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Die Schildbürger

Unbekannte Autoren: Die Schildbürger - Kapitel 9
Quellenangabe
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typenarrative
authorUnbekannter Autor
titleDie Schildbürger
publisherVerlag von Fleischhauer und Spohn
editorF. S. Haarer
year1854
firstpub1597
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110101
projectidbcb8898f
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Siebentes Kapitel.

Wie die Schildbürger Raths wurden, ein neues Rathhaus zu bauen, und was sich damit begeben hatte.

Als an den weiter folgenden Tagen des oft berührten wichtigen Handels willen die Gemeinde nochmal zusammenberufen und Rath darüber gehalten wurde, was sie ihrer Thorheit für einen lobenswerthen und namhaften Anfang, geben wollten, damit der Handel desto bälder ausbrechen und kund würde, wurde endlich beschlossen: da sie nun in Zukunft ein neues Regiment, Wesen und Treiben anzunehmen bedacht und gesinnt seien, so sollte man zu einem guten, glücklichen Anfang vor Allem ein neues Rathhaus, das ihre Narrheit ertragen und leiden könnte (denn sie waren schon damal in ihrem Sinne keine kleine Narren), mit gemeinschaftlicher Hülfe und auf Kosten der Gemeinde bauen und aufrichten.

Dieses war noch nicht so gar ungereimt. Aber sie, als diejenigen, welche ihre Weisheit noch nicht ganz vergessen hatten, mußten es nothwendig hiebei angreifen, denn es sollte noch eine Gestalt der Weisheit haben, und deßhalb wollte es sich nicht schicken, daß sie haufenweise auf einmal mit ihrer Narrheit hervorbrachen, weil es leicht hätte der Fall sein können, daß ihre angenommene Thorheit dadurch verrathen worden wäre. Darum wollten sie den Narren ganz weislich eine Zeit lang hinter den Ohren (geht hinter mir weg!) verbergen, bis sie nach und nach gelegentlich und allmählich denselben herauslassen könnten.

Sie hatten aber auch in Betreff ihres Rathschlages wegen des neuen Rathhauses ein merkliches Exempel an ihrem Pfaffen, welcher so eifrig war, daß er, so oft er nur läuten hörte, allezeit meinte, er müsse jetzt mit seiner Postill auf die Kanzel rumpeln. Dieser, als er kurz zuvor von den Schildbürgern angenommen und gedingt wurde, machte ihnen die Bedingung, daß, ehe er zu predigen beginne, sie ihm eine neue Kanzel von gutem, starkem, eichenen Holz, mit Eisen beschlagen erbauen lassen sollten, damit sie seine starken Worte, die er jeder Zeit hervorbringen werde, erdulden ertragen könnten.

Wie schon gesagt, der dießfällige Rath und endliche Beschluß war ihnen über alle Maßen angenehm. Daher erboten sie sich auch Alle, mit Leib und Gut dazu behülflich zu sein. Denn es ließ sich damals ansehen, als wollte etwas anders daraus werden, wie jener Poet sagt:

Einmal als sich die Berge stellten,
Als ob sie Junge bringen wöllten,
Die Menschheit stund in großen Sorgen,
Und sprachen: »Wir sind All' verdorben;
Soll'n diese Berge Junge hecken,
So werden sie uns All' bedecken.«
Niemand wußte, was wollt' werden d'raus:
Da war's nichts, als eine kleine Maus;
Die schlüpfte aus dem Berg herfür,
Nachdem sie schier d'Welt g'macht hätt' irr'.

Als nun die Glocken des neuen Rathhauses gegossen, die Aemter ausgetheilt, und Alles abgeredet und geordnet war, was zu einem so wichtigen Werk nothwendig erfordert wird, fand es sich, daß nichts mehr dazu mangelte, als ein Pfeifer oder Geiger, der mit seinem lieblichen Gesang und Klang Holz und Steine herbeigelockt hätte, daß sie selber hergelaufen wären, und sich fein ordentlich aufeinander gelegt hätten. In welcher Beziehung denn bei den alten Schriftstellern gelesen wird, daß dem Orpheus, wenn er auf seiner Harfe gespielt habe, nicht nur die Vögel und wilden Thiere, sondern auch die Bäume und ganze Wälder, ja ganze Berge (es war vielleicht zu der Zeit, wo die Berge noch gehen und reden konnten) nachgezogen seien, um seinen lieblichen Gesang zu hören; selbst große Wasserflüsse habe er bewegt, daß sie stillstunden, ihm zuhörten und sich an seinem Gesang ergötzten und erquickten. Auf die gleiche Weise liest man auch von Amphion; dieser hat mit dem lieblichen Klange seiner Harfe zu Stande gebracht, daß ihm Steine nachgezogen, sich fein ordentlich auf und in einander gefügt, und so von selbst die Ringmauer der Stadt Theben in Böotien dergestalt entstanden sei, daß sie hundert Thore und ohne Zweifel noch viel mehr Thüren bekommen habe.

Einen solchen Geiger hätten sie zur Beförderung ihres vorgehabten Baues haben sollen; sie wünschten sich auch vielmal einen solchen, weil er ihnen viele Mühe und Arbeit abgewonnen, dazu wohl auch nicht wenig erspart hätte. Da er aber nirgends zu finden war, vereinigten sie sich, das Werk gemeinschaftlich zu beginnen, einer dem andern dabei die Hand zu reichen, und nicht bälder weich zu geben, als bis der Bau aufgeführt und so vollendet sei, daß man ihn gebrauchen und besitzen könne.

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