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Die Schildbürger

Unbekannte Autoren: Die Schildbürger - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/anonymus/schildbu/schildbu.xml
typenarrative
authorUnbekannter Autor
titleDie Schildbürger
publisherVerlag von Fleischhauer und Spohn
editorF. S. Haarer
year1854
firstpub1597
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110101
projectidbcb8898f
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Viertes Kapitel.

Abschrift des Briefes, welchen die Weiber zu Schildburg an ihre Männer gesendet haben.

Wir, die ganze weibliche Gemeinde zu Schildburg, grüßen euch, unsere getreuen, lieben Ehemänner, alle mit einander und jede besonders, und finden uns veranlaßt, euch zu benachrichtigen: da (Gott Lob und Dank) unser ganzes Geschlecht mit so viel Weisheit u»d Verstand gesegnet und so hervorgehoben ist, daß selbst die entferntesten Fürsten und Herren jene Weisheit nicht blos zu hören, sondern auch zu gebrauchen begehrten, wie sie denn daher euch alle zu sich von Haus und Hof, von Weibern und Kindern abfordern ließen, und bereits lange Zeit bei sich behielten; da indessen zu besorgen steht, daß euch eure Herren mit Gaben und Verheißungen, welche bei solchen Personen sehr groß sind, so überhäuft haben möchten, daß ihr bald gar nicht mehr von ihnen abkommen könnet, sondern in der Fremde, ferne von Haus und Hof, ferne von uns und euren lieben Kinderlein, ferne von Allem, was euch lieb u»d theuer ist, euer Leben zubringen und beschließen müsset, wodurch aber unsern Sachen zu Hause weder gerathen noch geholfen ist, namentlich weil alle Dinge in Abgang gerathen, das Feld, aus welchem wir unsere Nahrung haben, wegen Mangel an Bau, verdirbt, das Vieh verwildert, das Gesinde ungehorsam wird, die Kinder, die wir arme Mütter mehr als gut ist, lieben, muthwillig werden; der sonstigen Mißhelligkeiten, die aus eurer Abwesenheit entstehen, in sofern ihr nach eurer Weisheit und eurem hohen Verstand so viel selber erachten könnet, wollen wir verschweigen, und auch daran nicht denken, daß unser Geschlecht der Schildbürger, welches nun so viele Jahre lang währt, dadurch in Abgang kommt, und aus Mangel an dem nöthigen Fleiß zuletzt ganz ab- und untergeht: also haben wir, in Erwägung dieser und anderer Ursachen nicht unterlassen können, was wir für schuldig erachtet, euch hiemit an euren Beruf und Pflichten zu erinnern und zur Rückkehr nach Hause zu ermahnen.

Ihr werdet dieß um so viel mehr und um so eher annehmen und thun, wenn ihr betrachten und beherzigen wollt, wie so gar unbilliger Weise wir arme Weiber von euch, die ihr uns nach eurem Zusagen und Versprechen Treue und Glauben zu halten und zu leisten verbunden seid, nun eine lange Zeit so ganz verlassen gewesen, gleichsam als ob wir nie mit einander zu thun und zu schaffen gehabt hätten, die wir euer Fleisch und Blut unter unsern Herzen getragen haben.

Fürwahr, das Glück ist kugelrund und wandelbar. Habt ihr nie gehört den alten Spruch:

»Jungfrauen Lieb und Rosenblätter,
Der Herren Gunst, Aprillenwetter;
Falsch' Würfel und ein Kartenspiel,
Verkehren sich bald, wer's glauben will.«?

Glaubet ihr, daß der Fürsten und Herren Gunst beständig sei, und jene euch immer gleich geneigt sein werden? Wenn die alten Hunde sich mit Jagen abgearbeitet und so ausgedient haben, daß sie mit ihren stumpfen Zähnen die Hasen nicht mehr halten können, so pflegt sie der Jäger an den nächsten besten Baum, der ihm gefällt, aufzuhängen, und so ihre treuen Dienste zu belohnen. Also machen es auch die großen Herren mit ihren Dienern. Wie viel besser und nützlicher, ja rühmlicher und löblicher wäre es daher an euch, wenn ihr zu Haus, euren eigenen Sachen nachgehend und ihrer wartend, in guter Freiheit, Ruhe und Frieden leben, der Früchte eurer Güter geniessen und euch mit euren Weibern und Kindern, Freunden und Verwandten, belustigen und erfreuen würdet, wobei ihr nicht besorgen dürftet, daß euch jemand von eurer Freiheit, die doch höher als alles Gold und Geld zu schätzen ist, verdrängt und verstoße! Und wenn gleich wahr ist, daß man fremden Leuten Dienste erweisen soll und muß, so möget ihr dieß wohl thun, aber dabei euer eigenes Hauswesen nicht vernachläßigen. Wer euer bedarf, der soll euch suchen und er wird euch auch finden, wenn anders ihm darum zu thun ist.

Alles dieses werdet ihr, liebe Männer, viel besser erwägen können, als wir es schreiben wollen: daß nämlich die Sachen auf die vorbeschriebene Weise beschaffen, ja daß noch viel mehrere, wichtigere und dringendere Ursachen, welche wir hier verschweigen, euch dazu bewegen und treiben sollten.

Wir schließen unsern Brief in der Hoffnung: diese unsere Erinnerungen und Ermahnungen werden bei euch so viel Platz und Statt finden, daß ihr euch alsbald und unverzüglich aufmachet und heimkehret. Beschlossen und gegeben zu Schildburg, mit eurem Siegel, welches euch und nicht uns Weibern zu verwahren zustünde, versiegelt und verwahrt auf Jahr und Tag etc.

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