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Die Schlucht. Erster Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Erster Teil - Kapitel 6
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Erster Teil
booktitleDie Schlucht. Band 1
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid8c69add1
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V

»Nun, wie hast du abgeschnitten?« fragte Raiskij seinen Freund Ajanow, als sie auf der Straße nebeneinander hergingen.

»Fünfundvierzig Rubel habe ich gewonnen. Und was hast du erreicht?«

Raiskij zuckte die Achseln und erzählte ihm den Inhalt seines Gespräches mit Sofja Nikolajewna.

»Auch eine Art, die Zeit totzuschlagen. Macht dir das wirklich Spaß?«

»Spaß machen – was für ein albernes Wort! Nur die Kinder und die Franzosen fragen danach, ob ihnen etwas Spaß macht: s'amuser ...«

»Wie soll man das bezeichnen, was du treibst? Und welchen Zweck hat es?«

»Ich sagte dir schon, welchen Zweck es hat«, versetzte Raiskij gereizt. »Ihre Schönheit begeistert mich und zieht mich an – die Langeweile schwindet – es gewährt mir einen Genuß – verstehst du? Eben kommt mir der Gedanke, sie zu porträtieren. Das wird einen Monat dauern; ich werde Gelegenheit haben, sie genau zu studieren.«

»Verlieb dich nur nicht in sie«, bemerkte Ajanow. »Heiraten willst du sie nicht, wie du sagst – und nur so mit den Leidenschaften spielen, das hat auch seine Gefahr. Du kannst dich dabei leicht verbrennen.«

»Wem sagst du das?« unterbrach ihn Raiskij. »Als ob ich das nicht wüßte! Ich träume doch Tag und Nacht nur davon, mich einmal gehörig zu verbrennen. Sollte ich wirklich einmal so heftig Feuer fangen, daß der Brand nicht zu löschen ist – dann würde ich schließlich auch heiraten. Doch nein ... die Leidenschaften erlöschen bei mir wieder – oder, wenn sie nicht erlöschen, enden sie doch nie mit einer Heirat. Dieser friedliche Hafen existiert für mich nicht. Ich muß entweder Feuer und Flamme sein, oder – schlafen und mich langweilen.«

»Was hast du denn deiner Kusine heute wieder alles erzählt? Sie verglich dich mit Tschazkij: mir kamst du halb wie ein Don Juan und halb wie ein Don Quichotte vor. Seltsam genug benimmst du dich, das muß man sagen! Ich würde mich nicht wundern, wenn du eines schönen Tages die Kutte anziehst und plötzlich zu predigen anfängst.«

»Auch ich würde mich darüber nicht wundern«, sagte Raiskij. »Aber ich brauche nicht die Kutte anzuziehen, wenn ich predigen will – und das will ich aufrichtig und ehrlich, überall, wo ich der Lüge, der Heuchelei und der Niedertracht begegne, mit einem Wort, wo ich die Schönheit vermisse, wenn ich auch selbst mancherlei Häßliches tue. Mein Temperament reagiert auf alles – sowie nur die Nerven angeregt werden, gleich meldet es sich! Weißt du was, Ajanow, ich trage mich seit langem mit einem ernsten Plan: ich will einen Roman schreiben. Ich will diesem Plan meine ganze nächste Zeit widmen.«

Ajanow lachte auf.

»Einen ernsten Plan nennst du das!« sagte er. »Wie kann man einen Roman nur als etwas Ernsthaftes ansehen! Aber tu's nur – schreib, du hast ja sonst nichts weiter zu tun, also schreib Romane!«

»Lach nicht darüber, die Sache verdient keinen Spott! Ein Roman ist nicht wie ein Trauerspiel oder wie eine Komödie. In einem Roman findet alles Platz, er ist wie ein Ozean, er hat keine Ufer, man sieht sie wenigstens nicht; man ist nicht beengt und kann alles darin unterbringen. Weißt du, wer mich auf den Gedanken gebracht hat, ihn zu schreiben? Unsere gemeinsame Bekannte Anna Petrowna – du erinnerst dich ihrer?«

»Die Schauspielerin?«

»Ja, die Sache ist sehr spaßig. Sie ist eine nette, kluge Person und weiß sich im Leben sehr gut zurechtzufinden, wie die meisten Frauen, solange sie in ihrer Sphäre bleiben und nicht aus dem Strom ans Ufer wollen.«

»Nun, also was ist mit ihr?«

»Na, die erzählte mir also, wie sie einmal um ein Stück verlegen war, als ihr Benefizabend herankam. Es gibt bei uns so wenig Dramatiker; alle neuen Arbeiten waren fest vergeben, und eine Übersetzung wollte sie nicht nehmen. Da hatte sie den Einfall, selbst ein Stück zu schreiben.«

»Selbst ist die Frau, wird sie wohl gedacht haben«, witzelte Ajanow.

»Wohl möglich. In ihrer liebenswürdigen Naivität weihte sie mich in ihren Plan ein und setzte ihn mir auseinander. ›In »Geist bringt Kummer« zum Beispiel‹, sagte sie, ›sind die handelnden Personen ganz gewöhnliche Menschen und sprechen über die einfachsten Dinge, und auch das Thema ist durchaus einfach: Tschazkij hat sich verliebt, doch verweigert man ihm die Hand der Auserwählten, die einem anderen zugedacht ist, und wie er davon erfährt, wird er wütend und reist ab. Der Vater ist seinerseits über beide wütend, und sie wiederum über Moltschalin – das ist alles!‹ ... ›Bei Molière‹, sagte sie, ›ist der Geizhals eben geizig, und Tartuffe ein gemeiner Heuchler. Es lohnt wirklich nicht‹, meinte sie, ›sich eine knifflichere, interessantere Intrige zurechtzulegen.‹ Eine Komödie zu schreiben schien ihr, mit einem Wort, eine ebenso unernste Sache wie dir das Romanschreiben. An eine Tragödie wagte sie sich nicht heran; hier schien sie doch ihre Unzulänglichkeit einzusehen. Mit der Komödie machte sie jedoch Ernst und schrieb innerhalb einer Woche zehn Bogen voll. Ich bat sie, mir zu zeigen, was sie geschrieben hätte – nein, um keinen Preis! ›Nun, sind Sie fertig?‹ fragte ich sie nach einiger Zeit. ›So sehr ich mich auch quäle; ich kann das Ende nicht herausarbeiten‹, antwortete sie, ›die Personen reden und reden ohne Aufhören, und da hab ich's schließlich sein lassen.‹ Die Ärmste! Schade, daß sie sich an eine Komödie gemacht hat, die einen Anfang und ein Ende haben muß, in der der Knoten zu schürzen und zu lösen ist. Hätte sie einen Roman geschrieben, dann wäre sicher etwas dabei herausgekommen, und die Sache wäre nicht so in endlosen Redereien verlaufen. Ich will einen Roman schreiben, Ajanow! Im Roman läßt sich das Leben so schildern, wie es ist, im Ganzen wie in seinen Teilen.«

»Welches Leben? Dein eigenes – oder fremdes?« fragte Ajanow. »Du willst uns wohl alle darin abkonterfeien?«

»Hab keine Angst; was vielleicht der Pinsel des Malers fertigbekommt, das läßt sich in den anderen Künsten schwer ausführen. Es kommt alles auf eine lebendige, farbenreiche Darstellung und klare Vorstellungen an; man muß eine lebhafte Phantasie, eine originelle Auffassungsgabe, etwas Humor, etwas Gemüt, etwas Poesie und vor allem viel Aufrichtigkeit und Ausdauer besitzen.«

Er schwieg und ging in Nachdenken versunken neben dem anderen her.

»Schreib immer drauflos«, bemerkte Ajanow, »was dir gerade in den Kopf kommt; irgendwas wird schon dabei herauskommen.«

Raiskij stieß einen Seufzer aus.

»Nein«, sagte er, »eins habe ich bei meiner Aufzählung vergessen: das Talent!«

»Allerdings – wer nicht schreiben und lesen kann, der wird auch keinen Roman schreiben können.«

»Du kannst schreiben und lesen – warum schreibst du ihn also nicht?« fiel ihm Raiskij ins Wort.

»Warum? Weil ich etwas anderes zu tun habe. Ich schreibe vernünftige Dinge.«

»Du prahlst wieder mit deiner Vernunft! Laß die Hand von deiner Schreiberei – das ist, mein ich, das Vernünftigste, was du tun kannst.«

»Und du glaubst, ein Roman wird mir Ersatz schaffen für meine fünftausend Rubel Gehalt nebst freier Wohnung und Feuerung und dem entsprechenden Rang?«

»Schämst du dich nicht, so zu reden? Wann werden wir endlich Menschen sein?«

»Ich bin bereits ein ›Mensch‹ – und zwar seit dem Tage, da mein Gehalt auf zweitausend Rubel gestiegen war. Seit jenem Tage weiß ich auch, daß die Humanisierung der menschlichen Verhältnisse aufs engste mit den wirtschaftlichen Fragen zusammenhängt.«

»Ich weiß, ich weiß – aber warum bringst du deinen zynischen Egoismus so offen zum Ausdruck?«

Ajanow wollte ihm eben mit einer spöttischen Antwort dienen, da fuhr eine Equipage ganz dicht vor ihnen in einen Torweg ein, der Kutscher schrie sie an, und der Faden ihrer Unterhaltung wurde jäh zerrissen.

»Mit der Malerei ist es also wieder einmal nichts?« nahm Ajanow nach einer Weile das Gespräch wieder auf.

»Warum denn nicht? Ich will doch Sofjas Porträt malen! In den nächsten Tagen schon fange ich an. Ich bin in letzter Zeit nicht nach der Akademie gegangen und habe auch sonst wenig mit Künstlern verkehrt. Morgen geh ich jedoch zu Kirilow – du kennst ihn ja?«

»Ich weiß nicht. Ich glaube, ihn einmal gesehen zu haben, so einer mit ungekämmtem Haar.«

»Ja, aber ein tiefer, echter Künstler, wie es heute sonst keine mehr gibt: der letzte Mohikaner! Ich male nur noch Sofjas Porträt und zeige es ihm – und dann will ich meine Kraft an dem Roman versuchen. Ich habe auch früher schon einige Sachen geschrieben, freilich sind es Fragmente geblieben, aber nun gehe ich ernstlich an die Arbeit. Die Sache ist für mich neu; ob's gelingen wird?«

»Hör mal, Raiskij – soweit ich die Sache beurteilen kann, solltest du vor allem Sofja aufgeben und nicht die Malerei – solltest, wenn du Romane schreiben willst, nicht auch darauf aus sein, sie zu erleben. Ich würde dir raten, den Morgen zum Schreiben zu verwenden und am Abend ein Spielchen zu machen, mit kleinem Einsatz, das regt nicht weiter auf.«

»Und gerade die Aufregung ist notwendig, wenn man einen Roman schreiben will. Wenn ich mich aufs Kartenspiel einlasse, dann verspiele ich alles, selbst dein Paletot müßte dran glauben. Auch da gähnt ein jäher Abgrund, ich habe, Gott sei Dank, nie in ihn hineingeschaut, und wenn ich es täte, würde nicht ein Roman, sondern eine Tragödie dabei herauskommen. Im übrigen hat es Hand und Fuß, was du sagtest: Man kann nicht zwei Herren zu gleicher Zeit dienen! Laß mich nur erst diese Geschichte mit Sofja irgendwie zu Ende führen und ihr Bild vollenden, dann will ich, unter dem frischen Eindruck ihrer Schönheit, munter drauflosschreiben. Diesen Stern dort – wie heißt er, weißt du es nicht? – auch ich weiß seinen Namen nicht, und er tut ja auch nichts zur Sache –, jedenfalls rufe ich ihn zum Zeugen dafür an, daß ich eins unbedingt durchführen will, entweder meine Malerei oder den Roman! Ja, den Roman! Sein eigenes Leben so mit dem Leben der anderen zu verschmelzen, und all die Beobachtungen, Gedanken, Erfahrungen, Gefühle und Bilder von Menschen und Dingen in ein Ganzes zu vereinigen – welch eine Aufgabe ... une mer à boire! ein ganzes Meer auszutrinken!«

Sie gingen schweigend weiter. Ajanow pfiff leise vor sich hin, und Raiskij schritt mit geneigtem Kopf daher und dachte bald an Sofja, bald an seinen Roman. An der Straßenkreuzung, wo ihre Wege sich trennten, fragte Raiskij plötzlich: »Wann gehen wir wieder hin?«

»Wohin denn?«

»Nun, zu Sophie.«

»Du denkst schon wieder an sie? Ich dachte, du arbeitest bereits an deinem Roman, und wollte dich nicht stören!«

»Ich sagte dir ja: das Leben – ist ein Roman, und ein Roman – ist ein Leben.«

»Wessen Leben?«

»Aller Menschen Leben, das deinige nicht ausgenommen!«

»Für den Mittwoch haben mich die Tanten wieder zum Spiel eingeladen.«

»Erst am Mittwoch? Nun, was soll man machen – also bis zum Mittwoch!«

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