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Die Schlucht. Fünfter Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Fünfter Teil - Kapitel 14
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Fünfter Teil
booktitleDie Schlucht. Band 2
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid31dd1395
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XIII

Sie steckte beide Briefe in die Tasche, ging still und nachdenklich zu Tatjana Markowna und setzte sich neben sie.

Die Großtante hatte soeben Marfinkas Brautbett besichtigt, hatte gemeinsam mit den Näherinnen nachgemessen, wieviel Musselin und Spitzen für das Kopfkissen nötig waren, und ruhte nun in ihrem Sessel aus.

Sie warf einen flüchtigen Blick auf Wera, sah wieder weg und blickte darauf von neuem mit unruhigem Ausdruck nach ihr hin.

»Was gibt es, Wera? Du bist verstimmt, wie es scheint?«

»Nicht verstimmt, sondern müde. Ich habe von dort einen Brief bekommen.«

»Wie – von dort?« wiederholte die Großtante fragend, und ihre Miene veränderte sich plötzlich.

»Eigentlich sind es zwei Briefe; den einen bekam ich vor längerer Zeit, ich habe ihn gar nicht aufgemacht, und der andere kam heute an. Da sind die beiden – bitte, lies sie, Tantchen.«

Sie legte beide Briefe auf den Tisch.

»Warum soll ich sie lesen, Werotschka?« sprach Tatjana Markowna, die kaum ihre Fassung zu bewahren vermochte und absichtlich nicht nach den beiden Briefen hinsah.

Wera schwieg. Es schien der Großtante, daß in ihrem Gesicht ein Ausdruck des Kummers lag.

»Ist es nötig, daß ich weiß, was darin steht?«

»Ja, Tantchen, es ist nötig. Lies nur!«

Die Großtante setzte ihre Brille auf und begann zu lesen.

»Ich werde nicht klug daraus, meine Liebe«, sagte sie und legte den Brief, den sie in die Hand genommen, mit unruhiger Miene wieder fort. »Sag mir lieber ganz kurz, um was es sich handelt!«

»Ich will es dir vorlesen«, sagte Wera, »ich fühle in mir nicht die Kraft, es zu erzählen.«

Ganz leise las sie der Großtante die beiden Briefe vor, ab und zu ein Wort oder einen Absatz unterdrückend. Dann knüllte sie die Schreiben zusammen und steckte sie in die Tasche.

Tatjana Markowna reckte sich im Sessel auf und neigte sich dann wieder vor, gleichsam einen Schmerz unterdrückend. Hierauf sah sie Wera mit einem forschenden Blick an.

»Was hältst du davon, Werotschka?« fragte sie mit unsicherer Stimme.

»Du fragst mich, was ich davon halte«, sagte Wera, und es klang ein leichter Vorwurf aus ihren Worten. »Ganz dasselbe wie du, Tantchen!«

»Das weiß ich. Aber er will ... dich heiraten, will hierbleiben. Warum nicht? Wenn er so leben will wie die anderen ... wenn er dich liebt«, sprach Tatjana Markowna ängstlich. »Wenn du davon ... dein Glück erwartest.«

»Er nennt die Trauung eine Komödie – und will sich doch mit mir trauen lassen! Er denkt, daß nur dies noch zu meinem Glück fehle. Du weißt, Tantchen, wie ich zu alledem stehe – warum fragst du mich da noch?«

»Du kamst doch, um mich zu fragen, wie du dich entscheiden sollst.«

Die Großtante sagte dies in ganz unsicherem Ton, da sie nicht recht wußte, weshalb ihr Wera eigentlich die Briefe vorgelesen hatte. Sie war über Marks Keckheit aufgebracht und zitterte in banger Sorge um Wera, in der vielleicht die Leidenschaft von neuem die Oberhand gewinnen konnte. Doch wußte sie ihre Erregung wohl zu verbergen.

»Nicht darum bin ich zu dir gekommen, Tantchen«, sagte Wera. »Die endgültige Entscheidung ist ja längst gefallen, ich erwarte nichts mehr von dort. Ich halte mich kaum noch aufrecht, und wenn ich wieder aufzuleben hoffe, so will ich das jedenfalls vergessen. Und er ruft die Erinnerung wieder in mir wach! Er ruft mich dorthin, spiegelt mir ein Glück vor, will mich heiraten ... mein Gott!«

Sie zuckte verzweifelt die Achseln. Tatjana Markowna fühlte, daß die Unruhe von ihrem Herzen wich. Sie rückte erleichtert auf ihrem Stuhl hin und her, strich eine Falte an ihrem Kleid zurecht und fuhr mit der Hand über den Tisch, um irgendwelche Krümelchen, die dort lagen, zu entfernen. Sie lebte, mit einem Wort, wieder auf, wurde wieder munter – ganz so wie ein Mensch, der vom Schreck gelähmt, doch sogleich wieder ins Bewußtsein zurückgerufen wurde.

»Ich will nichts mehr von ihm, Tantchen!« versetzte Wera, die ihre Kräfte wieder gesammelt hatte. »Und wenn er durch irgendein Wunder sich jetzt ganz und gar änderte, wenn er so würde, wie ich früher ihn wohl zu sehen wünschte, wenn er an alles das glaubte, woran ich glaube, und mich so liebte, wie ich ihn ... zu lieben gedachte, selbst dann würde ich seinem Ruf nicht folgen!«

Sie schwieg. Die Großtante hielt den Atem an und lauschte ihren Worten mit heimlichem Entzücken.

»Ich würde mit ihm nicht glücklich werden – ich würde nie den früheren Menschen in ihm vergessen und dem neuen Menschen, als den er sich gäbe, nicht trauen. Ich habe zu schwer gelitten«, flüsterte sie und legte ihre Wange auf die Hand der Großtante. »Aber du hast ja meinen Schmerz selbst gesehen, hast mich verstanden und gerettet ... du – meine Mutter! Warum fragst du und zweifelst du? Welche Leidenschaft sollte standhalten solchen Qualen gegenüber? Kann man denn einen solchen Irrtum wiederholen? In mir ist nichts mehr vorhanden ... öde und kalt ist's in meinem Herzen ... und Verzweiflung wohnte darin, wenn du nicht wärest!«

Tränen rannen über Weras Wangen. Sie lehnte ihren Kopf an die Schulter der Großtante.

»Denk nicht daran, rege dich nicht unnütz auf!« sagte die Großtante, die ihre Bewegung kaum zu meistern vermochte und Weras Tränen mit der Hand von der Wange wischte. »Wir sind doch übereingekommen, nie wieder davon zu sprechen!«

»Ich würde auch nicht davon sprechen, wenn nicht diese Briefe wären. Ich bedarf des Friedens. Bring mich fort, Tantchen, versteck mich irgendwo – oder ich sterbe! Ich bin so matt ... so kraftlos! Laß mich Ruhe finden! Und er ruft mich dorthin. Er will selbst hierherkommen!«

Ihre Tränen begannen noch reichlicher zu fließen. Tatjana Markowna erhob sich langsam, ließ Wera an ihrer Stelle in dem Sessel Platz nehmen und richtete sich in ihrer ganzen Höhe auf.

»Gut – wenn dem so ist, wenn er dir noch immer zusetzen und dich quälen will, dann soll er mir für diese Tränen büßen!« sprach sie mit zitternder Stimme. »Sei ruhig, mein Kind, Tantchen wird dich vor ihm zu verbergen und zu schützen wissen. Du wirst nichts mehr von ihm zu hören bekommen!«

Die Großtante bebte am ganzen Leib, als sie dies sagte.

»Was willst du tun?« fragte Wera bestürzt, indem sie plötzlich aufstand und neben Tatjana Markowna hintrat.

»Er ruft dich; ich will zu ihm hinabsteigen, will statt deiner zu dem Stelldichein gehen – und dann wollen wir sehen, ob er noch einmal an dich schreibt, noch einmal herkommt und dich ruft!«

Zorn überkam die Großtante, und sie begann im Zimmer auf und ab zu schreiten.

»Wann will er denn morgen in dem Pavillon sein? Um fünf Uhr, nicht wahr?« fragte sie plötzlich.

Wera sah sie voll Erstaunen an.

»Du hast mich nicht richtig verstanden, Tantchen«, sagte sie sanft, während sie die Hand der Großtante ergriff. »Ich will mich nicht bei dir über ihn beschweren. Vergiß nie, daß ich allein schuld bin – an allem. Er weiß nicht, was mit mir vorgegangen ist, und darum schreibt er. Er braucht nichts weiter zu wissen, als daß ich krank und geistig niedergedrückt bin – und du willst, wie es scheint, mit ihm Abrechnung halten! Nicht das ist's, was ich von dir erhoffte. Ich wollte ihm selbst schreiben, vermochte es jedoch nicht – und um ihn wiederzusehen, reicht meine Kraft beim besten Willen nicht aus!«

Tatjana Markowna wurde still und sah nachdenklich vor sich hin.

»Ich wollte Iwan Iwanowitsch bitten«, fuhr Wera fort, »aber du weißt selbst, wie sehr er mich liebt, welche Hoffnungen er genährt hat. Soll ich ihn nun mit dem Menschen zusammenbringen, der alles das vernichtet hat? Das ist doch unmöglich!«

»Ja, das ist unmöglich!« sagte Tatjana Markowna bekräftigend und schüttelte energisch den Kopf. »Warum soll er da hineingezogen werden? Gott weiß, welchen Verlauf die Sache dann nimmt! Nein, nein, das geht nicht! Aber du hast doch jemanden, der dir nahesteht, der alles weiß, der dich liebt wie ein Bruder: Borjuschka.«

Wera schwieg.

›Wie ein Bruder – ja, wenn es so wäre, wenn er nicht noch andere Gefühle hegte!‹ dachte sie, doch wollte sie der Großtante nichts von Raiskijs Leidenschaft für sie verraten, da sie meinte, daß es sich dabei nicht um ihr Geheimnis handle.

»Wenn du es wünschest, will ich mit ihm reden«, sagte Tatjana Markowna.

»Laß nur, Tantchen, ich will es ihm selbst sagen«, antwortete Wera, die doch Bedenken trug, Raiskij mit der Angelegenheit zu befassen. Sie vertraute wohl seinem wackeren Herzen und seiner klugen Einsicht, war jedoch nicht sicher, ob seine launische Phantasie und sein allzu begeisterungsfähiges Temperament ihm nicht noch einen Streich spielen würden.

»Ich werde ihm durch Boris Nachricht senden oder mich vielleicht so weit aufraffen, daß ich selbst auf die Briefe antworte und jede Hoffnung auf ein Wiedersehen ein für allemal zerstöre. Vorläufig möchte ich ihn nur benachrichtigen, daß er nicht mehr nach dem Pavillon kommen und nicht vergeblich warten soll.«

»Ich will es übernehmen, ihn zu benachrichtigen«, sagte die Großtante plötzlich.

»Aber du wirst nicht selbst hingehen, wirst ihn nicht zu treffen suchen?« sagte Wera, während sie der Tante forschend in die Augen sah. »Vergiß nicht, daß ich ihn nicht anklage, ihm nichts Böses wünsche!«

»Auch ich wünsche ihm nichts Böses!« flüsterte die Großtante, während sie zur Seite blickte. »Beruhige dich nur, ich werde nicht hingehen – ich werde nur dafür sorgen, daß er nicht mehr in dem Pavillon wartet.«

»Verzeih mir, Tantchen, daß ich dir noch diese neue Sorge auf den Hals lade!«

Tatjana Markowna stieß einen Seufzer aus und küßte Wera auf die Stirn.

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