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Die Schlucht. Erster Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Erster Teil - Kapitel 8
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Erster Teil
booktitleDie Schlucht. Band 1
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid8c69add1
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VII

Raiskij hatte das Gymnasium verlassen und war auf die Universität gegangen. Die ersten Sommerferien wollte er bei seiner Großtante Tatjana Markowna Bereshkowa verbringen.

Diese Großtante lebte auf dem kleinen Erbgute, das Boris von seiner Mutter zugefallen war. Es lag ganz in der Nähe der Stadt, von der es nur durch die Felder und durch die am Wolgaufer liegende Vorstadt getrennt war. Es zählte nur fünfzig Seelen; von den beiden Häusern, die darauf standen, war das eine massiv gebaut, doch jetzt verlassen und vernachlässigt; das andere, ein hölzernes Gebäude, war von Raiskijs Vater errichtet, und hier, in diesem Häuschen, wohnte nun Tatjana Markowna mit zwei verwaisten Großnichten im Alter von sieben und sechs Jahren, deren Mutter, Tatjana Markownas Nichte, von der alten Dame wie eine Tochter geliebt worden war. Die Großtante besaß ihr eigenes Kapital und ihr eigenes kleines Gut; sie war unvermählt geblieben und hatte sich nach dem frühen Tode von Raiskijs Eltern, zu denen sie gleichfalls im Verhältnis einer Tante gestanden, hier auf dem Raiskijschen Gut häuslich eingerichtet.

Sie herrschte auf dem kleinen Besitztum wie in einem Königreich, hielt gute Ordnung und kümmerte sich um alles, regierte jedoch nach ganz despotisch-feudalen Grundsätzen. Dem Vormund des Erben gestattete sie nicht, die Nase in ihre Wirtschaft hineinzustecken, sie wollte von Dokumenten, Berichten oder Akten irgendwelcher Art nichts wissen, hielt die Ordnung aufrecht, die bei Lebzeiten des letzten Besitzers geherrscht hatte, und antwortete auf die Briefe des Vormundes nur kurz, daß alle Dokumente und Akten in ihrem Gewissen aufgezeichnet seien und daß sie ihrem Großneffen schon Rechnung legen würde, sobald er großjährig geworden – bis dahin sei sie nach einem mündlichen Vermächtnis der Eltern Raiskijs völlig unbeschränkt in der Verwaltung des Gutes.

Der Vormund zuckte die Achseln und ließ sie fortan in Ruhe – war es doch nur ein kleiner Besitz, der in den Händen einer Verwalterin wie Tatjana Markowna wohl aufgehoben schien.

Nun kam Raiskij, der soeben in die Universität eingetreten war, zu ihr zum Besuch – er wollte einige Wochen bleiben, um dann vielleicht für lange Zeit Abschied zu nehmen.

Wie ein Eden mutete ihn der kleine Winkel an, den er in seiner Kindheit verlassen und den er nur zuweilen in seinen Schulferien wiedergesehen hatte. Welch herrliche Aussichten ringsum – jedes Fenster im Hause erschien wie ein Rahmen für ein entzückendes Gemälde!

Auf der einen Seite zog sich die Wolga mit ihrem steilen Ufer und den weiten Gebieten jenseits des Flusses hin; auf der anderen Seite lagen ausgedehnte Felder, zum Teil bearbeitet, zum Teil brach, und Schluchten, und dahinter als Abschluß in der Ferne die bläulich schimmernden Berge. In einer dritten Richtung sah man Dörfer und Weiler und einen Teil der Stadt. Die Luft war frisch und ein wenig kühl, ein leichter Schauer, wie nach einem Flußbad, überlief den Körper.

Mitten in dieser herrlichen Landschaft, dieser Luft, diesen Feldern und Gärten, lag der Gutshof. Ein ausgedehnter Park umgab die beiden Häuser, er schien gut in Ordnung gehalten und wies schattige Alleen, Lauben und Bänke auf. Je weiter man sich von den Häusern entfernte, desto ungepflegter erschien er. Neben einer mächtigen, weitästigen Rüster, unter der eine vermoderte Gartenbank stand, erhoben sich zahlreiche Kirsch-, Äpfel- und Birnbäume; hier standen Ebereschen, dort eine Gruppe von Linden, die wohl eine Allee vorstellen sollten, jedoch unvermittelt in den Wald übergingen und zwischen den Tannen und Birken verschwanden. Und plötzlich fand dann alles seinen jähen Abschluß in einem steilen Abhang, der mit dichtem Buschwerk bestanden war, das sich noch eine halbe Werst weit bis ans Ufer der Wolga erstreckte.

Näher nach dem Hause zu lag der Gemüsegarten, in dem Kohl und Rüben, Mohrrüben und Petersilie, Gurken und Kletterbohnen gediehen, während in einem kleinen Treibhaus Melonen und Arbusen Wassermelonen. gezogen wurden. Die Sonnenblumen, Mohnblüten und Feuerbohnen hoben sich als grell in die Augen fallende Flecke von dem grünen Hintergrunde ab. Vor den Fenstern des kleinen Hauses lag im hellen Sonnenschein ein großer Blumengarten, aus dem ein Pförtchen in den Hof und eine Glastür nach der Veranda vor dem Wohnhause führte.

Tatjana Markowna liebte den freien Ausblick aus den Fenstern, man sollte nicht wie in eine Höhle hineinschauen, Sonne und Blumenduft sollten freien Zutritt haben. Von der anderen Seite des Hauses, die dem Hof zugewandt war, konnte sie alles übersehen, was dort vorging: die Gesindestube, die Küche, den Heuschuppen, die Stallungen und Kellerräume – alles lag offen vor ihren Augen da, wie auf der flachen Hand.

Das massive alte Haus stand abseits im Hintergrunde des Hofes; es nahm sich aus wie ein blinder Fleck im Auge, hatte etwas Düsteres, Graues, Verschossenes und lag fast immer im Schatten; die Fenster waren zum Teil mit Brettern vernagelt, auf der Freitreppe wucherte das Gras, und vor die schweren Türen waren ebenso schwere Riegel geschoben. Das Ganze machte bei aller Vernachlässigung noch immer einen kompakten, trotzigen Eindruck.

Auf das kleine hölzerne Wohnhaus dagegen schien vom frühen Morgen bis zum späten Abend die Sonne warm herab, die Bäume waren gleichsam zurückgetreten, um den Raum und die Luft nicht zu versperren. Der Blumengarten zog sich nach der Parkseite hin wie eine Girlande um die hölzernen Wände, und Kletterrosen, Dahlien und andere Blumen machten förmlich Miene, in die Fenster hineinzukriechen.

Schwalben hatten ihre Nester dicht unter dem Dach gebaut und huschten in raschem Fluge um das Haus herum; im Park und im Wäldchen dahinter sangen Grasmücken und Goldamseln, Zeisige und Stieglitze, und in der Nacht vernahm man das Trillern und Flöten der Nachtigallen.

Der Hof war voll von Geflügel aller Art, Hunde aller Farben liefen hin und her. Die Kühe wurden am Morgen aufs Feld getrieben und kehrten am Abend heim, und ein Ziegenbock mit zwei Ziegen zog jedesmal mit. Mehrere Pferde standen fast müßig im Stall.

Über den Blumen vor dem Hause summten Bienen und Hummeln, Libellen schwirrten umher, Schmetterlinge gaukelten in der Sonne, und hier und da lagen Katzen mit ihren Jungen und wärmten sich.

Frohsinn und Friede herrschten im Hause, alles, was das Herz nur wünschte, war darin vorhanden. Die Zimmer waren klein, doch gemütlich, die Möbel, die noch aus der Zeit der Großeltern und Urgroßeltern Raiskijs stammten, waren aus dem großen Hause herübergebracht worden. An den Wänden hingen Porträts: Raiskijs Eltern und die Eltern der beiden kleinen Mädchen, die in der Pflege der Großtante verblieben waren.

Der Fußboden war überall gestrichen, gebohnert und mit Schutzdecken belegt; die Öfen waren mit bunten, altertümlichen Kacheln geschmückt, die gleichfalls aus dem großen Hause stammten.

Die Schränke waren über und über mit altem Geschirr und Silberzeug gefüllt, das jedesmal klang und klirrte, wenn jemand durch ein Zimmer schritt.

Zunächst fielen die alten Meißener Tassen, Hirtenmädchen, Marquisen, die chinesischen Pagoden, die bauchigen Teekannen und Zuckerschalen und die schweren silbernen Löffel ins Auge. Runde, mit Bronze verzierte Stühle und kleine Tische mit zierlichem Holzmosaik standen in den lauschigen Ecken.

In Tatjana Markownas Arbeitszimmer stand ein altertümlicher Schreibtisch mit einem Spiegel, mit Urnen, Leiern und Genien, der gleichfalls mit Bronze verziert und mit reichem Schnitzwerk geschmückt war. Aber sie hatte den Spiegel verhängen lassen. Es störte sie beim Schreiben, sagte sie, wenn sie immer ihre »Visage« vor sich sähe.

Ferner stand da ein runder Tisch, an dem sie zu Mittag zu speisen und den Kaffee und Tee einzunehmen pflegte, sowie ein alter, nicht gerade weicher Ledersessel mit hohem Rokokorücken.

Tatjana Markowna war noch ganz nach der Methode der alten Zeit erzogen, sie liebte es nicht, sich gehenzulassen, sondern hielt sich gerade, in schlichter Einfachheit, in reservierten, anständigen Formen; alles Auffallende in der Haltung einer Frau hielt sie für unanständig.

Sie erschien Boris, als er sie jetzt wiedersah, geradezu schön, und sie war es in der Tat.

Sie war von hoher, nicht gerade voller, doch auch nicht hagerer Gestalt und von großer Lebhaftigkeit. Trotz des ergrauten Haares machte sie durchaus noch keinen alten Eindruck, und sie zählte in der Tat nicht mehr als fünfzig Jahre. Die schwarzen, lebhaften Augen und das gutherzige, graziöse Lächeln hatten etwas ungemein Einnehmendes – selbst wenn sie zornig wurde, wenn es in diesen Augen blitzte und wetterte, glaubte man hinter dem Gewölk schon wieder den klaren Himmel zu sehen.

Die Oberlippe war von einem leichten Flaum beschattet; auf der linken Wange, näher dem Kinn, befand sich ein Muttermal mit einem dichten Haarbüschel darauf. Das erhöhte noch den gutmütigen Ausdruck ihres Gesichts.

Sie hatte das graue Haar kurz geschnitten und ging im Hause wie in Hof und Garten mit bloßem Kopf umher. Nur an Feiertagen und wenn Gäste anwesend waren, pflegte sie eine Haube zu tragen; aber die Haube hatte keinen Halt auf ihrem Scheitel, sie stand ihr durchaus nicht und glitt jeden Augenblick vom Kopf herunter. Das war ihr selbst lästig, und wenn sie einem Gast fünf Minuten lang Gesellschaft geleistet hatte, entschuldigte sie sich gewöhnlich und nahm die Haube ab.

Am Vormittag pflegte sie einen weiten, weißen Morgenrock mit einem Gürtel und großen Taschen zu tragen, am Nachmittag zog sie ein braunes Kleid an, an dessen Stelle an hohen Festtagen ein helles, silbern schimmerndes Kleid trat, das ganz steif war und beständig knisterte; um die Schultern trug sie einen kostbaren alten Schal, den nur die Haushälterin Wassilissa aus der Truhe nehmen und wieder hineinlegen durfte.

»Den hat Onkel Iwan Kusmitsch aus dem Orient mitgebracht – dreihundert Dukaten hat er gekostet«, pflegte sie mit Stolz zu sagen. »Jetzt ist solch ein Schal für den Preis nicht zu haben!«

Am Gürtel und in den Taschen hingen und lagen zahlreiche Schlüssel, so daß man Tatjana Markowna, wenn sie über den Hof oder durch den Garten ging, wie eine Klapperschlange schon von ferne hörte.

Die Kutscher steckten, sobald sie das Klirren der Schlüssel vernahmen, rasch die Pfeife in den Stiefelschaft, weil nämlich Tatjana Markowna nichts in der Welt so sehr fürchtete wie eine Feuersbrunst und das Tabakrauchen aus diesem Grunde für eins der schlimmsten Laster hielt.

Die Köche und Küchenmädchen griffen, wenn das Schlüsselklirren sich vernehmen ließ, sogleich nach einem Messer, Kochlöffel oder Besen, und Kirjuscha, der gerade mit Matrjona schäkerte, rannte zum Tor, während diese nach dem Stall eilte und mit Eifer an einem Trog schleppte, noch ehe die alte Dame auf der Bildfläche erschien.

Auch im Hause war das Klirren der Schlüssel jedesmal das Signal zu einer angeregteren Tätigkeit. Maschutka nahm flink die unsaubere Schürze ab und wischte am ersten besten Stück Zeug, ob es das Taschentuch ihrer Herrin oder ein Wischlappen war, die schmutzigen Hände ab. Dann spuckte sie in die Hände, suchte das widerspenstige, trockene Haar an den Schläfen festzukleben und deckte ein sauberes Tischtuch aus feinem Leinen auf den runden Tisch, worauf Wassilissa, eine schweigsame, ernste Person von etwas kränklichem Aussehen, die mit ihrer Herrin etwa in gleichem Alter stand, das silberne Service mit dem dampfenden frischen Kaffee hereinbrachte.

Maschutka zog sich dann in einen Winkel zurück, um sich vor dem prüfenden Auge der Herrin, die sie immer adrett und sauber sehen wollte, in Sicherheit zu bringen. Es wurde Maschutka auch gar zu schwer, sich sauber zu halten. Hatte sie ihre Hände gewaschen, dann hielt sie die Gegenstände lange nicht so sicher fest und ließ jeden Augenblick etwas fallen; ob es der Samowar oder ein wertvolles Service war, es entglitt eben ihren Händen. Auch in sauberen Kleidern fühlte sie sich immer sehr unbehaglich. Wenn sie sich am Sonntag waschen und kämmen mußte und ihre guten Kleider anzog, war ihr, wie sie sagte, so zumute, als sei sie in einen Sack eingenäht. Sie fühlte sich immer nur dann glücklich, wenn sie vom Aufwischen der Fußböden, vom Reinigen der Fenster, der Türen und des Geschirrs so von oben bis unten beschmutzt war, daß man ihr Gesicht nicht wiedererkannte und sie, um sich die Nase oder die Augenbrauen zu reiben, statt der unsauberen Hände die Ellbogen zu Hilfe nehmen mußte.

Im Gegensatz zu ihr war Wassilissa die Akkuratesse selbst, stets ernst und gemessen, immer nur im Flüsterton sprechend und auf dem ganzen Hofe die einzige Person, die sich wirklich sauber hielt. Als ganz junges Mädchen schon war sie als Kammerzofe in den Dienst ihrer Herrin getreten; nie hatte sie sich von ihr getrennt, jedes Ereignis, jede Einzelheit ihres Lebens war ihr bekannt; jetzt hatte sie die Stellung einer Haushälterin und Vertrauten ihrer Herrin inne.

Ihre Unterhaltung war stets sehr einsilbig – die Herrin brauchte Wassilissa fast gar keine Befehle zu erteilen, sie wußte schon von selbst, was zu tun war. Lag etwas Besonderes vor, dann gab ihr die Großtante einfach den »Rat«, das und das zu tun. Eine Untergebene um etwas zu bitten, widersprach ihrer feudalen Auffassung. Ein Lakai, ein Diener, eine Dienerin blieb eben für sie ein Lakai, ein Diener, eine Dienerin, welche Vorzüge auch sonst der oder die Betreffende haben mochte.

Im übrigen nahm nur selten jemand von ihr persönlich Befehle entgegen. In allen häuslichen Angelegenheiten teilte sie ihre Wünsche Wassilissa mit, und in allem, was das Gut betraf, wandte sie sich an den Buchhalter oder den Dorfältesten. Niemand außer Wassilissa wurde von ihr beim vollen Namen genannt, es müßte denn sein, daß jemand einen Namen trug, der sich schon gar nicht abkürzen oder verstümmeln ließ, wie etwa die Namen Ferapont oder Pantelejmon, deren Träger ihren Namen voll zu hören bekamen; den Dorfältesten nannte sie Stepan Wassiljew, alle anderen waren für sie nur Matrjoschka, Maschutka, Jegorka usw. Nannte sie dagegen jemanden beim Vor- und Vatersnamen, dann durfte er sicher sein, daß sich über ihm ein Gewitter zusammenzog:

»Komm doch mal her, Jegor Prochorytsch! Wo hast du denn gestern den ganzen Tag gesteckt?«, oder: »Semjon Wassilitsch – du warst gestern mit der brennenden Pfeife auf dem Heuboden. Nimm dich in acht, Bursche!«

Sie drohte ihm mit dem Finger, und zuweilen stand sie mitten in der Nacht auf und spähte durchs Fenster, ob nicht irgendwo das Glimmen einer Tabakspfeife zu sehen war oder jemand mit der Laterne in die Scheune ging.

Der Gegensatz zwischen den »Leuten« und der Herrschaft war für sie unüberbrückbar. Sie war nur mäßig streng, ja beinahe leutselig und menschenfreundlich, doch alles nur im Sinne des alten Herrentums. Wurde irgendeine Irina oder Matrjona Mutter eines illegitimen Kindes, dann hörte sie den Bericht, der ihr über den Fall erstattet wurde, schweigend, mit der Miene beleidigter Würde an; darauf befahl sie Wassilissa, alles Nötige zu geben, wandte sich verächtlich zur Seite und sagte nur: »Daß mir die abscheuliche Person nicht wieder vor Augen kommt!« Waren Matrjona oder Irina wieder wohlauf, so ließen sie sich vier Wochen lang vor der Herrin nicht sehen, um hierauf wieder an der Bildfläche aufzutauchen, als ob gar nichts vorgefallen wäre; das Kind wurde kurzerhand »ins Dorf« zur Pflege geschickt.

Wurde jemand von den Leuten krank, dann stand Tatjana Markowna selbst mitten in der Nacht auf und schickte Spiritus oder Salbe, oder was sonst nötig war. Am nächsten Morgen jedoch ließ sie ihn ins Krankenhaus bringen, oder sie ließ die »Melancholicha« holen, nie jedoch den Arzt. Dagegen brauchte nur eine ihrer kleinen Großnichten eine belegte Zunge oder einen etwas aufgetriebenen Leib zu haben, und sogleich mußte Kirjuschka oder Wlas auf ungesatteltem Pferde, wie toll mit den Knien und Ellbogen arbeitend, nach der Stadt traben, um den Doktor zu holen.

Die »Melancholicha« war ein altes Weib in der Vorstadt, das mit den einfachsten Mitteln die »Leute« kurierte und ihre Krankheiten im Handumdrehen wegbrachte. Wohl kam es vor, daß ihre Kur den einen für sein ganzes Leben zum Krüppel machte, daß der andere dabei seine Stimme verlor und bis zu seinem Tode nur noch heiser krächzen konnte, daß dieser ohne Auge, jener ohne Kinnlade von ihr zurückkam – aber der Schmerz war doch vorüber, und der glücklich Kurierte konnte wieder seine Arbeit verrichten. Das genügte dem Kranken wie der Quacksalberin, und erst recht natürlich der Herrschaft. Da die Melancholicha ihre Praxis nur unter den Leibeigenen und den kleinen Leuten der Vorstadt ausübte, legte ihr die Medizinalbehörde weiter kein Hindernis in den Weg.

Die Kost, die Tatjana Markowna ihren Leuten gab, war reichlich und nahrhaft – an Kohlsuppe und Grütze wurde nicht gespart, an den Feiertagen gab es Hefepasteten und Hammelfleisch, und zu Weihnachten wurden Gänse und Schweine gebraten. Im übrigen war sie in bezug auf Beköstigung und Kleidung der Leute gegen jeden »Luxus«, höchstens daß sie einmal als besondere Vergünstigung dieser oder jener Bäuerin die Überreste der herrschaftlichen Tafel zukommen ließ. Den Tee oder Kaffee trank zunächst nach der Herrin die Haushälterin Wassilissa, dann kamen die Stubenmädchen und der alte Haushofmeister Jakow an die Reihe. Die Kutscher, die Hofarbeiter und der Dorfälteste bekamen an Festtagen jeder ein Glas Branntwein als besondere Anerkennung ihrer treuen Dienste.

Wenn des Morgens der Kaffee vom Tisch geräumt war, erschien eine stattliche Frau mit auffallend roten Pausbacken und ewig lachendem Mund im Zimmer: die Wärterin der beiden Großnichten Werotschka und Marfinka. Hinter ihr kam ein zwölfjähriges Mädchen, das der Alten zur Hand ging. Sie brachten die Kinder zum Frühstück in das Zimmer der Großtante.

»Nun, meine Vögelchen, wie geht's?« sagte sie und wußte nicht, welches der beiden Kinder sie zuerst küssen sollte. »Nun, Werotschka? Ei, ist das ein artiges Kind, hat sich kämmen lassen!«

»Ich auch, Tantchen, ich auch!« rief Marfinka laut.

»Wovon hat denn Marfinka so rote Äugelchen? Hat sie im Schlafe geweint?« fragte sie besorgt die Kinderfrau. »Oder ist's von der Sonne? Gehen auch die Vorhänge richtig zu? Darum kümmerst du dich natürlich nicht, du Schlafmütze! Ich muß schon selbst mal nachsehen.«

Im Mädchenzimmer saßen noch drei oder vier weitere Mädchen, die den ganzen Tag über eine Näh- oder Stickarbeit gebückt waren; die Großtante litt es nämlich nicht, daß irgend jemand unbeschäftigt dasaß. Im Vorzimmer rekelte sich der nachdenkliche Jakow, der sechzehnjährige Spötter Jegorka und zwei oder drei Lakaien, die dem Hausmeister zur Hilfe beigegeben waren, im übrigen nur wenig zu tun hatten und oftmals wechselten.

Jakow selbst bediente nur bei Tisch, jagte träge mit einem Zweig die Fliegen von den Schüsseln, stellte ebenso träge die frischen Teller hin und brachte nur widerwillig einmal ein Wort über die Lippen. Selbst wenn seine Herrin ihn fragte, antwortete er kaum, als fiele ihm das Leben weiß Gott wie schwer, als drückte irgendeine ungeheure Last auf seine Seele, obschon nichts Derartiges vorlag. Tatjana Markowna hatte ihn nur deshalb zum Haushofmeister gemacht, weil er ein ruhiger Mensch war, nicht rauchte und nur mäßig, das heißt nie bis zur Bewußtlosigkeit, trank; außerdem war er ein eifriger Kirchenbesucher.

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