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Die Schlucht. Fünfter Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Fünfter Teil - Kapitel 21
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Fünfter Teil
booktitleDie Schlucht. Band 2
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid31dd1395
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XX

Tatjana Markowna war von innerer Unruhe erfüllt, als Tuschin die Schwelle ihres Zimmers überschritt. Er begrüßte sie schweigend, mit niedergeschlagenen Augen, auch ihm erfüllte heimliche Besorgnis die Seele. Im ersten Augenblick sahen sie einander nicht an.

Zum ersten Male sollte sie von dieser schmerzlichen Angelegenheit reden, die bisher zwischen ihnen nicht mit einem Wort erwähnt worden war, obschon beide aus so manchem bedeutsamen Blick wie aus dem düsteren Schweigen des anderen Teiles hatten entnehmen können, daß zwischen ihnen in dieser Angelegenheit kein Geheimnis mehr bestand. Nun sollten sie offen, von Angesicht zu Angesicht, die Frage erörtern.

Sie schwiegen beide. Tatjana Markowna sah ihn von der Seite an und bemerkte die Veränderungen, die in diesen zwei, drei Wochen mit ihm vorgegangen waren. Seine Haltung war nicht mehr so stolz und sicher wie früher, seine Augen blickten zuweilen trüb, seine Bewegungen erschienen langsamer. Auch blasser und magerer war er geworden.

»Sie waren soeben bei Wera?« fragte sie endlich. »Wie haben Sie sie gefunden?«

»Ganz wohlauf ... es scheint, daß sie gesund ist und ihre Ruhe wiedergewonnen hat.«

Tatjana Markowna seufzte.

»Wenn es nur der Fall wäre! Doch nicht von ihr will ich reden, sondern von Ihnen, Iwan Iwanowitsch. Auch Sie sind beunruhigt worden«, sagte sie leise, ohne ihn anzusehen.

»Nicht um mich geht es, sondern um Wera Wassiljewna.«

»Es scheint, daß das Schicksal es anders beschlossen hat als wir. Kaum ist sie ein wenig zu sich gekommen, kaum habe ich mich von dem häuslichen Kummer etwas erholt, als schon wieder neue Wolken aufsteigen. Bisher konnten wir unseren Kummer in den eigenen vier Wänden still verbergen; jetzt aber dringt er über sie hinaus.«

Tuschin horchte plötzlich auf, als wenn er einen Schuß fallen hörte.

»Iwan Iwanowitsch«, sagte Tatjana Markowna entschlossen, »es gehen allerhand Klatschereien in der Stadt um. Sie wissen, daß wir vor einiger Zeit hier mit Tytschkow einen Zusammenstoß hatten – wir haben ihm damals die heuchlerische Maske vom Gesicht gerissen. Es stand mir ja nicht recht zu, bei meinen Jahren, aber er nahm sich schon gar zuviel heraus, es war einfach unerträglich. Na, und da habe ich denn damals Borjuschka beigestanden. Jetzt aber reißt er uns die Maske vom Gesicht!«

»Ihnen? Wie soll ich das verstehen?«

»Er hat über mich geklatscht – aber darauf gab man nicht viel, ich bin eine Tote. Doch auch über Wera hat er geredet.«

»Über Wera Wassiljewna?«

Tuschin erhob sich.

»Setzen Sie sich, Iwan Iwanowitsch«, sagte Tatjana Markowna. »Ja, auch über sie. Und vielleicht mußte das so sein ... vielleicht war das die Vergeltung, die Strafe. Doch nun sind auch Sie mit der Sache in Verbindung gebracht worden!«

»Ich? Mit Wera Wassiljewna?«

»Ja, Iwan Iwanowitsch, und das ist es, was mir so schwer auf die Seele fällt!«

»Darf ich fragen, was man gesagt hat?«

Tatjana Markowna erzählte ihm, was für Gerüchte in der Stadt umgingen.

»Es ist den Leuten aufgefallen, daß hier im Hause nicht alles so ist, wie es sein soll. Man hat bemerkt, daß Sie mit Wera in den Park gingen, daß Sie dort am Rande der Schlucht neben ihr auf der Bank saßen und sehr lebhaft mit ihr sprachen, und daß Sie dann Knall und Fall wegfuhren. Wir beide lagen dann krank und ließen niemand vor ... und daraus haben sich die Leutchen nun eine Geschichte zurechtgelegt.«

Er hatte schweigend zugehört und wollte eben etwas erwidern, als sie in ihrer Rede fortfuhr:

»Lassen Sie mich zu Ende erzählen, Iwan Iwanowitsch, das ist noch nicht alles. Boris Pawlytsch hatte am Abend vor Marfinkas Geburtstag Wera im Park gesucht.«

Sie hielt einen Augenblick inne.

»Was weiter?« fragte Tuschin ungeduldig.

»Nun war ihm die Krizkaja nachgelaufen und hatte seine Erregung bemerkt. Er hatte ein paar Worte über Wera fallenlassen ... und die hat sie sich nun auf ihre Weise gedeutet. Man glaubte ihr natürlich nicht, denn man kennt sie ja – doch nun möchte man um jeden Preis dahinterkommen, mit wem eigentlich Wera damals, am Abend vor dem Geburtstag, im Hain gewesen ist. Vom Grunde dieser unseligen Schlucht ist eine Wolke aufgestiegen, die ihren Schatten auf uns geworfen hat ... und auch auf Sie!«

»Was hat man denn von mir erzählt?«

»Daß Wera auch damals, am Abend vor dem Geburtstag, mit jemandem zusammen war ... dort unten, auf dem Grunde der Schlucht. Man sagt, mit Ihnen ...«

Sie schwieg.

»Und was soll ich nun nach Ihrer Meinung tun?« fragte er fast demütig.

»Sie sollen nichts tun. Es wird nichts weiter übrigbleiben, als die Wahrheit zu sagen. Vor allem müssen Sie aus der Sache ausscheiden«, sprach Tatjana Markowna fest und bestimmt. »Sie waren stets rein und lauter und müssen es auch in Zukunft bleiben. Ich reise mit Wera sogleich nach Marfinkas Hochzeit auf mein Gut Nowosselowo, wo wir für immer bleiben wollen. Gehen Sie zu Tytschkow und sagen Sie ihm, daß Sie an jenem Abend vor Marfinkas Geburtstag nicht in der Stadt waren, daß Sie also auch nicht in der Schlucht gewesen sein können.«

Sie schwieg und versank in düsteres Nachdenken.

Tuschin saß mit vorgebeugtem Oberkörper da, hatte den Kopf vorgeneigt und blickte auf seine Füße.

»Und wenn ich das nun nicht sage?« begann er plötzlich, den Kopf in den Nacken werfend.

»Handeln Sie ganz nach Ihrem Ermessen, Iwan Iwanowitsch. Was wollten Sie denn sonst sagen?«

»Ich würde Tytschkow, oder vielmehr nicht ihm, denn mit ihm will ich mich gar nicht einlassen, sondern den andern, sagen, daß ich an jenem Abend in der Stadt war, was auch den Tatsachen entspricht, denn ich war damals nicht über die Wolga gefahren, sondern hatte zwei Tage lang hier bei einem Freunde geweilt. Ich würde weiter sagen, daß ich an jenem Abend wirklich mit Wera Wassiljewna ... in der Schlucht war ... wenn es auch nicht wahr ist! Ich würde hinzufügen, daß ich ihr einen Antrag machte, jedoch abgewiesen wurde ... daß wir beide, ich und Sie, die Sie meine Partei nahmen, über meine Abweisung sehr ungehalten waren, was wiederum von Wera Wassiljewna sehr übelgenommen wurde – daß aber unsere freundschaftlichen Beziehungen dadurch nicht zerstört wurden. Ich kann vielleicht auch so nebenbei bemerken, daß mir noch eine entfernte Hoffnung geblieben ist ... daß sich Wera Wassiljewna die Sache noch einmal überlegen will.«

»Ja, das wäre eine Lösung«, sagte Tatjana Markowna nachdenklich. »Sie boten ihr Ihre Hand an – und sie schlug sie aus. Ja, wenn Sie das sagten – es wäre ein edler Freundschaftsdienst von Ihnen. Aber sie werden sich dabei nicht beruhigen, sie werden warten und fragen: ›Wann wird's denn nun endlich geschehen? Wenn sie ihm noch eine Hoffnung gelassen hat, dann muß es doch endlich kommen!‹«

»Sie werden die Sache vergessen, Tatjana Markowna, namentlich wenn Sie von hier fortgehen, wie Sie sagen. Und wenn sie es auch nicht vergessen ... und Ihnen immer noch zusetzen sollten ... dann nimmt Wera Wassiljewna eben meinen Antrag an!« sprach Tuschin leise.

In Tatjana Markownas Gesicht ging eine Wandlung vor sich.

»Iwan Iwanowitsch!« sagte sie in vorwurfsvollem Ton. »Wofür halten Sie mich und Wera? Um die bösen Zungen zum Schweigen zu bringen, um eine Klatscherei aus der Welt zu schaffen, die doch leider auf einer traurigen Tatsache beruht – sollten wir Ihre frühere Neigung für sie und Ihre Großmut mißbrauchen? Damit weder Sie noch Wera jemals im Leben zur Ruhe kommen? Das hätte ich von Ihnen nicht erwartet!«

»Hier ist von keiner Großmut die Rede. Ich dachte, als Sie mir vorhin die Klatschgeschichte erzählten, Sie würden einfach kurz und bündig sagen: ›Hör mal, Iwan Iwanowitsch, nun haben sie auch dich in die Sache hineingezogen, nun sorge dafür, daß sie dich und sie nicht weiter beklatschen!‹ Dann hätte ich Sie einfach, wie Wikentjew, ›Tantchen‹ genannt und wäre vor Ihnen niedergekniet. Ja, das wäre das Richtige gewesen«, sagte er düster. »Aber bei Ihnen, Tatjana Markowna – verzeihen Sie mir meine Rede –, geht alles noch seinen alten Gang. Sie müssen erst erforschen, wie alles zugegangen ist, und was die Leute sagen, und das eigene Herz, der eigene Verstand – die kommen erst später zu Wort. Hätten Sie mit denen angefangen, dann wäre Ihnen diese ganze traurige Erfahrung erspart geblieben, und ich hätte weniger graue Haare, und Wera Wassiljewna –«

Er hielt inne, als merke er jetzt erst, daß er über die Grenze des Zulässigen hinausgegangen war.

»Verzeihen Sie!« sagte er, plötzlich in einen schüchternen Ton verfallend. »Ich rede da von Dingen, die mich nichts angehen. Ich will mir herausnehmen, über Wera Wassiljewna mit zu entscheiden – und weiß gar nicht, ob ihr das angenehm ist!«

»Sehen Sie, nun haben Sie selbst das Richtige getroffen. Mein Herz und mein Verstand hatten längst für Sie gesprochen, aber das Schicksal hat anders entschieden. Sie würden sie jetzt doch nur aus Mitleid nehmen, und sie würde vielleicht um Ihrer Großmut willen ›ja‹ sagen. Wollen Sie das wirklich? Wäre das nicht unehrlich und töricht von uns? Trauen Sie uns wirklich eine solche Handlungsweise zu? Sie kennen uns doch!«

»Weder unehrlich noch töricht wäre es, wenn sie wirklich so für mich fühlt, wie sie sagt. Sie liebt und schätzt mich als Menschen, als Freund – das sind ihre Worte, und natürlich überschätzt sie mich. Das erscheint mir als ein großes Glück! Das heißt doch, daß Sie mich mit der Zeit auch ... als einen guten Gatten lieben würde.«

»Aber, Iwan Iwanowitsch, wieviel Schmerzliches würde diese Heirat für Sie mit sich bringen! Bedenken Sie das doch, mein Gott!«

»Ich mische mich nicht in fremde Angelegenheiten, Tatjana Markowna; ich sehe, daß Sie sich vom Schmerz niederdrücken lassen, und enthalte mich doch jeder Einwirkung auf Sie. Warum wollen Sie sich durchaus meinetwegen Sorgen machen? Überlassen Sie es doch mir selbst, darüber zu urteilen, was diese Heirat für mich bedeuten würde!« sagte Tuschin plötzlich in fast rauhem Ton. »Glück für ein ganzes Leben – das ist's, was sie mir bringen würde, und ich werde vielleicht noch fünfzig Jahre leben! Oder, wenn auch nicht fünfzig, so doch zehn, zwanzig – zwanzig Jahre Glück!«

Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, vor lauter Verzweiflung darüber, daß diese beiden Frauen ihn nicht verstehen, ihm das Glück nicht geben wollen, das da um ihn herumgaukelt, sich aber nicht fassen läßt und ihm zu entschlüpfen droht, während er es mit seinen Bärentatzen packen und nie wieder loslassen möchte.

Sie sehen nicht und begreifen nicht, sie wähnen immer noch, daß unübersteigbare Berge sich zwischen ihm und ihnen auftürmen – während er doch mit der gewaltigen Kraft seiner Liebe in schwerem Seelenkampf diese Berge längst hinweggeräumt hat.

Sollte er diesen Kampf, in dem er fest auf den Beinen geblieben ist, umsonst gekämpft haben – sollte das Glück, das er ersehnt, ihm nun doch entschwinden? Was war denn das auch für ein Berg, der ihn von diesem Glück trennen sollte? Wera hatte einen anderen geliebt, hatte gehofft, mit diesem anderen glücklich zu werden – und hatte eine Enttäuschung erlebt. Nun war diese Hoffnung tot. Sie sagte es selbst, und sie log nie und kannte sich sehr genau. Es war also gar kein Berg, kein Hindernis mehr vorhanden, nur in der Phantasie der beiden Frauen gab es noch Hindernisse.

»Nein, nein, nein – es gibt keine Hindernisse!« flüsterte Tuschin ganz verzweifelt leise vor sich hin und sah dabei Tatjana Markowna fast zornig an.

»Hören Sie mich an, Tatjana Markowna!« begann er plötzlich in einem leidenschaftlichen, kraftvollen Ton. »Wenn der Wald die Menschen am Vordringen hindert, dann roden sie ihn aus; wenn das Meer sich quer vor sie legt, durchschwimmen sie es; und wenn Berge sich vor ihnen auftürmen, bohren sie sich einen Tunnel hindurch oder sprengen sie. Immer kühner dringen die Menschen vor. Und hier gibt es weder Wald, noch Meer, noch Berg – nichts ist da! Höchstens diese Schlucht mit dem jähen Absturz; doch über die habe ich eine Brücke geschlagen, auf der ich sicher hinüberschreite, ohne daß meine Beine zittern. Geben Sie mir Wera Wassiljewna, geben Sie sie mir!« schrie er fast laut. »Ich werde sie sicher über diesen Absturz und diese Brücke tragen, und kein Teufel soll mein Glück und ihre Ruhe stören, wenn sie selbst hundert Jahre alt wird. Sie wird meine Herzenskönigin sein, wird in meinen Wäldern, unter meinem Schutz eine sichere Zuflucht finden vor allen Unwettern, wird alle Schluchten und Abstürze vergessen, wenn sie selbst nach Tausenden zählen sollten! Daß Sie mich so gar nicht verstehen wollen!«

Er hatte sich erhoben, zog plötzlich sein Taschentuch hervor, führte es an die Augen und begann verzweifelt im Zimmer auf und ab zu gehen.

»Ich kann Sie wohl verstehen, Iwan Iwanowitsch«, sagte Tatjana Markowna nach kurzem Schweigen leise, mit tränenerstickter Stimme, »doch nicht auf mich kommt es hier an.«

Er blieb plötzlich stehen, trocknete seine Augen, fuhr mit der Hand über sein dichtes Haar hin und ergriff beide Hände Tatjana Markownas. »Verzeihen Sie, Tatjana Markowna«, sagte er, »ich vergesse immer das eine, daß es zwar keine Berge, Wälder und Abgründe gibt, wohl aber ein einziges unüberwindliches Hindernis: Wera Wassiljewna will nicht, sie muß also wohl in der Zukunft ein glücklicheres Los erwarten, als ich es ihr bieten könnte!«

Tatjana Markowna war betroffen von seinen Worten und wollte etwas erwidern, er ließ sie jedoch nicht zu Worte kommen.

»Ich muß Sie um Verzeihung bitten«, fuhr er fort, »ich bin da wieder in ein falsches Fahrwasser geraten. Lassen Sie mich einmal ganz beiseite, und kommen wir auf das ursprüngliche Thema zurück. Sie ließen mich rufen, um mir von diesen Klatschgeschichten Mitteilung zu machen, und Sie dachten, ich würde mich Gott weiß wie darüber aufregen. Ist es nicht so? Beruhigen Sie sich darüber – und beruhigen Sie vor allem Wera Wassiljewna, bringen Sie sie weg von hier, damit sie von dem ganzen Geschwätz nichts erfährt. Und was mich betrifft – so machen Sie sich nur keine Sorgen!«

Er lächelte.

»Ich bin nicht so zart, daß mich so etwas beunruhigen könnte, ich pfeife auf diese Klatschgeschichten! In der Stadt will ich erzählen, was ich Ihnen schon sagte: ich hätte einen Antrag gemacht, sei aber abgewiesen worden ... worüber Sie und ich und das ganze Haus ungehalten gewesen seien ... da ich mit Recht geglaubt hätte, einige Anwartschaft zu haben. Nach jenem anderen habe ich mich erkundigt, er reist morgen oder übermorgen für immer ab, und alles wird vergessen werden. Und was mich betrifft, so ist es mir jetzt völlig gleichgültig, ob ich lebe oder nicht, da Wera Wassiljewna nun doch nicht die Meine wird!«

»Sie wird die Ihrige werden, Iwan Iwanowitsch«, sagte Tatjana Markowna, ganz bleich vor innerer Bewegung, »wenn das alles ... erst wirklich vergessen und verschmerzt ist.« Er machte eine ungeduldige, verzweifelte Handbewegung. »Ich habe jetzt erst begriffen, wie tief und innig Sie sie lieben!«

Sie wagte noch immer nicht, seinen schlichten Worten und Tränen, die ihm in den Augen standen, zu glauben; den Tränen, die eine so kostbare Bürgschaft für Weras Zukunft, für Weras Glück schienen, das sie schon fast vernichtet wähnte.

»Wird sie es wirklich werden?« fragte er, sich breit vor sie hin stellend, während er fühlte, daß sein Haar sich sträubte und ein Schauer ihn überlief. »Ich bitte Sie, Tatjana Markowna, machen Sie mir keine Hoffnungen, die sich dann nachträglich als trügerisch erweisen! Halten Sie mich nicht für einen Knaben, den man trösten muß. Was ich sage, darauf kann man sich stets verlassen; ich verlange aber auch, daß man mir immer Wort hält. Wer bürgt mir dafür, daß dies wirklich einmal eintritt, daß Wera Wassiljewna in der Tat ... irgend einmal ...«

»Ich bürge Ihnen dafür ... als ihre Großtante ... mein Wort ist jetzt so gut wie das ihrige!«

Tuschin warf ihr einen dankbaren Blick zu und ergriff ihre Hand.

»Aber Sie müssen abwarten, Iwan Iwanowitsch!« fügte sie hastig, fast erschrocken hinzu und entzog ihm ihre Hand, als sie sah, wie dieses eine Wort aus ihrem Munde ihn wieder belebt und geradezu verjüngt hatte. »Jetzt spreche ich zu Ihnen nicht mehr als ihre Großtante, sondern einfach als Frau. Warten Sie noch, es ist noch zu früh, sie muß erst ganz wieder zu sich kommen. Sie ist noch zu tief erschüttert von dem, was sie durchgemacht hat, sie würde es jetzt nicht ertragen. Sie würde Sie vielleicht mißverstehen, würde meinen, daß es Ihnen jetzt nur darauf ankomme, sie nicht aus den Händen zu lassen – daß Sie es aber später bereuen würden. Stören Sie ihre Ruhe nicht! Sie erwähnten vorhin rühmend mein Herz und meinen Verstand – nun, die sagen mir beide: wartet, wartet! Auch ich, ihre Großtante, ihre Mutter, rede jetzt nicht davon, sondern warte – um wieviel mehr müssen Sie es tun! Denken Sie an meine Worte!«

»Ich werde nur an ein Wort denken, das Sie mir gesagt haben, an das Wort: ›Sie wird die Ihrige werden.‹ Dieses Wort wird mich vorläufig am Leben erhalten. Sie sehen, Tatjana Markowna, wie es schon jetzt auf mich gewirkt hat.«

»Ich sehe es, Iwan Iwanowitsch, und ich bin davon überzeugt, daß das, was Sie sagen, nicht in den Wind gesprochen ist. Ich vertraue Ihnen! Darum habe ich auch jenes Wort gewagt und will hoffen, daß es Wahrheit wird.«

»Auch ich werde hoffen und warten«, sprach Tuschin leise und sah sie bittend an. »Vielleicht, daß auch ich einmal, wie Wikentjew, Sie ›Tantchen‹ nennen kann.«

Sie gab ihm durch ein Zeichen zu verstehen, daß sie allein bleiben wolle. Als er das Kabinett verlassen hatte, sank sie in den Lehnstuhl und barg ihr Gesicht in ihrem Taschentuch.

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