXI

Am nächsten Morgen schrieb Raiskij an Polina Karpowna ein paar Zeilen und bat, sie noch an demselben Tage um halb ein Uhr mittags besuchen zu dürfen. Sie antwortete ihm umgehend: »Charmée, j'attends« und so weiter. Die Vorhänge waren heruntergelassen, und die Zimmer dufteten, als er kam, nach Räucherkerzen. Sie empfing ihn in ihrem Boudoir, in einem Hauskleid aus weißem Musselin mit weiten Spitzenärmeln. Um die Taille hatte sie eine breite Schärpe geschlungen, an der Brust trug sie eine gelbe Georgine, und die Wangen waren leicht geschminkt. Der Tisch vor dem Sofa war für zwei Personen gedeckt.

»Ah – mein Abschiedsmahl!« sagte er, verneigte sich vor ihr und machte honigsüße Augen.

»Wieso denn – Ihr Abschiedsmahl?« entgegnete sie ganz erschrocken. »Ich will nichts davon hören! Jetzt wollen Sie abreisen, nachdem Sie ... Nein, das ist unmöglich! Sie scherzen doch nur – welch ein grausamer Scherz! Nein, nein, lachen Sie jetzt gleich – nehmen Sie das schreckliche Wort zurück!«

»Was haben Sie denn da?« sprach er freudig erregt, während er seinen Blick auf den Tisch richtete, »frischen Kaviar?!«

Sie legte ihren Arm in den seinigen und führte ihn zu dem Tisch, auf dem ein opulentes Frühstück angerichtet war. Er musterte einen Teller nach dem andern; zwei tiefe Kristallschalen waren mit Kaviar gefüllt.

»Ich weiß, daß Sie ihn gern essen ... das stimmt doch, nicht wahr?«

»Kaviar? Es durchzuckte mich sogar, als ich ihn sah! Und was ist denn das?« fragte er, vor Behagen schmunzelnd, während er die Deckel der silbernen Terrinen nacheinander abhob. »Wie kokett Sie sind, Polina Karpowna, selbst die Koteletts, die Sie essen, versehen Sie mit Schleifchen! Ah, auch Trüffeln gibt es – die Freude meiner jungen Jahre! Und hier ... und hier ... ach, was haben Sie nur mit mir vor!« sagte er, sich zu ihr umwendend, und rieb sich vor Vergnügen die Hände. »Was für Pläne schmieden Sie?«

»Oh, dieses Lächeln, diese Scherze, diese Fröhlichkeit – das ist's, wonach mich verlangt. Und Sie reden von Abreisen! Fort mit aller Traurigkeit. Vive l'amour et la joie!«

›Ei, ei – welch ungezwungener Ton! Mir wird fast ängstlich zumute!‹ dachte er im stillen.

»Nehmen Sie Platz, da ... wir wollen nebeneinander sitzen!« sagte sie mit einer einladenden Handbewegung und plazierte ihn an ihrer Seite, worauf sie ihm wie einem Kind oder alten Mann die Serviette vorband.

Er fügte sich gehorsam und blickte dabei nur immer begehrlich nach dem Kaviar. Sie schob ihm eine der beiden Kristallschalen hin, und er machte sich daran, seinen ganz beträchtlichen Morgenappetit zu stillen. Dann legte sie ihm ein Kotelett vor und goß ihm Champagner in ein geschliffenes Glas, während sie selbst aus einem Pokal trank und dazu kleine Stückchen süßen Gebäcks kokett zum Munde führte.

Dann gab es Wild, und dann tranken sie wieder Champagner, wobei sie miteinander anstießen und sich in die Augen blickten – sie mit einem Ausdruck schelmischer Zärtlichkeit und er mit fragender, fast ängstlicher Miene. Endlich brach sie das Schweigen.

»Nun, was sagen Sie?« fragte sie bedeutsam, als ob sie etwas ganz Besonderes erwarte.

»Nein, dieser Kaviar! Ich bin noch ganz weg!«

»Ja, ich sehe es ...«, sagte sie mit schalkhaftem Lächeln. »Nun, legen Sie die Maske ab, verstellen Sie sich nicht länger.«

»Ach!« seufzte er, während er sein Glas zum Munde führte.

»Enfin la glace est rompue? Auf wessen Seite ist nun der Sieg? Wer hat das alles vorausgesehen und vorausgesagt? A votre santé!«

»A la votre!«

Sie stießen miteinander an.

»Denken Sie noch ... an jenen Abend, als die ›ganze Natur ein Liebesfest‹ beging, wie Sie sich ausdrückten?«

»Ja, ich denke daran!« flüsterte er nachdenklich. »Dieser Abend hat alles entschieden!«

»Nicht wahr? Ich habe es ja gewußt! Wie konnte auch solch ein armseliges Ding einen Mann wie Sie in ihren schwachen Netzen festhalten! Une nulitté, cette pauvre petite fille, qui n'a que sa figure! Sie hat doch keine Erfahrung, sie ist so simpel, noch das reine Gänschen.«

»Nein, sie konnte mich nicht fesseln. Ich entfloh ihren Netzen.«

»Und Sie fanden, was Sie längst ersehnt und gesucht hatten, gestehen Sie es!«

Er zögerte mit der Antwort.

»Buvez – et du courage!«

Sie schob ihm das Glas hin. Er trank es aus, und sie goß ihm sogleich wieder ein frisches ein.

»Gestehen Sie ...«

»Ich gestehe.«

»Was ist eigentlich damals ... im Wäldchen ... passiert? Sie waren so erregt. Es war ein schwerer Schlag für Sie – nicht wahr?«

»Ja, ein schwerer Schlag – und eine Enttäuschung.«

»Wie konnte es auch anders sein? Dieses Mädchen vom Lande – und ein Mann wie Sie!«

Sie blickte stolz um sich, warf einen Blick in den Spiegel und zupfte die Spitzen an ihren Ärmeln zurecht.

»Was ging dort eigentlich vor?« fragte sie, offenbar bemüht, ihre Frage möglichst harmlos erscheinen zu lassen.

»Das ist nicht mein Geheimnis«, sagte er, sich gleichsam plötzlich besinnend.

»Oh, je respecte les secrets de famille. Bitte, trinken Sie doch!«

Sie schob ihm das Glas hin, und er nahm einen Schluck und noch einen zweiten.

»Ach«, seufzte er dann so laut, daß es vernehmlich durch das Zimmer tönte. »Darf ich vielleicht das Luftfenster öffnen? Mir ist so beklommen ums Herz, so entsetzlich ...«

»Oh, je vous comprends«, sagte sie und lief zum Fenster, um das Luftpförtchen zu öffnen. »Hier haben Sie Riechsalz, Toiletteessig.«

»Nein, ich danke!« sagte er, während er sich mit dem Taschentuch frische Luft zufächelte.

»Wie schrecklich sahen Sie damals aus! Ich kam gerade im richtigen Augenblick dazu, nicht wahr? Wäre ich nicht gekommen, dann wären Sie vielleicht wieder dorthin, in die Tiefe der Schlucht, zurückgekehrt. Was war dort eigentlich los, in dem Dickicht ... wie?«

»Oh, fragen Sie mich nicht!«

»Buvez donc!«

Er trank langsam einen kleinen Schluck.

»Dort, wo ich das Glück zu finden hoffte ...«, sprach er, wie vor sich selbst hin, »dort hörte ich ...«

»Was denn?« fragte sie, den Atem anhaltend, ganz leise.

»Ach!« seufzte er wieder laut, »könnte nicht auch die Tür aufgemacht werden?«

»Dort war wohl ... Tuschin, wie?«

Er nickte schweigend mit dem Kopf und trank wieder einen Schluck Wein.

Böse Schadenfreude malte sich in ihren Zügen.

»Dites tout!«

»Sie wandelte dort ganz allein umher, in tiefes Brüten versunken ...«, sprach er leise, während Polina Karpowna mit seiner Uhrkette spielte und ihr Ohr ganz nahe an seine Lippen hielt. »Ich folgte ihren Spuren, ich wollte endlich ihre Antwort hören. Sie ging ein paar Schritte den Abhang hinunter, da trat plötzlich aus dem Gebüsch, mir entgegen ...«

»Er?«

»Er!«

»Ich wußte es, und darum war ich auch in den Park gegangen. Oh, ich wußte, daß da nicht alles stimmte! Nun, und was tat er?«

»Er sagte: ›Guten Abend, Wera Wassiljewna, wie geht es Ihnen?‹«

»Oh, dieser Heuchler!« sagte die Krizkaja.

»Sie erschrak ...«

»Das war Verstellung!«

»Nein, sie erschrak wirklich, und ich versteckte mich – und lauschte. ›Woher kommen Sie?‹ fragte sie, ›wie kommen Sie hierher?‹ – ›Ich bin heute für zwei Tage hergekommen‹, sagte er, ›um morgen, am Geburtstag Ihrer Schwester ... ich habe mit Absicht diesen Tag gewählt ...‹«

»Eh bien?«

»Eh bien! ›Entscheiden Sie, Wera Wassiljewna‹, sagte er, ›ob ich leben oder sterben soll!‹«

»Wie seltsam, daß sich die Leidenschaft in solch einen Klotz einnisten konnte!« bemerkte Polina Karpowna.

»›Iwan Iwanowitsch!‹ sagte Wera mit flehender Stimme. ›Wera Wassiljewna!‹ unterbrach er sie, ›entscheiden Sie, ob ich morgen Tatjana Markowna aufsuchen und um Ihre Hand bitten darf, oder ob ich mich in die Fluten der Wolga stürzen soll‹ ...«

»Hat er wirklich so gesprochen?«

»Buchstäblich so!«

»Wie lächerlich! Und was antwortete sie ihm? Natürlich gab es da manches Ach und Oh!?«

»›Geben Sie mir Bedenkzeit, Iwan Iwanowitsch‹, entgegnete sie, ›damit ich entscheiden kann, ob ich Ihre tiefe, innige Neigung mit einem gleich tiefen Gefühl erwidern kann. Geben Sie mir ein halbes Jahr oder ein Jahr Zeit, dann werde ich Ihnen entweder nein sagen oder Ihnen mein Jawort geben ...‹ Ach, wie stickig ist es hier bei Ihnen! Könnte man nicht ein wenig Luft durchziehen lassen?« sagte Raiskij und sah dabei Polina Karpowna an, die ein sehr enttäuschtes Gesicht machte.

»C'est tout?« fragte sie ihn.

»Oui! Oui!« sagte er beinahe röchelnd. »Tuschin ließ jedoch nicht ab von seiner Hoffnung, sondern sagte, er würde am nächsten Tag, das heißt an Marfinkas Geburtstag, wiederkommen, um ihr letztes Wort zu hören. Er ging wieder den Abhang hinunter durch den Hain, und sie gab ihm das Geleit. Es scheint, daß seine Hoffnungen an diesem zweiten Tag ein wenig aufgefrischt wurden, während die meinigen ganz und gar entschwanden.«

»Das ist alles? Und da hat man nun Gott weiß was erzählt! Nicht nur von ihr, sondern auch von Ihnen! Und nicht einmal Tatjana Markowna hat man verschont, diese ehrenwerte, man kann sagen heilige Person! Was für giftige Zungen gibt es doch auf der Welt! Dieser abscheuliche Tytschkow ...«

»Was hat er von der Großtante gesagt?« fragte Raiskij nun seinerseits mit leiser Stimme, indem er den Atem anhielt und die Ohren spitzte.

Er hatte bereits von Wera eine leise Anspielung gehört, daß die Großtante da irgend einmal in eine Herzensangelegenheit verwickelt gewesen sei, und auch Wassilissa hatte gelegentlich ein Wort fallenlassen. Aber welche Frau hat nicht ihren kleinen Roman gehabt? Was für eine Lüge oder Klatscherei hatte man da nach vierzig Jahren wieder aus dem Staube hervorgeholt? Jedenfalls mußte er in Erfahrung bringen, um was es sich handelte, und dem boshaften alten Tytschkow den Mund stopfen.

»Was wurde denn von der Großtante erzählt?« fragte er nochmals mit leiser, einschmeichelnder Stimme.

»Ah, c'est dégoutant. Niemand glaubt es natürlich, sondern man lacht ihn nur aus, daß er sich so weit erniedrigen konnte, ein Weibsbild auszuhorchen, das seinen Verstand vertrunken hat. Ich will es gar nicht wiederholen.«

»Ich möchte Sie doch darum bitten«, flüsterte er zärtlich.

»Sie wünschen es zu hören?« flüsterte sie, sich zu ihm vorneigend. »Wohl, Ihnen zuliebe tue ich alles.«

»Nun, also was war's?« flüsterte er verhalten.

»Dieses Weibsbild – man kann es alle Tage vor der Mariä-Himmelfahrts-Kirche betteln sehen – hat also erzählt, daß Tit Nikonytsch eine Liebschaft mit Tatjana Markowna hatte.«

»Ja, davon habe ich gehört«, unterbrach er sie ungeduldig. »Das wäre nicht weiter schlimm.«

»Zu gleicher Zeit bewarb sich der verstorbene Graf Sergej Iwanytsch um ihre Hand.«

»Auch das weiß ich – sie wollte ihn nicht haben, und er hat dann eine andere geheiratet, während man ihr nicht gestattete, Tit Nikonytsch zu heiraten. Das ist die ganze Geschichte, Wassilissa kennt sie.«

»Mais non, das ist noch nicht alles! Ich glaube natürlich nicht, was man da noch weiter erzählt. Ich halte es einfach für unmöglich! Wie ich Tatjana Markowna kenne ...«

»Was hat denn das betrunkene Weibsbild noch weiter erzählt?« fragte Raiskij.

»Daß der Graf einmal mitten in der Nacht Tatjana Markowna und Tit Nikonytsch bei einem Stelldichein in der Orangerie erwischt habe ... und zwar in einer so unzweideutigen Situation. Nein, nein ...« Sie schüttelte sich nur so vor Lachen. »Tatjana Markowna! Wer sollte das für möglich halten?«

Raiskij begann plötzlich höchst ernsthaft hinzuhören. Seine Phantasie bemächtigte sich bereits der Sache, und er lauschte atemlos auf die vermoderte alte Klatschgeschichte.

»Was weiter?« fragte er leise.

»Der Graf gab Tit Nikonytsch eine Ohrfeige.«

»Das ist eine Lüge!« unterbrach sie Raiskij jäh und sprang von seinem Platz auf. »Tit Nikonytsch ist ein Gentleman ... er würde das nie ertragen haben.«

»Auch ich sage ja, daß es Lüge ist!« stimmte die Krizkaja ihm listig bei. »Und er hat es auch nicht ertragen«, fügte sie hinzu, »er warf den Grafen zu Boden, würgte ihn am Hals, erwischte ein Gartenmesser, das dort zufällig zwischen den Blumen lag, und hätte den Grafen um ein Haar umgebracht ...«

Raiskijs Züge hatten sich ganz verzerrt.

»Nun?« fragte er, vor Ungeduld kaum atmend.

»Tatjana Markowna fiel ihm in den Arm: ›Du bist kein Bandit‹, sagte sie, ›sondern ein Edelmann – du hast doch einen Degen!‹ Und sie brachte beide auseinander. Nun konnten sie sich nicht gut schlagen, ohne sie ins Gerede zu bringen, und so verabredeten sie miteinander, daß der Graf über die Sache schweigen solle, Tit Nikonytsch aber sie nie heiraten dürfe. Sie gaben sich gegenseitig das Wort darauf, und das ist der Grund, daß Tatjana Markowna bis auf den heutigen Tag ledig geblieben ist. Ist das nicht gemein, eine so ... abscheuliche Klatscherei unter die Leute zu bringen?«

Raiskij seufzte tief auf vor Erregung.

»Sie sehen doch, daß das alles Lüge sein muß!« sagte er. »Wer kann sie denn gesehen und gehört haben?«

»Der Gärtner schlief da irgendwo in einer Ecke und soll alles gesehen und gehört haben. Doch er schwieg darüber; er fürchtete sich, denn er war ja ein Leibeigener. Dieses trunksüchtige Weibsbild aber ist seine Witwe, sie hat es von ihm gehört und schwatzt es jetzt aus. Es ist natürlich alles Unsinn – wer soll so etwas glauben! Ich bin die erste, die mit Ihnen ruft: Es ist eine Lüge, eine Lüge! Die heilige, ehrwürdige Tatjana Markowna!« Die Krizkaja lachte hell auf und hielt dann plötzlich inne. »Aber was ist Ihnen denn?« sagte sie. »Ach, bitte, denken Sie nicht daran! Vive la joie! Warum blicken Sie denn so finster drein? Warum? Ich werde noch Wein bringen lassen!«

»Nein, nein, ich habe Angst ...«

»Wovor denn, möcht ich wissen?« fragte sie schmachtend.

»Daß mir schlecht werden könnte. Ich bin nicht gewöhnt, so viel zu trinken«, sagte er und erhob sich. Auch sie stand von ihrem Platz auf.

»Leben Sie wohl, für immer ...«

»Wohin denn? Nein, nein!«

»Ich fliehe aus dieser gefährlichen Region mit allen ihren Abgründen und Fallstricken. Leben Sie wohl, leben Sie wohl!«

Er nahm seinen Hut und ging rasch davon. Sie stand wie versteinert da und klingelte dann hastig.

»Der Wagen soll angespannt werden!« sagte sie zu dem eintretenden Mädchen. »Ich will mich anziehen und Visiten machen!«

Als Raiskij sie verlassen hatte, dachte er an nichts anderes als einzig an diese Klatschgeschichte. Er fühlte, daß an dem Geschwätz jener trunksüchtigen Gärtnersfrau, wie überhaupt an dieser ganzen Klatscherei, etwas Wahres war.

Er hielt nun den Schlüssel zu der Vergangenheit der Großtante, wie überhaupt zu ihrem ganzen Leben, in der Hand. Alles wurde ihm jetzt klar, warum sie gerade so geworden, wie sie war, woher sie diese moralische Kraft, diese praktische Klugheit, diese Kenntnis des Lebens wie des menschlichen Herzens nahm, wie es ihr gelingen konnte, Weras Vertrauen so rasch zu gewinnen, sie so bald zu beruhigen, und woher ihre eigene Unruhe stammte. Auch Wera mußte wohl um alles dies wissen.

Er sah nun die Gestalt der alten Frau in ihrer ganzen Größe vor sich.

Er war in der Absicht gekommen, die Gerüchte, die über Wera, über ihn selbst und über Tuschin verbreitet waren, nach einer anderen Richtung abzulenken – und nun war er plötzlich auf dieses zwar vergessene, aber doch immer noch lebendige Blatt in der Chronik seiner Familie gestoßen, auf ein zweites Drama, das wohl für seine Helden nicht mehr von unmittelbarer Bedeutung war, da es volle vier Jahrzehnte zurücklag, das aber ihn selbst ganz außerordentlich fesselte.

Er verstand die Großtante jetzt ganz und gar. Aufs tiefste bewegt, trat er bei ihr ein. Er vergaß ganz, ihr über seinen Besuch bei der Krizkaja und die Darstellung, die er dieser von den Vorgängen an Marfinkas Geburtstag gegeben, Bericht zu erstatten und sog sich förmlich mit gierigen Augen an ihr fest.

»Borjuschka!« rief sie höchst verwundert, während sie vor ihm zurückwich, »was ist denn mit dir, mein Lieber? Du riechst ja nach Wein wie ein Faß!«

Sie ließ ihr Auge vielleicht eine Minute lang auf ihm ruhen, bemerkte seinen durchdringenden Blick, sah ihn selbst forschend an und kehrte ihm dann den Rücken.

Sie hatte erraten, daß er die Klatschgeschichte erfahren hatte, die über sie selbst im Umlauf war.

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