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Die Schlucht. Erster Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Erster Teil - Kapitel 15
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Erster Teil
booktitleDie Schlucht. Band 1
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid8c69add1
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XIV

Am festgesetzten Abend trafen Raiskij und Sofja wieder im Wohnzimmer der letzteren zusammen. Sie war bereits angezogen, um ins Theater zu fahren. Der Vater wollte sie nach dem Diner abholen, ließ jedoch immer noch auf sich warten, obwohl es bereits halb acht war.

»Mir geht immer noch unser letztes Gespräch durch den Kopf, Kusine!« sagte Raiskij. »Und Sie? Haben Sie noch darüber nachgedacht?«

»Verzeihen Sie, nein, Cousin! Worüber sprachen wir denn? Ach ja, jetzt weiß ich's: Sie fragten mich nach irgend etwas.«

»Und Sie versprachen mir etwas.«

»Was denn?«

»Sie wollten mir etwas erzählen ... irgendeine Dummheit, eine Kinderei – und dann von Ihrer Ehe ...«

»Das war alles so einfach, Cousin, daß da eigentlich gar nichts zu erzählen ist! Fragen Sie die erste beste verheiratete Frau, zum Beispiel Catherine ...«

»Ach nein, Kusine – alle, nur nicht Catherine! Die kennt nichts als Putz und Spazierfahrten, Spazierfahrten und Putz.«

»Was soll ich Ihnen erzählen? Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll! Paul machte mir durch Vermittlung der Fürstin einen Heiratsantrag, diese sagte es maman, maman sagte es den Tanten, man rief die ganze Verwandtschaft zusammen, machte dann Papa Mitteilung ... wie es eben überall geschieht!«

»Papa kommt natürlich zuletzt dran!« sagte Raiskij lächelnd. »Und wann erfuhren Sie es?«

»Noch am selben Abend. Welche Frage! Sie glauben doch nicht etwa, daß man mich gezwungen hat?«

»Nein, nein, Kusine! Aber das nenne ich nicht erzählen. Fangen Sie, bitte, mit Ihrer Erziehung an! Wie und wo wurden Sie erzogen? Erzählen Sie vor allem jene Dummheit ...«

»Sie wissen ja, daß ich zu Hause erzogen wurde. Mama war sehr streng und ernst, sie scherzte nie, lachte fast nie, liebkoste mich nur selten; alles im Hause gehorchte ihr. Die Kinderfrauen, die Stubenmädchen, die Gouvernanten taten, was sie befahl, und ebenso Papa. Ins Kinderzimmer kam sie nicht, doch ging dort alles wie am Schnürchen, als ob sie selbst anwesend wäre. Als ich sieben Jahre alt war, hatte ich eine Deutsche, Margarete hieß sie, zur Bedienung: sie kämmte mich und zog mich an, dann wurde Miß Dreadson geweckt, und wir gingen zu Mama. Doch bevor wir uns begrüßten, musterte mich Mama sehr eingehend, sah mir prüfend ins Gesicht, drehte mich dreimal um, überzeugte sich, ob alles in Ordnung war, beguckte sogar meine Füße, ließ mich einen Knicks machen, den sie mit kritischem Auge prüfte – und dann erst küßte sie mich auf die Stirn und entließ mich. Nach dem Frühstück machte ich einen Spaziergang oder bei schlechtem Wetter eine Spazierfahrt ...«

»Und nun erzählen Sie, wie Sie gespielt haben und herumgetollt sind!«

»Herumgetollt? Das bin ich nie! Miß Dreadson ging neben mir her und ließ mich nie weiter als drei Schritte von sich fort. Einmal warf ein Knabe einen Ball, der mir zwischen die Füße flog – ich nahm den Ball und lief hin, um ihn dem Knaben zurückzugeben. Miß Dreadson sagte es Mama, und ich durfte nun drei Tage lang nicht meinen Spaziergang machen. Übrigens weiß ich nur wenig aus jener Zeit; soviel ist mir noch in Erinnerung geblieben, daß ich bei einem Tanzmeister Unterricht hatte, der immer rief: ›Chassez en avant, chassez à gauche, tenez-vous droit, pas de grimasses. Nach vorn, nach links, halten Sie sich gerade, machen Sie keine Grimassen.‹ Nach dem Mittagessen durfte ich in dem großen Saal Ball spielen und über das Seil springen, doch nur ganz vorsichtig und leise, daß ich nicht etwa einen Spiegel zerschlage oder zu laut herumspringe. Mama liebte es nicht, wenn ich rote Backen und Ohren hatte, darum durfte ich nie zuviel herumlaufen. Man tadelte auch, daß ich« – sie lächelte bei diesen Worten – »beim Zeichnen und Schreiben, ja sogar beim Tanzen die Zunge heraussteckte – darauf bezog sich das ›pas de grimasses‹, das jeden Augenblick ertönte.«

»Chassez en avant, chassez à gauche und pas de grimasses! Ja, das nenne ich eine vortreffliche Erziehung, ganz wie die Dressur beim Regiment! Nun, und was weiter?«

»Weiter bekam ich dann eine Französin, Madame Clary, aber ... die wurde bald entlassen, ich weiß nicht, aus welchem Grunde. Ich erinnere mich nur, daß Papa sehr lebhaft für sie eintrat, doch Mama wollte nichts von ihr wissen ...«

»Nun, jetzt sehe ich, daß Sie keine Kindheit gehabt haben; das erklärt mir so manches. Was haben Sie sonst noch gelernt?« fragte Raiskij.

»Oh, allerhand: histoire, géographie, calligraphie, orthographie, dann noch Russisch ...«

Hier machte Sofja Nikolajewna eine kleine Pause.

»Nun kommen wir wohl an die Katastrophe, vermute ich, und ihr Held – war der russische Lehrer!« sagte Raiskij. »Das sind unsere jeunes premiers ...«

»Ja. Sie haben es erraten!« versetzte die Belowodowa lächelnd.

»Meine Leistungen waren in allen Gegenständen dieselben – das heißt überall gleich schlecht. In der Geschichte wußte ich nur über das Jahr 1812 Bescheid, weil mon oncle le prince Serge damals als Offizier den Feldzug gegen Napoleon mitgemacht hatte und oft davon erzählte. Ich wußte, daß es einmal eine Katherina II. gegeben hatte, und eine Revolution, die Monsieur de Querney zur Flucht gezwungen hatte; alles übrige, all die Kriege der Griechen und Römer und was man mir von Friedrich dem Großen erzählte, lief in meinem Kopfe wirr durcheinander. In der russischen Stunde jedoch, bei Monsieur Jelnin, lernte ich fast alles, was ich aufbekam.«

»Bis hierher geht alles ausgezeichnet. Was haben Sie sonst noch getrieben?«

»Wir lasen viel. Er las sehr schön vor, brachte Bücher mit.«

»Was für Bücher?«

»Ich hab's schon vergessen ...«

»Nun, was weiter, Kusine?«

»Als ich dann sechzehn Jahre alt war, bekam ich meine besonderen Zimmer. Ma tante Anna Wassiljewna wohnte mit mir zusammen, und Miß Dreadson reiste nach England ab. Ich trieb viel Musik, hatte noch meinen französischen Professor und den russischen Lehrer – es hieß nämlich damals allgemein, man müsse Russisch fast ebenso geläufig können wie Französisch ...«

»Und Monsieur Jelnin war sehr ... sehr ... liebenswürdig und nett ... und comme il faut?« fragte Raiskij.

»Oui, il était tout à fait bien! Ja, er war sehr wohlerzogen!« sagte leicht errötend die Belowodowa. »Ich hatte mich an ihn gewöhnt ... und wenn er einmal die Stunde ausfallen ließ, war ich verdrießlich, und einmal erkrankte er und kam drei Wochen lang gar nicht ...«

»Da waren Sie wohl ganz verzweifelt?« unterbrach sie Raiskij. »Sie weinten, hatten schlaflose Nächte und beteten für ihn? Nicht wahr?«

»Er tat mir leid – und ich bat sogar Papa, er möchte hinschicken und fragen lassen, wie es ihm geht ...«

»Sogar das! Nun, und was sagte Papa?«

»Er fuhr selbst hin, fand ihn als Rekonvaleszenten vor und brachte ihn zum Mittagessen mit in unser Haus. Mama war zuerst sehr ungehalten und machte Papa eine Szene, aber Jelnin war ein so wohlerzogener und bescheidener junger Mann, daß sie sich beruhigte und ihn sogar zu unseren soirées musicales und dansantes Musik- und Tanzabende einlud. Er war recht gewandt im Benehmen, spielte die Violine ...«

»Was weiter?« fragte Raiskij ungeduldig.

»Als Papa ihn damals nach der Krankheit zum erstenmal zu uns brachte, war er blaß und wortkarg ... seine Augen waren so matt. Ich fühlte solches Mitleid mit ihm, und ich fragte ihn bei Tisch, was ihm gefehlt habe? Er sah mich so dankbar, fast zärtlich an. Nach Tisch aber führte mich Mama auf die Seite und erklärte mir, es sei höchst unschicklich, daß ein junges Mädchen sich nach der Gesundheit eines ersten besten jungen Menschen, noch dazu eines Lehrers, erkundige – ›Gott weiß, was an ihm ist!‹ fügte sie hinzu. Ich schämte mich, ging in mein Zimmer und weinte und habe ihn nie wieder nach etwas gefragt ...«

»Da sehen Sie's!« bemerkte Raiskij spöttisch. »Kaum hatten Sie den Olymp verlassen und einen Fuß unter die Menschen gesetzt, so gab es auch schon Strafpredigten!«

»Unterbrechen Sie mich nicht; ich verliere sonst den Faden!« sagte sie. »Jelnin fuhr fort, mit mir zu lesen, und regte mich auch an, selbst etwas zu schreiben, aber Mama wünschte, daß ich mehr den französischen Aufsatz pflegen sollte.«

»Und Jelnin las dann nur noch mit Ihnen?«

»Ja, wir lasen sehr viel, und dann begleitete er mich auch auf der Violine, wenn ich Klavier spielte. Er war so sonderbar, versank bisweilen ganz in Nachdenken und sprach eine halbe Stunde lang kein Wort. Rief ich ihn dann beim Namen, so fuhr er zusammen und sah mich ganz seltsam an ... so, wie auch Sie mich bisweilen ansehen. Oder er setzte sich so dicht zu mir hin, daß er mich erschreckte. Doch konnte ich ihm nicht böse sein ... ich hatte mich an diese Absonderlichkeiten gewöhnt. Einmal legte er seine Hand auf die meinige; es war mir sehr peinlich, aber er bemerkte selbst nicht, was er tat – und ich zog meine Hand nicht fort. Und wie er einmal wegblieb, als wir zusammen üben sollten, empfing ich ihn am nächsten Tage sehr kühl ...«

»Bravo! Und was sagten die Ahnen dazu?«

»Ja, lachen Sie nur, Cousin; es war wirklich zum Lachen!«

»Ich lache nicht, Kusine, ich freue mich; nicht wahr, damals lebten Sie doch, damals waren Sie glücklich und froh – nicht so wie später, wie jetzt?«

»Ja, das ist wahr; ich war ein kleines, dummes Mädchen, und es machte mir Vergnügen, zu sehen, wie er plötzlich verlegen wurde und Angst hatte, mich anzusehen, und wie er mich dann wieder lange, lange anschaute und bisweilen sogar erblaßte. Vielleicht habe ich ein bißchen mit ihm kokettiert, auf kindliche Weise, vor lauter Langerweile. Es war bei uns wirklich manchmal sehr ... langweilig! Aber ich glaube, er war sehr gut und sehr unglücklich; er hatte gar keine Verwandten! Ich nahm sehr viel Anteil an ihm, und ich war sehr vergnügt mit ihm, gewiß! Aber wie teuer mußte ich diese Dummheit bezahlen!«

»Ach – nur rasch, erzählen Sie!« sagte Raiskij.

»An meinem Namenstag fand bei uns ein großer Empfang statt, ich war damals schon in die Gesellschaft eingeführt. Ich hatte eine Beethovensche Sonate einstudiert, die er sehr liebte – dieselbe, die auch Sie so gern hören ...«

»Daher die Vollendung, mit der Sie diese Sonate spielen. Weiter, Kusine, die Sache wird interessant!«

»Man wußte damals in der großen Welt bereits, daß ich die Musik sehr liebte, und man prophezeite mir, ich würde eine erstklassige Künstlerin werden. Früher hatte Mama die Absicht gehabt, mich bei Henselt Unterricht nehmen zu lassen, als sie jedoch diese Elogen hörte, wurde sie anderen Sinnes.«

»Die Weisheit der Ahnen erklärte es für unanständig, eine Künstlerin zu sein!« bemerkte Raiskij.

»Ich erwartete jenen Abend mit Ungeduld«, fuhr Sophie fort, »weil Jelnin nicht wußte, daß ich jene Sonate einstudiert hatte ...«

Sie hielt, ein wenig verwirrt, in ihrer Erzählung inne.

»Ich verstehe!« warf Raiskij ein.

»Die Gäste waren versammelt, die einen sangen, die anderen trugen etwas auf dem Klavier vor, er aber war noch nicht da. Mama fragte mich zweimal, ob ich nicht die Sonate spielen wollte. Ich suchte sie so lange wie möglich hinzuhalten, und endlich befahl sie mir ohne weiteres, zu spielen: j'avais le coeur gros mir war das Herz schwer – und ich setzte mich ans Klavier. Ich glaube wohl, daß ich sehr bleich war, kaum aber hatte ich die Introduktion gespielt, als ich im Spiegel Jelnin erblickte – er stand dicht hinter mir. Man sagte mir später, ich sei feuerrot geworden, doch glaube ich nicht, daß es der Fall war«, fügte sie verschämt hinzu. »Ich war einfach erfreut, ihn zu sehen, weil ich wußte, daß er Musik verstand ...«

»Sprechen Sie nur selbst, Kusine, lassen Sie nicht Ihre Ahnen für sich sprechen!«

»Ich spielte, spielte ...«

»Mit Begeisterung, feurig, leidenschaftlich ...«, soufflierte er ihr.

»Wohl möglich«, sagte sie, »wenigstens schienen alle gefesselt von meinem Spiel und saßen schweigend da, niemand rief ein banales ›charmant!‹ oder ›bravo!‹, und als ich fertig war, erklang rauschender Beifall von allen Seiten, man umringte mich. Aber ich achtete darauf nicht weiter, hörte die Glückwünsche nicht – ich wandte mich, als die Sonate zu Ende war, nur zu ihm. Er streckte mir die Hand entgegen, und ich ...«

Sofja hielt verwirrt inne.

»Nun? Sie stürzten auf ihn zu ...«

»Wieso denn? Nein, ich streckte ihm gleichfalls meine Hand entgegen, und er drückte sie. Und da kann es wohl sein, daß wir beide erröteten ...«

»Weiter nichts?«

»Nein. Ich faßte mich rasch und antwortete auf die anerkennenden Worte und die Glückwünsche, die von allen Seiten ertönten. Und dann wollte ich auf Mama zutreten, doch ich warf nur einen Blick auf sie, und ein Schreck durchfuhr mich. Ich ging zu den Tanten, aber sie machten nur eine ganz flüchtige Bemerkung und ließen mich stehen. Jelnin sah mich aus der Ecke mit solchen Augen an, daß ich in ein anderes Zimmer ging. Mama begab sich, als die Gäste fort waren, in ihr Zimmer, ohne mir gute Nacht zu sagen. Nadjeshda Wassiljewna schüttelte den Kopf, als sie sich von mir verabschiedete, und Anna Wassiljewna hatte Tränen in den Augen ...«

»Jeder Mensch hat seinen Sparren«, bemerkte Raiskij; »diese hier scheinen den Anstandssparren gehabt zu haben. Nun, und am nächsten Morgen?«

»Am nächsten Morgen«, fuhr Sofja mit einem Seufzer fort, »erwartete ich, daß man mich sogleich zu Mama rufen würde, doch wurde ich eine ganze Weile nicht gerufen. Endlich holte mich ma tante Nadjeshda Wassiljewna und sagte trocken, ich solle zu Mama kommen. Ich hatte starkes Herzklopfen und konnte anfangs gar nicht unterscheiden, wer in Mamas Zimmer war und was dort vorging. Es war dunkel im Zimmer, die Stores und Portieren waren heruntergelassen, Mama schien ermüdet; neben ihr saßen die Tanten, mon oncle, prince Serge, und Papa ...«

»Also der ganze Areopag – und dazu die Ahnenbilder an der Wand!«

»Papa stand am Kamin und wärmte sich. Ich sah einen Moment zu ihm hin und dachte, er würde mir einen freundlichen Blick schenken – es wäre mir leichter ums Herz geworden. Aber er war offenbar bemüht, mich nicht anzusehen; der arme Papa fürchtete sich vor Mama, ich sah jedoch, daß ich ihm leid tat. Er biß sich ständig auf die Lippen: Sie wissen, daß er das immer tut, wenn er erregt ist.«

»Und was taten nun die anderen?«

»›Beantworten Sie mir eine Frage: Wer sind Sie und was sind Sie?‹ begann Mama leise. – ›Ich bin Ihre Tochter‹, antwortete ich kaum hörbar. – ›Es scheint nicht der Fall zu sein. Wie benehmen Sie sich!‹ – Ich schwieg – was hätte ich ihr auch antworten sollen?«

»O Gott! Darauf sollte es keine Antwort geben?« entfuhr es Raiskij.

»›Was für eine Szene haben Sie da gestern zum besten gegeben: War das eine Komödie oder ein Drama? Und wer ist denn der Verfasser – Sie selbst oder dieser Lehrer, dieser ... Monsieur Jelnin?‹ – ›Ich habe keine Szene gespielt, maman‹, brach es aus mir hervor ... und es war mir dabei so beklommen zumute. – ›Um so schlimmer‹, sagte sie, ›il y a donc du sentiment là dedans? es war doch Gefühl darin? Hören Sie doch, was Ihre Tochter sagt‹, wandte sie sich an Papa, ›wie gefällt Ihnen dieses Geständnis?‹ Der arme Papa war noch verwirrter und schaute noch kläglicher drein als ich selbst; ich wußte, daß er allein mir nicht zürnte, ich hätte am liebsten vor Scham in jenem Augenblick sterben mögen. ›Wissen Sie, wer dieser Lehrer ist?‹ fuhr Mama fort. ›Fürst Serge hat sich nach ihm erkundigt. Er ist der Sohn irgendeines Arztes, läuft als Privatlehrer in der Stadt herum, schreibt Gedichte, besorgt für Geld die französische Korrespondenz russischer Geschäftsleute und lebt davon ...‹ – ›Welche Schmach!‹ rief ma tante voll Abscheu. – Ich hörte nichts weiter, denn eine Ohnmacht überkam mich. Als ich wieder meine Besinnung erlangt hatte, saßen beide Tanten neben mir, während Papa mit der Riechflasche daneben stand. Mama war nicht im Zimmer, vierzehn Tage lang bekam ich sie überhaupt nicht zu Gesicht. Als sie sich dann wieder sehen ließ, bat ich sie unter Tränen um Verzeihung. Mama sagte mir, wie entsetzt sie über jene Szene gewesen sei, sie wäre fast krank geworden vor Aufregung, und das Schlimmste sei gewesen, daß Kusine Neljubowa alles gesehen und den Michailows weitererzählt habe, und diese hätten ihr Vorwürfe gemacht, sie beaufsichtige mich nicht genug und gewähre Gott weiß wem Zutritt zum Hause. – ›Und das habe ich alles nur dir zu verdanken!‹ schloß Mama ihre Vorhaltungen. Ich bat sie nochmals, mir zu verzeihen und diese Dummheit zu vergessen, und gab ihr mein Wort darauf, daß ich ihr in Zukunft keinen Anlaß zum Tadel geben würde.«

Raiskij lachte laut auf.

»Ich dachte Gott weiß was für ein Drama noch kommen würde!« sagte er. »Und Sie erzählen mir die Geschichte eines sechsjährigen Mädchens! Ich hoffe, Kusine, wenn Sie mal eine Tochter haben sollten, dann werden Sie anders handeln ...«

»Wie denn – meinen Sie, ich würde meine Tochter einem Lehrer zur Frau geben?« sagte sie. »Das können Sie doch unmöglich im Ernst annehmen!«

»Warum nicht – wenn er ein anständiger Mensch ist und gut erzogen?«

»Niemand weiß, ob Jelnin ein anständiger Mensch war; im Gegenteil, ma tante und Mama sagten, er habe schlechte Absichten gehabt, er habe mir den Kopf verdrehen wollen ... aus Eitelkeit, weil er es nicht wagte, mir mit ernsten Absichten zu nahen ...«

»Nein!« rief Raiskij leidenschaftlich aus. »Man hat Sie betrogen. Wenn Ihre Stutzer, Ihre Cousins, ein prince Pierre, ein comte Serge einem jungen Mädchen den Kopf verdrehen wollen, dann werden sie nicht blaß und rot – sie sind es, die böse Absichten haben! Jelnin aber hatte gar keine Absichten, er liebte Sie aufrichtig, wie ich aus Ihren Worten ersehe. Und diese Herren da« – er zeigte, ohne sich umzudrehen, mit dem Finger auf die Porträts an der Wand – »die heiraten Sie par convenance aus Standesrücksichten, und dann betrügen sie Sie mit der ersten besten Tänzerin ...«

»Cousin!« rief Sofja ernst, fast erschrocken.

»Sie wissen doch das alles selbst, Kusine ...«

»Was sollte ich denn sonst tun? Sollte ich Mama sagen, daß ich Monsieur Jelnin heiraten wolle?«

»Ja – Sie hätten in Ohnmacht fallen sollen, nicht aus dem Grunde, aus dem es geschah, sondern weil man es wagte, sich in Ihre Herzensangelegenheiten einzumischen! Sie hätten aus dem Hause gehen und seine Frau werden sollen. Er schriftstellert, korrespondiert, gibt Stunden, nimmt Geld dafür und lebt davon – welche Schmach in der Tat! Und jene da« – er zeigte wieder auf die Ahnen – »nahmen Geld, schrieben keine Verse und lebten immer nur von fremder Arbeit – das ist ehrenhaft! Was ist denn schließlich aus Jelnin geworden?«

»Ich weiß es nicht«, sagte sie gleichgültig. »Man verbot ihm das Haus, und ich habe ihn nie wieder gesehen.«

»Und Sie hatten auch kein Interesse weiter für ihn?«

»Nein ...«

»Das wahre, wirkliche Leben, das Glück stand von Angesicht zu Angesicht vor Ihnen – und Sie haben es von sich gestoßen! Warum? Aus welchem Grunde?«

»Sie wissen doch, Cousin, daß ich verheiratet war, daß ich ein glückliches Leben geführt habe ...«

»Mit ihm?« fragte er und warf einen Blick auf das Porträt ihres Gatten.

»Ja, mit ihm!« sagte sie und sah das Porträt zärtlich an.

»Und wie wurden Sie denn nun seine Frau?«

»Sehr einfach. Er war soeben aus dem Ausland gekommen, machte bei uns Besuch, erzählte von dem Leben in Paris, sprach von der Königin, von den Prinzessinnen, war einigemal bei uns zum Diner und bat dann durch die Fürstin um meine Hand.«

»Und als Sie nun einwilligten und zum erstenmal mit ihm allein waren ... was sagte er da?«

»Nichts!« sprach sie und lächelte ein wenig erstaunt.

»Aber er sagte Ihnen doch sicherlich, weshalb er sich um Ihre Hand beworben hätte, was ihn zu Ihnen hingezogen hätte ... daß es für ihn nichts Schöneres, Herrlicheres auf der ganzen Welt gäbe ...«

»Und daß er nicht Worte genug finden könne, um mich zu verherrlichen, daß er jedoch fürchte, sentimental zu werden ...«, fügte sie spöttisch hinzu.

»Na also – was tat er denn dann?«

»Dann setzte er sich an den Kartentisch, während ich mich für das Theater anzog; er war nämlich an diesem Abend mit in unserer Loge. Nun, und am nächsten Tage fand dann die feierliche Verlobung statt.«

»Ein sehr einfacher Verlauf in der Tat«, bemerkte Raiskij. »Und später, nach der Hochzeit?«

»Nach der Hochzeit fuhren wir ins Ausland.«

»Ah, endlich! Sie waren nun nicht mehr in der großen Welt, nicht mehr im Bannkreis der Ahnen! Irgendwohin nach Italien ging es, in die Schweiz, an den Rhein, in einen stillen Winkel, in dem das Herz zu seinem Rechte kam ...«

»Nein, nein, Cousin – wir fuhren nach Paris. Mein Mann wurde mit einer Mission dorthin betraut, und er stellte mich bei Hofe vor.«

»Himmel!« rief Raiskij aus. »Das hatte noch gefehlt!«

»Ich war sehr glücklich«, sagte die Belowodowa, und ihr Lächeln wie ihr Blick bestätigten, daß sie mit Genugtuung auf die Vergangenheit zurückblickte. »Ja, Cousin, als ich das erstemal zum Ball in den Tuilerien erschien und in den Kreis geführt wurde, in dem sich der König, die Königin und die Prinzen befanden ...«

»Da tönte ein lautes ›Ach‹ von allen Lippen!« sagte Raiskij.

Sie nickte mit dem Kopf und seufzte dann, als ob sie bedauerte, daß diese schönen Tage entschwunden waren.

»Wir hielten in Paris offenes Haus; dann fuhren wir ins Bad; mein Mann gab Bälle und Bankette, von denen in den Zeitungen berichtet wurde.«

»Und Sie waren glücklich?«

»Ja«, sagte sie, »ich war glücklich. Ich sah nie eine unzufriedene Miene bei Paul, hörte nie ...«

»Ein herzliches, zärtliches Wort, erlebte nie einen Augenblick leidenschaftlicher, inniger Hingabe ...«

Sie schüttelte nachdenklich und verneinend den Kopf.

»Nie wurde mir ein Wunsch, nie auch nur eine Laune versagt ...«, fügte sie hinzu.

»Hatten Sie denn überhaupt jemals Launen?«

»O ja, in Wien hatte Paul schon ein Hotel für uns gemietet, und als wir ankamen, gefiel es mir nicht, und ...«

»Er mietete ein anderes Hotel – wie großmütig!«

»Welche Aufmerksamkeit, welche Rücksicht und Feinfühligkeit in jedem seiner Worte ...«, sagte sie.

»Nun, das wäre auch; Sie waren doch eine Pachotina!«

»Ja, ich war glücklich«, sagte sie in entschiedenem Ton, »und ich werde nie wieder so glücklich sein!«

»Gott helfe mir – Amen!« fügte er hinzu. »Auch der Kanarienvogel ist in seinem Bauer glücklich, und er singt sogar; aber sein Glück ist eben das Glück des Kanarienvogels, und kein Menschenglück. Nein, Kusine, man hat in Ihnen systematisch und auf höchst raffinierte Weise alle Freiheit des Denkens und Fühlens unterdrückt! Sie sind nur eine schöne Gefangene in diesem Serail der großen Welt, Sie müssen innerlich erfrieren in dieser dumpfen Unbewußtheit, in der Sie gehalten werden.«

»Und ich will diese Unbewußtheit nicht gegen Ihr gefährliches Wissen vertauschen ...«

»Ganz wie der Kanarienvogel, der sich an seinen Käfig gewöhnt hat. Wenn man ihn öffnet, fliegt er nicht davon, sondern flüchtet sich ängstlich in eine Ecke. Sie gleichen ihm ganz und gar! Erwachen Sie aus Ihrem Schlummer, Kusine, lassen Sie alle Ihre Catherinen laufen, verzichten Sie auf diese Ausfahrten und lernen Sie das andere Leben kennen! Und wenn Ihr Herz nach der Freiheit verlangt, dann fragen Sie nicht, was die Kusine sagt ...«

»Sondern was der Cousin sagt, nicht wahr?«

»Ja, denken Sie an Ihren Cousin Raiskij und tauchen Sie getrost unter in dieses Leben voll Leidenschaft, in dieses Ihnen unbekannte Land ...«

»Aber warum durchaus die Leidenschaft?« warf sie ein. »Liegt denn in ihr das Glück?«

»Warum gibt es Gewitter in der Natur? Und die Leidenschaft – ist das Gewitter des menschlichen Lebens ... Oh, wenn Sie doch einmal solch ein gewaltiges Gewitter kennenlernten!« sagte er ganz hingerissen und versank in Nachdenken.

»Sehen Sie, Cousin; alle anderen außer Ihnen warnen mich vor der Leidenschaft, und Sie wollen mich mit Gewalt hineinstoßen, damit ich dann mein ganzes Leben lang Reue empfinde ...«

»Nein, nicht Reue wird der Leidenschaft folgen; sie wird die Luft rings um Sie reinigen, wird die Miasmen, die Vorurteile in die Flucht jagen und Sie Ihr wahres Leben genießen lehren. Sie werden nicht sinken, Sie sind zu klar, zu rein dazu; das Laster kann Ihnen nichts anhaben. Die Leidenschaft wird Sie nicht erniedrigen, sondern im Gegenteil hoch emporheben. Sie werden zwischen Gut und Böse unterscheiden lernen, Sie werden das Glück in vollen Zügen genießen und dann in köstlichem Erinnern leben, das nichts gemein haben wird mit diesem schläfrigen, stillen Hinbrüten, in dem Sie jetzt Ihre Zeit verbringen. Sie werden die Ruhe haben, den Frieden – aber das Bewußtsein des Glücks wird in diesem Frieden pulsieren; Sie werden hundertmal schöner sein als jetzt, werden voll Zärtlichkeit, voll stiller Melancholie sein, die Tiefe Ihres eigenen Herzens wird sich Ihnen erschließen, und die ganze Welt wird Ihnen dann zu Füßen fallen, wie ich es jetzt tue ...« Er wollte in der Tat vor ihr niederknien, aber sie machte eine erschreckte Bewegung, und er hielt inne.

»Und wenn Sie mir dann begegnen, vielleicht ermattet vor Schmerz und Gram, aber auch reich an Erfahrung und Glück, dann werden Sie sagen, daß Sie nicht umsonst gelebt haben, und werden Ihre Unkenntnis des Lebens nicht als Entschuldigung anführen können! Und dann werden Sie auch dort hinausschauen wollen, auf die Straße, werden in Erfahrung zu bringen suchen, was Ihre Bauern treiben, werden sie ausreichend ernähren, sie belehren, ihre Leiden lindern wollen ...«

Sie hörte nachdenklich zu. Zweifel, Bedenken, Erinnerungen huschten über ihr Gesicht.

»Nicht alle Männer sind so wie Belowodow«, fuhr er fort. »Vielleicht finden Sie einen Freund, der seinem Herzen und seiner Zunge nicht so Zwang anzutun weiß, und wenn Sie dann etwa in der sommerlichen Einsamkeit eines finnischen Dorfes die Stimme des Herzens vernommen haben, werden Sie erschrecken vor dieser Welt, in der Sie bis jetzt gelebt haben. Paris und Wien werden verblassen vor jenem Dörfchen. Fort mit dem prince Pierre, dem comte Serge, mit den Tanten, mit diesen Ahnenbildern, diesen Draperien – alles das ist dem Glück nur hinderlich. Ihr Portier und Ihre Lakaien, Ihre Pascha und Dascha, Ihre Spazierfahrten werden Ihnen zuwider sein. Es wird Ihnen sein, als sollten Sie ersticken hier in diesem Leben, öde und langweilig wird es Ihnen scheinen ohne den, den Sie lieben, der Sie zu leben lehrt. Wenn er erscheint, werden Sie in Verwirrung geraten, Sie werden erbeben, erröten, erblassen beim Klang seiner Stimme; wenn er geht, wird Ihr Herz aufschreien und ihm nachstürzen wollen, und in banger Erwartung wird es sich härmen und dem Morgen, dem Übermorgen entgegenschauen. Sie werden nicht essen, nicht schlafen, werden die Nacht ohne Schlummer, ohne Ruhe hier in diesem Sessel verbringen. Und wenn Sie ihn dann morgen sehen, oder auch nur die Hoffnung haben, ihn zu sehen, dann werden Sie frischer sein als diese Blume da, Sie werden glücklich sein, und auch er wird unter Ihren strahlenden Blicken das Glück empfinden. Und nicht er allein, sondern auch jeder dritte, der Sie in diesem Glorienschein des Glückes, der Schönheit sehen wird ...«

»Was ist das nur?« sagte sie und sah unruhig nach der Zimmertür. »Es scheint, daß Papa nicht kommt?« Und ganz leise fügte sie nach kurzer Weile hinzu: »Was Sie da eben sagten, ist ganz unmöglich.«

»Warum?« fragte er und sah sie dabei durchdringend an. Seine Phantasie war aufs lebhafteste erregt. Unwillkürlich, ganz unbewußt hatte er sich selbst an die Stelle des Helden, der ihm vorschwebte, gesetzt; er sah sie an, bald herausfordernd kühn, bald wie in tiefem Sinnen, als ob er sich selbst vor ihr auf den Knien sähe, mit glühendem Gesicht. Und sein Gesicht war wirklich wie in Flammen getaucht; sie sah ihn das eine und andere Mal an, wandte dann aber ihr Auge nicht mehr nach ihm hin, als hätte sie Angst, ihn anzuschauen.

»Warum unmöglich?« wiederholte er.

»Ich bin doch – ein Kanarienvogel!« versetzte sie.

»Oh, dann wird diese Portiere hier sich öffnen, und Sie werden hinausflattern aus dem Käfig; dann werden Sie die Tanten und diese verblichenen Herren hier hassen, und jenes Porträt« – er zeigte auf das Bildnis ihres Mannes – »werden Sie nur noch mit einem feindseligen Gefühl ansehen können.«

»Ach, Cousin!« fiel sie ihm vorwurfsvoll ins Wort.

»Ja, Kusine, Sie werden jede Minute für verloren halten, die Sie so wie bisher verbracht haben. Ihr Auge wird nicht mehr diesen vornehm kühlen, stolzen Ausdruck haben, es wird so sanft, so nachdenklich blicken, Sie werden auch nicht mehr dieses steife, elegante Kleid tragen ... unwillig werden Sie dieses massive Armband ablegen und das Kreuz auf Ihrer Brust wird nicht so ruhig und symmetrisch daliegen. Erst wenn Sie mit den Ahnen und Tanten abgerechnet und den Rubikon überschritten haben – erst dann wird für Sie das wahre Leben beginnen. Ihre Stunden, Tage, Nächte werden unmerklich dahinfließen ...« Er setzte sich ganz dicht neben sie, und sie bemerkte es nicht, so tief war sie in Gedanken versunken.

»Sie werden nicht merken, wie sie Ihnen entschwinden«, flüsterte er, »Sie werden nur schwelgen und genießen, werden den Gedanken an ihn nimmer loswerden – träumen werden Sie von ihm im Schlafen und Wachen ...«

Er nahm ihre Hand, und sie fuhr zusammen.

»Wenn Sie allein zu Hause weilen, werden Sie plötzlich in Tränen ausbrechen vor Glück; unsichtbar wird jemand in Ihrer Nähe weilen und auf Sie schauen. Und wenn in diesem Augenblick er selbst erscheint, werden Sie aufschreien vor Freude, werden aufspringen und ... und ... sich an seine Brust werfen ...«

Beide erhoben sich plötzlich.

»Und Sie werden ihm alles ... alles geben!« flüsterte er, während er ihre Hand hielt.

»Assez, cousin, assez!« sagte sie voll Erregung und Ungeduld und entzog ihm fast ärgerlich ihre Hand.

»Und Sie werden bedauern«, flüsterte er weiter, »daß Sie ihm nichts weiter geben, nicht noch ein größeres Opfer bringen können! Sie werden auf die Straße hinauseilen, in finsterer Nacht, allein ...«

»Mon Dieu, mon Dieu! Mein Gott, mein Gott!« rief sie und blickte nach der Tür. »Was reden Sie da? Sie wissen doch selbst, daß dies unmöglich ist!«

»Alles ist möglich«, flüsterte er. »Sie werden vor ihm niederknien, werden Ihre Lippen leidenschaftlich auf seine Hand pressen, werden weinen vor Glück und Lust ...«

Sie nahm in dem Sessel Platz, warf den Kopf zurück und seufzte schwer.

»Je vous demande une grâce, cousin Ich bitte Sie flehentlich, Cousin«, sagte sie.

»Sprechen Sie! Befehlen Sie!« rief er ganz begeistert.

»Laissez moi! Lassen Sie mich!«

Er ging zur Tür und sah nach ihr zurück. Sie saß unbeweglich da; nichts weiter war in ihrem Gesicht zu lesen, als nur der ungeduldige Wunsch, daß er gehen möchte. Kaum hatte er das Zimmer verlassen, als sie sich erhob, aus der Karaffe ein Glas Wasser eingoß, es langsam austrank und dann die bereits angespannten Pferde abzuschirren befahl. Nun setzte sie sich wieder in den Sessel und saß in tiefem Nachdenken da, ohne sich zu rühren.

Wenige Minuten darauf ließen sich Schritte vernehmen, und die Portiere öffnete sich. Sofja fuhr zusammen, blickte flüchtig in den Spiegel und stand auf. Der Vater trat ein und mit ihm ein Gast, ein Herr in mittleren Jahren, hochgewachsen, brünett, mit melancholischem Gesicht. Es war keine russische Physiognomie. Der Vater stellte ihn Sofja Nikolajewna vor.

»Graf Milari, ma chère amie meine liebe Freundin«, sagte er, »grand musicien et le plus aimable garçon du monde ausgezeichneter Musiker und der liebenswürdigste junge Mann der Welt. Er ist seit vierzehn Tagen in Petersburg – du hast ihn ja damals bei der Fürstin, auf dem Ball, gesehen? Verzeih, meine Liebe, ich war beim Grafen, und er ließ mich nicht fort – ich konnte dich nicht zum Theater abholen ...«

»Ich habe schon ausspannen lassen, Papa; ich habe keine Lust, heut hinzufahren«, antwortete sie.

Sofja bat den Gast, Platz zu nehmen. Sie begannen sich über Musik zu unterhalten, und Nikolai Wassiljewitsch ging, sich auf die Lippen beißend, in den Salon.

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