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Die Schlucht. Fünfter Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Fünfter Teil - Kapitel 19
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Fünfter Teil
booktitleDie Schlucht. Band 2
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid31dd1395
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XVIII

Raiskij unterhielt sich an diesem ganzen Abend sehr angelegentlich mit Tuschin. Sie traten einander jetzt erst persönlich näher, und der Eindruck, den sie beide voneinander hatten, war ein so günstiger, daß sie mit dem Wunsch schieden, sich recht bald näher zu befreunden.

Tuschin lud Raiskij ein, doch für acht Tage nach seinem Waldgut zu kommen und sich dort sein Dampfsägewerk wie überhaupt seine ganze Waldwirtschaft anzusehen. Raiskij wollte jedoch vorher das Porträt Weras beenden und schlug das Anerbieten aus. Am nächsten Morgen hörte er, als er erwachte, draußen im Hof den Hufschlag eines Pferdes. Er blickte zum Fenster hinaus, sah Tuschin eben auf seinem Rappen davonreiten und verspürte plötzlich den lebhaften Wunsch, sich ihm anzuschließen.

»Iwan Iwanowitsch!« rief er durch das offene Luftfenster in den Hof hinaus, »ich reite mit Ihnen! Wollen Sie ein Viertelstündchen warten, bis ich angezogen bin?«

»Sehr gern«, versetzte Tuschin und stieg sogleich aus dem Sattel. »Eilen Sie nicht so sehr, ich warte, und wenn's eine Stunde dauert!«

Er begab sich nach Raiskijs Zimmer. Tatjana Markowna und Wera hatten ihr Gespräch gehört, zogen sich rasch an und baten sie, doch mit ihnen gemeinsam den Tee einzunehmen. Beim Tee drängte dann Tatjana Markowna, sie sollten wenigstens bis zum Frühstück bleiben, und entwarf ein so üppiges Menü, daß die beiden Herren ihr drohten, sogleich aufzubrechen, wenn sie es nicht bei einem einfachen Beefsteak bewenden lasse. Dem Beefsteak ging ein reichlicher Imbiß voraus, während ein Fischgericht und eine Wildbretschüssel folgten. Auch eine süße Speise sollte noch aufgetragen werden, doch da erhoben sich die beiden vom Tisch und verabschiedeten sich, eine baldige Wiederkehr versprechend.

Man sattelte ein Pferd für Raiskij, und Tatjana Markowna schickte einen ganzen Wagen mit Geschenken für Tuschins Schwester hinter ihnen drein. Statt um acht Uhr, wie sie beabsichtigt hatten, waren die beiden Reiter erst nach zehn vom Hof gekommen und bestiegen eine halbe Stunde später Tuschins Fähre, die sie über den Strom brachte.

Iwan Iwanowitsch verhielt sich in der Unterhaltung mit Tatjana Markowna und Raiskij, auch als er mit diesem zu Hause angekommen war, auffallend still und zurückhaltend. Wera wurde von ihnen nicht mit einem Wort erwähnt; jeder von ihnen wußte, daß ihr Geheimnis dem andern bekannt war, und um einander peinliche Empfindungen zu ersparen, brachten sie ihren Namen überhaupt nicht über die Lippen. Raiskij zumal vergegenwärtigte sich, welche Rolle Tuschin in diesem Drama der letzten Wochen gespielt hatte und was er gelitten haben mußte. Von dem Augenblick an, da er hiervon Kenntnis erhalten, war jede eifersüchtige Regung gegenüber Tuschin bei ihm verschwunden. Er begann ihn mit einer gewissen Neugier zu beobachten, und als Wera ihm dann alles erzählt hatte, empfand er achtungsvolle Teilnahme, ja sogar Bewunderung für ihn. Diese Bewunderung wuchs in dem Maße, wie Raiskij den Freund Weras näher kennenlernte. Seine Phantasie leistete ihm auch hier den gewohnten Dienst. Sie stellte ihm Tuschin im hellsten Lichte dar, ohne im übrigen aus ihm irgendein romantisches Ideal zu machen, wozu sich der schlichte, offenherzige, nüchtern denkende Tuschin auch recht wenig eignete.

Eine Woche blieb Raiskij auf Tuschins Waldgut Dymka, und er hatte reichliche Gelegenheit, ihn im Hause, in Feld und Wald, in seinem Sägewerk und im Verkehr mit seinen Leuten zu beobachten. Ganze Nächte brachte er am Kamin in seinem Arbeitszimmer plaudernd mit ihm zu, und er lernte ihn seinem ganzen Wesen nach kennen, wunderte sich wohl über manchen Zug an ihm, staunte aber vor allem über den Scharfblick und die feine Menschenkenntnis Weras, die den inneren Wert dieses schlichten, dieses ganzen Mannes erkannt und ihm in ihrer Sympathie einen Platz neben der Großtante und Marfinka eingeräumt hatte.

Diese Sympathie hatte sogar in der Glühhitze der krankhaften Leidenschaft, von der sie während dieser ganzen Zeit befallen gewesen, standgehalten, während sonst zumeist alle Zuneigungen und Freundschaften von einem solchen Seelenbrand schonungslos vernichtet werden. Ihre freundschaftlichen Gefühle für Tuschin waren frisch und stark geblieben, was in Raiskijs Augen mehr als alles andere zu seinen Gunsten sprach.

Wera hatte instinktiv gefühlt, daß diese Kraft, die sie in ihm kennen und lieben gelernt, etwas allgemein Menschliches hatte, wie auch ihre Vorliebe für ihn weniger den Charakter persönlicher Neigung als vielmehr einen Zug ins Allgemeine, im edlen Sinne Menschliche besaß.

Was sie zu ihm hinzog, war nicht die sinnliche Leidenschaft, die ja nicht vom Bewußtsein und Willen bestimmt wird, sondern von irgendeinem dummen, eine niedrige vitale Funktion erfüllenden Nerv – so hatte Raiskij sich die Sache zurechtgelegt. Es war auch nicht lediglich Freundschaft, was sie mit ihm verband, obschon sie ihn ihren Freund nannte. Sie erwartete von ihm keinen jener Dienste, die sonst nur zu leicht einem Freunde zugemutet werden. Sie hatte Tuschin lediglich als Menschen liebgewonnen, als Menschen schlechtweg, wie sie Raiskij schon damals, beim ersten Zusammentreffen der beiden, erklärt hatte.

Raiskij fand alles, was er von Wera über Tuschin gehört, durch seine eigne Beobachtung in vollem Maße bestätigt. Sein Drang, zu analysieren, der ihn so sicher und zuverlässig alles Rätselhafte, alles mit äußerem Schimmer und farbiger Pracht Ausgestattete in den menschlichen Charakteren richtig erfassen lehrte, trat gegenüber dieser einfachen, offenen Persönlichkeit, die so gar nichts von Schimmer und Farbenpracht an sich hatte, hinter dem Gefühl natürlicher Zuneigung zurück.

Es war gediegenes Edelmetall, was er hier vor sich sah – ein Mensch, der nicht nur pflichtgemäß von allen ihm Nahestehenden, von Gattin und Mutter, von Bruder und Schwester, sondern überhaupt von jedermann um seiner menschlichen Eigenschaften willen geliebt zu werden verdiente.

Mit steigender, fast naiver Verwunderung hörte und sah ihn Raiskij, beobachtete ihn bei seiner Tätigkeit, wie er in der Wirtschaft seine Anordnungen traf, wie er mit den Leuten seiner Umgebung, den Bauern, den Arbeitern, dem Kontorpersonal verkehrte, wie er, sobald es not tat, mit ihnen zusammen Hand anlegte und fast wie einer der Ihrigen erschien. Es setzte ihn in Erstaunen, wie sich in seinem Wesen der anscheinend schroffe Gegensatz zwischen einer gewissen Weichheit im Verkehr und einer fast pedantischen Bestimmtheit im Handeln ausglich, wie sich ein unbeirrt scharfer Blick zu einem strengen Gerechtigkeitssinn gesellte. Seine Güte, sein angeborenes, ungekünsteltes Humanitätsgefühl, sein rücksichtsvolles Benehmen gegen jeden anderen, dazu ein gewisses rührendes Mißtrauen gegen sich selbst, ein schüchterner, verschämter Zweifel am eigenen Können bei aller Kühnheit und Ausdauer in praktischen Dingen – das alles waren Züge und Eigenschaften, die Raiskij mehr und mehr für seinen neuen Freund begeistern mußten.

Ganz unbewußt, auf natürlichstem Wege, fast ohne zu wissen, was er tat, traf er in allem, was er anfaßte, das Richtige und führte es in so vollkommener Weise durch, wie es sonst kaum ein Dutzend geschulter Geister unter Aufwendung noch so großer Mühe, Arbeit und Überlegung fertiggebracht hätten.

Raiskij erinnerte sich des ersten Eindrucks, den Tuschin auf ihn gemacht hatte. Er war ihm damals ein wenig beschränkt vorgekommen, und er konnte wohl auch anderen auf den ersten Blick leicht so erscheinen, namentlich Leuten von sogenannter Bildung, die gewohnt sind, den Menschen nach seinem ersten Auftreten zu beurteilen und von ihm Geist und Witz verlangen. Eigenschaften, die sie vielleicht selbst besaßen, während ihnen gerade jene tieferen Eigenschaften, die sich unter der äußeren Decke bergen, oft genug fehlen mochten.

Bei genauerer, völlig parteiloser Beobachtung mußte Raiskij jetzt zugeben, daß jene vermeintliche Beschränktheit Tuschins nichts anderes war als das Gleichgewicht zwischen den Kräften des Verstandes und dem Inbegriff jener Eigenschaften, welche die Kraft des Gemütes und des Willens ausmachen. Alle seelischen Kräfte standen bei ihm in harmonischem Verhältnis zueinander, so daß keine die anderen überragte, keine gleißend und blendend hervortrat, dafür aber das Ganze seines Wesens um so sicherer, wenn auch erst allmählich, wirkte.

Neben einem klaren Verstand besaß er ein warm empfindendes Herz, beides betätigte sich praktisch in lebendigem Wirken, und der starke Wille diente den intellektuellen wie den sittlichen Kräften als stets bereites Werkzeug.

Sein Leben spielte sich im harmonischen Gleichmaß der ihm verliehenen Kräfte wie eine wohlinstrumentierte musikalische Komposition ab.

Er hatte keine große Mühe damit gehabt, den »Rohstoff« seines Wesens erst in qualvoller, langer Arbeit zu formen – es fiel ihm alles gleichsam von selbst zu. Er war nicht der selbstschöpferische Gründer seines eigenen Glückes, der sich erst den Weg hatte bahnen müssen – seine Bahn war ihm, wie dem Planeten, schon vorgeschrieben, Wärme und Licht waren ihm von der Natur in richtigem Maße zugeteilt. Alle notwendigen Eigenschaften und Kräfte waren von vornherein in ihn hineingelegt, er brauchte nur auf dem vorgezeichneten Weg vorwärtszuschreiten.

Er war nun freilich nicht ganz und gar ein »Planet«, er hätte ebensogut auch die Bahn verlassen und abseits von ihr seinen Weg suchen können. Der Mechanismus seiner natürlichen Kräfte hätte dann, unter dem Einfluß äußerer Störungen und des eignen mißgeleiteten Willens, leicht in Unordnung geraten können. Doch diese Unordnung war bei ihm nicht zu befürchten. Seine innere Kraft bot allen ungünstigen Einwirkungen von außen Trotz, sein inneres Feuer glühte unauslöschlich, er wich und wankte nicht, verlor nicht das harmonische Gleichgewicht zwischen Verstand, Gemüt und Willen, sondern wandelte unbeirrt und ohne zu straucheln seinen Weg, stets auf der gleichen Höhe seiner geistigen und sittlichen Entwicklung stehenbleibend, auf die ihn Natur und Schicksal, fast unbewußt, gestellt hatten.

Doch wie viele sind es denn, die jene Höhe der Entwicklung aus eigener Kraft, durch Leiden und Opfer, unter lebenslanger schwerer Arbeit an sich selbst, ganz ohne Hilfe von außen, ganz ohne günstige Glückszufälle erreichen? So wenig sind ihrer, kaum einer vielleicht auf viele Tausende, während unzählige andere müde, verzweifelt und des harten Kampfes überdrüssig auf halbem Wege stehenbleiben oder vom Wege abbiegen und das Ziel ihrer sittlichen Vervollkommnung entweder aus dem Auge verlieren oder aufhören, daran zu glauben.

Ein Tuschin aber wankt nicht auf seiner Höhe und steigt von ihr nicht herab. Er vergräbt nicht das ihm verliehene Talent, ein Mensch im wahren Sinne des Wortes zu sein, sondern wuchert damit, was ihm nicht nur keinen Verlust, sondern im Gegenteil Gewinn bringt, zumal der Quell, aus dem er schöpft, unerschöpflich ist.

›Nein, nicht Beschränktheit ist das‹, sagte sich Raiskij, ›sondern Schönheit der Seele, echte, strahlende, hehre Schönheit! Wahre, natürliche Seelengröße ist es, und Herzensgüte dazu, edelste menschliche Kraft in bestimmter, fertiger Form. Die Aufgabe des Menschen – und zugleich sein Verdienst – besteht hier einzig darin, diese Schönheit der natürlichen Einfachheit in sich zu empfinden und zu erhalten, sie mit Würde zu tragen, sie hochzuhalten, an sie zu glauben, in allem aufrichtig zu sein, die Anmut der Wahrheit zu begreifen, in ihr und durch sie zu leben – mit anderen Worten, ein Herz zu haben und diese Gabe richtig – wenn auch nicht höher als den Verstand, so doch wenigstens ihm gleich – zu schätzen.

Solange die Menschen sich dieser Eigenschaft schämen, solange sie die Schlangenklugheit schätzen, die Taubenunschuld aber errötenden, naiven Naturen überlassen und die einseitige, intellektuelle Überlegenheit der sittlichen Größe vorziehen, solange ist auch an die Erreichung jener wahren Größe und an einen wirklichen, sicheren menschlichen Fortschritt nicht zu denken.

Wenn man so hinhorcht, scheint es fast, als ob alle Menschen bereits eine gewisse notwendige Stufe sittlicher Entwicklung erreicht hätten, als ob jeder einzelne seine Portion Sittlichkeit als etwas Fertiges mit sich in der Tasche herumtrage, etwa wie eine Schnupftabakdose, als ob diese Sittlichkeit etwas Selbstverständliches sei, wovon man nicht weiter zu reden brauche. Alle stimmen darin überein, daß die Gesellschaft nicht existieren könnte, wenn dem nicht so wäre, daß die Humanität, die Ehrlichkeit, die Gerechtigkeit die Grundlage des privaten wie des öffentlichen Lebens bilden, alle deklinieren tapfer darauf los; »die Ehrlichkeit, der Ehrlichkeit, der Ehrlichkeit, die Ehrlichkeit« und so weiter.

Und alles ist Lüge!‹ sagte sich Raiskij. ›Bei der überwiegenden Mehrheit ist noch nicht einmal vom Beginn einer sittlichen Entwicklung die Rede, und selbst hochentwickelte Geister machen häufig keine Ausnahme hiervon und begnügen sich in sittlicher Beziehung mit ein paar unterderhand aufgegriffenen Maximen und Anstandsregeln, deren Nichtbeachtung sie leicht in Verlegenheit bringen könnte, die aber mit sittlichen Prinzipien nichts zu tun haben.

Die Mehrzahl der Menschen wahrt nur ein gewisses Dekorum, das als Ersatz für alles, was Grundsatz heißt, dienen soll; um die Grundsätze selbst aber ist es recht schwach bestellt. Sie dienen, wie die Orden, nur einzelnen privilegierten Persönlichkeiten als Schmuck. »Er ist ein Mann von Grundsätzen«, sagt man von einem Menschen etwa in dem gleichen Ton, als wenn man sagte: »Er hat eine Beule auf der Stirn.«

Wer da behaupten wollte, daß die Verbreitung und Entwicklung sittlicher Grundsätze in der menschlichen Gesellschaft ebenso notwendig sei wie etwa der Bau von Eisenbahnen, der könnte sich leicht dem allgemeinen Gelächter preisgegeben sehen. Und dabei würde man es unverzeihlich finden, wenn er in intellektueller Hinsicht sich auch nur den geringsten Verstoß zuschulden kommen ließe – wenn er etwa die allerneueste französische oder englische Sensationsschrift nicht gelesen oder die neueste volkswirtschaftliche Theorie, die letzte politische Konstellation, die jüngste physikalische Entdeckung nicht kennen sollte.

»Er versteht zu leben«, das ist ein Lob, das die Menschen unserer Tage sich gern gegenseitig spenden. Sie begreifen darunter die Kunst, etwas zu scheinen, ohne dabei das zu sein, was man in Wirklichkeit sein soll. Es kommt bei dieser Kunst darauf an, sich so zu verhalten, daß man mit aller Welt äußerlich in Frieden lebt, daß die eigenen wie die fremden Interessen halbwegs gewahrt bleiben, daß man seine guten Eigenschaften ins rechte Licht stellt und die schlechten geschickt versteckt, daß man, mit einem Wort, auf der Klaviatur des Lebens die rechte Fingerfertigkeit an den Tag legt, wobei auf die Musik nicht weiter Gewicht gelegt wird.

Was nun Tuschin anlangt, so lebte er recht und schlecht dahin, ohne zu wissen, ob er von der Kunst zu leben etwas verstehe oder nicht – ganz so, wie Molières »Bourgeois-gentilhomme« keine Ahnung davon hatte, daß er Prosa spricht. Er lebte einfach und fragte nicht viel danach, ob er sich dabei wohl oder übel befinde. Er war schlechtweg »ein Mensch«, wie die scharfsinnige Wera ihn kurz und treffend genannt hatte.‹

Alle diese Gedanken gingen Raiskij durch den Kopf, als er nach achttägigem Aufenthalt in der Waldsiedlung Tuschins mit diesem im Wagen saß, um wieder nach Hause zu fahren. ›Die Tuschins sind unsere wahre Aktionspartei, unsere hoffnungsfrohe Zukunft, die im gegebenen Augenblick in Wirksamkeit treten wird, sobald erst alles dies‹ – er ließ seinen Blick über die Felder und Dörfer ringsum schweifen – ›frei sein wird, sobald alle die Phantome, aller Hang zur Trägheit und Müßiggängerei und alles freiwillige Märtyrertum verschwunden sind und statt dessen die Freude an der Arbeit und an wirklichen greifbaren Aufgaben jedem einzelnen als Ideal vorschweben wird – dann, ja dann ist die Zeit für die Männer der Tat, für die Tuschins, auf allen Stufen der Gesellschaft gekommen.‹

Sein leicht empfängliches Gemüt fühlte sich zu dieser neuartigen, einfachen, zugleich weichen und kraftvollen Persönlichkeit lebhaft hingezogen. Er wäre gern noch länger in Dymka geblieben, um in den ganzen inneren Mechanismus des Tuschinschen Betriebes einzudringen. Bei diesem ersten Besuch hatte er nur die äußere Ordnung und die in die Augen springenden wirtschaftlichen Resultate dieses Betriebes wahrnehmen können, ohne sich in ein Studium der Einzelheiten zu vertiefen. In dem zu dem Etablissement gehörenden Dorf war ihm die Abwesenheit all der traurigen Mängel, die sonst dem russischen Dorf eigen zu sein pflegen, aufgefallen: die Unordnung, die baufälligen Hütten, die Düngerhaufen und schmutzigen Pfützen, die verfaulten Brunnen und Brücken, die Bettler, Kranken, Trunkenbolde und sonstigen typischen Erscheinungen des verkommenen Bauerntums.

Als Raiskij sich Tuschin gegenüber höchst befriedigt und zugleich verwundert darüber äußerte, daß alle Bauernhäuser wie neu aussähen, so frisch, so sauber und nett, und daß er nicht ein einziges Strohdach bemerkt habe, war Tuschin seinerseits über seine Verwunderung sehr erstaunt.

»Da sieht man gleich, daß Sie kein Landwirt sind«, sagte er, »wie sollen wir hier, mitten im Wald, zu Strohdächern kommen? Die kommen uns ja teurer als Holzdächer! Und wenn unsere Bauernhäuser in Ordnung sind – nun, dafür haben wir doch Holz genug zur Hand!«

Raiskijs ungeübtes Auge vermochte all die praktischen Einrichtungen, die Tuschin auf seinem Gut eingeführt hatte, nicht sogleich zu erkennen. Nur flüchtig bemerkte er, daß es da eine Art Wohlfahrtspolizei gab, ein Krankenhaus, eine Schule und sogar etwas, das an ein Bankinstitut erinnerte.

Tuschin überging alle diese Dinge, die, wie er annahm, seinen Gast langweilen mußten, mit Stillschweigen. Um so bereitwilliger dagegen zeigte er ihm, dem Künstler, seinen Wald, dessen Pflege ihm sehr am Herzen lag und auf den er wirklich stolz war.

Tuschins Wald machte auf Raiskij in der Tat großen Eindruck. Er war fast wie ein Park gehalten, auf Schritt und Tritt sah man greifbare Beweise rationeller Bewirtschaftung und durchdachter Arbeit. Die Arbeiter machten einen trefflichen Eindruck. Die Bauern erschienen wie selbständige Landwirte, die für eigene Rechnung arbeiteten.

»Sie stehen alle bei mir in festem Lohn, die hiesigen wie die fremden«, antwortete Tuschin, als Raiskij ihn fragte, woher es komme, daß seine Bauern einen so zufriedenen Eindruck machten.

Das Sägewerk erschien Raiskij mit seinen stattlichen Gebäuden, seinen großen Lagerplätzen und seiner modernen Maschineneinrichtung als eine wahre Sehenswürdigkeit, ein Musteretablissement, das keiner englischen Anlage seiner Art etwas nachgab.

Tuschin war überall im Betrieb voran, er ging ganz in ihm auf, kannte alle maschinellen Einzelheiten, griff persönlich da und dort ein, war zwischen den Rädern und Treibriemen wie zu Hause.

Mit höchstem Interesse beobachtete ihn Raiskij im Kontor, wenn ein halbes Hundert Arbeiter auf einmal hereintrat und ihn mit Bitten und Erklärungen bestürmte.

Wohl eine Stunde brachte er mit den Leuten zu und bemerkte dann erst, daß er über ihnen seinen Gast vergessen hatte. In höchster Verlegenheit entschuldigte er sich bei Raiskij, führte ihn aus dem Gedränge hinaus ins Freie und fuhr mit ihm in den Wald, um ihm dort die schönsten Partien zu zeigen.

Raiskij war entzückt von allem, was er gesehen, von dem Sägewerk wie von seinem Besitzer, und erstaunte aufs höchste über die ungeheure Menge von Waldprodukten, die von hier aus auf dem Wasserwege nach Petersburg und ins Ausland gingen. Gern wäre er noch länger dageblieben, aber ein Brief von Tatjana Markowna rief ihn nach Hause – sie habe für ihn etwas zu tun, schrieb sie kurz, er solle sofort kommen.

Tuschin erbot sich, ihn selbst nach Malinowka zu bringen. Es beunruhigte ihn, daß Tatjana Markowna Raiskij so plötzlich zurückrief, und er wollte hören, ob nicht mit Wera wieder etwas vorgefallen sei, und ob er ihr nicht vielleicht nützlich sein könne. Nicht ohne Besorgnis dachte er daran, daß Wolochow bei ihrer Zusammenkunft nur ungern und zögernd erklärt hatte, er wolle die Stadt verlassen.

Ob er wohl abgereist ist? Ob er ihr nicht vielleicht wieder geschrieben oder sie sonst beunruhigt hat? – Diese und ähnliche Fragen drängten sich Tuschin unwillkürlich auf, als er mit Raiskij nach der Stadt fuhr.

Das erste, was dieser nach seiner Heimkehr tat, war, daß er spornstreichs zu Wera hinauflief und ihr unter der Wirkung des frischen Eindrucks in hellsten Farben ein fast überlebensgroßes Porträt von Tuschin entwarf. Voll Begeisterung schilderte er ihr die Bedeutung des Gerühmten für die Sphäre, in der er lebte und wirkte, gab seiner Bewunderung in den beredtesten Worten Ausdruck und sprach mit aufrichtiger Freude von der herzlichen Sympathie, die sich zwischen ihm und Tuschin entwickelt hätte.

In der Gestalt dieses echt russischen, schlichten, praktischen Mannes, der über Feld und Wald gebot, der sich als Arbeiter unter seinen Arbeitern und zugleich als Urheber und Hüter ihres Wohlergehens fühlte, sah Raiskij gleichsam einen neuen, eigenwüchsigen Robert Owen.

»Du hast mir so wenig von seiner Tätigkeit erzählt!« schloß er seinen von Lob überströmenden Bericht.

Wera hatte frohbewegt den Worten Raiskijs gelauscht, ihre Wangen wurden dabei sogar von einem leichten Rot überzogen. Die geschäftige Eile, mit der Raiskij ihr über den günstigen Eindruck berichtete, den der »Bär« samt seinem Waldlager auf ihn gemacht, das warme Kolorit, in dem Raiskij die Gestalt Tuschins darstellte, sein scharfsinniges Eindringen in die tiefe Bedeutung dieser ganzen Erscheinung, die lebendige Schilderung, die er von dem industriellen Betriebe, von dem Leben und Treiben in dem Walddorfe und von seiner landschaftlichen Umgebung entwarf – alles dies war geeignet, auch Wera in eine lebhafte Stimmung zu versetzen. Sie konnte unschwer aus Raiskijs Worten ein Lob für ihre eigene Rechnung heraushören, daß sie so scharfsinnig Tuschins inneren Wert erkannt und die Echtheit dieser einfachen Natur liebgewonnen hatte.

»Was du mir da sagst«, entgegnete sie, »dient weniger dazu, Iwan Iwanowitsch, den ich längst zu würdigen weiß, näher kennenzulernen, als vielmehr dazu, in dein eigenes Wesen einen Einblick zu nehmen. Nun, ich muß sagen, daß dir diese Schilderung alle Ehre macht. Du rühmst es, daß ich in Tuschin den Menschen richtig erkannt habe – als ob das gar so schwer wäre! Auch Tantchen versteht ihn doch und hat ihn gern, und auch alle andern hier.« Sie stieß einen Seufzer aus – als ob sie bedauere, daß sie diesem trefflichen Menschen nicht noch tiefer, mit einem innigeren Gefühle zugetan sei.

Er wollte ihr irgendetwas erwidern, als von der Großtante die Botschaft kam, er solle sich sogleich in ihrem Kabinett einfinden.

»Sag einmal, Wera, warum hat sie mich eigentlich kommen lassen?« fragte Raiskij plötzlich.

»Ich weiß es nicht, es scheint sie jedoch irgend etwas zu bedrücken. Sie hat mir nichts gesagt, und ich frage auch nicht, aber ich sehe es ihr an. Ich fürchte, es ist da wieder etwas vorgefallen«, sagte Wera, die plötzlich aus dem lebhaften, freundschaftlichen Unterhaltungston wieder in ihre düstere Nachdenklichkeit zurückfiel.

Kaum hatte Raiskij sie verlassen, als Tuschin zu ihr hinaufschickte und sie fragen ließ, ob sie ihn empfangen wolle. Sie ließ ihm sagen, daß er kommen möge.

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