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Die Schlucht. Erster Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Erster Teil - Kapitel 13
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Erster Teil
booktitleDie Schlucht. Band 1
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid8c69add1
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XII

Auf der Universität teilte Raiskij seine Zeit so ein, daß er des Morgens die Vorlesungen hörte oder den Park des Kremls besuchte, an den Sonntagen im Nikita-Kloster dem Gottesdienst beiwohnte, dann das Aufziehen der Wache mit ansah und schließlich in die Konditorei von Pierre oder Pedotti ging, um Kaffee zu trinken. Die Abende brachte er in seinem »Kreise« zu, der aus gleichaltrigen Studiengenossen, lauter jungen Leuten von heißem Kopf und edlem Herzen, bestand. Das brauste und schäumte nur so, in stolzer Erwartung einer großen Zukunft.

Raiskij hatte zunächst ganz so wie auf der Schule jeden einzelnen der Professoren und Mithörer mit eindringendem Blick studiert, und als ihre äußere Erscheinung ihm nichts Neues mehr sagte, wandte er – mehr aus Langerweile und zu seiner Unterhaltung – auch dem Gegenstand der Vorlesungen seine Aufmerksamkeit zu.

In der Vorlesung über russische Grammatik interessierten ihn weniger die Regeln des Satzbaues und die sonstigen Sprachgesetze, als die Art, wie der Professor sie vortrug, wie die Worte ihm über die Lippen glitten, und wie die Zuhörer sie aufnahmen. Wo aber der Vortrag sich dem Leben selbst und den historischen Geschehnissen zuwandte, wo in der Geschichte, in einem Gedicht, einem Roman wirkliche Menschen und deren Schicksale, Griechen, Römer, Germanen, Russen geschildert wurden, da öffnete sich Raiskijs Ohr wie von selbst: er ging ganz auf in dem, was er hörte, sah diese Menschen, dieses Leben leibhaftig vor sich.

Aus sich selbst heraus wäre er, selbst mit Hilfe der Professoren, in die Werke der alten Klassiker niemals eingedrungen. In russischer Übersetzung existierten sie nicht, und in der Bibliothek seines Vaters, auf dem Gut bei der Großtante, waren zwar einige von ihnen in französischer Übertragung vorhanden, doch war ihm, als er sie zum erstenmal durchblätterte, das Verständnis für sie noch nicht aufgegangen, und so hatte er sie wieder beiseite gelegt – sie waren ihm zu trocken, zu nüchtern erschienen.

Erst im zweiten Kursus hörte er von zwei oder drei Kathedern Vorlesungen über dieses Thema, und da erschienen auch in den Händen der »Musterschüler« die Werke der betreffenden Autoren in der Originalsprache. Um jene Zeit befreundete sich Raiskij mit einem Studenten namens Koslow, einem schüchternen, unter dem Druck der Armut verkümmerten jungen Menschen.

Koslow war der Sohn eines Diakons, er hatte zuerst im Seminar, dann auf dem Gymnasium und für sich zu Hause Griechisch und Latein getrieben und sich bei dem Studium dieser Sprache ganz in die klassische Welt eingelebt, so daß er für das moderne Leben kaum ein Verständnis hatte.

Raiskij schloß eine enge Freundschaft mit ihm; anfangs hatte die Vereinsamung, die Schlichtheit und Güte des anderen einen Eindruck auf ihn gemacht, und dann hatte er in ihm das »heilige Feuer« der Begeisterung für die alte Welt, ein fast hellseherisches Verständnis für alles, was sein Spezialgebiet betraf, entdeckt.

Koslow hatte Raiskij, soweit dessen lebhaftes, ewig gleich einem Meer hin und her wogendes Naturell es gestattete, in das Verständnis der antiken Welt eingeführt, doch war er nicht imstande gewesen, sein Interesse für diese Welt auf längere Zeit zu fesseln oder gar ihn auf immer für ihren Dienst zu gewinnen.

Raiskij begnügte sich mit den Anregungen, die ihm Koslow gegeben hatte, entschlüpfte ihm jedoch wieder und ließ ihm nur seine Freundschaft, während er selbst das Bild dieser schlichten, reinen Jünglingsseele als Erinnerung für alle Zeit im Gedächtnis behielt.

Von Plutarch und den »Reisen des jungen Anacharsis« war er zu Titus Livius und Tacitus übergegangen; er vertiefte sich in die eingehenden Schilderungen des ersteren und die großzügigen Berichte des zweiten, er ging mit Homer und Dante schlafen, vergaß oft alles, was rings um ihn geschah, und lebte nur noch in seinen Annalen, Mythen und russischen und sonstigen Sagen.

Wurde ihm dagegen die Ausarbeitung einer Abhandlung aus dem betreffenden Gebiet aufgegeben, so geriet er in Verlegenheit, verfiel in dumpfes Brüten und wußte nicht, wie er sein Thema anfangen sollte, ob es nun von den »Quellen der Völkerkunde«, von dem »alten russischen Münzwesen« oder von der »nordsüdlichen Richtung der Völkerwanderung« handelte.

Statt über die Wanderung der Völker Betrachtungen anzustellen, suchte er sich vielmehr diese Wanderungen in lebendigen Gestalten und Szenen zu veranschaulichen. Er sah, wie die Völkermassen gleich großen Heuschreckenschwärmen sich vorwärts bewegten, wie sie zur Nacht sich lagerten, ihre Zelte aufschlugen und die Lagerfeuer anzündeten; er sah die mit Tierfellen bekleideten und mit Keulen bewaffneten Männer, sah die in Lumpen gehüllten Weiber und die halbverhungerten Kinder; er sah, wie sie auf ihrem Zuge alles niedermetzelten und vernichteten, und wie ihre Nachzügler zugrunde gingen. Er sah den grauen Himmel, die ausgeplünderten und verheerten Länder, und er sah sogar die alten russischen Münzen; so klar und deutlich sah er sie, daß er sie hinzeichnen könnte – aber er wußte nicht, wie er es anfangen sollte, darüber eine große Abhandlung zu schreiben. Und schließlich – was war darüber noch groß zu schreiben, wenn er sie doch ohnedies sah? Im Sommer machte er gern Ausflüge in die Umgegend, besuchte die »alten Klöster« und vertiefte sich in den Anblick der von der Zeit geschwärzten Heiligenbilder, der düsteren Gewölbe und Winkel. Rascher und leichter als die Professoren führte ihn hier seine Phantasie in die Welt des russischen Altertums ein.

Wie lebendig standen da die alten Zaren, Mönche, Krieger und Staatsmänner vor seinem Geiste. Das alte Moskau erschien ihm als ein weit ausgedehntes, im Verfall begriffenes Reich. Kriegszüge, Hinrichtungen, Tatarenhorden, Donkosaken, der Zarenhof der Iwans – alles drang auf ihn ein, alles lud ihn zu Gast, lockte und rief ihn, die alte Zeit zu schauen.

Lange Zeit stand er zuweilen da und schaute, bis ein Klopfen, ein Geräusch in der Nähe ihn aus seinem Sinnen weckte. Er fuhr auf und sah vor sich eine alte Klosterwand, ein altes Bildnis – er befand sich in einer Zelle, einem einsamen Turmgemach. Nachdenklich verließ er den altertümlichen, düsteren, dumpfen Raum und kam erst draußen, in der frischen Luft, wieder zur Besinnung.

Raiskij begann zu schriftstellern – er schrieb Verse und Prosa, zeigte sie zuerst dem einen, dann dem anderen Kameraden, dann seinem ganzen »Kreise«, und der Kreis entschied, daß er ein Talent sei.

Da machte sich Boris an einen historischen Roman, schrieb ein paar Kapitel und las sie gleichfalls in seinem Kreise vor. Die Kameraden begannen in ihm ihre »Hoffnung« zu sehen und wurden alsbald seine Trabanten.

Bei den Repetitionen und Prüfungen hatten Raiskij und seine Schar nicht viel Glück, sie gerieten dann zumeist in die zweite und dritte Reihe und bekamen ihre Plätze auf der vierten Bank. Auf der ersten und zweiten Bank saßen die »Musterschüler«, die so friedlich und still in den Vorlesungen zu sitzen pflegten, die alles nachgeschrieben hatten, die stolz, mit ruhigem Gewissen ins Examen gingen und noch stolzer daraus zurückkamen – diese geborenen Magister und Kandidaten.

Sie pflegten auf den »Kreis« von oben herabzuschauen, hielten Raiskij für abgetan, wenn sie ihn einen Romantiker nannten, und hörten seine Verse und seine Prosa gleichgültig oder überhaupt nicht an.

Sie widmeten sich allen Gegenständen, über die sie Vorlesungen hörten, mit gleichem Eifer und hatten für nichts eine besondere Vorliebe. Auch später, im Dienst, im Leben, wohin man sie auch stellen mag, in welche Lage sie auch kommen mögen, schlagen diese »Musterknaben« stets ihr »recht befriedigend« heraus und schreiten ruhig und gemessen, ohne nach links oder rechts zu sehen, auf ihrem Lebenswege dahin.

Raiskijs Freunde zeigten seine Verse und seine prosaischen Versuche dem einen und anderen der »genialen« Professoren, den »Propheten«, wie sie von ihren Verehrern genannt wurden.

»Ach, unser Iwan Iwanytsch! Ach, unser Pjotr Petrowitsch! Unsere genialen Führer, unsere Leuchten!« pflegten die begeisterten Jünglinge unter verzücktem Augenverdrehen von diesen Heroen der Wissenschaft zu schwärmen.

Einer der »Propheten« besprach Raiskijs Verse öffentlich in einer Vorlesung, und sagte, daß in ihnen das malerische Element vorherrsche, daß sie zahlreiche schöne Bilder enthielten und musikalischen Wohlklang besäßen, jedoch noch der Tiefe und Kraft ermangelten. Aber – so prophezeite er – das würde mit den Jahren noch kommen, und er beglückwünschte den jungen Autor zu seinem Talent und riet ihm, die Muse »zu hegen und zu pflegen«, das heißt ernsthaft an sich zu arbeiten.

Raiskij war ganz berauscht von dem Lob, er schwankte, als er das Auditorium verließ, und sein »Kreis« feierte das Ereignis durch eine Orgie, die drei volle Tage anhielt.

Ein anderer »Prophet« las den Anfang seines Romans und lud den jungen Autor zu sich ein. Raiskij verließ den Professor mit einem Gefühl, als hätte er ein erquickendes warmes Bad genommen – auch dieser »Prophet« hatte sein Talent anerkannt und ihm einen ganzen Haufen alter Bücher, Chroniken, Urkunden und Verträge mitgegeben.

»Kommen Sie Ihrem Talent durch ein ernsthaftes Studium zu Hilfe«, hatte er ihm gesagt, »dann haben Sie entschieden eine Zukunft.«

Raiskij machte nun noch »ernsthafter« seine Ausflüge in die Umgegend, vertiefte sich noch mehr in das Anschauen der alten Gebäude, besah, befühlte, beroch die Steine, las die Inschriften auf ihnen, vermochte jedoch nicht zwei Seiten in den Chroniken, die der Professor ihm mitgegeben hatte, zu erfassen und schilderte das russische Leben so, wie er es in seinen poetischen Visionen erblickte. Das Ende vom Liede war, daß er sehr »ernsthaft« ein scherzhaftes Gedicht schrieb, in dem er einen Kameraden besang, der eine Abhandlung über die »Schuldverschreibungen« verfaßt hatte, dabei aber seiner Wirtin Kost und Quartier regelmäßig schuldig blieb.

Nur mit Mühe und Not quälte er sich von einem Kursus zum anderen hindurch, die Examina machten ihm jedesmal unendliche Schwierigkeiten. Aber sein Ruf als »zukünftiges Talent«, eine Anzahl gelungener Verse, ein paar prosaische Versuche und Skizzen aus der russischen Geschichte halfen ihm schließlich über alle Klippen hinweg.

»Welche Karriere wollen Sie denn einschlagen?« fragte ihn eines Tages ganz unerwartet der Dekan. »In acht Tagen verlassen Sie die Universität – was wollen Sie denn anfangen?«

Raiskij schwieg.

»Welchen Beruf wollen Sie ergreifen?« fragte der Dekan abermals.

›Ich ... will Künstler werden ...!‹ wollte Raiskij schon antworten, erinnerte sich jedoch, wie wenig der Vormund und die Großtante von der gleichen Antwort erbaut gewesen waren. So sagte er denn diesmal:

»Ich ... will Verse schreiben.«

»Aber das ist doch kein Beruf, das treibt man doch nur so nebenher!« bemerkte der Dekan.

»Ich will auch ... Erzählungen schreiben«, sagte Raiskij.

»Gewiß, auch das ist ganz schön, Sie haben ja Talent. Aber das tut man erst später, wenn das Talent gereift ist. Ich meine ... welche praktische Karriere haben Sie gewählt?«

»Zuerst will ich in die Armee eintreten, in die Garde, und dann in den Zivildienst, will Staatsanwalt werden ... und Gouverneur«, antwortete Raiskij.

Der Dekan lächelte.

»Zunächst also wohl Junker? Nun, das ist doch ein Wort!« sagte er. »Sie und Leontij Koslow sind die beiden einzigen, die sich keine bestimmte Laufbahn erwählt haben.«

Als man Koslow gefragt hatte, was er werden wolle, hatte er nur geantwortet: »Lehrer irgendwo in der Provinz« – und dabei war er geblieben.

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