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Die Schlucht. Fünfter Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Fünfter Teil - Kapitel 11
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Fünfter Teil
booktitleDie Schlucht. Band 2
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid31dd1395
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Am folgenden Tag, nach einer fast schlaflos verbrachten Nacht, schickte Tatjana Markowna früh am Morgen nach Tit Nikonytsch. Er kam in aufgeräumter Stimmung an, drückte seine Freude darüber aus, daß die Krankheit Tatjana Markownas wie der lieben Wera Wassiljewna einen so glücklichen Verlauf genommen, übergab der Großtante eine riesige Melone und eine Ananas, die er mitgebracht, machte seine Kratzfüße, brachte mit zuckersüßem Lächeln seine Komplimente vor und machte sich in dem blendendweißen Hemd, den gelben Nankingpantalons und dem blauen Frack mit goldenen Knöpfen ganz allerliebst.

»Ich habe nun zum Herbst wieder das Wams hervorgeholt«, berichtete er lächelnd, »das mir unser sehr verehrter Boris Pawlowitsch zum Geschenk gemacht hat.«

Er warf einen Blick auf Tatjana Markowna und war plötzlich starr vor Schreck.

Zum Ausgang gerüstet, einen Pelzkragen um die Schultern und ein Tuch auf dem Kopf, stand sie da und machte ihm schweigend ein Zeichen, er solle ihr folgen. Sie gingen in den Garten. Auf Weras Lieblingsbank nahmen beide Platz, und wohl zwei Stunden lang sprachen sie miteinander. Dann kehrte die Großtante, den Blick zu Boden gerichtet, nach ihrem Zimmer zurück, während Tit Nikonytsch wie zerschmettert, ohne erst das Haus zu betreten, sich entfernte. Er ging schnurstracks in seine Wohnung, befahl dem Kammerdiener; seinen Koffer zu packen, bestellte sich Extrapost und fuhr nach seinem Gut, auf dem er seit mehreren Jahren nicht mehr gewesen.

Raiskij sprach bei Tit Nikonytsch vor und hörte zu seinem Erstaunen, daß er abgereist sei. Er erkundigte sich bei Tatjana Markowna nach dem Grund der Abreise, doch sie konnte ihm nur so viel sagen, daß da irgend etwas mit den Bauern nicht in Ordnung sei.

Wera war niedergeschlagener denn je. Sie lag zumeist auf dem Sofa, sah mechanisch, ohne Teilnahme an irgend etwas, vor sich hin oder ging in den Zimmern des alten Hauses auf und ab – bleich, mit gelben Flecken um die Augen. Auf ihrer Stirn erschien dann eine scharfe Linie, gleichsam die Andeutung einer zukünftigen Furche. Wenn sie sich im Spiegel sah, lächelte sie schmerzlich. Zuweilen trat sie an den Tisch, in dessen Schublade, noch ungeöffnet, der blaßblaue Brief lag; sie griff nach dem Schlüssel und wollte die Schublade herausziehen, trat aber sogleich wieder, wie von Entsetzen erfaßt, zurück.

›Wohin soll ich gehen? Wo soll ich mich vor der Welt verbergen?‹ dachte sie.

Der heutige Tag zog sich einförmig bis zum Abend hin, wie der gestrige und wie aller Wahrscheinlichkeit nach auch der morgige. Auf die Nacht folgte der Tag, auf den Tag die Nacht. Wera legte sich zu Bett, löschte das Licht aus und starrte mit offenen Augen ins Dunkel. Sie wollte vergessen, wollte einschlafen, aber der Schlummer floh sie.

Im nächtlichen Dunkel glaubte sie seltsame Flecke zu sehen, die noch schwärzer waren als das Dunkel. Geheimnisvolle Schatten schienen, an den matt schimmernden Fenstern vorüber, durchs Zimmer zu huschen. Doch sie schreckten sie nicht, ihre Nerven waren ganz erschöpft; sie wäre nicht einmal mehr erschrocken, wenn plötzlich ein Gespenst aus der Ecke vor sie hingetreten wäre, wenn ein Dieb oder Mörder sich eingeschlichen hätte; sie wäre auch gleichgültig geblieben, wenn man ihr gesagt hätte, daß sie nicht mehr aufstehen würde.

Und sie fuhr fort, ins Dunkel zu starren, auf die vorüberhuschenden Schatten, auf die schwarzen Flecke, die sich im Dunkel zusammenzogen, auf die wie in einem Kaleidoskop daherwirbelnden Kreise.

Plötzlich schien es ihr, als öffne sich ganz langsam, mit leisem Knarren, die Tür ihres Zimmers.

Sie richtete sich auf dem Ellbogen auf und blickte hin.

Eine Kerze erschien und eine Hand, die wie ein Schirm das Licht abhielt. Wera legte den Kopf auf das Kissen zurück und tat, als schlafe sie. Sie sah, daß es Tatjana Markowna war, die, mit einer kleinen Lampe in der Hand, vorsichtig eintrat. Sie ließ den Umhang, den sie um die Schultern trug, auf den Stuhl gleiten und trat im weißen Nachtgewand, ohne Haube, unhörbar an Veras Bett. Die Lampe hatte sie auf das Tischchen zu Häupten des Bettes gestellt, so leise, daß es nicht eine Spur von Geräusch gab, und ebenso leise setzte sie sich auf die Causeuse neben dem Bett.

Sie sah forschend auf Wera, die mit geschlossenen Augen dalag. Den Kopf auf die Hand gestützt, wandte sie keinen Blick von Wera, während sie von Zeit zu Zeit schwer aufatmete, als wolle sie, möglichst unhörbar, ihre Brust von den aufsteigenden Seufzern erleichtern.

Über eine Stunde verging. Wera öffnete plötzlich die Augen, und Tatjana Markowna sah sie durchdringend an.

»Du kannst nicht schlafen, Werotschka?«

»Nein.«

»Weshalb nicht?«

Wera antwortete nicht. Sie sah Tatjana Markowna ins Gesicht, und es fiel ihr auf, daß sie sehr bleich war.

›Sie kann den Schlag noch immer nicht verwinden‹, dachte Wera. ›Sie kann sich nicht länger verstellen, die Wahrheit dringt mit Gewalt durch!‹

»Warum quälen Sie mich auch in der Nacht noch, Tantchen?« sagte sie dann leise.

Die Großtante sah sie schweigend an, und Wera antwortete ihr gleichfalls mit einem langen, stummen Blick. Sie sprachen durch die Augen miteinander, und sie verstanden sich gegenseitig.

»Sehen Sie mich nicht so an, Ihr Mitleid tötet mich«, begann darauf Wera. »Jagen Sie mich lieber von Haus und Hof, statt mich so Tropfen für Tropfen Ihre Verachtung kosten zu lassen ... Tantchen! Ich ertrage das nicht länger! Verzeihen Sie mir endlich, und wenn Sie es nicht können, dann begraben Sie mich irgendwo bei lebendigem Leibe. Ich würde den Tod im Wasser suchen.«

»Warum spricht deine Zunge anders, Wera, als dein Kopf denkt?«

»Und Sie – warum schweigen Sie? Was haben Sie im Sinn? Ich verstehe Ihr Schweigen nicht, und es peinigt mich. Ich sehe, Sie wollen irgend etwas sagen, und Sie sagen es nicht!«

»Es ist so schwer, es zu sagen, Wera. Bete – und suche dein altes Tantchen ohne Worte zu verstehen ... wenn du es vermagst.«

»Ich habe es mit dem Beten versucht, aber ich konnte nicht beten. Um was sollte ich auch bitten? Vielleicht um einen raschen Tod!«

»Was härmst du dich denn noch, da doch alles vergessen ist?« sagte Tatjana Markowna, in dem Bestreben, Wera zu beruhigen, und setzte sich von der Causeuse zu ihr aufs Bett.

»Nein, nichts ist vergessen. Ich lese meine Schuld aus Ihren Augen heraus ... sie sagen mir alles!«

»Was sagen sie dir?«

»Daß ich nicht länger leben kann, daß ... alles vorüber ist.«

»Du verstehst recht schlecht in Tantchens Augen zu lesen!«

»Ich werde sterben, ich weiß es. Ach, wenn es doch recht, recht rasch ginge!« sagte Wera und kehrte ihr Gesicht der Wand zu.

Tatjana Markowna schüttelte leise den Kopf.

»Ich kann nicht leben!« wiederholte Wera mit düsterer Bestimmtheit.

»Du kannst es!« sagte Tatjana Markowna mit einem tiefen Seufzer.

»Nach dem ... was geschehen?« fragte Wera, während sie sich nach ihr umwandte.

»Nach dem, was geschehen.«

Wera seufzte, und dieser Seufzer klang völlig hoffnungslos.

»Sie verstehen das nicht, Tantchen! Sie sind nicht ... eine solche.«

»Ich bin ... eine solche!« sagte Tatjana Markowna kaum hörbar, während sie sich über Wera neigte.

Wera sah sie an – mit einem jähen Blick, zwei-, dreimal; dann ließ sie traurig den Kopf in das Kissen zurücksinken.

»Sie sind eine Heilige! Sie haben sich niemals in meiner Lage befunden!« sprach sie gleichsam vor sich hin. »Sie sind eine Gerechte, eine Makellose!«

»Ich bin eine Sünderin!« flüsterte Tatjana Markowna kaum hörbar.

»Wir alle sind Sünder! Aber Sie sind keine Sünderin in dem Sinne wie ich.«

»Ganz in demselben Sinne.«

»Wie?« fragte Wera, sich jäh emporrichtend, mit dem Ausdruck des Schreckens in Blick und Stimme.

»Ich bin eine Sünderin – ganz so wie du.«

Wera faßte krampfhaft mit beiden Händen in das Nachtgewand der Großtante und schmiegte ihr Gesicht an das ihrige.

»Warum verleumdest du dich selbst?« fragte sie mit bebender Stimme, die fast wie ein Zischen klang. »Um die arme Wera zu beruhigen, zu retten? Tantchen, warum lügst du?«

»Ich lüge niemals«, flüsterte die Alte, kaum noch ihrer selbst mächtig, »das weißt du. Warum sollte ich jetzt lügen? Ich bin eine Sünderin ... eine Sünderin ...«, sagte sie, glitt vor Wera auf die Knie nieder und neigte ihr graues Haupt gegen ihre Brust. »Verzeih auch du mir!«

Wera war starr vor Schrecken.

»Tantchen«, flüsterte sie, und ihre Augen weiteten sich vor Erstaunen, als sei sie eben erwacht, »ist denn das möglich?«

Und mit einer plötzlichen Bewegung drückte sie den Kopf der Alten an ihre Brust.

»Was tust du? Warum sagst du mir das? Schweig! Nimm dein Wort zurück! Ich habe nichts gehört, ich will deine Worte vergessen, will sie für eine Ausgeburt meiner Träume halten! Peinige dich nicht so um meinetwillen!«

»Laß mich! Gott hat es mich sagen heißen!« sagte die Alte, die immer noch vor dem Bett kniete und den Kopf tief herabneigte.

»Steh auf, Tantchen! Komm hierher, zu mir!« Die Großtante weinte an ihrer Brust, und auch Wera begann laut, wie ein Kind, zu schluchzen.

»Warum hast du es gesagt?«

»Ich mußte es sagen! Er heißt uns demütig sein«, sprach die Alte, nach dem Himmel zeigend. »Er hieß mich meine arme Enkelin um Verzeihung bitten. Vergib du mir zuerst, Wera – dann kann auch ich dir vergeben. Vergeblich war all mein Bemühen, das Geheimnis zu bewahren, es mit ins Grab zu nehmen. Ich habe dich, mein Kind, durch meine Sünde zugrunde gerichtet!«

»Du rettest mich, Tantchen ... vor der Verzweiflung!«

»Ich rette auch mich, Wera. Gott wird uns verzeihen, doch er verlangt, daß wir unsere Seelen läutern. Ich dachte, meine Sünde sei vergessen und vergeben. Ich schwieg und erschien vor den Menschen als eine Gerechte: ich war es nicht! Ich war wie ein übertünchtes Grab, in dem eine ungesühnte Schuld lauerte. Nun ist sie offenbar geworden – in deiner Schuld, die Gott zuließ, um mich zu strafen. Verzeih mir von Herzen!«

»Wie kann ich denn meiner Mutter verzeihen, Tantchen? Du bist eine Heilige, es gibt keine zweite solche Mutter. Wenn ich dich gekannt hätte, wie ich dich jetzt kenne – hätte ich mich dann je gegen deinen Willen aufgelehnt?«

»Das eben ist meine andere Schuld«, unterbrach Tatjana Markowna sie, »ich schwieg und hielt dich nicht zurück vor dem Abgrund! Deine Mutter blickt strafend aus dem Grabe zu mir her – ich sehe sie im Traum, sehe sie bei offenen Augen. Sie ist jetzt hier, zwischen uns. Verzeih mir, teure Tote!« sprach die Alte, während sie wie verstört um sich schaute und die Arme zum Himmel emporstreckte. »Verzeih auch du mir, Wera – verzeiht mir alle beide! Wir wollen beten, beten!«

Ein Schauer überlief Wera bei den Worten der Alten. Sie suchte Tatjana Markowna emporzurichten, und mit Mühe erhob sich diese und nahm auf der Causeuse Platz. Wera reichte ihr das Eau-de-Cologne-Fläschchen, befeuchtete ihre Schläfen mit Wasser, gab ihr beruhigende Tropfen, ließ sich dann auf dem Teppich neben ihr nieder und küßte ihre Hände.

»Es ist nichts so fein gesponnen«, begann Tatjana Markowna, als sie sich ein wenig erholt hatte, »es kommt ans Tageslicht! Durch fünfundvierzig Jahre haben nur zwei Menschen darum gewußt: er und Wassilissa, und ich dachte, wir würden alle drei mit dem Geheimnis ins Grab steigen. Und nun ist doch alles zutage gekommen.

»Mein Gott!« rief sie mit dem Ausdruck des Entsetzens, ja fast des Wahnsinns, während sie sich erhob und die gefalteten Hände nach dem Bilde des Heilands ausstreckte. »Wenn ich gewußt hätte, daß dieser Schlag jemals auf einen anderen ... auf mein liebes, herziges Kind niederfahren könnte, ich hätte öffentlich auf dem Markt, oder vor der Kirche, vor der Menge der Gläubigen meine Sünde bekennen und Buße tun mögen!«

Wera sah sie mit großen Augen voll Bestürzung an – sie fürchtete sich, das alles für wahr zu halten, was sie da hörte, sie suchte jeden Blick und jede Bewegung der Sprechenden aufzufangen und war im Zweifel, ob es nicht vielleicht eine heroische Tat, ein der großmütigen Seele entsprungenes Phantasiegebilde war, das den Zweck hatte, sie, die Gefallene, zu retten. Aber das Gebet der Alten, ihre Tränen, die Art, wie sie in die Knie sank und den Schatten der Verstorbenen beschwor ... nein, keine noch so geniale Schauspielerin hätte das alles so vorspiegeln können, und die Großtante in ihrer Aufrichtigkeit und ehrlichen Schlichtheit war alles andere als eine Schauspielerin.

Ein warmes Gefühl durchströmte Weras Brust, es wurde ihr leichter ums Herz. Sie fühlte gleichsam, wie sie sich innerlich aufrichtete, wie sie erwachte, wie neues Leben ihre Adern durchflutete, wie der Friede gleich einem lieben Freunde an die Tür ihrer Seele pochte und in dieser Seele, die wie ein verwüsteter, düstrer Tempel dagelegen, von neuem Gebete und hoffnungsfrohe Hymnen erklangen. Das Blut pulsierte wieder kräftig und frei durch ihre Adern; alles kam wieder, wie bei einem verdorbenen Uhrwerk, das von der Hand des Meisters repariert ward, in richtigen Gang. Die Menschen blickten sie wieder freundlich an, die Natur schmückte sich wieder für sie mit dem Kleid der Schönheit.

Morgen wird sie wieder frisch, lebendig und innerlich ruhig aufstehen können, wird die geliebten Gesichter sehen, wird sich davon überzeugen, daß Raiskij nicht übertrieb, als er sagte, daß sie sein poetisches Ideal, sein liebster und teuerster Gedanke sei.

Tuschin wird wieder, wie früher, stolz auf sie sein und sich durch ihre Freundschaft beglückt fühlen – er wird sie »noch viel, viel mehr lieben als bisher«, wie er selbst sich ausdrückte. Zur Großtante stand sie nun nicht mehr im Verhältnis der gehorsamen Enkelin – sie waren Freundinnen geworden, waren unzertrennlich als zwei Gleichberechtigte.

Unwillkürlich hatte sie die Großtante, wie auch Raiskij, zu duzen begonnen. Ihr Herz verlangte nach diesem vertraulichen »Du«, setzte sich hinweg über alle kalten Formen.

Jetzt erst verstand sie, warum die Großtante nach jenem Abend, an dem Raiskij ihr alles gesagt, gegen sie doppelt zärtlich und rücksichtsvoll geworden war. Ja, die Großtante hatte diese schier unerträgliche Last ihres Kummers auf die eignen alten Schultern genommen, hatte durch das Bekenntnis ihrer eignen Schuld die Schuld Weras gesühnt und ihre Ehre, die ihr schon verloren schien, als unangetastet anerkannt. Verlorene Ehre! Sollte diese rechtschaffene, kluge, herzensgute Frau, die Beste in der ganzen Welt, die alle Menschen liebte, alle ihre Pflichten gewissenhaft erfüllte, nie jemanden beleidigte noch übervorteilte, die, mit einem Wort, ihr ganzes Leben für die andern hingab – sollte sie, die von allen verehrt ward, wirklich eine »Gefallene« sein, die die Ehre verloren?

Sie sah nun, was ihr bevorstand. Sie mußte sich bemühen, ihrerseits so zu werden wie die Großtante, mußte ihr Leben für die andern hingeben, mußte in strenger Pflichterfüllung, in Arbeit und Opfern ein neues Leben beginnen, ungleich jenem, das sie auf den Grund der Schlucht hinabgezogen. Die Menschenliebe, die Wahrheit und Herzensgüte mußten ihre Leitsterne werden.

Alles dies ging ihr wie ein Wirbel durch den Kopf und trug sie im Geist wie auf Wolken empor. Sie fühlte sich so leicht, so frei wie ein Gefangener, dem die Fesseln von Händen und Füßen losgeschmiedet worden.

Sie richtete sich plötzlich auf.

»Tantchen«, sagte sie, »du hast mir verziehen, du liebst mich mehr als alle andern, mehr als Marfinka – ich sehe das! Und weißt du auch, wie sehr ich dich liebe? Ach, ohne Grenzen liebe ich dich, über alle Maßen! Hätte ich denn so schwer gelitten, wenn ich dich nicht so sehr liebte? Wie lange sind wir doch nebeneinanderher gewandelt, ohne einander zu kennen!«

»Du sollst gleich alles hören, meine ganze Beichte – und dann verurteile mich oder verzeih mir! Auch Gott wird uns beiden verzeihen!«

»Nein, nein, ich will nicht – ich darf es nicht hören, schweig! Warum das?«

»Warum? Damit ich jetzt das dulde, was ich damals vor fünfundvierzig Jahren hätte dulden sollen. Ich habe mich der Sühne meiner Schuld entzogen! Nun sollst du alles hören, und auch Boris soll es hören. Mag der Enkel mit dem grauen Haar der alten Kunigunde seinen Spott treiben!«

Die Großtante ging ein paarmal erregt durchs Zimmer und schüttelte in fanatischer Entschlossenheit den Kopf. Sie glich wieder dem alten Frauenporträt in der Familiengalerie, mit der strengen Würde, der Größe, dem überlegenen Selbstvertrauen, dem von den durchlebten Qualen zeugenden Gesicht und dem Stolz, der dieser Qualen Herr geworden. Wera kam sich ihr gegenüber wie ein törichtes kleines Mädchen vor, sah ihr schüchtern in die Augen und maß in Gedanken ihre junge, eben erst zum Kampf mit dem Leben herausgeforderte Kraft mit dieser alten, in harten Lebenskämpfen erprobten, immer noch widerstandsfähigen, ungebeugten Energie.

›Ich habe sie nicht verstanden! Wo blieb dieser Tiefe gegenüber meine vielgerühmte Einsicht und Klugheit?‹ dachte sie und eilte der Großtante zu Hilfe, um sie von ihrer Beichte abzuhalten, um ihrer gefolterten Seele diese überflüssige Qual zu ersparen. Sie kniete vor ihr hin und ergriff ihre beiden Hände.

»Du wirst es selbst ermessen können, Tantchen«, sagte sie, »was du jetzt für mich getan hast. Mein ganzes Leben wird nicht ausreichen, dir das zu vergelten. Doch geh nicht weiter! Laß hier deine Qual zu Ende sein! Wenn du darauf bestehst, will ich dem Vetter ein Wort über deine Vergangenheit zuflüstern – dann aber senke für immer den Schleier darüber! Und ich – warum soll ich diese Beichte durchaus hören? Ich will es nicht! Ich habe ja deine Seelenqual gesehen! Ich will nichts hören, will nicht über dich zu Gericht sitzen! Laß mich verehrungsvoll aufschauen zu deinem grauen Haar, laß mich es mein Leben lang segnen! Ich will und werde dich nicht anhören – das ist mein letztes Wort!«

Tatjana Markowna seufzte und schloß sie in ihre Arme.

»Nun gut, es sei so, wie du willst«, sagte sie, »ich nehme deine Entscheidung als ein Zeichen, daß Gott mir verziehen hat, und ich danke dir, daß du mein graues Haupt so liebevoll schonst!«

»Laß uns nun zu dir hinübergehen und ausruhen«, sagte Wera.

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