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Die Schlucht. Erster Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Erster Teil - Kapitel 12
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Erster Teil
booktitleDie Schlucht. Band 1
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid8c69add1
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XI

Eines Tages ließ die Großtante die alte, hohe Paradekutsche anspannen, setzte ihre Haube auf, zog das silberglänzende Kleid an, legte den türkischen Schal um die Schultern, hieß den Lakaien die beste Livree anziehen und fuhr nach der Stadt, um Einkäufe zu machen und ihren Großneffen in den ihr bekannten Familien vorzustellen.

Die Kutsche wurde von zwei satten, in langsamem Trabe dahertrottenden Gäulen gezogen, aus deren Brust es wie ein leises Schlucken klang. Der Kutscher hielt die Peitsche in der Faust, die Zügel lagen auf seinen Knien; von Zeit zu Zeit nur zog er sie mechanisch ein wenig an, während er gähnend, mit träger Neugier, die ihm längst bekannten Gegenstände zu beiden Seiten der Straße musterte.

Es war mehr eine Siegesfahrt, die Tatjana Markowna durch die Stadt unternahm. Niemand, der ihnen begegnete, versäumte, ihr seine Reverenz zu erweisen. Mit dem einen und anderen ließ sie sich in ein kurzes Gespräch ein. Sie nannte dem Großneffen jeden einzelnen beim Namen, erklärte ihm, während sie an den Häusern vorüberfuhren, wer darin wohnte, wie es im Innern aussah – und alles das geschah gleichsam im Fluge, in aller Eile.

Sie kamen an die aus Holz errichtete große Kaufhalle mit ihren zahlreichen Läden. Gleich in den ersten Laden trat sie ein.

Der Kaufmann empfing sie mit zahlreichen Bücklingen und unterwürfigem Lächeln, wobei er mit seiner Mütze nach unten hin einen Bogen beschrieb und den Kopf ein wenig auf die Seite legte.

»Gehorsamster Diener!« sagte er und zeigte zwei Reihen blendendweißer Zähne in dem lächelnden Munde.

»Guten Tag! Ich bringe Ihnen heute meinen Neffen mit, den eigentlichen Besitzer unseres Gutes. Hier in Ihrem Laden verschwende ich sein Kapital! ... Ich sage Ihnen: wie er zeichnet und Klavier spielt – großartig!«

Raiskij zupfte sie leise am Ärmel.

Kusjma Fedotytsch machte auch vor Raiskij eine tiefe Verbeugung.

»Nun, wie geht das Geschäft?« fragte die Großtante.

»Danke, ich kann nicht klagen, gnädigste Frau – leider kommen Sie so selten zu mir!« antwortete er, während er in aller Eile den Staub von einem Sessel wischte und ihr diesen ehrerbietig hinschob, für Raiskij aber einen einfachen Stuhl hinstellte.

Der Laden enthielt alle möglichen Artikel: in dem einen Raum Tuche und Kleiderstoffe, in einem zweiten Käse, Zuckerwaren, Gewürze und sogar Bronzen.

Die Großtante ließ sich verschiedene Stoffe zeigen, fragte nach dem Preise einiger Käsesorten, erkundigte sich, ob er auch Zeichenstifte habe, kam auf die Getreidepreise zu sprechen und begab sich dann nach einem zweiten und dritten Laden. Endlich fuhr sie noch über den Markt, und ihr ganzer Einkauf bestand in einer Wäscheleine, die sie dem Kutscher Prochor mit der Bemerkung übergab, daß nun die Weiber im Dorf die Wäsche nicht mehr auf die Bäume zu hängen brauchten.

Prochor betrachtete die Leine eine ganze Weile, untersuchte beide Enden und brachte sie schließlich in seiner Mütze unter.

»Jetzt wollen wir unsere Visiten machen«, sagte sie dann.

»Zuerst geht's zu Nil Andrejewitsch.«

»Wer ist Nil Andrejewitsch?« fragte Boris.

»Habe ich es dir nicht gesagt? Das ist der Gerichtspräsident, ein sehr einflußreicher Herr: solide, verständig, dabei sehr schweigsam; sagt er etwas, dann liegt sicher auch Sinn darin. Man fürchtet ihn hier allgemein, sein Wort ist von großem Gewicht. Sieh zu, daß du dich gut zu ihm stellst. Er liebt es, den Leuten den Text zu lesen.«

»Wie käme er bei mir dazu, Tantchen? Ich habe gar keine Lust, hinzugehen ...«

»Schon gut, schon gut!« fiel sie ihm ins Wort. »Du bist noch jung und verstehst das nicht, später wirst du das besser zu schätzen wissen. Wir können nur Gott dafür danken, daß es noch Leute gibt, die einem mal gründlich die Wahrheit sagen! Einem Stutzer, von dem er gehört hatte, daß er am Dreifaltigkeitsfeste nicht in der Kirche war, hat er so gründlich den Kopf gewaschen, daß er nicht ein noch aus wußte. ›Ich werde Sie wegen Freigeisterei anzeigen!‹ sagte er zu ihm. Und es ist ihm zuzutrauen, er läßt mit sich nicht spaßen! Zwei Gutsbesitzer aus der Umgegend hat er unter Kuratel gebracht. Man fürchtet ihn wie das Feuer. Und dabei ist er ein herzensguter Mensch – trifft er ein Kind, dann streichelt er es, und einen Käfer, der ihm über den Weg läuft, wird er nie zertreten, sondern vorsichtig mit dem Spazierstock zur Seite schieben: ›Du kannst kein Leben schaffen‹, sagt er, ›also sollst du auch keins vernichten!‹ Seine ganze Erscheinung ist imposant: eine mächtige Stirn, wie dein Großvater sie hatte, und ein strenges Gesicht, die Brauen zusammengewachsen. Und seine Sprache ist so klangvoll – zum Entzücken! Sieh nur zu, daß du ihm gefällst! Auch reich ist er – es heißt, daß allerhand Strafgelder in seine Tasche fließen, und die eigene Nichte soll er um ihr Vermögen gebracht und ins Irrenhaus gesperrt haben. Ja, ja, ein bißchen Sünde gibt's überall ...«

Der Besuch bei Nil Andrejewitsch war jedoch vergeblich, der Präsident war zufällig auf dem Gericht.

Als sie am Hause des Gouverneurs vorüberfuhren, wandte die Großtante hochmütig den Kopf zur Seite.

»Hier wohnt der Gouverneur Wassiljew ... oder Popow ... oder wie er sonst heißt.« Sie wußte ganz genau, daß er Popow hieß, und nicht Wassiljew. »Der gute Mann glaubt, ich werde ihm zuerst meine Aufwartung machen, und zeigt sich nicht bei mir. Da kennt er Tatjana Markowna Bereshkowa schlecht! Die fährt nicht zu irgendeinem Herrn Popow oder Wassiljew!«

Der Gouverneur aber »glaubte« gar nichts, die gute Großtante war vielmehr nur ärgerlich darüber, daß er ihr so gar keine Aufmerksamkeit erwies.

»Nil Andrejewitsch ist doch sicher ein ganz anderer Mann, und der wird es zu Neujahr oder Ostern nie versäumen, bei mir vorzufahren, und auch zu Tisch kommt er öfter herüber!«

Sie fuhren nun zu der alten Fürstin, die in einem großen, düsteren Hause wohnte.

Nur der kleine Winkel des Hauses, in dem die Fürstin den Rest ihrer Tage verbrachte, wies Spuren von Leben auf, die übrigen zwanzig Zimmer waren so still und tot wie die Räume des alten Hauses auf dem Raiskijschen Gute.

Die Fürstin war eine spitznasige, magere alte Dame, die ein dunkles Kleid mit vielen Spitzen und eine große Haube trug. An den Fingern der von blauem Geäder durchzogenen knochigen, kleinen Hände steckten eine Menge altertümlicher Ringe.

»Mütterchen – Fürstin!« rief die Großtante beim Eintritt in das Zimmer.

»Tatjana Markowna!« lautete der Gegenruf der Fürstin.

Ein kleiner Bologneser begann wütend unter dem Sofa zu bellen.

»Ich habe meinen Neffen mitgebracht, den Besitzer unseres Gutes: wie er Klavier spielt, wie er zeichnet!«

Raiskij mußte sich sogleich ans Klavier setzen. Die Fürstin brachte ihm dann einen Teller mit Erdbeeren, während sie selbst mit der Großtante Kaffee trank. Raiskij betrachtete die Zimmer, die Möbel, die Porträts an den Wänden, die grünen Bäume des Parks, die frisch und froh zum Fenster hereinschauten. Er sah die sauberen Parkwege und die peinliche Ordnung und Akkuratesse, die überall herrschte; er hörte nacheinander aus den einzelnen Zimmern ein halbes Dutzend Stand- und Wanduhren schlagen, die einen in Bronze, die anderen in Malachit oder sonstiger Ausführung; er betrachtete das Porträt des schielenden Fürsten mit dem breiten roten Ordensband um den Hals, und das danebenhängende Porträt der Fürstin selbst, mit der weißen Rose im Haar, den roten Wangen und den lebhaft blickenden Augen, und er verglich es mit dem Original. Alle diese Eindrücke speicherte er gleichsam in seinem Kopfe auf und beobachtete, wie dort irgendwo in seinem Innern das ganze Haus, die Fürstin, der Bologneser, der grauhaarige alte Diener in der Livree und die schlagenden Uhren sich spiegelten.

Sie fuhren dann noch bei einem der höheren Gerichtsbeamten vor, dessen junge Gattin, Polina Karpowna Krizkaja, eine der gefeiertsten Schönheiten der Stadt war. Polina Karpowna sah das Leben als eine Reihe von Siegen an und betrachtete jeden Tag als verloren, an dem ihr nicht irgend jemand ein zärtliches Wort ins Ohr flüsterte oder wenigstens einen bewundernden Blick zuwarf.

Die sittenstrengen Damen der Stadt und auch die moralischeren unter den Herren, Nil Andrejewitsch natürlich an der Spitze, hatten längst den Stab über sie gebrochen, und auch Tatjana Markowna, die sie gar nicht liebte und für eine leichtfertige kleine Person hielt, verkehrte mit ihr eben nur wie mit allen anderen, Guten wie Schlechten. Dafür waren die jungen Männer der Stadt um so eifriger hinter Madame Krizkaja her.

Die Großtante verweilte kaum zehn Minuten bei Polina Karpowna, die kaum Zeit gefunden hatte, ihre vorn nicht recht schließende, mit Spitzen besetzte Bluse anzuziehen. Sie eröffnete auf Raiskij ein wahres Raketenfeuer von Blicken; ohne auf sein jugendliches Alter nur im geringsten Rücksicht zu nehmen, erklärte sie ihm, daß seine Augen und sein Mund bezaubernd seien, daß die Frauen ihm nur so zufliegen würden und daß er sie jedenfalls schon erobert habe ...

»Was sagen Sie ihm da! Er ist doch noch ein Kind!« rief die Großtante halb im Zorn und erhob sich, um sich zu verabschieden.

Polina Karpowna entschuldigte ihren Gatten, der auf dem Gericht zu tun habe, versprach, bald selbst bei ihnen vorzusprechen, nahm zum Abschied Raiskijs Kopf zwischen ihre Hände und küßte ihn auf die Stirn.

»Die Schamlose! Die abscheuliche Person!« murmelte Tatjana Markowna unterwegs.

Raiskij aber war ganz verwirrt. Die ungezwungene Sprache, die kecken Blicke, der weiße Nacken der jungen Frau hatten seine Phantasie lebhaft erregt. Sie erschien ihm wie eine Lichtgöttin, eine junge Königin.

»Armida!« rief er unwillkürlich, wie selbstvergessen, in plötzlich auftauchender Erinnerung an die Heldin des »Befreiten Jerusalem«.

»Unverschämt ist sie!« knurrte die Großtante, als der Wagen eben am Hause des Adelsmarschalls vorfuhr. »Wenn Nil Andrejewitsch das erfährt, bekommt sie was zu hören!«

Welch ein prächtiges, geräumiges Haus, dieses Haus des Adelsmarschalls, und welche herrliche Aussicht gewährt es! Im übrigen gibt es bei uns in der Provinz wohl nur wenige Häuser, die nicht eine schöne Aussicht hätten. Die anmutige Landschaft, das Wasser, die reine Luft sind dort billige, jedermann zugängliche Gaben. Ein geräumiger Hof, ein großer Park, eine zahlreiche Dienerschaft, wohlgehaltene Pferdeställe gehören selbstverständlich zu solch einem Hause.

Das Haus war langgestreckt, es hatte nur eine Etage mit einem Mezzanin. An allem herrschte Überfluß darin – der Gast kam sich vor wie Odysseus, der auf seiner Irrfahrt an einem Königshof eingekehrt ist.

Die zahlreiche, aus anderthalb Dutzend Köpfen bestehende Familie kommt eigentlich nie von der Tafel weg. Überall, im Speisezimmer, im Pavillon, auf dem Balkon, wird bald gegessen, bald Tee oder Kaffee getrunken. Die Haushälterin läuft den ganzen Tag mit dem klirrenden Schlüsselbund umher, und das Büfett wird nie abgeschlossen. Jeden Augenblick werden volle Schüsseln aus der Küche nach dem Hause getragen, während der Diener mit leisem Schritt die geleerten Schüsseln nach der Küche zurückbringt und mit dem Finger oder der Zunge die Überreste seinem Magen zuführt. Bald hat die gnädige Frau Bouillon, bald irgendeine Tante eine Mehlspeise verlangt; jetzt wird für das jüngste Kind ein Grießbrei, dann wieder für den gnädigen Herrn irgend etwas »Solides« bereitet.

Ewig schwirren Gäste aus und ein, und ein Heer von Dienern und Mägden, wohl an vierzig Köpfe, tummelt sich in den Räumen. Die einen haben noch vor der Herrschaft ihr Mittagmahl eingenommen und jagen jetzt mit Zweigen, ohne sich besonders anzustrengen, die Fliegen von den Tellern, wobei es auch wohl geschieht, daß sie mit ihrem Zweige dem gnädigen Herrn über die Glatze fahren oder der gnädigen Frau die Haube vom Kopf streifen.

Beim Mittagessen gibt es nach Wahl zwei Suppen, zwei Vorgerichte, vier Fleischschüsseln und fünferlei Pasteten. Von den Weinen ist einer immer saurer als der andere – alles, wie sich's gehört, wo in der Provinz ein offenes Haus geführt wird.

Im Pferdestall standen gegen zwanzig Gäule: ein Paar für die Kutsche der Frau Marschallin, ein zweites für die leichte Kalesche des gnädigen Herrn, dann solche für die zweispännige und die einspännige Droschke, für den Wagen, in dem die Kinder spazierenfuhren, und für den Wasserwagen; ferner Reitpferde für den ältesten und zweitältesten Sohn, sowie endlich ein Pony für den vierjährigen Jüngsten.

Und wieviel Zimmer gab es in dem Hause! Wieviel Lehrer, Gouvernanten, Mamsellen, Stubenmädchen, Gnadenbrotesser ... und wieviel Schulden auf dem Hause!

Tatjana Markowna und Raiskij wurden mit lauter, lärmender Fröhlichkeit begrüßt. Menschliche Stimmen und Hundegebell ertönten, Küsse wurden ausgetauscht und Stühle gerückt, und sogleich begann man die Gäste mit einem Frühstück, mit Kaffee, Erdbeeren und anderen schönen Dingen zu bewirten. Ein Hin- und Herlaufen der Lakaien und Mädchen begann, vom Haus nach der Küche und von der Küche nach dem Hause, was die Großtante auch immer gegen die Bewirtung einwenden mochte.

Raiskij wurde von den gleichaltrigen Hausgenossen sogleich in die Mitte genommen, er mußte etwas vorspielen und zeichnen, dann wieder zeichneten die anderen, und man rief den französischen Lehrer als Kritiker herbei.

»Vous avez du talent, monsieur, vraiment! Sie haben Talent, mein Herr, wahrhaftig!« sagte der Franzose, nachdem er Raiskijs Zeichnungen betrachtet hatte. Raiskij schwebte im siebenten Himmel.

Dann ging es in den Pferdestall, die Pferde wurden gesattelt, man ritt in der Reitbahn und auf dem Hofe, und auch Raiskij mußte reiten.

Die beiden Töchter des Hauses, die eine brünett, die andere hellblond, beide mit ungewöhnlich langen roten Händen, wie sie Backfischen eigen zu sein pflegen, doch schon ins Korsett eingezwängt und mit französischen Phrasen nur so um sich werfend, bezauberten den Gast in höchstem Maße.

In angeregter Stimmung, ganz erfüllt von den frischen Eindrücken, verließ Raiskij das Haus des Adelsmarschalls. Er wäre am liebsten sogleich heimgefahren, aber die Großtante ließ noch in eine Seitengasse einbiegen.

»Wohin denn noch, Tantchen? Es ist Zeit, nach Hause zu fahren!« sagte Raiskij.

»Wir wollen nur noch bei den alten Molotschkows vorsprechen, und dann geht's nach Hause.«

»Was ist denn an denen so Besonderes?«

»Nun, daß sie eben ... alt sind!«

»Daß sie alt sind? Ist das etwas Besonderes?« versetzte Raiskij unzufrieden; er stand noch ganz im Banne der lebendigen Eindrücke, die er im Hause Polina Karpownas und des Adelsmarschalls empfangen hatte.

»Es sind so ehrwürdige Leute«, sagte die Großtante, »beide schon gegen Achtzig! Man merkt in der Stadt gar nichts von ihrer Anwesenheit: so still ist's bei ihnen, nicht eine Fliege hört man summen. Sie sitzen da und flüstern und suchen sich gegenseitig jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Ein Beispiel kann man sich an ihnen nehmen! Wie im Schlafe sind sie über das Leben fortgekommen. Weder Kinder noch Verwandte haben sie. Wie ein Schlummer ist ihr Leben!«

»Was sollen wir bei den Alten?« versetzte Raiskij, immer noch ärgerlich.

»Was hast du gegen sie? Was runzelst du die Stirn? Das Alter muß man doch ehren!«

Die Molotschkows, zu denen sie nun fuhren, waren in der Tat nichts weiter als eben ein altes Pärchen. Aber was für ein frisches, stilles, nachdenkliches, prächtiges altes Pärchen! Beide waren so sauber, so nett in ihrem ganzen Äußeren; er war glattrasiert, und sie trug graue Locken, und sie sprachen so leise, sahen einander so zärtlich an und befanden sich offenbar so wohl in den dunklen, kühlen Zimmern mit den herabgelassenen Vorhängen. Und genauso wohl schienen sie sich auch im Leben zu befinden.

Die Großtante begegnete dem alten Pärchen mit Ehrfurcht und mit einem gewissen Neide, während Raiskij sie mit Neugier betrachtete und aufmerksam zuhörte, wie sie von ihrer Jugend erzählten. Er konnte es nicht glauben, daß sie die schönste Frau im ganzen Gouvernement gewesen war und er der bezauberndste Kavalier, der, wie er selbst erzählte, allen Frauenzimmern die Köpfe verdreht habe.

Auch hier mußte er auf Verlangen der Tante etwas vorspielen. Er nahm von dem Heim der beiden Alten eine stille Erinnerung mit, das Bild eines langsam hinfließenden, gleichsam schlummernden Lebens.

Aber Armida und die beiden Töchter des Adelsmarschalls trugen doch über alles andere den Sieg davon. Er stellte bald die eine, bald die andere auf das Piedestal, kniete in Gedanken vor seinen Idealen, sang, zeichnete sie, versank in stilles Brüten und hatte dabei immer ein Gefühl, als liefen ihm Ameisen über den Rücken. Dann wieder ging er mit hocherhobenem Kopf umher, sang laut, daß es im Hause und im Garten widerhallte, und schwelgte in maßloser Verzückung. Ein paar Tage lang schlief er unruhig und warf sich im Bett hin und her ...

Ein Bild schwebte ihm vor der Seele; er lächelte halb schelmisch, halb verschämt, suchte jemanden zu haschen, zu umarmen – und lachte dann laut wie in wildem Rausch.

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