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Die Schlucht. Erster Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Erster Teil - Kapitel 10
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Erster Teil
booktitleDie Schlucht. Band 1
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid8c69add1
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IX

Tit Nikonytsch war der geborene Gentleman. Er besaß in demselben Gouvernement ein Gut von zweihundertfünfzig bis dreihundert Seelen – er wußte selbst nicht, wieviel es waren, denn er war nie auf seinem Gut und ließ die Bauern treiben, was sie wollten, und die Pacht, die sie ihm zahlten, nach eigenem Ermessen bestimmen. Nie übte er eine Kontrolle über sie aus. Mit verschämter Miene nahm er das Geld, das sie ihm brachten, legte es, ohne es nachzuzählen, in seinen Schreibtisch und winkte ihnen ab – sie konnten wieder heimfahren und tun, was sie wollten.

Er hatte früher in der Armee gedient. Die älteren Leute erinnerten sich seiner noch als eines stattlichen jungen Offiziers von trefflicher Erziehung, bescheidenem Wesen und offenem, tapferem Charakter.

In seiner Jugend hatte er häufig seine Mutter auf dem Gut besucht, hatte da seinen Urlaub zugebracht und war wieder abgereist, und schließlich nahm er den Abschied, zog in die Stadt, kaufte sich dort ein kleines graues Häuschen mit drei auf die Straße hinausgehenden Fenstern und richtete sich hier für immer sein Nest ein.

Er hatte eine ziemlich mangelhafte Bildung in irgendeinem Kadettenkorps erhalten, las jedoch gern, namentlich Bücher politischen und naturwissenschaftlichen Inhalts. Seine Sprechweise, seine Manieren, sein ganzes Auftreten hatten etwas Sanftes, Verschämtes; das Bewußtsein der eigenen Würde barg sich wohl dahinter und kam zwar nicht sichtbar zum Vorschein, schien aber stets bereit, wenn es not tat, sich offen zu bekunden.

Er bewahrte, mit wem er auch sprechen mochte, stets eine gewisse respektvolle Zurückhaltung in Worten und Gesten. Ob er dem Gouverneur oder einem Freund oder einem ihm eben erst vorgestellten Fremden gegenüberstand, jedesmal verbeugte er sich auf die gleiche höfliche Weise, scharrte leicht mit dem Fuß und hob ihn ein wenig nach hinten empor, ganz nach Vorschrift des alten Zeremoniells. In Gegenwart einer Dame setzte er sich nie, selbst auf der Straße sprach er mit den Damen nur unbedeckten Hauptes; er war der erste, der sich nach einem zur Erde fallenden Taschentuch bückte oder ein Fußbänkchen herbeiholte. Waren junge Mädchen in einem Hause, so brachte er jedesmal ein Pfund Konfekt oder einen Blumenstrauß mit und suchte den Ton der Unterhaltung ihrem Alter, ihrer Beschäftigung, ihren Neigungen anzupassen, wobei er stets die größte Ehrerbietung und Ritterlichkeit an den Tag legte und sich nicht die geringste Freiheit, nicht die kleinste Anspielung herausnahm. Nie erschien er in Damengesellschaft anders als im Frack.

Er rauchte keinen Tabak, gebrauchte keine Parfüms, tat nichts, um jugendlicher zu erscheinen, und machte in seinem Äußeren, seinen Bewegungen, seinen Umgangsformen stets einen schlicht eleganten, untadeligen, vornehmen Eindruck. Seiner Wäsche schenkte er die größte Sorgfalt, gab nichts auf die Fasson oder auf eine besonders zierliche Ausführung, sondern legte einzig Wert auf blendende Sauberkeit.

Alles an ihm war einfach und sozusagen strahlend. Die Nankingbeinkleider waren immer frisch und glatt gebügelt; der blaue Frack schien eben vom Schneider zu kommen. Er war bereits fünfzig Jahre alt, machte jedoch, dank einer Perücke und dem stets glattrasierten Kinn, den Eindruck eines frischen, rotwangigen Vierzigers.

Sein Blick und sein Lächeln hatten etwas so Liebenswürdiges, daß sie vom ersten Augenblick an für ihn einnahmen. Obschon seine Mittel nur beschränkt waren, machte er doch den Eindruck des freigebigen großen Herrn – so leicht und freudig warf er einen Hundertrubelschein hin, als wären es Tausende.

Für Tatjana Markowna hegte er ein Gefühl ehrerbietiger, fast andächtiger Freundschaft, in dem so viel Wärme lag, daß schon die Art, wie er bei ihr eintrat, wie er sich setzte und sie ansah, darauf schließen ließ, daß er sie über alles liebte. Dabei gestattete er sich jedoch, obschon er ihr täglicher Gast war, im Verkehr mit ihr nie irgendeine noch so harmlose Vertraulichkeit.

Sie vergalt ihm mit gleicher Freundschaft, doch lag in dem Ton, in dem sie mit ihm verkehrte, mehr Lebhaftigkeit und Familiarität. Sie beherrschte ihn sogar ein klein wenig, was bei ihrem raschen, beweglichen Naturell nicht wundernehmen konnte.

Leute, die sie in ihrer Jugend gekannt hatten, erzählten, sie sei ein lebhaftes, sehr hübsches, schlankes, ein wenig affektiertes Mädchen gewesen, erst die Beschäftigung mit der Landwirtschaft habe diese bewegliche, etwas scharfzüngige Frau aus ihr gemacht. Aber bis ins spätere Alter hinein hatte sie doch recht viel von ihrer jugendlichen Art bewahrt.

Wenn sie den alten türkischen Schal umhatte und so in Nachdenken versunken dasaß, hatte sie große Ähnlichkeit mit einem alten Frauenporträt, das sich in der Ahnengalerie drüben im alten Hause befand.

Etwas Kraftvolles, Gebieterisches, Stolzes kam zuweilen ganz plötzlich bei ihr zum Durchbruch; sie richtete sich hoch auf, und ihr Gesicht strahlte, als würde es von innen durch einen jäh aufsteigenden, bedeutsamen Gedanken erleuchtet, der sie hinwegtrug über dieses kleinliche Leben in eine andere, erhabene Welt.

Wenn sie allein dasaß, lächelte sie bisweilen so anmutig-träumerisch, daß sie ganz das Aussehen einer sorglosen, reichen, verwöhnten Dame hatte. Und wenn sie, die Arme auf die Hüften gestützt oder über der Brust gekreuzt, dastand und, allen häuslichen Ärger vergessend, auf die Wolga hinausschaute, dann nahm ihr Gesicht einen verklärten, fast poetisch schönen Ausdruck an.

Kaum ein Tag verging, ohne daß Tit Nikonytsch irgendein Geschenk für die Großtante oder die kleinen Nichten mitbrachte. Im März, wenn noch alle Gärten unter der Schneedecke lagen, brachte er eine grüne Gurke oder ein Körbchen voll Erdbeeren, im April eine Handvoll frischer Pilze als »erste der Saison«. Kamen die ersten Pfirsichsendungen oder Apfelsinen an, so konnte man sicher sein, daß diese Früchte zuerst auf Tatjana Markownas Tafel erschienen.

In der Stadt war einmal vor Jahren das Gerücht verbreitet gewesen, daß Tit Nikonytsch als junger Mann sich in Tatjana Markowna verliebt und bei ihr auch Gegenliebe gefunden habe. Die Eltern hätten jedoch ihre Wahl nicht gebilligt und einen anderen zu ihrem Gatten bestimmt. Gegen diese Wahl habe sie sich gesträubt, und so sei sie schließlich unvermählt geblieben. Im Laufe der Zeit war dieses Gerücht dann verstummt, und ob etwas daran gewesen, wußten nur sie beide. Tatsache jedoch war, daß er ihr täglicher Gast war, oft schon zum Mittagessen kam und in ihrer Gesellschaft den Tag verbrachte. Man hatte sich daran gewöhnt, und niemand gab sich weiter Mühe, der Sache auf den Grund zu gehen.

Tit Nikonytsch plauderte gern mit ihr über alle möglichen Dinge, die in der Welt vorgingen, über die Kriege, die gerade geführt wurden, und die Ursachen dieser Kriege; er erklärte ihr, weshalb in Rußland das Getreide so billig sei und was geschehen würde, wenn es in größerem Umfange exportiert werden könnte. Er kannte die Genealogie aller alten Adelsgeschlechter, alle Heerführer und Minister und deren Biographie; er erzählte ihr, daß das Niveau der Ozeane verschiedene Höhe habe, unterrichtete sie über alle neuen Erfindungen, die in England oder Frankreich gemacht wurden, und entschied darüber, ob sie der Menschheit Nutzen bringen würden oder nicht.

Er machte Tatjana Markowna auch Mitteilung davon, daß der Zucker in Nishnij billiger geworden sei, damit die Kaufleute in der Stadt sie nicht übervorteilten, oder daß die Teepreise bald steigen würden, damit sie sich rechtzeitig damit versehen könnte.

Hatte sie auf dem Gericht etwas zu tun, dann erledigte das Tit Nikonytsch, brachte alles ins gleiche, deckte zuweilen sogar eine Ausgabe aus seiner Tasche, und wenn sie dann zufällig dahinterkam, wusch sie ihm gehörig den Kopf, worauf er ganz verwirrt um Verzeihung bat, seinen Kratzfuß machte und ihr die Hand küßte.

Sie lebte in ständiger Opposition gegen die lokalen Behörden. Legte man ihr eine Einquartierung auf den Hof, wurde eine Ausbesserung der Wege verlangt oder eine Steuer eingetrieben, so schalt sie über behördliche Willkür, stritt sich herum, verweigerte die Zahlung und wollte vom »Gemeinwohl« und sonstigen Dingen dieser Art nichts wissen. Mag doch jeder für sich selbst sorgen, pflegte sie zu sagen und hielt mit ihrer Abneigung gegen die Polizei nicht hinterm Berge.

Ganz besonders hatte es ihr ein Polizeimeister angetan, den sie geradezu einen Räuber nannte. Tit Nikonytsch hatte es mehrmals versucht, ihr den Begriff des »Gemeinwohls« klarzumachen, doch mußte er sich schließlich darauf beschränken, zwischen ihr und der Polizeibehörde den Frieden wiederherzustellen.

In dieses patriarchalisch stille Nest nun war der junge Raiskij jetzt hineingeraten. Er, der bisher ein so verwaistes Leben geführt hatte, besaß nun mit einemmal eine Häuslichkeit, eine Mutter und Schwestern und in Tit Nikonytsch das Ideal eines guten Onkels.

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