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Die Schlucht. Erster Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Erster Teil - Kapitel 11
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Erster Teil
booktitleDie Schlucht. Band 1
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid8c69add1
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Die Großtante war eben dabei, ihm auseinanderzusetzen, welche Getreidearten sie vorwiegend auf dem Gut anbaue und welche Produkte augenblicklich die marktfähigsten wären, als der Neffe ganz ungeniert zu gähnen begann.

»So hör doch zu! Das ist ja alles dein Besitz, ich bin sozusagen nur dein Verwalter«, sagte sie.

Aber er gähnte nur wieder, sah den Vögeln nach, die durch den Hain flogen, verfolgte den Flug der Libellen, pflückte ein paar Kornblumen, schaute den Bauern bei der Arbeit zu, lauschte auf die ländliche Stille und ließ den Blick durch den blauen Himmelsraum schweifen, der hier so unendlich weit schien.

Die Großtante war mit den Bauern über irgend etwas ins Gespräch gekommen, und er benutzte die Gelegenheit, um in den Park zu laufen und den Abhang hinunterzuklettern. Durch das dichte Gestrüpp drang er bis dicht an die Wolga vor und stand stumm vor der grandiosen Landschaft, die sich hier seinem Blick darbot.

›Nein, er ist noch zu jung, noch das reine Kind‹, dachte die Tante, die ihm mit den Augen gefolgt war. ›Er hat noch keinen Sinn für das Praktische. Da, wie er läuft! Was wird nur aus ihm werden?‹

Die Wolga wälzte ihre Fluten zwischen den Ufern daher, an denen sich die mit Buschwerk bewachsenen Inseln und Sandbänke hinzogen. In der Ferne schimmerten die gelben sandigen Abhänge der Berge, deren Gipfel von dunklem Wald besäumt waren; da und dort glänzte ein Segel, die Möwen schwebten in gleichmäßigem Fluge über dem Wasser, netzten ihre Brust darin und stiegen in kühnen Bogenlinien wieder in die Höhe, während hoch über den Gärten langsam ein Weih dahinzog.

Doch Boris sah nicht mehr das Bild, das sich da vor ihm entrollte. Sein Auge war ganz nach innen gewandt, wo sich Zug um Zug das Gemälde da draußen in seiner Vorstellung widerspiegelte; er kontrollierte, ob auf diesem »inneren« Gemälde die Berge ebenso erschienen wie dort drüben in der Wirklichkeit, ob jenes Bauernhäuschen dort, aus dem soeben der Rauch aufstieg, sich darin wiederfand, und er konstatierte, daß auch die Sandbänke und die schimmernden weißen Segel nicht darin fehlten. Lange stand er da, mit geschlossenen Augen, und versetzte sich in seine Kindheit zurück; er erinnerte sich, daß hier die Mutter mit ihm zu sitzen pflegte, er rief sich ihr Gesicht ins Gedächtnis zurück und sah ihre träumerischen Augen, die so seltsam glänzten, wenn sie das Landschaftsbild da vor sich schauten.

Er trat ganz still wieder den Heimweg an, kletterte langsam den Abhang hinauf und trug das Bild, das er eben geschaut, in seinem Innern mit fort, wie einen erworbenen Besitz.

An den Abhang knüpfte sich die Erinnerung an ein trauriges Begebnis, das noch immer in Malinowka und der ganzen Umgebung nicht vergessen war. Dort in der Tiefe, mitten im Gebüsch, hatte zur Zeit, als Raiskijs Eltern noch lebten, ein eifersüchtiger Gatte – ein Schneider aus der Stadt – seine ungetreue Gattin samt ihrem Liebhaber getötet und darauf sich selbst den Hals durchschnitten. Den Selbstmörder hatte man gleich an der Stelle verscharrt, wo das Verbrechen begangen worden war.

Ganz Malinowka, die Vorstadt, das Haus der Raiskijs und auch die Stadt selbst hatten damals unter dem Eindruck des Schreckens gestanden, den die blutige Untat hervorgerufen. Im Volke war, wie stets in solchen Fällen, das Gerücht entstanden, daß der Selbstmörder in einem weißen Gewande im Walde umherirre, zuweilen den Abhang emporklettere, um in die Wohnungen der Menschen hineinzuschauen, und wieder verschwinde. Aus abergläubischer Furcht hatte man jenen Teil des Parks, der sich auf dem Berge am Abhang hinzog und durch einen Zaun von dem Tannenwald und den wilden Rosenhecken abgetrennt war, gänzlich vernachlässigt. Niemand vom Hofgesinde wagte es fortan, an dieser Stelle des Abhangs hinunterzuklettern; die Bauern von Malinowka wie die Bewohner der Vorstadt umgingen sie in weitem Bogen und zogen es vor, an anderen Stellen zur Wolga hinabzusteigen, selbst wenn dort der Abstieg steiler und gefahrvoller war. Der Zaun, der einst den Park vom Walde getrennt hatte, war längst verfallen und verschwunden. Die Parkbäume standen mit den Tannen, den Heckenrosen und den Geißblattsträuchern bunt durcheinander; eine wahre Wildnis war hier, wo alle Pflege aufgehört hatte, nach und nach entstanden, und mitten darin erhob sich ein vergessener und vernachlässigter, halb zerfallener Pavillon. Raiskijs Vater hatte sogar im oberen Teil des Parks einen Graben ziehen lassen, der fortan die Grenze des Parks bilden sollte.

Raiskij hatte sich, als er hinabstieg, jenes blutigen Vorfalls erinnert, der sich dort unten in den Büschen zugetragen. Ein leichter Schauer war ihm dabei über den Rücken gerieselt. Er stellte sich lebhaft die ganze Szene vor, wie der eifersüchtige Gatte, zitternd vor Erregung, durch die Büsche schlich, wie er sich auf den Nebenbuhler stürzte und ihn mit dem Messer durchbohrte, wie dann die schuldige Gattin ihm zu Füßen stürzte und ihn um Verzeihung anflehte. Er aber kniete wutschäumend auf ihr und stach auf sie los; und als dann die beiden Leichen blutüberströmt dalagen, schnitt er sich selbst die Kehle durch.

Raiskij erbebte vor Entsetzen, erregt und finster kehrte er von der unheimlichen Stätte ins Haus zurück. Doch immer von neuem zog es ihn nach dieser Wildnis, in das geheimnisvolle Dunkel dort unten am Fuße des Abhangs, der einen so herrlichen Ausblick nach der Wolga und ihren beiden Ufern gewährte.

Boris lebte ganz in diesem Landschaftsbilde; sein Gesicht war wie in träumerisches Sinnen getaucht, und es war ihm so wohl ums Herz, wenn er so dastand – sein ganzes Leben lang hätte er dort stehen können.

Er schloß die Augen und suchte klar zu erfassen, worüber er eigentlich sann, doch gelang ihm das nicht; die Gedanken kamen und gingen, wie die Wellen des Flusses. Es war ihm, als ob eine Stimme in ihm klänge und sänge, in seinem Kopfe aber stand, wie in einem Spiegel, das Bild, das er vor sich hatte.

Werotschka und Marfinka machten ihm viel Spaß. Sie ließen ihm keine Ruhe, ewig mußte er ihnen irgend etwas zeichnen, Hühner, Pferde, Häuser, die Großtante oder auch sich selbst, nicht einen Augenblick wichen sie von seiner Seite.

Werotschka war ein brünettes kleines Ding mit scharfblickenden schwarzen Augen, sie wußte sich bereits einen gewissen Anstrich zu geben und schämte sich ihrer kindlichen Torheiten. War sie zwei, drei Schritte nach Kinderart gehüpft, dann blieb sie plötzlich stehen und sah sich verlegen um, ging ein paar Schritte ernst und gemessen, lief wieder ein Stückchen, pflückte heimlich in aller Eile eine Johannisbeere, steckte sie rasch in den Mund und verzog, während sie die Beere hinunterschluckte, nicht einmal die Lippen. Fuhr Boris ihr mit der Hand über den Kopf, dann strich sie sich sogleich das Haar zurecht, und küßte er sie, dann wischte sie sich unbemerkt die Wange ab. Den Ball warf sie ein- oder zweimal in die Höbe, und fiel er daneben, so hob sie ihn nicht auf, sondern hüpfte davon, riß ein Blatt vom Baum und versuchte damit zu knallen.

Sie war ein kleiner Trotzkopf. Sagte man zu ihr: »Wir wollen dahin gehen«, so ging sie entweder nicht mit, oder sie tat es wenigstens nicht sofort, sondern schüttelte erst verneinend den Kopf, um dann schließlich doch, immer hüpfend und springend, nach dem angegebenen Ziel zu eilen.

Sie bat Raiskij nie, etwas zu zeichnen; wenn aber Marfinka ihn darum gebeten hatte, sah sie ihm aufmerksamer zu als diese, sagte jedoch kein Wort. Nie bat sie auch um fertige Zeichnungen oder Bleistifte, wie Marfinka das tat. Sie zählte damals wenig über sechs Jahre.

Im Gegensatz zu der älteren Schwester war die fünfjährige Marfinka ein rundliches kleines Mädchen mit sehr weißer Haut und roten Bäckchen. Sie hatte oft ihre Launen und weinte dann, doch dauerte das nicht lange. Im nächsten Moment, während ihre Augen noch von Tränen feucht waren, jauchzte und lachte sie schon wieder.

Werotschka weinte nur selten und dann ganz still für sich; tat jemand ihr weh, so wurde sie schweigsam und kam nicht so bald wieder in Stimmung. Sie hatte es nicht gern, wenn man von ihr verlangte, sie solle um Verzeihung bitten. Sie schwieg lange, hatte dann plötzlich wieder ihre gute Laune, begann umherzuhüpfen, pflückte heimlich ein paar Johannisbeeren oder eine der schwarzen, widerlich-süßlich schmeckenden Früchte des in den Furchen wuchernden Nachtschattens, vor deren Genuß die Großtante streng gewarnt hat, da sie Übelkeit verursachen.

›Wovon mag er nur immer sinnen und träumen?‹ zerbrach die Großtante sich den Kopf, wenn sie beobachtete, wie Raiskij plötzlich aus der muntersten Stimmung in stilles Brüten verfiel – ›und was treibt er eigentlich, wenn er so für sich ist?‹

Boris ließ sie nicht lange auf Antwort warten. Er zeigte ihr sein mit Zeichnungen angefülltes Portefeuille und spielte ihr alle seine Quadrillen, Tänze, Opernmotive und schließlich auch seine eigenen Phantasien vor. Tatjana Markowna war voller Staunen und Bewunderung.

»Ganz und gar wie die Mutter!« sagte sie. »Auch sie war immer so in ihre Träumereien versunken, hatte keine Wünsche und seufzte doch immer nach irgend etwas, wartete auf etwas, wurde plötzlich ausgelassen lustig und spielte ein Stück nach dem anderen oder vertiefte sich in ein Buch und war nicht davon wegzubringen. Sieh doch, Wassilissa, dich hat er gezeichnet, und mich – sieh nur, wie gut er uns getroffen hat! Wart mal, wenn Tit Nikonytsch kommt, mußt du dich verstecken und ihn zeichnen, und morgen schicken wir das Bild heimlich zu ihm und hängen es in seinem Arbeitszimmer an die Wand! Habe ich nicht einen prächtigen Neffen? Wie er spielt! Mindestens so gut wie der französische Emigrant, der bei seiner Tante lebte ... Und kein Wort sagt er einem davon, nicht einen Ton! Morgen fahre ich mit dir in die Stadt, zur Fürstin, zum Adelsmarschall! Nur von der Wirtschaft will er nichts hören – na, vielleicht ist er dafür noch zu jung!«

Boris erzählte der Tante den ganzen Inhalt des »Befreiten Jerusalem« und des »Ossian«, ja selbst mit dem Inhalt des Homer machte er sie bekannt, und auch aus den Universitätsvorlesungen erfuhr sie einiges. Immer wieder porträtierte er sie selbst, die Kinder und Wassilissa, und zur Abwechslung spielte er dann irgend etwas auf dem Klavier.

Dann lief er zur Wolga hinunter, setzte sich am Abhang hin oder legte sich am Fluß in den Sand, beobachtete jeden Vogel, jede Eidechse im Gras, jeden Schmetterling im Gebüsch, wandte darauf seinen Blick nach innen und suchte festzustellen, ob auch das Bild in seiner Vorstellung richtig und deutlich genug war. Acht Tage später merkte er dann, daß es nach und nach verblaßte und schwand, und an seine Stelle trat die öde Langeweile.

Die Großtante aber kannte keine wichtigere Sorge als die, ihn mit den Einnahmen und Ausgaben des Gutes bekannt zu machen, erklärte ihm, wieviel die Abgaben ausmachten, wieviel die Wirtschaft kostete und was sie für die Umbauten ausgegeben hatte.

»Für Werotschka und Marfinka führe ich natürlich besondere Rechnung – da, sieh!« sagte sie; »denk nicht etwa, daß ich auch nur eine Kopeke von dem Deinigen für sie nehme! Hör mal ...«

Aber er hörte nicht, sondern sah nur zu, wie die Großtante die Ziffern hinschrieb, wie sie ihn durch die Brille ansah, betrachtete ihre Runzeln und das Muttermal und die lächelnden Augen, und als er an diese gekommen, lachte er plötzlich und trat auf die Tante zu, um sie abzuküssen.

»Ich rede nun hier von Geschäften – und er hat nur Dummheiten im Kopf! Zu albern – noch das reine Kind!« sagte sie einmal zu ihm. »Immer nur herumspringen und zeichnen – wenn du mal älter bist und hier dein warmes Nest findest, wirst du an die Tante denken und ihr dankbar sein! Gott weiß, was noch aus dem anderen Gut wird, das der Vormund verwaltet! Hier, in dem alten, eingewohnten Winkel, hast du wenigstens etwas Sicheres.«

Er bat sie um die Erlaubnis, das alte Haus besichtigen zu dürfen.

Nur ungern gab ihm die Tante die Schlüssel zu dem alten, verfallenen Bau – aber sie konnte sie ihm doch schließlich nicht verweigern. Er ging hinüber, um sich die Zimmer anzusehen, in denen er geboren war und als Kind gelebt hatte und an die er nur noch eine ganz unbestimmte Erinnerung hatte.

»Geh doch mit hinüber, Wassilissa«, sagte die Großtante, und Wassilissa erhob sich, um dem Befehl Folge zu leisten.

»Nein, nein – ich will allein gehen!« sagte Boris mit Bestimmtheit und ging, den großen Schlüssel betrachtend, dessen Barteinschnitte ganz verrostet waren.

Jegorka, der Spötter, der seinen Spitznamen davon hatte, daß er immer in der Mägdestube saß und die Stubenmädchen schonungslos verspottete, ging mit Boris bis an die Tür und schloß sie ihm auf.

»Ich auch, ich geh auch mit dem Onkel!« bat die kleine Marfinka.

»Nicht doch, mein Herzchen! Dort ist es unheimlich – da bekommt man Angst!« sagte die Großtante.

Marfinka war erschrocken und ging nicht mit. Werotschka hatte nichts gesagt, aber als Boris an die Tür des alten Hauses kam, stand sie schon da, ganz dicht an die Tür geschmiegt, und hielt die Klinke fest, als fürchtete sie, daß man sie mit Gewalt fortziehen könnte.

Mit banger Scheu betrat Raiskij das Vorzimmer und warf einen scheuen Blick in den folgenden Raum. Es war ein durch beide Stockwerke gehender Saal mit Säulengängen, der von zwei Seiten Licht erhielt; aber die Fenster waren so mit Staub und Schimmel bedeckt, daß man eher von Dämmerung als von Licht reden konnte.

Werotschka war sogleich aus dem Vorzimmer weitergeeilt – sie lief, die Fersen hoch emporwerfend und die Porträts an den Wänden kaum eines Blickes würdigend, von Zimmer zu Zimmer, daß Raiskij ihr nachrufen mußte:

»Wera, Wera, wo steckst du denn?«

Die Hand bereits auf der Klinke der nächsten Tür, blieb sie stehen und sah ihn schweigend an. Ehe er noch die Tür erreicht hatte, war sie schon wieder im folgenden Zimmer verschwunden.

Hinter dem großen Saal folgte eine Anzahl düsterer Salons. In dem einen befanden sich zwei in Schutzhüllen steckende Statuen, die wie Gespenster aussahen, und ein gleichfalls verhüllter Kronleuchter.

Überall standen schwere, stark nachgedunkelte Möbel, Tische und Sessel aus Eichen- und Ebenholz, mit Bronzebeschlägen und reicher Intarsia; da und dort große chinesische Vasen; eine Uhr, den Bacchus auf einer Tonne darstellend; große ovale Spiegel in Goldrahmen mit Blattornamenten; im Schlafzimmer ein ungeheures Bett, das einem mit Goldstoff bedeckten riesigen Sarkophag glich.

Raiskij konnte sich nicht recht vorstellen, wie seine Vorfahren auf diesen katafalkartigen Betten ihre Nachtruhe gehalten hatten. Es schien ihm unmöglich, daß ein lebendiger Mensch darauf überhaupt schlafen konnte. Unter dem Betthimmel hing ein vergoldeter Kupido, der seinen Glanz längst verloren hatte und fleckig geworden war; er hatte einen Pfeil auf den Bogen gelegt und zielte gerade auf das Bett. In den Ecken des Schlafzimmers standen geschnitzte Schränke mit Elfenbein- und Perlmutteinlagen.

Werotschka hatte einen der Schränke geöffnet und ihr Gesichtchen hineingesteckt. Ein feuchter, modriger Geruch entströmte den reichgestickten Uniformen mit den großen Knöpfen, die in dem Schrank hingen. Derselbe Geruch entstieg all den Kästen und Schubladen, die sie neugierig öffnete.

An den Wänden hingen zahlreiche Porträts, deren Augen den Beschauer überallhin verfolgten.

Das ganze Haus war wie von Staub und Moderduft durchsetzt. Aus den Ecken und Winkeln schienen Geräusche zu kommen: Raiskij trat mit dem Fuß auf, und sogleich hallte sein Fußtritt aus der Ecke gegenüber.

Seine Schritte hatten den Fußboden erschüttert, und von den Säulen und Decken fiel leise der alte Staub zu Boden; da und dort lag in kleinen Partikeln der abgefallene Stuck auf dem Parkett; eine Fliege summte an dem verstaubten Fenster und bat um Erlösung aus dem ungemütlichen Raume.

»Ja, die Tante hat recht, hier ist es unheimlich!« sagte Raiskij zu Werotschka, und ein unwillkürlicher Schauer überlief ihn.

Aber Werotschka ließ sich dadurch nicht abhalten, jeden einzelnen Raum zu besichtigen, und kehrte eben aus dem oberen Stockwerk zurück, das im Gegensatz zu der unteren Etage mit ihrem großen Saal und den geräumigen Salons lauter kleine, zellenartige Räume enthielt, die mit ihren hellen Fenstern fast einen wohnlichen Eindruck machten. Es berührte ganz seltsam, wenn man aus dem düsteren Hintergrunde dieser Zimmer an die hellen Fenster trat und plötzlich ein Stück des blauen Himmels, das frische Grün des Gartens und die sich tummelnden Menschen erblickte.

Werotschka glich in dieser altertümlichen Umgebung einem munteren jungen Vögelchen, sie ließ sich ihre Stimmung durch nichts verderben, weder durch die Blicke der Ahnen an den Wänden, die ihr ständig zu folgen schienen, noch durch den dumpfen Geruch, den Staub und die sonstigen Kennzeichen jahrzehntelanger, trauriger Vernachlässigung.

»Hier ist es hübsch, so viel Platz!« sagte sie, während sie sich umsah. »Und oben ist's noch hübscher! Was für große Bilder, und die vielen Bücher!«

»Bilder? Bücher? Wo denn? Daß ich daran nicht gedacht habe! Ei sieh doch, Werotschka!«

Er hielt sie fest und gab ihr einen Kuß. Sie wischte sich die Lippen ab und lief voraus, um ihm die Bücher zu zeigen.

Raiskij fand eine Bibliothek von etwa dreitausend Bänden vor und begann sogleich, die Titel zu studieren. Alle Enzyklopädisten waren da vertreten, ferner Racine und Corneille, Montesquieu, Machiavelli, Voltaire, die griechischen und römischen Klassiker in französischer Übersetzung, der »Rasende Roland«, weiter Sumarokow und Dershawin, Walter Scott, das »Befreite Jerusalem«, das er schon kannte, die »Ilias« in französischer Sprache, »Ossian« in Karamsins Übersetzung, und Marmontel und Chateaubriand und ungezählte Memoiren. Viele der Bände waren noch nicht aufgeschnitten. Offenbar waren ihre Besitzer, das heißt Raiskijs Vater und Großvater, nicht dazu gekommen, sie zu lesen.

Fortan ließ sich Boris in dem Häuschen drüben kaum noch sehen; nicht einmal zum Wolgaufer ging er, sondern saß ständig in der alten Bibliothek und verschlang einen Band nach dem anderen.

Er las, zeichnete, spielte Klavier; die Großtante lauschte seinem Spiel, und Werotschka stand, das Kinn auf das Klavier gestützt, daneben und sah ihn, ohne mit der Wimper zu zucken, mit großen Augen an.

Bald schrieb er Verse, die er sich selber laut vorlas, um sich an ihrem Wohllaut zu erfreuen, bald zeichnete er die Uferlandschaft und schwelgte in wonnigen Schauern; ewig erwartete er etwas, ohne selbst zu wissen, was. Er hatte die Empfindung, daß ihn etwas heiß und leidenschaftlich durchbebte, wie ein Vorgefühl nie geahnter, maßloser Lust und Freude; eine Welt voll wunderbarer Töne, Harmonien und Bilder lebte in ihm, in der alles vibrierte und spielte, in der ein zweites, reizvolles, lockendes Leben pulsierte – wie in den Büchern dort oben, nicht so wie jenes, das ihn hier umgab.

»Sag einmal, Boris«, begann eines Tages die Großtante, »warum bist du nur wieder in die Schule eingetreten?«

»Ich bin doch in keiner Schule, Tante, sondern auf der Universität!«

»Ganz gleich – jedenfalls mußt du dort doch lernen! Wozu das? Wie du beim Vormund warst, hast du gelernt, auf dem Gymnasium hast du gelernt, du zeichnest, spielst Klavier, treibst alles mögliche! Diese Studenten werden dir noch das Pfeiferauchen und, was Gott verhüte, das Branntweintrinken beibringen! Tritt doch lieber in die Armee ein, in die Garde!«

»Dazu reichen meine Mittel nicht aus, sagt der Vormund.«

»Soo – und das hier bedeutet gar nichts?«

Sie zeigte auf das Dorf und die Felder draußen.

»Was ist denn das? Das reicht doch nicht aus!«

»Wirklich nicht?!« Und sie begann nur so mit den Hunderten und Tausenden herumzuwerfen.

Sie hatte nie in der Hauptstadt gelebt, nie einen Einblick in das Leben der jungen Offiziere getan und wußte daher auch nicht, welchen Aufwand der Dienst in der Garde erforderte.

»Deine Mittel sollen nicht reichen? Ich kann dir so viel Proviant schicken, daß ein ganzes Regiment genug daran hätte! Die Mittel reichen nicht! Und wo läßt denn der Onkel die Einkünfte des anderen Gutes?«

»Ich will doch ein Künstler werden, Tantchen!«

»Was? Ein Künstler?«

»Ja, Tantchen ... Sobald ich die Universität absolviert habe, trete ich in die Akademie ein!«

»Um Gottes willen, Borjuschka! Was redest du da!« rief die Tante, die gar nicht verstand, was er sagte. »Du willst also Lehrer werden?«

»Nein, Tantchen, nicht alle Künstler werden Lehrer, es gibt berühmte Talente unter ihnen, die sehr geschätzt werden und für ihre Gemälde und ihr Spiel hohe Summen bekommen!«

»Du wirst also für deine Bilder Geld nehmen und an den Abenden für Geld spielen? ... Wie schmachvoll!«

»Aber, Tantchen, ein Künstler ...«

»Nein, Borjuschka, das darfst du deiner alten Tante nicht antun. Laß sie noch die Freude erleben, daß sie dich in der Gardeuniform sieht! Dann kommst du hierher auf Urlaub, als schmucker Offizier.«

»Aber der Onkel meinte doch, ich solle in den Zivildienst eintreten.«

»Was? Ein Büroschreiber werden? Den ganzen Tag gebückt dasitzen, sich in Tinte baden, mit den Akten unterm Arm aufs Amt laufen? Wer wird dich denn dann heiraten wollen? Nein, nein – du kommst als Offizier hierher zur Tante, und wir suchen dir eine hübsche, reiche Frau aus!«

Raiskij konnte sich weder für den Vorschlag des Onkels noch für die Pläne der Tante entscheiden – in weiter Ferne jedoch sah er sein eigenes Bild, bald in der Uniform eines Husarenoffiziers, bald in der eines Kammerjunkers. Er prüfte insgeheim, ob er wohl zu Pferde und im Tanzsaal eine gute Figur machen würde. Und er warf eine flüchtige Skizze aufs Papier, die ihn selbst darstellte, nachlässig im Sattel sitzend, den kurzen Kosakenmantel über der Schulter.

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