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Die Schlucht. Erster Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Erster Teil - Kapitel 14
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Erster Teil
booktitleDie Schlucht. Band 1
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid8c69add1
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XIII

In Petersburg trat Raiskij als Junker in ein Garderegiment ein. Er ritt begeistert in der Front mit, war ganz Feuer und Flamme, fühlte beim Klang der Regimentsmusik, wie es ihm gleich Ameisen über den Rücken lief, reckte sich, klirrte mit Säbel und Sporen, sobald er einem General begegnete. Und des Abends fuhr er dann in Gesellschaft unternehmender Kameraden mit der Troika in die Umgebung der Stadt zu irgendeinem lustigen Picknick, oder nahm bei den russischen und ausländischen »Armiden« der Hauptstadt, in jenem Zauberreiche, das »den Glauben an alles Bessere« erstickt, Unterricht in der Kunst des Lebens und Liebens.

Hier erlosch denn auch in ihm fast gänzlich aller Glaube an Ehre und Redlichkeit wie an den Menschen überhaupt. Ohne es zu wollen, ja oft wider Willen, lernte er die Geheimnisse dieser »Wunderwelt« kennen, und seine empfängliche Natur sog, begierig wie ein Schwamm, alle auf ihn einstürmenden Eindrücke auf.

Die Frauen dieser Welt erschienen ihm als ein ganz besonderer Menschenschlag. Wie der Dampf und die Maschine die lebendige Kraft der menschlichen Hand ersetzt haben, so hatte hier der umfangreiche Mechanismus eines scheinbaren Lebens, einer scheinbaren Leidenschaft das natürliche Leben und die natürlichen Leidenschaften ersetzt. Diese Welt kannte keine wahre Neigung, keine Kinder, keine Wiegen, keine Brüder und Schwestern, keine Gatten und Gattinnen, sondern nur Männer und Frauen.

Unter den Männern gab es solche, die mitten aus ihren Arbeiten und Sorgen heraus, nicht selten unter Verzicht auf die behagliche Wärme, die stillen Sympathien der Familie, sich in diese Welt der jederzeit lauernden Romane und Dramen wie in eine Spielhölle stürzten und in dem Dunst erlogener Gefühle und teuer bezahlter Zärtlichkeiten sich zu berauschen suchten. Andere wurden durch ihr jugendliches Feuer und ihre Unerfahrenheit in dieses Reich erheuchelter Liebe mit all ihren raffinierten Künsten hineingetrieben, wie der Gastronom durch die erlesenen Schüsseln eines Pariser Kochs vom schlichten häuslichen Mahl hinweggelockt wird.

Alles in diesem Reich läuft auf Berechnung hinaus: Luxus, Ehrgeiz, Eitelkeit sind die Motive, die dort wirksam sind, nie darf das Herz sprechen, nie werden die Gefühle gefragt. Die Schönen dieses Zauberreiches bringen alles der Berechnung zum Opfer, selbst ihre Leidenschaft, ihr Temperament, wenn die Situation und die Rolle, die sie zu spielen haben, es erfordern.

Sie sind nicht als Opfer ihrer sozialen Lage anzusehen wie jene unglücklichen Geschöpfe, die für ein Stück Brot, für das bißchen Kleidung und Obdach sich der tierischen Begierde hingeben. Nein, dort gibt es Priesterinnen der starken, wenn auch künstlich hervorgerufenen Leidenschaften, feine Spielerinnen, die mit dem Leben und der Liebe spielen wie die Kartenspieler mit den Karten.

Dort gibt es keine ernsteren Ziele, keine solideren Absichten und Hoffnungen. Fern liegt der Gedanke an den stillen Hafen in diesem sturmgepeitschten Meer. Die Priesterin dieses Kults, die »Mutter der Wollust«, will nicht wie der echte, leidenschaftliche Spieler einen großen Schlag machen und dann für immer den Spieltisch verlassen, um in einem stillen Winkel ein neues Leben zu beginnen.

Würde solch eine gut veranlagte Natur sich in diesen Kreis verirren, dann würde sie entweder ihren Charakter oder ihren Reiz bald verlieren; sie müßte entweder bald ihren besseren Absichten entsagen oder sie sähe sich rasch von ihren Verehrern verlassen, wenn sie den freien Sitten und Anschauungen dieser Welt nicht huldigen wollte.

Ihr Leben wird ein ewiges Spiel mit der Leidenschaft, und das Ziel dieses Lebens ist der unbegrenzte Sinnengenuß, der zur Gewohnheit wird und Ermüdung und Übersättigung herbeiführt. Das einzige Schreckbild aber, vor dem diese Schönen zittern, ist, daß sie altern und überflüssig werden.

Nichts fürchtet die Priesterin dieses Kults mehr als das. Im Spiel der Leidenschaft nimmt sie alle nur erdenklichen Gestalten, Charaktere und Formen an, wie ihre Rolle sie gerade verlangt – doch immer sind sie nur geliehen wie die Kostüme für eine Maskerade. Sie ist schüchtern und bescheiden, oder stolz und unzugänglich, oder zärtlich und anschmiegsam, wie der Augenblick es erfordert.

Legt sie die Maske ab, dann ist sie oft bösartig, gefühllos, ja selbst grausam. Vor nichts schreckt sie zurück, und nicht einen Augenblick trägt sie Bedenken, aus Rachsucht oder rein zu ihrer Unterhaltung das Familienglück, die Ruhe eines Menschen zu zerstören, von seinem finanziellen Ruin nicht zu reden; denn die Männer zu ruinieren ist ja eben ihr – Beruf.

Unbegrenzter Luxus muß sie umgeben. Keiner ihrer Wünsche darf unerfüllt bleiben. Ihre Wohnung ist wie ein Tempel – ein Tempel freilich, der einer Ausstellung von Möbeln und teuren Nippsachen gleicht. Nicht der Geschmack der Besitzerin, sondern der des Möbelhändlers und Tapezierers kommt darin zur Geltung. Es fehlt der Stempel des verfeinerten, künstlerisch geläuterten Empfindens, das in dieser Welt nicht zur Geltung zu kommen vermöchte. Das kostbare Service, die teure Equipage, Pferde, Lakaien, Kammerzofen, die wie Balletteusen gekleidet gehen, sind hier der Maßstab für Vornehmheit und Geschmack.

Ein teures Gemälde, eine kostbare Statue, die sich zufällig einmal hierher verirren, werden nicht nach dem Kunstwert, sondern nach dem Preise, der für sie bezahlt worden ist, beurteilt. Keinen Gastgeber, keine Hausfrau, keine Kinder, keine alten, treuen Diener gibt es in dem Quartier solch einer Göttin der Lust.

Sie lebt wie auf einer Wegstation, immer auf dem Sprunge, jeden Augenblick zur Abfahrt bereit. Sie hat keine Freunde, weder unter den Männern noch unter den Frauen, sondern nur Bekannte, diese freilich in großer Menge.

Das Leben einer Schönen dieser Welt, dieses »Lumpenkönigreichs«, wie Raiskij es nannte, gleicht einem bunten Kaleidoskop: Besuche in ihrem Kreise, Theatervorstellungen, Spazierfahrten, wahnsinnig teure Dejeuners, Diners, die bis zum frühen Morgen, und nächtliche Orgien, die bis zum Mittag des nächsten Tages andauern, reihen sich aneinander, und die einzige Sorge ist, daß kein Stillstand in dem ewigen Wechsel eintrete.

Ein Tag, der nicht voll besetzt ist, ein Abend, an dem es keinen Trubel, keine Ausfahrt, kein Theater, keine lustige Schmauserei gibt, gilt als etwas Entsetzliches. Solch ein Tag kann zum Nachdenken bringen, kann allerhand peinliche Fragen anregen, kann die bessere Empfindung, das Gewissen, das Gespenst der Zukunft wecken ...

Voll Angst wehrt sie das ungewohnte Gefühl von sich ab, mit Gewalt verscheucht sie die auftauchenden Fragen. Nur selten, und nur bei wenigen, treten solche Momente ein. Ihr Denken schlummert zumeist, ihr Herz ist kalt und gefühllos, ihr Wissen auf ein Mindestmaß beschränkt. Brillanten – das einzige Echte an ihr – und sonstigen Schmuck möglichst über den Bedarf von ihren Verehrern kaufen zu lassen und dadurch die Juweliere reich zu machen – das ist das einzige Ziel ihres Ehrgeizes.

Und ein anderer wichtiger Punkt ist das Reisen: in Paris die Gräfin zu spielen, irgendwo in Italien einen Palast zu bewohnen, die eigene Schönheit und das Gold im Beutel glänzen zu lassen, unterwegs die eine und andere Eroberung zu machen, Männer von Rang und Reichtum natürlich – ja, das ist ihnen ein herrliches Ziel!

Das Ideal des Mannes ist ihnen vor allem der homme généreux libéral großzügige, freigebige Mensch, der mit Eleganz das Geld zum Fenster hinauswirft; dann kommt der comte, der prince usw. Von Geist, Ehre, Sittlichkeit hat diese Welt ihre ganz besonderen Vorstellungen. Sparsamkeit, Zurückhaltung, Ordnungsliebe gelten hier als sittliche Gebrechen eines Mannes. Wer mit diesen Eigenschaften behaftet ist, wird als Auswurf der Menschheit angesehen.

Während Raiskij als junger Offizier und dann später als junger Beamter sich in der Welt der Petersburger »goldenen Jugend« bewegte, kam er oft genug in die Lage, dieser Welt der Schönen seinen reichlichen Tribut zu zollen, und als er aus diesen Kreisen schied, geschah es mit einem Gefühl tiefer Trauer und mit reichen Erfahrungen, ohne die er recht wohl hätte auskommen können. Er hatte den Wunsch der Großtante erfüllt und war Offizier geworden – aber die Bilder, die er dort unten an der Wolga in sich aufgenommen hatte, der schattige Park mit dem Hain und dem steilen Abhang, die wildbegeisterten Augen Wasjukows und die Klänge seiner Geige, verfolgten ihn nach wie vor.

Er träumte von einer weiten Kunstarena, von der Akademie oder dem Konservatorium, und er sah im Geiste sich selbst als eifrigen Mitstreiter in dieser Arena der Künste.

Er stellte sich ein stilles Atelier mit gedämpftem Licht vor, mit Marmorwerken, angefangenen Gemälden und Modellpuppen – und er selbst, im Samtkittel, mit wallendem Künstlerhaar, saß mitten darin in liebevoller Betrachtung des Kunstwerks, das er eben auf der Staffelei hatte: es ist der Kopf eines Freundes, dessen Bildnis er malt.

Noch fehlt die Seele darin, noch ist kein Leben, kein Feuer in den Augen. Aber nun setzt er die beiden magischen Punkte hinein und führt ein paar kühne Striche, und plötzlich lebt dieser Kopf, er spricht und blickt so offen: Geist ist darin und Gefühl und Schönheit ...

Besucher kommen, blicken schüchtern ins Atelier und flüstern leise ...

Und dann kommt endlich die Ausstellung. Er steht in einer Ecke und schaut nach seinem Gemälde hin, aber er sieht es nicht, denn die Menschen drängen sich davor und nennen seinen Namen. Irgend jemand bemerkt ihn und zeigt ihn der Menge, und alle Gesichter wenden sich nun von dem Bilde ab und ihm zu. Er ist ganz verwirrt und – erwacht aus dem schönen Traum ...

Er reichte seinen Abschied beim Regiment ein, bat um Überführung in den Zivildienst und kam an den Tisch, dessen Vorsteher zu jener Zeit Iwan Iwanowitsch Ajanow war. Doch der Leser weiß bereits, daß er auch im Zivildienst keinen größeren Erfolg hatte als beim Militär. Auch hier schied er aus und ging – auf die Kunstakademie.

Schüchtern betrat er ihre Räume und sah sich rings um: alles saß schweigend da und zeichnete nach Gipsköpfen. Auch er begann zu zeichnen, doch schon nach zwei Stunden ging er und zeichnete zu Hause weiter, gleichfalls nach Gipsköpfen.

Aber hier geht die Sache nur mit Hindernissen vor sich – bald zündet er sich eine Zigarre an, bald sitzt er mit untergeschlagenen Beinen auf dem Diwan, beginnt zu lesen oder versinkt in Nachdenken und lauscht auf die Motive, die ihm im Kopf klingen. Er setzt sich ans Klavier und vergißt alles rings um sich her, auch das Zeichnen.

Drei Wochen später geht er wieder in die Akademie; wieder sitzen dort alle schweigend in den Sälen und zeichnen nach Gipsköpfen.

Er lernt den einen und anderen Studiengenossen kennen, ladet ihn zu sich ein und zeigt ihm seine Arbeit.

»Sie besitzen Talent – wo haben Sie Unterricht genommen?« fragte man ihn. »Nur ... dieser Arm da ist zu lang ... und der Rücken ist schief ... die Zeichnung stimmt nicht!«

Sie luden ihn zu ihren kleinen Gesellschaften ein, und er war da ganz im künstlerischen Fahrwasser. Sie sprachen von Kolorit, von Büsten, von Armen und Beinen, von der »Wahrheit« in der Kunst, von der Akademie – und in weiter Perspektive erschienen dann Düsseldorf, Paris und Rom. Sie berechneten in seiner Gegenwart, wieviel Zeit sie zu ihrer Ausbildung brauchen würden, von sieben, acht Jahren war die Rede, eine entsetzliche Spanne Zeit! Und dabei waren sie alle schon erwachsene Männer!

Sechs Monate lang blieb er dann gänzlich fort von der Akademie, und als er von neuem hinkam, sah er dieselben Genossen schweigend dasitzen und – nach Gipsköpfen zeichnen.

Er warf einen Blick in einen zweiten Saal: dort stand ein Modell, und schweigend zeichneten die Schüler ihren Akt.

Einen Monat darauf kam Raiskij wieder – und wiederum waren alle in das Anschauen des Modells und in ihre Zeichnung vertieft. Dasselbe Schweigen, dieselbe gespannte Aufmerksamkeit bei allen.

Er betrat das Atelier eines Professors und sah dort alles so, wie er es sich vorgestellt hatte: den Raum mit dem gedämpften Licht, und die Bilder, die Modellpuppe, die Masken, Arme, Beine ... alles ganz genauso.

Nur der Künstler selbst trat ihm nicht im eleganten Samtkittel, sondern in einem schmutzigen Paletot, nicht mit wallenden Locken, sondern mit schlichtem, kurzgeschorenem Haar entgegen, und nicht in liebevolle Betrachtung seines Kunstwerks war er versunken, sondern in die Qual der inneren Arbeit und Unruhe; Ermüdung malte sich in seinem Gesicht. Sein gequälter Blick bohrte sich tief in das Gemälde ein, er ging jetzt darauf zu, trat dann wieder zurück, er sann und sann und schaute ...

Und dann ist's plötzlich, als ob er in sich versänke – er wird still und stumm, nur die Augen glänzen, und die Hand radiert und wischt fort, was vorher dagewesen, und sucht hastig einen neuen, eben unter qualvoller innerer Arbeit erfaßten Zug zu fixieren, als fürchtete sie, daß er wieder entschlüpfen könnte ...

Verschüchtert begab sich Raiskij nach Hause, spannte die Leinwand auf den Rahmen und begann eine Kreidezeichnung. Drei Tage lang zeichnete er, wischte fort, zeichnete von neuem, ließ dann alle Büsten und Zeichnungen sein und nahm den Pinsel zur Hand.

Dreimal wechselte er die Leinwand, und erst auf der vierten erschien der Kopf, der ihm vorschwebte – der Kopf Hektors und die Gesichter der Andromache und des Kindes. Die Arme ließ er noch fort. ›Die kommen zuletzt!‹ dachte er. Die Gewänder fügte er aufs Geratewohl hinzu, nach den wenigen Angaben, die er bei Homer fand. Andere Quellen hatte er nicht zur Hand, und wo hätte er sie in der Eile suchen sollen?

Ein halbes Jahr lang malte er an dem Bilde. Die Gesichter des Hektor und der Andromache nahmen seine ganze schöpferische Kraft in Anspruch, mit dem Zubehör gab er sich nicht weiter ab: »Das kommt gelegentlich einmal, später!«

Auch das Kind führte er nur ganz oberflächlich aus, einzig aus dem Grunde, weil sonst die Abschiedsszene nicht wahrscheinlich gewesen wäre.

Er wollte das Bild den Kameraden zeigen, aber sie malten ja selbst noch nicht in Farben, sondern kopierten, obschon sie längst alle bärtige Männer waren, immer noch ihre Büsten. Er entschloß sich schließlich, seine Arbeit einem Professor zu zeigen. Es war ein leutseliger Herr, dem der Hochmut fremd war, und der, so hoffte er, die Arbeit nach ihrem wahren Wert beurteilen würde. Mit pochendem Herzen brachte er sein Gemälde zu ihm und stellte es zunächst im Korridor hin.

Der Professor ließ es ins Atelier bringen.

»Was ist denn das für ein Schinken?« fragte er mit einem flüchtigen Blick auf das Bild. Dann aber sah er es noch einmal an, nahm es plötzlich und stellte es auf die Staffelei. Er zog die Brauen zusammen und betrachtete mit prüfendem Blick alle Einzelheiten.

»Haben Sie das gemalt?« fragte er und zeigte auf Hektors Kopf.

»Ja.«

»Auch das hier?« Der Professor zeigte auf die Andromache.

»Auch das.«

»Und dies da?« fragte er weiter und wies auf das Kind.

»Auch dies.«

»Das kann nicht sein! Das haben zwei verschiedene Leute gemalt!« rief der Professor schroff und kurz. Dann öffnete er die Tür zu einem zweiten Zimmer und rief: »Iwan Iwanowitsch!«

Iwan Iwanowitsch, ein Kollege des Professors, kam herein. »Sieh dir das mal an!« sagte der Professor.

Er zeigte auf die Köpfe der beiden erwachsenen Gestalten und dann auf das Kind. Der andere prüfte das Bild aufmerksam und schweigend. Raiskij zitterte.

»Was siehst du?« fragte der Professor.

»Was ich sehe?« erwiderte der andere. »Daß das keiner von den Unserigen gemalt hat. Wer hat denn den Kopf da zu der Schmiererei hinzugefügt? Dieser Kopf, ja ... hm! Aber das Ohr sitzt nicht an der richtigen Stelle! Wer hat das gemalt?«

Der Professor fragte Raiskij, bei wem er Unterricht gehabt habe, bestätigte ihm, daß er Talent besitze, und wusch ihm gehörig den Kopf, als er hörte, daß Raiskij nur etwa zehnmal in der Akademie gewesen sei und keine Gipsköpfe zeichne.

»Sehen Sie doch mal her: nicht ein Zug ist richtig! Dieses Bein da ist kürzer als das andere, und die Schulter der Andromache sitzt nicht an der richtigen Stelle; wenn Hektor sich aufrichtete, würde sie ihm nur bis an den Bauch reichen. Und diese Muskeln, sehen Sie doch ...«

Er zeigte auf den Schenkel und den Arm Hektors.

»Sie können nicht zeichnen«, sagte er. »Sie müssen sich drei Jahre lang hinsetzen, müssen nach Gips zeichnen und Anatomie hören. Aber der Kopf Hektors und die Augen ... haben Sie das wirklich gemacht?«

»Ja«, sagte Raiskij.

Der Professor zuckte die Achseln. Iwan Iwanowitsch aber meinte: »Hm! Sie haben Talent, das sieht man. Lernen Sie nur tüchtig; mit der Zeit ...«

›Lernen Sie ... mit der Zeit ... das sagen sie alle!‹ dachte Raiskij. Er aber wollte alles sogleich können, ohne erst zu lernen. In nachdenklicher Stimmung kam er zu Hause an und fand dort einige Briefe vor. Die Großtante schalt ihn darin, daß er seinen Abschied als Offizier genommen habe, und der Vormund riet ihm, beim Senat einzutreten. Er schickte ihm eine Anzahl von Empfehlungsschreiben.

Doch Raiskij trat nicht beim Senat ein und zeichnete auch keine Gipsköpfe in der Akademie, sondern las sehr viel, schrieb fleißig Verse und Prosa, tanzte, bewegte sich in der großen Welt, besuchte die Theater und die »Armiden«, komponierte zwischendurch drei Walzer und zeichnete ein paar weibliche Porträts. Und nach einer tollen Karnevalswoche kam er dann plötzlich zur Vernunft, besann sich auf seine künstlerische Karriere und stürzte Hals über Kopf zur Akademie. Dort sah er die Schüler schweigend und ernst in dem einen Saal nach Gipsköpfen, in dem anderen nach dem lebenden Modell ihre Studien zeichnen.

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