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Die Schlucht. Fünfter Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Fünfter Teil - Kapitel 2
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Fünfter Teil
booktitleDie Schlucht. Band 2
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid31dd1395
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I

Am folgenden Tage wurde in der Dorfkirche von Malinowka seit zehn Uhr morgens die große Glocke zum Hochamt geläutet.

Im Hause ging alles drunter und drüber. Die Kalesche wurde angespannt, und auch die altmodische Galakutsche kam zum Vorschein. Die Kutscher zogen ihre neuen, hellblauen Livreeröcke an, salbten sich die Köpfe mit Butter und waren vom frühen Morgen an betrunken. Die zum Hofgesinde gehörenden Frauen und Mädchen trugen ihre buntfarbigen Kattunkleider nebst Kopftüchern und allerhand Bändern. Die Stubenmädchen rochen schon auf zehn Schritt nach Nelkenpomade.

Jegorka erschien in einem stutzerhaften Aufzug, wie man ihn noch nie gesehen; er trug ein ganz kurzes Jackett, das ihm Raiskij geschenkt hatte, grün gewürfelte, fast neue Beinkleider, die er gleichfalls von Raiskij bekommen hatte, und eine blaue Weste nebst orangegelbem Halstuch, die er beide aus eigener Tasche sich hinzugekauft hatte.

Er tauchte plötzlich in diesem Aufzug vor Tatjana Markowna auf.

»Was ist denn mit dir los?« rief sie streng. »Du siehst ja wie eine Vogelscheuche aus! Herunter mit den Lappen! Wassilissa! Alle sollen Livreeröcke anziehen – Serjoshka sowohl wie Stjopka und Petruschka und auch dieser Narr da!« sagte sie, auf Jegor zeigend. »Jakow soll den schwarzen Frack und dazu eine weiße Binde tragen. Sie sollen bei Tisch aufwarten und auch am Abend die Livreen anziehen!«

Das ganze Haus sah festlich aus, nur Ulita, die an diesem Morgen noch tiefer als sonst in ihre Keller und Kühlräume hinabsteigen mußte, fand keine Zeit, irgendein Kleidungsstück anzuziehen, das sie von der gestrigen oder morgigen Ulita unterschieden hätte. Die Köche trugen schon vom frühen Morgen ab ihre weißen Mützen und kamen aus dem Kochen und Braten nicht heraus – da hieß es, das Frühstück, das Mittagessen, das Abendbrot bereiten, bald für die Herrschaften, bald für das eigene Hofgesinde, bald für die Dienerschaft vom andern Ufer der Wolga.

Die Großtante hatte bereits ganz früh am Morgen alle Anordnungen für den Tag getroffen und um acht Uhr große Toilette gemacht, worauf sie sich zu ihren Gästen und zukünftigen Verwandten in den Saal begab – im vollen Glanz der Schönheit des Alters, mit der gemessenen Würde der Herrin und dem liebenswürdigen Lächeln der glücklichen Brautmutter und gastfreien Hausfrau. Sie trug ein einfaches, kleines Häubchen auf dem grauen Haar; das hellbraune Seidenkleid, das ihr Raiskij aus Petersburg mitgebracht hatte, kleidete sie ausgezeichnet. Den Hals bedeckte ein Chemisett mit breitem Kragen aus alten, vergilbten Spitzen. Auf einem Sessel im Kabinett lag der große türkische Schal, den sie umnehmen wollte, sobald die Gäste zum Frühstück und Mittagessen erschienen.

Jetzt war sie eben im Begriff, mit den Ihrigen zur Messe zu fahren, und während sie wartete, bis alle versammelt waren, schritt sie langsam, die Arme über der Brust verschränkt, im Saale auf und ab. Sie sah fast gar nichts von dem Treiben ringsum, von dem Ein- und Ausgehen der Leute, dem Säubern der Teppiche, Lampen und Spiegel, dem Abnehmen der Überzüge von den Möbeln.

Sie trat bald an das eine, bald an das andere Fenster, sah nachdenklich auf den Weg hinaus, blickte dann von der andern Seite in den Park, von der dritten Seite auf die Höfe hinaus. Im Hause hatten Wassilissa und Jakow das Kommando übernommen, ihnen hatte die Dienerschaft zu gehorchen, während Sawelij das Hofgesinde befehligte.

Wikentjews Mutter trug ein perlgraues Kleid mit dunkler Spitzengarnierung. Wikentjew war bereits um acht Uhr in Frack und weißen Handschuhen erschienen, man wartete nur noch Marfinkas Erscheinen ab.

Als sie dann kam, kannte Tatjana Markownas Freude und Stolz keine Grenzen. Marfinka strahlte in ihrer ganzen Schönheit und Frische, und an diesem Morgen kam noch der Glanz der Freude über die aufrichtige Teilnahme hinzu, die ihr von allen Seiten entgegengebracht wurde; nicht nur von der Großtante, dem Bräutigam und dessen Mutter, sondern auch von allen übrigen Hausgenossen. In jedem Gesicht, bis zur letzten Hofmagd hinunter, las sie ungeheuchelte Freundschaft, Zuneigung und Mitfreude an diesem ihrem Ehrentag.

Die Großtante war bereits, als sie gerade aufgestanden war, bei ihr im Zimmer gewesen. Beim Erwachen um sich schauend, hatte sie vor Staunen und freudiger Überraschung nur »Ach!« rufen können. Während sie schlief, hatten unsichtbare Hände alle Wände ihrer beiden Zimmer mit Girlanden aus frischem Laub und Blumen geschmückt. Als sie sich dann nach ihrem einfachen Morgenkleid umsah, um es anzuziehen, fand sie statt dessen auf einem Sessel neben ihrem Bett ein Morgennegligé aus Musselin und Spitzen mit rosa Schleifen.

Sie hatte sich noch nicht von ihrem freudigen Schreck erholt, als sie auf zwei weiteren Sesseln zwei reizende Kleider, ein blaues und ein rosenrotes, erblickte – sie konnte wählen, welches von beiden sie anziehen wollte.

»Ach!« rief sie wiederum, sprang aus dem Bett und probierte, ehe sie noch die Strümpfe angezogen hatte, das Negligé an, lief zum Spiegel und erstarrte: der ganze Toilettentisch war mit Geschenken vollgestellt.

Sie wußte nicht, was sie zuerst betrachten und zuerst in die Hand nehmen sollte. Von den Kleidern hinweg zog es sie zu einem wundervollen Kästchen aus Rosenholz – sie öffnete es und fand darin ein vollständiges Damennecessaire, fast alles, was zur Toilette gehörte, verschiedene silberverzierte Kristallflakons, Kämmchen, Bürstchen und allerhand kleines Zubehör.

Sie begann jeden einzelnen Gegenstand zu betrachten, griff mit zitternden Händen nach dem ersten Flakon, erblickte den zweiten und stellte jenen fort, sah einen dritten, vierten, nahm bald einen Kamm, bald eins der in Silber gefaßten Bürstchen und entdeckte zu ihrem Erstaunen, daß jeder einzelne Gegenstand das Initial »M.« und die Inschrift »von Ihrer zukünftigen maman« trug.

»Ach!« wiederholte Marfinka, ganz außer sich vor Entzücken, und ließ den Deckel auf das Kästchen fallen.

Neben dem Kästchen lagen noch ein paar größere und kleinere Futterale. Sie wußte nicht, welches sie zuerst in die Hand nehmen, was sie zuerst betrachten sollte. Sie sah flüchtig in den Spiegel, warf das dichte blonde Haar, das ihr ins Gesicht fiel und sie am Sehen hinderte, zurück und raffte schließlich sämtliche Futterale vom Tisch zusammen. Sie nahm sie mit ins Bett und begann da in aller Muße ihren Inhalt zu betrachten.

Sie fürchtete sich jedoch, die Futterale zu öffnen, zögerte eine ganze Weile und öffnete dann das kleinste von ihnen. Ein Ring lag darin mit einem einzigen großen Smaragd.

»Ach!« rief sie von neuem, steckte den Ring an, streckte den Arm aus und betrachtete das Kleinod mit Entzücken.

Sie öffnete ein zweites, größeres Futteral – in diesem lagen ein Paar Ohrringe. Sie steckte sie in die Ohren und neigte sich, im Bett sitzend, vor, um sich im Spiegel zu betrachten. Dann öffnete sie noch zwei Futterale und fand darin ein Paar große, massive Armbänder in Form von Schlangen, mit Rubinen statt der Augen und mit blitzenden, kleinen Brillanten, die über die ganze Oberfläche verteilt waren. Auch die Armbänder legte sie sogleich an.

Endlich öffnete sie auch das größte der Futterale.

»Ach!« rief sie fast entsetzt und sah einen ganzen Strom von herrlichen Brillanten, einundzwanzig Stück, genauso viel, als sie Jahre zählte.

Eine Karte lag darin, auf der stand geschrieben: »Zu diesen Brillanten habe ich die Ehre, noch ein weiteres, ganz besonders kostbares Geschenk hinzuzufügen, nämlich mich selbst. Hüten Sie es mit Sorgfalt! Ihr herzallerliebster Wikentjew.«

Sie lachte hellauf, sah sich dann vorsichtig um, drückte einen Kuß auf die Karte, errötete bis über die Ohren, sprang aus dem Bett und verbarg die Karte in dem kleinen Schränkchen, in dem sie ihre Näschereien aufbewahrte. Dann lief sie wieder zum Toilettentisch und sah noch einmal nach, ob da nicht noch irgend etwas läge, und fand wirklich noch ein Futteral.

Es war Raiskijs Geschenk: die Uhr mit dem Emaildeckel, der ihre Chiffre trug, samt der goldenen Kette. Sie sah das Geschenk mit großen Augen an, ließ dann ihren Blick über die übrigen Geschenke schweifen und schaute auf die mit Girlanden und Blumen geschmückten Wände. Und plötzlich ließ sie sich, die Augen mit den Händen bedeckend, auf einen Stuhl sinken, und ein Strom heißer Tränen stürzte aus ihren Augen.

»O mein Gott!« sprach sie, vor lauter Glück aufschluchzend. »Warum lieben sie mich nur alle so sehr? Ich habe noch nie einem von ihnen etwas Gutes getan und werde es auch niemals tun können!«

So traf sie die Großtante an, noch nicht angezogen, ohne Schuhe und Strümpfe, mit den Ringen an den Fingern, den Armbändern, den Brillantohrringen, ganz in Tränen gebadet. Sie erschrak zuerst, als sie Marfinka so erblickte; dann aber, sobald sie vernommen, warum sie weine, wurde sie von Rührung und Freude ergriffen und bedeckte sie mit Küssen.

»Das ist alles nur darum, weil Gott dich liebt, mein Kind«, sagte sie, während sie sie streichelte. »Er lohnt dir dafür, daß du selbst alle liebst, und daß allen, die dich ansehen, so warm und wohl ums Herz wird.«

»Nun, ich will nichts von Nikolai Andrejewitsch sagen – der ist mein Bräutigam, und auch von seiner Mutter nichts«, versetzte Marfinka, während sie ihre Tränen trocknete, »aber der Vetter, Boris Pawlowitsch, was bin ich ihm?«

»Dasselbe wie den andern: eine Augenweide, ein Menschenkind, dessen bloßer Anblick das Herz erfreut. Du bist so bescheiden, so gut und rein, und so folgsam ...« Im stillen freilich dachte sie: ›Dieser Verschwender – warum kauft er nur so teure Geschenke? Ich will ihm gehörig den Kopf waschen!‹

»Als wenn er's erraten hätte, Tantchen; ich wünschte mir schon immer solch eine Uhr mit blauer Emaille.«

»Und du fragst gar nicht, warum Tantchen dir nichts geschenkt hat?«

Marfinka verschloß ihr den Mund mit einem Kuß.

»Lieben Sie mich nur immer, Tantchen, wenn Sie wollen, daß ich glücklich sein soll!«

»Lieben? Ja, meine Liebe besitzt du – und hier hast du mein tägliches Geschenk!« sagte sie und bekreuzigte Marfinka.

»Und damit du dieses Kreuz, mit dem ich dich segne, auch später nicht vergißt, hast du hier noch etwas.«

Sie begann in ihrer Tasche zu suchen.

»Sie haben mir doch die beiden Kleider geschenkt, Tantchen! Und wer hat denn die Girlanden und Blumen da so geschickt aufgehängt?«

»Einen Teil hat dein Bräutigam geschickt und die übrigen Polina Karpowna. In aller Heimlichkeit ließen sie sie gestern herbringen, und heute ganz früh haben Wassilissa und Paschutka sie befestigt. Die Kleider gehören zu deiner Aussteuer, du wirst noch mehr als zwei vorfinden. Da, nimm!«

Sie zog ein Futteral aus der Tasche, nahm ein goldenes Kreuz mit vier großen Brillanten heraus und hängte es ihr um den Hals. Dann folgte noch ein einfaches, glattes Armband mit Widmung und Datum.

Marfinka küßte der Großtante die Hand und war nahe daran, von neuem in Tränen auszubrechen.

»Alles, was Tantchen besitzt – und sie ist nicht ganz arm –, bekommt ihr beide, du und Werotschka, zu gleichen Teilen. Nun zieh dich aber ganz rasch an!«

»Wie hübsch Sie doch aussehen, Tantchen! Der Vetter hat ganz recht: Tit Nikonytsch wird sich gewiß noch in Sie verlieben!«

»Schwatz keinen Unsinn!« sagte die Großtante halb ärgerlich. »Geh dann einmal zu Werotschka hinüber und sieh nach, was sie macht. Sie soll nur nicht zur Messe zu spät kommen! Ich würde selbst mal hinaufgehen, aber ich scheue das Treppensteigen.«

»Sofort, sofort lauf ich hin!« sagte Marfinka und ging daran, sich anzuziehen.

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