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Die Schlucht. Erster Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Erster Teil - Kapitel 4
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Erster Teil
booktitleDie Schlucht. Band 1
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid8c69add1
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III

Raiskij und Ajanow mußten eine ganze Reihe von Zimmern passieren, bevor sie endlich in die eigentliche Wohnung, das heißt in die von den beiden Alten und Sofja Nikolajewna bewohnten Räume gelangten.

Als sie in den Salon kamen, ließ der Mops ein heiseres Knurren vernehmen, brachte es jedoch nicht zu einem eigentlichen Bellen und legte sich, nachdem er sich einmal im Kreise herumgedreht hatte, wieder hin.

Anna Wassiljewna nickte ihnen zu, und Nadjeshda Wassiljewna erwiderte ihre Verbeugung mit einem freundlichen Blick, schneuzte sich dann mit Genugtuung und nahm sogleich eine Prise – sie wußte, daß sie nun bestimmt ihre Partie haben würde.

»Ma cousine!« sagte Raiskij, während er der Nichte die Hand reichte.

Sofja Nikolajewna verneigte sich lächelnd und reichte ihm die Hand.

»Klingle doch, Sophie, man soll servieren«, sagte die ältere Tante, als die Gäste am Tisch Platz genommen hatten.

Sofja Nikolajewna erhob sich von ihrem Platz, aber Raiskij kam ihr rasch zuvor und zog die Klingelschnur.

»Sag Nikolai Wassiljewitsch, daß wir uns zu Tisch setzen«, wandte sich die alte Dame mit kühler Würde an den Diener. »Und nun soll endlich aufgetragen werden! Du hast dich heute verspätet, Boris. Es ist bereits ein Viertel nach fünf!« sagte sie in vorwurfsvollem Ton zu Raiskij.

Er stand zu den beiden Alten im verwandtschaftlichen Verhältnis eines Neffen zweiten Grades und war somit ein weitläufiger Vetter von Sofja. Seine Familie, die gleichfalls von alter Herkunft war und dereinst sich großer Wohlhabenheit erfreut hatte, war zu dem Hause der Pachotins mehrfach durch Heiraten in Beziehung getreten. Seine persönliche Bekanntschaft mit diesen Verwandten war jedoch nicht älter als ein Jahr.

Die Schuld daran trug er ganz allein. Die alten Damen hatten, als sie seinen Namen hörten, sich sogleich danach erkundigt, ob er etwa von jenen Raiskijs abstamme, die dann und dann dort und dort gelebt hätten. Er wußte, daß sie Erkundigungen eingezogen hatten, zog es jedoch vor, ihr Interesse für ihn unbeachtet zu lassen, da es ihm wenig verlockend schien, die Bekanntschaft dieser langweiligen und steifen reichen Herrschaften zu machen.

Er selbst war weder langweilig und steif noch reich. Seinem Stammbaum legte er durchaus keinen Wert bei, und über das Alter seines Geschlechts nachzudenken, lag ihm gänzlich fern.

Er war bereits seit seiner Kindheit verwaist und unter der Obhut eines gleichgültigen, unverheirateten Vormunds aufgewachsen, der ihn zunächst einer Verwandten, einer Großtante Raiskijs, zur Erziehung übergeben hatte.

Sie war eine Frau von vortrefflichem Herzen, die aber über ihren Winkel nicht hinaussah und ganz in den häuslichen und wirtschaftlichen Sorgen aufging. In stiller Abgeschiedenheit, von Gärten und Wäldern umgeben, hatte Raiskij die ersten Jugendjahre unter ihrer Aufsicht zugebracht, und als er größer wurde, brachte ihn der Vormund auf ein Gymnasium, wo alle Erinnerungen an den ehemaligen Reichtum der Familie und die verwandtschaftliche Beziehung zu den übrigen vornehmen Geschlechtern des Landes rasch aus dem Gedächtnis des Knaben schwanden.

Die weitere Entwicklung Raiskijs, seine Beschäftigung wie seine ganze Geistesrichtung waren vollends dazu angetan, ihn der alten Zeit mit ihren Überlieferungen zu entfremden.

Er hatte es also, wie gesagt, keineswegs eilig gehabt, seinen Petersburger Verwandten, die von seiner Existenz unterrichtet waren, näherzutreten.

An einem Winterabend jedoch hatte Raiskij Sofja Nikolajewna auf einem Ball gesehen und zweimal mit ihr gesprochen, und fortan war er eifrig bemüht, die nähere Bekanntschaft ihrer Familie zu machen. Am leichtesten war dies durch die Vermittlung ihres Vaters zu bewerkstelligen, und diesen Weg schlug er denn auch tatsächlich ein.

Er war mit einer hübschen Schauspielerin bekannt und wußte sich auf einer ihrer Abendgesellschaften geschickt an den Alten heranzumachen. Er schenkte ihm ein Porträt dieser Schauspielerin, das er selbst gemalt hatte, kam bei dieser Gelegenheit auf seine Familie und die verwandtschaftlichen Beziehungen zu sprechen und hatte bald die Genugtuung, den alten Damen und der Tochter vorgestellt zu werden.

Er wußte die beiden Schwestern ganz zu bezaubern, indem er bald der schüchterne junge Mann war, der bescheiden auf die überlegene Weisheit des Alters lauschte, bald den lebhaften, munteren Gesellschafter spielte. Es dauerte nicht lange, so duzten sie ihn und redeten ihn als »mon neveu« an, wohingegen er Sofja Nikolajewna seine Kusine nennen durfte, im Hause auf vertraulichem Fuße verkehrte und gewisse Rechte genoß, wie sie ein Fremder nicht in hundert Jahren sich erworben hätte.

Er war jedoch damit noch nicht zufrieden, daß er zweimal täglich im Hause vorsprechen, ihnen Bücher und Noten bringen und uneingeladen zum Mittagessen kommen durfte. Er war an die freieren Sitten der neuen Zeit und den ungezwungenen Verkehr mit Frauen gewöhnt, Sofja aber war nur selten mit ihm allein, stets war die eine oder andere der beiden Tanten anwesend, und die Unterhaltung ging kaum jemals über das Gebiet des Alltäglichen und die Erinnerungen der Familie hinaus.

Wandte sich das Gespräch wirklich einmal einer bedeutsamen, tiefer ins Leben eingreifenden Frage zu, so drückten ihm die beiden Alten sogleich mit feierlicher Miene das Siegel ihrer Autorität auf.

Inzwischen empfand Raiskij den lebhaftesten Wunsch, dahinterzukommen, wes Geistes Kind eigentlich diese Sofja Nikolajewna Belowodowa war. Für die Gesellschaft war sie die schöne Frau von guter Erziehung, feinem Ton und vornehmem Hause, aber nicht darauf kam es ihm an. Er wollte vielmehr das Weib in ihr kennenlernen, wollte ergründen und feststellen, was sich unter dieser ruhigen, unbeweglichen Hülle der Schönheit verbarg, die immer gleichmäßig strahlte, nie auf etwas einen jähen, flammenden oder auch nur müden, gelangweilten Blick warf und sich nie ein ungeduldiges, unvorsichtiges oder heftiges Wort entschlüpfen ließ.

Schön aber war sie in der Tat. Es machte nichts aus, daß sie eine Witwe, eine Frau war; auf ihrer offenen milchweißen Stirn und den edlen, ein wenig starken Zügen des Gesichtes lag eine jungfräuliche, fast kindliche Unbekanntschaft mit dem Leben.

Es schien, als habe sie noch nichts davon gehört, daß es Leidenschaften und Kummer in der Welt gibt und ein wildes Spiel der Geschehnisse und Gefühle, das den kindlichen Glanz von den Gesichtern wischt und den Menschen Flüche auf die Lippen legt.

Eine gleichförmige, matte Glut lag in den großen, graublauen Augen. Zuweilen schien es wie ein Gefühl darin aufzuflackern – man konnte nicht sagen, daß sie eine herzlose Frau sei. Es war aber nur ein Gefühl unbestimmten Wohlwollens gegen alles in der Welt – wie es aus den Augen satter, sorgloser Leute strahlt, denen es an nichts mangelt, die keine Not und keinen Kummer kennen.

Sie hatte dunkles, fast schwarzes Haar, und die dichten schweren Flechten im Nacken vermochten die Nadeln kaum festzuhalten. Schultern und Brust waren von üppiger Fülle.

Die Farbe des Gesichts, der Schultern, der Hände war frisch und rein, von blühender, durch Krankheit oder Entbehrungen nicht beeinträchtigter Gesundheit. Die Art, wie sie sich kleidete, machte bei aller Einfachheit einen vornehmen Eindruck. Der Stoff ihrer Kleider war von besonderer Art, und ihre Schuhe waren ganz anders, als man sie sonst trug.

Wie ein herrliches Gemälde, eine schöne Vision war sie an jenem ersten Ballabend Raiskij erschienen.

Das zweite Mal hatte er sie nur von weitem im Theater gesehen, das dritte Mal wieder auf einem Ball, dann auf der Straße – und jedesmal war das Gemälde in seinem Glanz und seinen Farben sich selbst gleichgeblieben.

Vergeblich hatte er sich bemüht, mit eindringlichem Blick in ihren Gedanken, ihrer Seele zu lesen und zu ergründen, was sich eigentlich unter der schönen Hülle verbarg. Er hatte nichts herausgelesen außer dieser unergründlich tiefen Ruhe. Immer noch erschien sie ihm wie ein Gemälde oder eine schöne Museumsstatue.

Man fand allgemein, sie sei das Muster einer vornehm erzogenen Aristokratin, einer Dame comme il faut, und man bedauerte, daß sie noch nicht wieder vermählt war, erwartete jedoch mit Bestimmtheit, daß über kurz oder lang Gott Hymen ihr wieder seine Fesseln anlegen würde.

Im engeren Kreise der Familie, der Tanten, Onkel und sonstigen älteren Verwandten, suchte man eifrig in diesem oder jenem Kavalier, der sich ihr näherte, ihren zukünftigen Gatten zu erraten. Bald erschien irgendein Gesandter auffallend häufig im Hause, bald ein General, der sich irgendwo besonders ausgezeichnet hatte; und einmal war sogar allen Ernstes von einem älteren Herrn aus königlichem Geblüt – einem Ausländer – die Rede. Sie schwieg zu allem und schaute sorglos drein, als ob es sich gar nicht um ihre Person handelte.

Die anderen fanden dieses Verhalten ganz natürlich, ja sogar sehr »sublim«. Nur Raiskij suchte – Gott weiß, aus welchem Grunde – sie aus dieser Reserve herauszulocken und wollte um jeden Preis das Geheimnis ihres Wesens ergründen.

Sie verfolgte seine Anstrengungen mit einem freundlichen Lächeln. Nicht eine Miene ihres Gesichts verriet einen lebhafteren Wunsch, eine Aufwallung, eine tiefere Regung.

Vergeblich forschte er, wenn er mit ihr im Theater saß, in ihrem Gesicht, ob vielleicht ein leidenschaftlicher Schrei oder sonst ein starker Vorgang auf der Bühne sie lebhafter bewegte. Sie verfolgte den Gang der Handlung ohne jede Spur jenes naiven Mitgefühls, jener Spannung, die das übrige Publikum gefesselt hielt. Und auch eine komische Szene, eine lustige Karikatur auf das Leben, die sonst ein allgemeines Lachen beim Publikum hervorrief, entlockte ihr nur ein leichtes Lächeln, das höchstens ein flüchtiger Blick des Einverständnisses zu ihrer Logennachbarin hinüber begleitete.

›Und dabei war sie verheiratet!‹ dachte Raiskij und konnte sich nicht genug wundern.

Bald nachdem er die Bekanntschaft der Pachotins gemacht hatte, führte er seinen Kollegen Ajanow im Hause ein – er sollte den Tanten zweimal in der Woche eine Kartenpartie arrangieren. Er selbst benutzte die Gelegenheit, sich an diesen Spielabenden nach Möglichkeit der Kusine zu nähern und machte – weshalb und warum, wußte er selbst nicht zu sagen – alle nur erdenklichen Anstrengungen, Schritt für Schritt in das Wesen dieser seltsam stillen Schönen einzudringen.

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