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Die Schlucht. Fünfter Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Fünfter Teil - Kapitel 17
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Fünfter Teil
booktitleDie Schlucht. Band 2
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid31dd1395
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XVI

Nach einer Weile kehrte Tatjana Markowna zurück, und auch Raiskij fand sich ein. Tatjana Markowna und Tuschin gerieten beide ein wenig in Verlegenheit, als sie einander begegneten: er wurde verlegen, weil er wußte, daß die Großtante von seinem Heiratsantrag unterrichtet war, und ihr fiel es peinlich auf die Seele, daß ihm Weras Roman und dessen letzte Episode bekannt war.

In seinen Augen lag etwas Wehmütiges, und aus ihren Worten wiederum sprach eine gewisse Bangigkeit um Wera, zu der sich die Teilnahme an seinem eigenen Schicksal gesellte. Es lag etwas Gezwungenes in ihrer Unterhaltung, auch dann, wenn sie sich auf ganz alltägliche Dinge bezog. Gegen Mittag jedoch hatten die alten, natürlichen Sympathien wieder die Oberhand gewonnen, und sie konnten einander wieder, im Vertrauen auf die gegenseitigen aufrichtigen Empfindungen, offen in die Augen schauen. Immer näher und näher kamen sie einander, und wenn sie schwiegen, lasen sie in ihren Blicken, wie sie beide über das Geschehene dachten, und verstanden einander.

Bis zum Mittagessen blieb Wera ständig mit Tatjana Markowna zusammen. Sie fürchtete noch immer, daß die Großtante irgend etwas unternommen haben könnte, um zu verhindern, daß Mark sich zu dem Stelldichein unten im Pavillon einfinde. Sie wollte auch nach dem Mittagessen nicht von Tantchens Seite weichen, damit sie nicht etwa in plötzlicher Aufwallung sich doch noch nach der Schlucht begäbe. Sie erwartete, daß Tatjana Markowna auf Marks Briefe zu sprechen kommen würde; vor Tisch jedoch kam sie nicht mit einem Wort auf die gestrige Unterredung zurück, und nach Tisch, als Raiskij sich auf sein Zimmer begeben hatte und Tuschin unter dem Vorwand irgendeiner geschäftlichen Angelegenheit fortgegangen war, brachte sie die ganze Mägdestube auf die Beine, um das für Marfinkas Aussteuer bestimmte Silberzeug, all die Teekannen, Kaffeekannen, Präsentierteller und so weiter einer gründlichen Reinigung zu unterziehen.

Von seiten der Großtante glaubte nun Wera nichts befürchten zu müssen, und so begleitete sie in Gedanken Tuschin nach dem Pavillon. ›Wenn sich da unten nur nichts Schlimmes ereignet! Wenn doch endlich heute diese Qual aufhörte! Was mag jetzt dort vorgehen?‹ dachte sie voll Unruhe, und bange Befürchtungen stürmten auf ihr Herz ein.

Dort aber schritt Tuschin, genau eine Viertelstunde vor fünf Uhr, auf den Pavillon zu. Er hatte den Platz, wo dieser stand, früher gekannt, doch war er offenbar schon lange nicht hier gewesen, denn er blickte suchend nach rechts und links, ging dann auf dem kaum erkennbaren Fußpfad bald dahin, bald dorthin und konnte den Pavillon gar nicht finden. Mitten im Dickicht blieb er stehen und suchte sich zu erinnern, wo eigentlich der Pavillon wohl stehen könnte. Voll Unruhe spähte er nach allen Seiten aus, blickte nach der Uhr und sah, daß der Zeiger schon ganz nahe an voll war. Und weder der Pavillon noch Mark war in Sicht!

Plötzlich vernahm er von ferne das Geräusch hastiger Schritte, und in dem niedrigen Nadelholz erschien eine Gestalt, die bald aus dem Grün emportauchte, bald wieder verschwand.

›Das scheint er zu sein‹, dachte Tuschin, atmete zweimal aus voller Brust auf wie ein müdes Pferd, schüttelte einen neben ihm stehenden jungen Tannenbaum zweimal kräftig hin und her, steckte beide Hände in die Taschen seines Paletots und stand wie in den Boden gerammt da. Mark schoß wie aus einem Hinterhalt auf die Stelle los, an der Tuschin stand, sah sich um und ward starr, als er diesen erblickte.

Sie maßen einander einen Augenblick und faßten dann nach der Mütze. Wolochow sah sich noch immer höchst verwundert um.

»Wo ist denn der Pavillon?« fragte er endlich laut.

»Auch ich suche ihn und weiß gar nicht, in welcher Richtung er liegt.«

»In welcher Richtung? Er stand doch hier an der Stelle, wo wir jetzt stehen. Gestern morgen war er noch da.«

Beide schwiegen und wußten nicht, was mit dem Pavillon geschehen war. Dieser aber war auf höchst natürliche Weise verschwunden. Tatjana Markowna hatte Wera die Versicherung gegeben, daß Mark sie »nicht im Pavillon« erwarten würde. Schon zwei Stunden später hatte sie ihre Anordnungen getroffen, um ihre Worte buchstäblich wahr zu machen. Mit fünf Bauern aus dem Dorf schritt Sawelij in ihrem Auftrag zur Schlucht hinab, und unter ihren Beilen verschwand der Pavillon vom Erdboden, während die Balken und Bretter auf ihren Schultern ins Dorf wanderten. Die letzten Spuren, die Späne und Splitter, wurden auf Tatjana Markownas Geheiß von den Weibern und Kindern beseitigt. Am nächsten Morgen war sie dann selbst mit Sawelij, dem Gärtner und noch zwei Leuten zu dem Platz hinuntergestiegen, hatte diesen ebnen und mit Rasen bedecken lassen, und ein paar junge Tannen und Kiefern, die sie einpflanzen ließ, machten die Stelle vollends dem umgebenden Wald ähnlich.

›Hinterher wird man schlau‹, dachte sie mit stillem Selbstvorwurf. ›Hätte ich den Pavillon damals abbrechen lassen, als Werotschka mir alles erzählte, dann hätte der Halunke gleich gewußt, wie der Hase läuft, und ihr nicht erst noch die verdammten Briefe geschrieben!‹

Der »Halunke« erriet denn auch jetzt sogleich den wahren Sachverhalt.

›Die Alte scheint alles zu wissen – nur sie kann auf diesen Einfall gekommen sein‹, dachte er. ›Und Wera hat »wohlanständig« gehandelt: sie hat ihr alles entdeckt!‹

Er wandte sich nach Tuschin um, nickte ihm zu und wollte gehen, doch bemerkte er den durchdringenden, eisig kalten, stahlharten Blick des andern.

»Sie gehen wohl hier ein bißchen spazieren?« fragte er. »Warum sehen Sie mich denn so an? Sie sind wohl oben zu Besuch?«

»Ja, ich bin zu Besuch da, aber ich gehe hier nicht bloß spazieren, sondern ich wollte Sie treffen«, sagte Tuschin trocken, doch dabei höflich.

»Mich?« fuhr es Wolochow lebhaft heraus und sah Tuschin fragend an. ›Was bedeutet das?‹ dachte er. ›Hat er vielleicht auch von der Sache erfahren? Es scheint, daß er zu Weras Verehrern gehört. Will dieser Othello aus der Wildnis hier vielleicht ein Drama aufführen? Lechzt er »nach Blut, nach Blut«?‹

»Ja, Sie«, wiederholte Tuschin. »Ich habe einen Auftrag an Sie auszurichten.«

»Von wem? Von der Alten?«

»Von welcher Alten?«

»Na, von der Bereshkowa; von welcher denn sonst?«

»Nein, nicht von ihr.«

»Also von Wera?« fragte Mark fast erschrocken.

»Von Wera Wassiljewna, wollen Sie sagen?«

»Nun, meinetwegen – von Wera Wassiljewna. Was macht sie? Ist sie gesund? Was läßt sie mir sagen?«

Tuschin reichte ihm schweigend Weras Zettel. Mark überflog ihn rasch, steckte ihn nachlässig in die Tasche seines Paletots, nahm darauf die Mütze ab und fuhr sich mit den Händen durchs Haar. Er war offenbar bemüht, seine Verlegenheit, seinen Schmerz und Ärger vor Tuschin zu verheimlichen.

»Sie ... wissen alles?« fragte er.

»Gestatten Sie, daß ich Ihnen die Antwort auf diese Frage schuldig bleibe und meinerseits frage, ob Sie auf den Zettel irgendeine Erklärung abzugeben haben?«

›Ich werde dir sonst etwas geben, aber keine Erklärung!‹ dachte Mark und sagte dann laut, in kühlem Ton: »Ich habe nichts zu erklären.«

»Aber Sie werden natürlich ihre Bitte respektieren, werden sie nicht mehr beunruhigen, sich ihr nicht mehr in Erinnerung bringen? Sie werden nicht mehr schreiben noch sich hier in der Nähe zeigen?«

»Was geht Sie das an? Sind Sie ihr erklärter Bräutigam, daß Sie diese Fragen stellen?«

»Ich brauche, um ihren Auftrag auszurichten, nicht ihr Bräutigam zu sein – es genügt, daß ich ihr Freund bin.«

»Und wenn ich nun doch schreibe und doch hierherkomme – was dann?« fragte Wolochow aufbrausend, mit einem Stich ins Herausfordernde.

»Ich weiß nicht, wie Wera Wassiljewna das aufnehmen wird. – Wenn sie mir dann wieder einen neuen Auftrag gibt, werde ich wieder tun, was die Situation erfordert.«

»Was für ein treuer und ergebener Freund Sie doch sind!« sagte Mark mit Ironie.

Tuschin sah ihn ein Weilchen ernst und eindringlich an.

»Ja, Sie haben recht, der bin ich in der Tat«, sagte er dann ruhig, und gleich darauf fügte er hinzu: »Vergessen Sie nicht, Herr Wolochow, daß Sie jetzt nicht mit Tuschin sprechen, sondern mit jemandem, der im Auftrage einer Dame hier ist. Ich nehme hier gleichsam die Stelle dieser Dame ein und werde demgemäß sprechen und handeln, was Sie auch sagen mögen. Ich dachte, auch Ihnen würde es genügen, zu wissen, daß sie von Ihnen nicht mehr beunruhigt zu werden wünscht. Sie beginnt eben erst wieder, nach einer ernsthaften Krankheit zu sich zu kommen.«

Mark war schweigend auf dem Rasen hin und her gegangen und trat bei den letzten Worten auf Tuschin zu.

»Was hat ihr gefehlt?« fragte er fast weich.

Tuschin schwieg.

»Verzeihen Sie nur, ich bin etwas aufgeregt, obschon ich weiß, daß das dumm ist. Sie sehen, ich bin ... wie im Fieber.«

»Das tut mir sehr leid; jedenfalls wird auch Ihnen dann Ruhe not tun ... Werden Sie auf den Zettel irgendeinen Bescheid geben?«

Mark wollte ihm noch immer nicht Rede stehen.

»Ich werde selbst antworten, werde schreiben.«

»Sie wünscht ganz ausdrücklich, daß Sie dies nicht tun sollen. Und ich kann Ihnen mein Ehrenwort darauf geben, daß sie nicht anders handeln kann. Sie ist krank ... ihr Gesundheitszustand erfordert vor allem Ruhe, die aber wird ihr erst werden, sobald Sie sich ihr nicht mehr in Erinnerung bringen. Ich wiederhole nur, was mir gesagt worden ist, und gebe nur wieder, was ich selbst sah.«

»Sagen Sie – ohne Zweifel wünschen Sie doch ihr Bestes?« versetzte Wolochow.

»Allerdings.«

»Sie sehen, daß sie mich liebt, sie hat es Ihnen gesagt.«

»Nein, das sehe ich nicht, und sie hat mir auch nichts von Liebe gesagt, sondern sie hat mir nur diesen Zettel gegeben und mich gebeten, zu bestätigen, daß sie Sie weder sehen kann noch sehen will und daß sie ebensowenig Briefe von Ihnen zu empfangen wünscht.«

»Wie abgeschmackt – sich selbst so zu quälen und einen anderen dazu!« sagte Mark, während er seinen Fuß in die lockere, erst am Morgen aufgeschüttete Erde hineinbohrte. »Sie könnten sie von dieser Qual, von aller Krankheit und Entkräftung ... kurz, von allem ... erlösen, wenn Sie wirklich ihr Freund sein wollten. Die Alte hat den Pavillon hier verschwinden lassen – mit der Leidenschaft aber wird ihr das nicht gelingen, und die Leidenschaft wird Wera zerbrechen. Sie sagten doch selbst, daß sie krank sei.«

»Ich sagte nicht, daß ihre Krankheit von der Leidenschaft herrühre.«

»Wovon denn sonst?«

»Davon, daß Sie ihr schreiben, daß Sie hier auf sie warten, daß Sie ihr Ihren Besuch oben androhen. Das alles ist ihr unerträglich – und das allein sollte ich Ihnen ausrichten.«

»Sie spricht nur so, während sie in Wirklichkeit ...«

»Sie spricht stets die Wahrheit.«

»Warum hat sie nun gerade Ihnen diesen Auftrag gegeben?« fragte Mark plötzlich.

Tuschin schwieg.

»Sie schenkt Ihnen Vertrauen, Sie sollten ihr also klarmachen, wie töricht es ist, seinem Glück zu widerstreben. Sie wird es dort oben in ihrer Vereinsamung nicht finden. Raten Sie ihr, sie solle sich selbst und andere nicht quälen, suchen Sie diese Tantenmoral in ihr zu erschüttern. Überdies habe ich ihr ja vorgeschlagen ...«

»Wenn Sie sie wirklich verstanden hätten«, fiel Tuschin ihm ins Wort, »dann müßten Sie wissen, daß sie zu denjenigen gehört, denen man nichts klarmachen, nichts raten kann. Und was die ›Tantenmoral‹, wie Sie sich auszudrücken belieben, anbelangt, so halte ich es nicht für notwendig, die zu erschüttern, da ich mich selbst zu dieser Moral bekenne.«

»Ah – so! Sie sind ein vortrefflicher Diplomat und wissen die Aufträge, die man Ihnen gibt, sehr geschickt auszuführen«, sagte Mark gereizt.

Tuschin beobachtete ihn schweigend und wartete ruhig ab, bis er – freiwillig oder unfreiwillig – ihm die erwartete Antwort geben würde.

Diese schweigsame Ruhe versetzte Mark in eine wahre Wut. Die Beseitigung des Pavillons und das Erscheinen Tuschins in der Rolle eines Vermittlers legten ihm den Schluß nahe, daß seine Hoffnungen zu Ende seien, daß Wera nun nicht länger schwanke, sondern fest entschlossen sei, ihn niemals wiederzusehen.

Allmählich dämmerte in ihm das drückende Bewußtsein, daß, wenn Wera litt, jedenfalls nicht die Leidenschaft für ihn daran schuld war – sonst hätte sie sich nicht der Großtante und noch weniger Tuschin entdeckt. Er hatte auch früher schon ihren hartnäckigen Trotz kennengelernt, den auch nicht die Leidenschaft zu brechen vermocht hatte, und so hatte er, wenn auch widerwillig, ihr nachgegeben und sich bereit erklärt, sie zu heiraten und noch eine Zeitlang, solange seine Leidenschaft vorhalten würde, keinesfalls jedoch für immer, in der Stadt zu bleiben. Er war von der Richtigkeit seiner Ansichten über die Liebe fest überzeugt und sah voraus, daß sie über kurz oder lang für beide Teile auf gleiche Weise enden würde: sie würden einander am Halse liegen, solange es eben dauerte, und dann ... Er dachte nicht weiter darüber nach, was dann sein würde – er hoffte, daß Wera mit der Zeit selbst von der Tantenmoral abkommen würde, sobald erst die Abkühlung eingetreten wäre.

Nun schien aber auch dieses Opfer von seiner Seite – sein Anerbieten, Wera zu heiraten – vergeblich gewesen zu sein. Man nahm es eben nicht an. Er war nicht gefährlich, war einfach überflüssig. Man wies ihm die Tür. Er litt in diesem Augenblick selbst jene innere Qual, über die er sich noch vor kurzem lustig gemacht hatte, an die er nicht hatte glauben wollen. ›Das ist nicht logisch!‹ mußte er sich sagen.

»Ich weiß nicht, was ich tun werde«, sagte er, immer noch seinen Stolz zur Schau tragend, »und ich kann Ihnen auf Ihre diplomatische Sendung keinen Bescheid geben. In den Pavillon werde ich natürlich nicht mehr kommen, denn er existiert ja nicht mehr.«

»Briefe werden Sie nicht mehr schreiben«, sagte Tuschin statt seiner, »sie werden einfach nicht weitergegeben. Auch ins Haus kommen Sie nicht, man wird Sie nicht empfangen.«

» Wer wird mich nicht empfangen – Sie?« versetzte Mark boshaft. »Sie werden wohl das Haus bewachen?«

»Gewiß, wenn Wera Wassiljewna es wünscht. Im übrigen hat das Haus ja seine Herrin, und sie ihre Diener. Doch ich nehme an, daß Sie selbst wissen, was der Anstand verlangt und was Sie der Ruhe einer Frau schuldig sind.«

»Was für ein Blödsinn, weiß der Teufel!« tobte Mark. »Was für Fesseln sich doch die Menschen anlegen ... mit Gewalt wollen sie Märtyrer spielen!«

Er suchte noch immer seine Haltung zu bewahren und sich einen guten Abgang zu sichern, indem er sich das Recht vorbehielt, keine Antwort zu geben. Aber Tuschin wußte bereits, daß Mark keinen andern Ausweg hatte, als sich zu fügen. Und auch Mark gab sich nicht länger seiner Selbsttäuschung hin und trat allmählich den Rückzug an.

»Ich reise bald ab«, sagte er, »in etwa einer Woche. Könnte Wera ... Wassiljewna mir nicht noch eine Zusammenkunft bewilligen, nur für einen Augenblick?«

»Nein, das kann sie auf keinen Fall – sie ist krank.«

»Kommt denn der Arzt? Nimmt sie Arznei?«

»Die beste Arznei für sie ist, daß Sie sie vollkommen in Ruhe lassen.«

»Ich traue Ihnen ja nicht«, fiel Mark ihm giftig ins Wort. »Mir scheint, sie ist Ihnen ... nicht ganz gleichgültig.«

Tuschin schüttelte nur den Stamm einer jungen Tanne und schwieg. Er suchte sich in Marks Lage zu versetzen und erriet sehr wohl, wie sehr Schmerz und Zorn ihn bewegen mußten. Er beherrschte sich daher, um Marks boshafte Ausfälle nicht mit gleicher Münze zu erwidern, und hegte nur noch die Befürchtung, daß jener in hochmütigem Trotz, von seiner noch nicht ganz verrauchten Leidenschaft getrieben, den Versuch machen könnte, Wera zu sehen oder ihr zu schreiben und ihre Ruhe zu stören. Er wollte jedenfalls alle Versuche dieser Art für immer unmöglich machen.

»Sie trauen mir nicht«, sagte er, »aber Sie haben doch den besten Beweis in der Tasche.«

»Sie meinen den Zettel? Der hat nichts zu bedeuten. Die Leidenschaft ist wie das Meer – heute herrscht Sturm und morgen Windstille. Vielleicht bedauert sie schon jetzt, daß sie Sie hergeschickt hat.«

»Das glaube ich doch nicht; sie hätte eine solche Meinungsänderung sicher vorausgesehen und mich nicht hergeschickt. Ich sehe, daß Sie sie gar nicht kennen. Im übrigen habe ich Ihnen ja alles gesagt. Sie werden natürlich ihre Wünsche respektieren. Ich bestehe nicht mehr auf einer Antwort.«

»Ich gebe auch keine Antwort. Ich reise ab.«

»Das eben ist die Antwort, die ihr genehm ist.«

»Nicht ihr, sondern Ihnen, und vielleicht noch dem romantischen Herrn Raiskij und der Großtante.«

»Ja, das kann schon sein – und vielleicht auch der ganzen Stadt! Ich übernehme Wera Wassiljewna gegenüber die Bürgschaft dafür, daß Sie auch wirklich Wort halten werden. Leben Sie wohl!«

»Leben Sie wohl ... edler Ritter!«

»Wie?« fragte Tuschin mit leichtem Stirnrunzeln.

Mark, der ganz bleich war, sah zur Seite. Tuschin faßte mit der Hand an die Mütze und schritt davon, während Mark noch auf demselben Platz stand.

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