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Die Schlucht. Fünfter Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Fünfter Teil - Kapitel 15
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Fünfter Teil
booktitleDie Schlucht. Band 2
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid31dd1395
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XIV

Nur halb beruhigt verließ Wera die Großtante. Sie zerbrach sich den Kopf darüber, was für Maßnahmen wohl diese treffen würde, um Mark davon abzuhalten, daß er sie morgen in dem Pavillon erwartete. Sie fürchtete, daß Tatjana Markowna vielleicht Raiskij, von dessen Leidenschaft für Wera sie nichts wußte, irgendeinen Auftrag geben würde und daß dieser sich bei der Erledigung der Angelegenheit von seinen noch nicht ganz erloschenen Empfindungen beeinflussen lassen könnte.

Sie hörte, daß Raiskij zu Hause war, und begab sich zu ihm in das alte Haus, wohin er mit Koslow zusammen übergesiedelt war. Sie wollte ihm von den beiden Briefen berichten, wollte sehen, wie die Nachricht auf ihn wirken würde, und ihn für den Fall, daß die Großtante ihm die Auseinandersetzung mit Mark übertragen sollte, auf seine Rolle vorbereiten.

Wie ein Schatten huschte sie durch die Zimmer des alten Hauses, über das im Laufe der Zeit dunkel gewordene Parkett, an den verhüllten alten Spiegeln, Säulenuhren und Möbeln vorüber, ging an der Tür ihres einstigen Zimmers vorbei und trat in einen behaglichen kleinen Raum, dessen Fenster nach der Vorstadt und auf das freie Feld hinausgingen. Hier, in diesem Zimmer, hatte Raiskij sich einquartiert.

Sie öffnete ganz leise die Tür und blieb auf der Schwelle stehen.

Raiskij saß am Tisch und blätterte in seiner Künstlermappe. Skizzen von Landschaften, Porträts in Aquarell, Entwürfe von unvollendeten Gemälden, verkleinerte Kopien von berühmten Kunstwerken, Haufen von Tagebuchblättern, Notizen, Skizzen, begonnenen und unvollendet gebliebenen Erzählungen und Dichtungen lagen vor ihm.

Er hatte soeben einen Stoß Blätter vorgenommen – das angesammelte Material für seinen Roman, in das er ganz und gar vertieft schien. Sein Blick hatte etwas Düsteres; er schlug Blatt für Blatt um, schüttelte sinnend den Kopf, seufzte tief auf und gähnte, daß ihm die Tränen in die Augen traten.

›So habe ich auch damals, vor sechs Jahren, das große Gemälde für die Ausstellung in Angriff genommen‹, ging's ihm durch den Sinn. ›Und schließlich stellte sich heraus, daß solch eine Arbeit Jahre der Anstrengung verlangt. Und nun habe ich mir diese neue Bürde auferlegt: ich will einen Roman schreiben! Allein an Material gibt das einen halben Zentner ... wieviel Notizen, Beobachtungen, Erkundungen sind da erforderlich! Ob die Sache wohl zustande kommt? All die Charaktere, Situationen und Szenen zu entwerfen – welch eine Aufgabe! Und schließlich konzentriert sich das ganze Interesse doch auf Wera, die Hauptperson meines eigenen, erlebten Romans. Wie, wenn ich nur sie allein zum Gegenstand meiner Darstellung nähme? Das wäre eine Aufgabe! Alles andere, Nebensächliche fiele weg, nur sie allein stände da! Ich würde mir die Sache sehr erleichtern, diesen ganzen Ballast hier könnte ich fortlassen. Was habe ich da nicht alles zusammengetragen!‹

Er begann mit Lebhaftigkeit alles, was sich nicht auf Wera bezog, beiseite zu schieben, und es blieb kaum ein Dutzend Blätter übrig, auf denen er charakteristische Bemerkungen über sie, sowie Szenen und Gespräche, die er mit ihr gehabt, sorgfältig zusammengetragen hatte.

Plötzlich legte er die Blätter zur Seite – ein neuer Gedanke fuhr ihm durch den Kopf.

›Warum habe ich eigentlich ihr Porträt noch nicht mit dem Pinsel festgehalten?‹ fragte er sich. Von Marfinka hatte er gleich nach der ersten Begegnung, unter dem frischen Eindruck, ein Porträt gemalt, und es war Wahrheit, Treue, Leben darin, bis auf die Schultern und Hände. Und Wera hatte er noch nicht gemalt – sollte er abreisen, ohne das noch nachzuholen? Jetzt stand doch nichts im Wege! Seine Leidenschaft ist verrauscht, sie flieht ihn nicht mehr. Wenn er erst ihr Porträt hat, wird es ihm auch leichtfallen, den Roman zu schreiben. Er wird sie dann immer wie lebend vor den Augen haben.

Er blickte von seinem Portefeuille auf – vor ihm stand Wera in eigener Person, wie sie leibte und lebte. Er erschrak.

»Das ›Schicksal‹ sendet dich gerade jetzt zu mir, um die Worte der Großtante zu gebrauchen«, sagte er.

Wera hatte sein Erschrecken bemerkt, und ein Lächeln zitterte um ihr Kinn. Er aber konnte seinen Blick nicht von ihr abwenden. Ihre Schönheit fesselte wieder seinen Sinn, wenn es auch nicht jene frühere Schönheit war mit ihrem eigenartigen Glanz, mit dem warmen, lebendigen Kolorit, dem stolzen, flammenden Blick der Samtaugen, dem heimlichen Flimmern der Nacht, wie er einmal selbst den funkensprühenden Reiz ihrer eigenartigen, ihn damals so geheimnisvoll anmutenden Schönheit bezeichnet hatte. Dieses unbewußte Schimmern und Gleißen ihrer jugendlichen Reize, das gleichsam einen hellen, wärmenden Strahlenschein um sie verbreitete, war verschwunden.

Eine müde Schwermut, eine tiefe Ermattung sprach jetzt aus ihren Augen. An Stelle der warmen, lebendigen Töne in ihrem Gesicht war eine durchsichtige Blässe getreten. In ihrem Lächeln lag nicht mehr der Stolz der ungeduldigen, kaum gebändigten Jugendkraft. Sanftmut und Traurigkeit ruhten still auf ihren Zügen, und ihre schlanke Gestalt war gleichsam erfüllt von schwermütiger Grazie und gedankenvollem Frieden.

›Wie sie der Lilie gleicht! Wo ist die frühere Wera geblieben? Und welche von beiden ist vorzuziehen – die jetzige oder die frühere?‹ dachte er und streckte voll Rührung die Hände nach ihr aus.

Sie trat auf ihn zu – nicht mehr, wie früher, mit geschmeidigem Gang und leichtem Wiegen der Hüften, sondern mit leisen, gleichmäßigen, aber deutlich hörbaren Schritten.

»Ich störe dich wohl?« sagte sie. »Was treibst du denn hier? Ich wollte mit dir reden.«

Er wandte den Blick nicht von ihr ab.

»Wart einmal, Wera!« flüsterte er, er hatte ihre Frage nicht gehört und sah sie noch immer mit weitgeöffneten Augen an. »Setz dich doch einmal dahin – so!« sagte er und ließ sie auf dem kleinen Sofa Platz nehmen.

Dann lief er geschäftig in eine Ecke des Zimmers, suchte dort einen mit Leinwand bespannten Rahmen heraus, holte eine Staffelei und begann, seinen Farbenkasten suchend, in einer Ecke zu kramen.

»Was hast du vor?« fragte sie.

»Schweig, schweig, Wera, ich habe schon lange deine Schönheit nicht bemerkt, als wenn ich blind geworden wäre! Doch in dem Augenblick, als du eintratst, wirkten ihre Strahlen wieder auf meine Nerven, der Künstler in mir ist neu erwacht! Fürchte dich nicht vor meiner Ekstase ... nur rasch, rasch, ehe der Augenblick entflieht! Schenk mir etwas von deiner Schönheit ... ich habe dich ja noch nie gemalt!«

»Was für ein Einfall, Boris! Wie kannst du noch von Schönheit reden? Wie sehe ich denn aus? Wassilissa meint, wenn man die Leute in den Sarg legt, sähen sie besser aus! Laß es doch für ein andermal!«

»Du hast selbst kein Verständnis für deine Schönheit: du bist ja ein Chef-d'oeuvre! Nein, nein, das läßt sich nicht auf ein andermal verschieben. Sieh doch, das Haar sträubt sich mir, es zuckt mir in den Fingern! Die Tränen werden mir gleich in die Augen treten. Setz dich – wenn ich den Augenblick verpasse, ist alles vorbei!«

»Ich bin so müde, Vetter ... ich kann wirklich nicht, habe nicht die Kraft dazu. Und dann frier ich; es ist so frisch hier bei dir.«

»Ich werde dich gut einhüllen, dich in eine ganz bequeme Pose bringen. Du brauchst mich gar nicht anzusehen, sitz ganz frei und ungezwungen, als wenn ich überhaupt nicht da wäre!«

Er schob ihr ein paar Kissen hinter den Rücken und unter die Arme, legte ihr seinen schottischen Plaid um Schultern und Brust, gab ihr ein Buch in die Hand und bat sie, auf dem Sofa sitzenzubleiben.

»Den Kopf kannst du halten, wie du willst«, sagte er, »wie es dir am bequemsten ist. Beweg dich ganz frei, blicke, wohin du willst, oder blicke überhaupt nirgendshin – und vergiß, daß ich da bin!«

Sie gab schließlich nach und saß gleichgültig in müder, sinnender Haltung da.

»Ich wollte eigentlich mit dir reden ... dir ein paar Briefe zeigen«, sagte sie.

Er schwieg, schaute sie an und begann mit Kohle auf der Leinwand zu zeichnen.

Zehn Minuten vergingen.

»Ich habe zwei Briefe bekommen ... von Mark«, wiederholte sie leise.

Er sprach kein Wort, sondern zeichnete immer weiter. Eine Viertelstunde war vergangen. Er nahm die Palette, tat Farben darauf, blickte immer wieder mit bohrender Aufmerksamkeit auf Wera und übertrug hastig, als wenn er einen Diebstahl beginge, ihre Züge auf die Leinwand.

Sie begann abermals von den Briefen zu sprechen. Er schwieg und schaute sie an, als ob er sie zum erstenmal sähe.

»Hörst du nicht, Vetter?«

»Ja ... ja ... ich höre. Du hast Briefe von Mark ... nun, wie geht es ihm, ist er gesund?« sagte er rasch und obenhin.

Sie sah ihn ganz verwundert an. Sie hatte es kaum gewagt, den Namen Mark zu nennen, hatte gefürchtet, daß er zusammenzucken würde, als wenn sie ihn mit einem glühenden Eisen berühre – und er erkundigte sich nach Marks Gesundheit!

Sie sah ihn nochmals an und hörte auf, sich zu wundern. Wenn sie statt Mark irgendeinen Karp oder Sidor genannt hätte, wäre die Wirkung auf ihn ganz dieselbe gewesen.

Er hatte nur mechanisch hingehört, nur den Klang ihrer Stimme vernommen, ohne auf den Sinn der Worte zu achten. Er war ganz und gar in seine Arbeit vertieft und hatte den Namen Mark völlig unbewußt nachgesprochen.

»Warum gibst du mir keine Antwort?« fragte sie.

»Später, später, um des Himmels willen! Sprich jetzt nicht mit mir! Denke an sonst etwas! Tu, als ob ich gar nicht existierte!«

Wera versuchte nochmals, ihn anzusprechen, doch er hörte sie nicht mehr und ging ganz darin auf, ihr Gesicht zu malen.

Sie versank in ein wirres Chaos von Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen; ihre Unruhe, ihre Besorgnis, ob Mark wohl kommen und was die Großtante wohl tun werde, bekam etwas Verschwommenes, Formloses, und sie vermochte nicht, ihre Gedanken auf einen bestimmten Moment, einen einzelnen Gegenstand zu richten.

Sie hüllte sich fest in den Plaid, um sich zu wärmen, und blickte von Zeit zu Zeit auf Raiskij, fast ohne zu bemerken, was er trieb und tat. Tiefer und tiefer versank sie in grübelnde Gedanken; in ihren Augen reflektierte sich gleichsam ihr trotz ihrer Jugend schon so tief aufgewühltes, noch nicht wieder zur Ruhe gekommenes Leben, ihre Sehnsucht nach Ruhe, ihre heimliche Qual und auch ihre bange Zukunftserwartung.

Raiskij aber arbeitete schweigend, mit konzentrierter Aufmerksamkeit, bleich vor künstlerischer Erregung, an ihren Augen, sah von Zeit zu Zeit zu ihr hinüber oder weilte in Gedanken bei seinen Erinnerungen an die erste Begegnung mit ihr und dem tiefen Eindruck, den sie auf ihn gemacht hatte. Grabesstille herrschte im Zimmer.

Plötzlich hielt er inne und suchte das Geheimnis ihres nachdenklichen, auf nichts Bestimmtes gerichteten abgrundtiefen Blickes zu ergründen.

Er tupfte mit dem Pinsel über die Pupille auf der Leinwand, er glaubte die Wahrheit schon erfaßt zu haben – dort aber, in Weras lebendigem Blick, glomm noch irgendein Etwas wie eine geheime, ruhende Kraft. Er setzte eine zweite Farbe an, legte einen Schatten daneben – aber soviel Mühe er sich auch gab, es waren wohl ihre Augen, was er da gemalt hatte, aber nicht ihr Blick.

Vergeblich rief er die beiden Zauberpunkte seines alten Lehrers zu Hilfe, die er so glücklich und erfolgreich bei dem Porträt seiner Kusine Sofja angewandt hatte.

›Nein, hier genügen die beiden Punkte nicht!‹ sagte er sich, nachdem er immer von neuem sich bemüht hatte, diesen Ausdruck der Augen, diesen Blick zu erhaschen.

Er blickte sinnend vor sich hin, mischte die Farben, trat von dem Porträt zurück und schaute sie wiederum an.

›Ich muß warten!‹ entschied er schließlich und begann die Wangen, die Nase und das Haar weiter auszuführen.

Nachdem er damit wohl eine halbe Stunde zugebracht, nahm er wieder die Augen vor. ›Ich versuch's noch einmal‹, dachte er, ›und wenn es diesmal nichts wird, dann laß ich es überhaupt! Dann kann ich's eben nicht!‹

»Nun sieh einmal fünf Minuten lang auf diesen Punkt da, Wera«, sagte Raiskij, nach dem betreffenden Punkt zeigend, und sah sich nach Wera um.

Sie schlief. Ganz verblüfft sah er hin und schaute – schweigend, mit verhaltenem Atem.

»Oh, welche Schönheit!« flüsterte er dann voll Rührung. Im rechten Augenblick war sie eingeschlafen. Ja, es war keck und zudringlich, ihren Blick malen zu wollen, in dem ihr ganzes Drama, ihr Roman zum Ausdruck kam. Hier hätte selbst ein Greuze seinen Pinsel weggelegt.

Er malte ihre Augen geschlossen. Schweigend stand er da und betrachtete verzückt dieses lebendige Bild des ruhenden Denkens und Fühlens, der schlummernden Schönheit.

Dann legte er Palette und Pinsel hin, neigte sich leicht vor, berührte leise mit den Lippen ihre bleiche Hand und ging mit unhörbaren Schritten aus dem Zimmer.

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