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Die Schildbürger

Unbekannte Autoren: Die Schildbürger - Kapitel 43
Quellenangabe
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typenarrative
authorUnbekannter Autor
titleDie Schildbürger
publisherVerlag von Fleischhauer und Spohn
editorF. S. Haarer
year1854
firstpub1597
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110101
projectidbcb8898f
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Einundvierzigstes Kapitel.

Eine merkwürdige Geschichte, welche sich mit einem Krebs zugetragen hat.

Zu einer gewissen Zeit verirrte sich ein armer unschuldiger Krebs, indem er, in der Meinung, er krieche in ein Loch, zu seinem Unglück nach Schildburg in das Dorf kam. Einige Schildbürger hatten es gesehen und als sie bemerkten, daß er so viele Füße habe und hinter sich und für sich gehen könne und was dergleichen Tugenden mehr ein ehrlicher und redlicher Krebs an sich hat, erschracken sie über die Maßen so sehr darüber (weil sie nämlich vorher noch nie einen gesehen hatten), daß sie Sturm schlagen ließen. Alle kamen bei de» ungeheuren Thiere zusammen, verwunderten und beriethen sich, was es doch wohl sein möchte? Keinem war es bekannt, bis endlich der Schultheiß meinte, der Kerl müsse seiner Profession ein Schneider sein, weil er zwei Scheeren bei sich habe. Um sich von der Richtigkeit oder Falschheit dieser Ansicht zu überzeugen, legten die Bauern dem Krebs ein Stück Leintuch vor, aus welchem Zeug die Bauern gewöhnlich ihre Wölfe machten (so hießen sie ihre Röcke). Auf diesem Stück Tuch kroch der Krebs hin und her, und wie er herumkroch, schnitt ihm ein Schildbürger mit der Scheere hinten nach. Sie glaubten nämlich nichts anderes, als daß der Krebs ein rechtschaffener Schneidermeister und mittelst feines Herumkriechens auf dem Tuch ein Muster zu einem neuen Kleid entwerfe, welches unsere Schildbürger auch thun und also nachäffen wollten, so zerschnitten sie endlich das Tuch ganz, ohne daß es irgend einen Nutzen brachte.

Als sie nun sahen, daß sie sich selbst betrogen hatten, trat einer unter ihnen auf und sprach zu den andern: »Ich habe einen wohlerfahrenen gescheiden Sohn, der in drei Tagen zwei Meilen Wegs weit und breit gewandert, viel gesehenen hat u«d sehr erfahren ist, ich zweifle durchaus nicht daran, daß er auf seiner Reise schon mehrere dergleichen Thiere gesehen hat und darum wohl wissen wird, was es ist.« Der Sohn wurde alsbald herbeigerufen; er besah das Thier von hinten und vornen, von oben bis unten, rechts und links, aber immer wußte er noch nicht, wo er's angreifen sollte, noch wußte er, wo das Thier seinen Kopf habe. Der Krebsgang machte ihn irre; kroch der Krebs hinter sich, so meinte der Bereiste, er hätte den Kopf beim Schwanz. Er konnte sich also mit dem Thiere nicht ausfinden, sprach aber endlich doch: »Nun habe ich in meinem Leben hin und wieder viel Wunder gesehen, aber so etwas ist mir noch nie vorgekommen. Doch wenn ich sagen soll, was es für ein Thier ist, so spreche ich nach meinem hohen Verstande: wenn es nicht eine Taube oder ein Storch ist, so muß es ein Hirsch sein; unter diesen drei muß eines wahr sein.«

Jetzt wußten unsere Schildbürger natürlich so viel, als vorher. Einer wollte ihn ergreifen, er erwischte ihn aber an der Scheere und der Krebs bewillkommte ihn dermaßen, daß er anfing, um Hülfe zu rufen und zu schreien: »Er ist ein Mörder, ein Mörder!« Als die Andern dies sahen, hatten sie hinlänglich genug. Alsbald wurde auf der Stelle, wo der Mord geschah, ohne Verzug das Gericht zusammenberufen, um ein Urtheil über den Krebs fällen zu lassen. Das Gericht besetzte sich, das Verbrechen des Krebses wurde vorgetragen und hierauf folgendes Urtheil gegen denselben ausgesprochen: Sintemal Niemand wisse, was dieses für ein Thier sei und aber der Umstand vorwalte, daß dasselbe sie betrogen, indem es sich für einen Schneider ausgegeben habe und doch dieses nicht sei, daß es also ein Leut betrügerisches und schädliches Thier, ja sogar ein Mörder sei, daher erkennen sie, daß es hingerichtet und als ein Leutbetrüger und Mörder mit Ertrinken im Wasser bestraft werden soll.

Dieses Urtheil zu vollziehen, hatte einer unter ihnen den Auftrag. Derselbe nahm den Krebs auf ein Brett und trug ihn dem Wasser zu. Die ganze Gemeinde von Schildburg zog mit, um den Vollzug des Urtheils mit anzusehen: so wurde er nun im Beisein und Zusehen Jedermann« hineingeworfen. Als der Krebs aber in das Wasser kam und sich wieder in seinem Element befand, zappelte er und kroch hinter sich. Die Bauern sahen dieses und einige derselben fingen an zu weinen und zu sprechen: »Nun sollt eins wohl fromm sein: schauet doch, wie thut der Tod so wehe!«

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