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Die Schlucht. Fünfter Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Fünfter Teil - Kapitel 18
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Fünfter Teil
booktitleDie Schlucht. Band 2
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid31dd1395
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XVII

Mark war ergrimmt, daß sein Abgang sich sowenig pompös, so kläglich gestaltet hatte – weit kläglicher, als er sich selbst einmal Raiskijs Abgang ausgemalt hatte. Sein Roman hatte dort unten auf dem Grunde der Schlucht geendet, die er nun verlassen sollte, ohne sich auch nur umzusehen. Kein Bedauern, kein Wort des Abschieds geleitete ihn: wie ein Feind wurde er hinausbefördert, und obendrein wie ein schwacher Feind, den man nicht fürchtete, den man vergessen hatte, sobald er hinter der nächsten Anhöhe verschwunden war.

Wie war das nur möglich gewesen? Er war doch an nichts schuld – und doch verweigerte man ihm eine letzte Zusammenkunft; nicht, als ob man irgendeine leidenschaftliche Aufwallung befürchtete, sondern einfach so, weil man ihn für erledigt hielt. Und um der Sache einen für ihn recht verletzenden Anstrich zu geben, wählte man einen anderen zum Vermittler.

Und dieser andere stellte sich ihm als Bevollmächtigter Weras vor. Ohne die Grenzen des Anstandes zu überschreiten, geleitet er ihn mit allen Vorsichtsmaßregeln zur Tür hinaus, wie man einen Gast hinausgeleitet, der sich ungebührlich beträgt, oder einen Dieb, den man auf frischer Tat abgefaßt hat. Türen und Fenster werden geschlossen, und der Hund wird von der Kette gelassen. Von der Herrin des Hauses, von den Domestiken hatte Tuschin gesprochen, es hatte nur gefehlt, daß er den Polizeibüttel nannte.

Daran trug Mark nun allerdings, wie er gern zugab, selbst die Schuld. Die Normen und Formen seiner Lebensführung, die er selbst für frei und vernünftig hielt, und die souveräne Verachtung, die er aller hergebrachten Ordnung gegenüber an den Tag legte, mußten in diesem Nest den Unwillen aller Philister erregen.

War dies vielleicht der Grund, daß Wera sich ihrer Leidenschaft für ihn schämte? Suchte sie nun, nachdem sie sich vergeblich bemüht, ihn zu einer Änderung seiner Gewohnheiten zu bestimmen, von ihm abzurücken, wie man von einer unangenehmen Bekanntschaft abrückt, die man zufällig gemacht hat? Durch einen Dritten ließ sie ihm sagen, daß sie mit ihm nichts mehr zu tun haben wolle, und dieser Dritte achtete seiner kecken Herausforderung nicht, sondern beherrschte sich, blieb in den Grenzen der Höflichkeit, weil er offenbar in Weras wie in seinem eigenen Interesse jede peinliche Szene mit ihm, dem unanständigen Kerl, vermeiden wollte. Und zu alledem sollte er noch die Antwort geben – und zwar gerade diese eine, ausschließliche Antwort, die dieser Ritter und Diplomat, dessen kalte Höflichkeit er so peinlich empfand, ihm diktierte! Und er hatte, trotz aller Winkelzüge und Ausflüchte, in der Tat diese Antwort gegeben.

Aber welchen Entschluß auch Wera gefaßt haben mochte – auf jeden Fall hätte sie angesichts dessen, was zwischen ihnen geschehen, ihm, wenn sie wirklich krank war und nicht zu dem Stelldichein kommen konnte, doch die Gründe ihrer Entschließung brieflich mitteilen müssen. Mochte die Glut ihrer Leidenschaft auch verraucht sein, so konnte sie doch in aller Freundschaft von ihm Abschied nehmen, konnte ihm sagen, daß die ungewisse Zukunft an seiner Seite sie zurückschrecke, daß seine Weltanschauung ihr als ein unübersteigbares Hindernis ihrer Vereinigung erscheine. So wären sie wenigstens in gegenseitiger Achtung voneinander gegangen – aber nun schickte sie ihn so nichtachtend fort, als ob sie es für überflüssig hielte, ihn noch eines letzten Wortes zu würdigen, als ob er irgend etwas Schlimmes verbrochen hätte. Was hatte er denn getan? Er rief sich die letzte Begegnung mit ihr ins Gedächtnis zurück – und er konnte durchaus keine Schuld an sich entdecken.

Er war im Recht, unbedingt im Recht; was sollte diese schroffe, stumme Trennung? Sie hatte ihm doch wohl keinen Vorwurf zu machen, etwa im Sinne der Leute alten Schlages. Nein! Und nun hatte er gar noch dieses selbstlose Opfer gebracht, hatte auf seine Tätigkeit verzichtet und sich bereit erklärt, sie zu heiraten! Warum nun dieser Dolchstoß, dieser lakonische Zettel statt eines freundschaftlichen Briefes, dieser vermittelnde Freund statt ihrer selbst?

Ja – das war ein Dolchstoß, der ihn tief verletzte. Ein kalter Schauer durchlief ihn vom Scheitel bis zu den Zehen. Doch welche Hand hatte den Stoß geführt? Steckte vielleicht die Alte dahinter? Nein, das sah Wera nicht ähnlich – die brauchte sich nicht belehren zu lassen. Also hatte sie aus eigenem Antrieb gehandelt. Doch warum tat sie ihm das an, was hatte er verbrochen?

Langsam ging Mark auf den Zaun zu, kletterte lässig hinauf und blieb, während seine Beine herunterbaumelten, oben sitzen. Eine ganze Weile saß er da oben, ohne abzuspringen, und suchte sich die Frage zu beantworten, was er denn eigentlich getan habe.

Er erinnerte sich, wie er beim letzten Zusammentreffen sie in höchst ehrlicher Weise auf alles aufmerksam gemacht hatte. »Merk dir, daß ich dir alles vorher gesagt habe«, das etwa war der Sinn seiner Worte gewesen. »Und wenn du nach allem, was ich dir gesagt, noch die Arme nach mir ausstreckst, dann bist du mein – die Schuld aber trifft nicht mich, sondern dich.«

»Das ist doch vollkommen logisch!« sprach er fast laut vor sich hin. Und plötzlich war es ihm, als ob ein böser Qualm und Pestgeruch von der Erde zu ihm emporstiege. Er sprang vom Zaun auf den Weg hinab – ohne sich umzuschauen, ganz so wie damals.

Er erinnerte sich weiter, wie er sie hier an dieser Stelle allein zurückgelassen hatte, gleichsam im Moment der Gefahr, über dem Abgrund hängend. »Ich gehe jetzt«, hatte er ihr in seiner Ehrlichkeit gesagt, und er ging; doch wandte er sich um, und als sie ihm jenes verzweiflungsvolle, nervöse Lebewohl nachrief, da hatte er es so verstanden, als rufe sie ihn, und war zu ihr zurückgeeilt.

Diese erste Antwort auf seine Frage, was er denn getan habe, sauste auf sein Haupt wie ein Hammerschlag nieder. Er schritt immer weiter – der Dolch aber, der ihm im Herzen saß, drang immer tiefer. Sein Gedächtnis, das er zu Hilfe rief, brachte ihm die Tatsachen der letzten Tage in Erinnerung.

»Es ist eine Unehrlichkeit, sich kirchlich trauen zu lassen, wenn man von der Trauung nichts hält«, hatte er stolz zu ihr gesagt. Er hatte von der Zeremonie, von dem Bund fürs Leben nichts wissen wollen, glaubte den Sieg auch ohne dieses Opfer erringen zu können – und nun hatte er ihr selbst die Vollziehung dieser Zeremonie vorgeschlagen! So wenig Voraussicht hatte er bewiesen! Er hatte Wera nicht zur rechten Zeit zu schätzen gewußt, hatte sich von ihr abgewandt, ihr stolz den Rücken gekehrt – um nun auf einmal, nur wenige Tage später, ihren ganzen Wert zu erkennen.

›Das hast du getan!‹ gab eine Stimme ihm zur Antwort, und wie ein neuer Hammerschlag sauste das Wort auf ihn nieder.

›Die Logik und die Ehrlichkeit sollten dir gleichsam als Schutzwände dienen, hinter denen du dich mit deiner neuen Kraft versteckst‹, sagte ihm sein von dem Rausch der Selbstliebe ernüchtertes Bewußtsein. ›Du hast es einem schwachen Weibe überlassen, ganz allein dafür zu büßen, daß ihr euch beide fortreißen ließet, hast ihr schlankweg erklärt, du würdest deiner Wege gehen und dich um keine Pflichten und Grundsätze kümmern, hast ihren schwachen Schultern zugemutet, diese Bürde ganz allein zu tragen.

Du warst nicht so ehrlich, sie zu schonen, als sie kraftlos strauchelte, warst nicht so logisch, deine Leidenschaft zurückzudämmen, sondern ließest ihr die Zügel schießen, um dann nachträglich, was wiederum so recht unehrlich war, dich dem Brauch, den deine Vernunft verwarf, zu unterwerfen, im selben Augenblick aber schon wieder an die Trennung zu denken. Du hast sie gelockt, genarrt – und schließlich selbst kapituliert. Das ist's, was du getan hast!‹ dröhnte zum drittenmal der Schlag des Hammers auf ihn nieder. ›Einen Wolf hatte sie dich öfters im Scherz genannt‹, sprach weiter die Stimme in seinem Innern, ›und jetzt wird sie, wenn sie an dich denkt, nicht nur das Bild des gierigen Wolfes, sondern auch das des listigen Fuchses und des auf alles losbellenden, alles grimmig anknurrenden Hundes vor Augen haben, vom Menschen jedoch wird sie nichts, rein gar nichts in dir sehen! Was sie dort aus der Schlucht mit hinaufgenommen, ist nichts als Qual und Pein, eine Pein fürs ganze Leben, die keine Linderung kennt, und verzweifelnde Reue darüber, daß sie so blind sein konnte, daß sie dich nicht längst durchschaute, daß sie sich hinreißen ließ, sich vergaß! Ja, triumphiere nur – sie wird dich nie vergessen!‹

Er begriff nun alles; ihren lakonischen Zettel, ihre Krankheit und das Erscheinen Tuschins dort auf dem Grunde der Schlucht, statt ihrer selbst.

Leontij Koslow sah ihn noch einmal in jenen Tagen und erzählte Raiskij, Wolochow sei zunächst für einige Zeit zu einer alten Tante im Gouvernement Nowgorod gereist. Er habe dann wieder als einfacher Soldat ins Heer eintreten und sich nach dem Kaukasus versetzen lassen wollen.

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