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Die Schildbürger

Unbekannte Autoren: Die Schildbürger - Kapitel 4
Quellenangabe
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typenarrative
authorUnbekannter Autor
titleDie Schildbürger
publisherVerlag von Fleischhauer und Spohn
editorF. S. Haarer
year1854
firstpub1597
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zweites Kapitel

Von der großen Weisheit und dem hohen Anstande der Schildbürger, als Ursachen, warum sie von Fürsten und Herren viel von Haus abgefordert und beschickt wurden und dadurch zu Haus in Schaden geriethen.

Daraus nun, daß der erste Schildbürger ein sehr hochverständiger und weiser Mann war, läßt sich leicht erklären, daß er seine Kinder nicht wie das unverständige Vieh, welches keinen Herrn hat, habe herum laufen lassen, oder (wie häufig geschieht) ihre Sorge und Pflege der Mutter überließ, sondern er ist ohne Zweifel ein strenger Vater gewesen, der ihnen nichts Böses übersehen hat, die Sorge über sie, – weil er wohl wußte, wie die Mütter ihre Kinder verwahrlosen – selbst getragen und sie zu allem Guten angewiesen, gelehrt und geführt hat.

Daher sie, von ihrem getreuen Vater und Lehrmeister unterwiesen, fleißig lernten, – wie denn die rechte Unterweisung und Lehre, zu welcher die Natur den Grund und das Fundament in die Hände gibt und selber sehr viel thut, und das einmal angefangene Werk, welches sonst unvollkommen blieb, zur Vollkommenheit führt und ihm einen Namen gibt, wenn das Lehren und das Lernen (welches beisammen sein soll und muß, so etwas Gutes daraus werden soll) in dem Fundament, welches die Natur anfänglich gelegt, in einander greifen und sich eins mit dem andern vergleichen und vereinbaren muß – daher sie, sage ich, auch mit allen Gaben und Tugenden, vorzüglich mit Weisheit auf das Höchste begabt und geziert, ja überschüttet wurden, dergestalt, daß ihnen damals in der Welt, so groß und so weit sie ist, Niemand vorzusetzen, ja nicht einmal zu vergleichen war; denn zu jener Zeit waren die weisen Leute dünn gesäet; es war ein ganz seltsames Ding, wenn sich einer der Art hervorthat und sehen ließ. Sie waren nicht so häufig wie gegenwärtig, wo jeder, und besonders die größten Thoren und Narren, weise sein und für klug gehalten werden will.

Der Ruhm und das Lob von diesem ihrem hohen Verstand und ihrer vortrefflichen Weisheit erscholl bald in allen umliegenden Städten, ja über alle Länder verbreitete sich ihr Glanz und wurde Fürsten und Herren bekannt. Wie denn ein so herrliches Licht sich nicht leicht verbergen läßt, sondern allzeit hervorleuchtet und seine Strahlen von sich wirft.

Darum geschah es, daß aus den entferntesten Orten, von Kaisern, Königen, Fürsten, Herrn und Städten oft und viel stattliche Botschaften abgeschickt wurden, um bei der Weisheit unserer Schildbürger in zweifelhaften und schwierigen Fällen sich Raths zu erholen, und es war da, wo alles voller Weisheit steckte, guter Rath immer in Ueberfluß zu finden. Es ergab sich auch nie, daß ihre treuen Anschläge, so wie sie solche gaben, ohne besondern Nutzen abgegangen, und nicht immer das darauf erfolgt wäre, was man gewünscht hatte, wenn man denselben nur gefolgt und nachgelebt ist: was freilich geschehen soll und muß, begehrt man anders etwas Gutes auszurichten. Dieses brachte ihnen erst das rechte Lob bei Jedermann, und gebar ihnen ihren großen Namen durch die ganze Welt.

Sie wurden daher auch, wie sie es wohl werth waren, mehrmals mit Gold, Silber, Edelsteinen und andern köstlichen Sachen und Kleinodien reichlich beschenkt: denn die Weisheit war damals weit höher geschätzt als wirklich, wo die Narren hervorgezogen und obenan, bisweilen auch allein an der Herren Tafel gesetzt, die Weisen aber gering geschätzt, wo nicht gar verachtet und verstoßen werden. Jedoch, als weise und verständige Leute schätzten sie Alles gering, denn sie hielten dafür (wie es auch gewiß und wahr ist), daß die Weisheit mit keinem Gut oder Geld zu bezahlen sei, weil solche alles andere so weit übertreffe, wie etwa die Sonne mit ihrem Glanz die übrigen Himmelskörper verfinstert. Denn:

Der Höchst', nach Gott, der weise ist,
Dem Gut gebricht zu keiner Frist,
Ist reich, frei, schön und wird geehrt,
Trotz einem König, der's ihm wehrt.

Endlich kam es dazu, daß Fürsten und Herren, welche sich selbst auf keine Weise mehr rathen konnten, ihre Botschafter nicht mehr blos zu ihnen sandten und sich so ihres Raths bedienen wollten, sondern es begehrte jeder einen Schildbürger bei sich am Hof und an der Tafel zu haben, damit er denselben tagtäglich und bei jeder Gelegenheit zu gebrauchen, und aus seinen Reden, als aus einem unerschöpflichen Brunnen des besten Wassers, die Weisheit zu lernen und zu schöpfen im Stande sei. Wie denn auch einem Fürsten nicht wohl etwas besser ansteht, und wie er kein größeres und theureres Kleinod haben kann, als die Weisheit; um welch höchstes Gut, das der Mensch in diesem Leben erlangen kann, der König Salomo zu Gott flehte: diese ist aber nicht besser zu gewinnen und so viel uns Menschen möglich ist, durch Mittel zu erlangen, als wenn man in Betrachtung zieht, daß

Nachdem sich einer gesellen thut,
Er gewißlich wird bös oder gut;

und wenn man solche Leute um sich hat, bei welchen diese hohe Gabe leuchtet und scheint, dieselben hört und ihre weisen Reden wahrnimmt und zum Nutzen und Frommen anwendet. Wer Pech anrührt, besudelt sich; warum sollte dann der, welcher sich zu Bösen und Unweisen gesellt, nicht auch bös und unweise werden, und ebenso das Gegentheil?

Um der genannten Ursachen willen wurden also aus der Schildbürger Zahl täglich, bald dieser bald jener beschickt und von Haus in weit gelegene Länder abgefordert. Da ihrer nicht so viel waren, daß auch einer des andern Stelle hätte vertreten können, so kam es in kurzer Zeit dahin, daß schier keiner mehr zu Hause blieb, sondern bald alle Haus und Ortsabwesend wurden. Es mußten also die Weiber an der Männer Statt stehen und Namens ihrer alles verwesen und versehen, was sonst dem Manne zustand; namentlich den Feldbau, das Vieh u. dgl. Sie thaten's zwar nicht so gar ungerne, weil sie ohnedieß den Männern nicht selten nach dem Bart griffen, hiedurch aber die Gewalt in die Hände bekamen und über die Männer die Meisterschaft führten.

Wenn es aber noch heutigs Tags zu geschehen pflegt, daß Weiber-Arbeit und Gewinn gegenüber von dem der Männer sehr gering ist; ja so sie sich auch aufs Eifrigste und Möglichste bemühen und abzappeln, so richten sie dennoch wenig damit aus: ebenso ging es bei den Schildbürger-Weibern. Man muß dieß aber so verstehen, wenn die Weiber der Männer Arbeit verrichten sollen.

Aus Mangel an dem gehörigen Bau fingen an die Feldgüter abzunehmen und aus der Ordnung zu kommen, da der Herren Aufsicht, welche allein den Acker im Stande erhält, nicht darauf verspürt wurde; das Vieh, welches sonst unter den Augen des Herrn recht satt wird, wurde mager, verwildert und unnützlich; alle Werkzeuge und Geschirre wurden vernachläßigt, weil nichts verbessert und wieder gemacht ward; und was noch das Aergste ist, das Gesinde, Kinder, Knechte und Mägde wurden ungehorsam und wollten nichts Gutes mehr thun. Denn weil ihre Herrn und Meister nicht zu Hause waren, und ihnen also von denselben nichts befohlen werden konnte, so beredeten sie sich, daß sie indessen Meister wären. Es war übrigens kein Wunder, denn, wie schon zum Theil oben erwähnt:

Des Herren Tritt den Acker düngt,
Des Herren Aug' das Vieh verjüngt;
Des Herren Gegenwärtigkeit
Hält in Gehorsam Knecht und Maid:
Wo der Herr nicht selbst kommt hin,
Ist gewiß ein schlechter G'winn.

Weil also die guten Schildbürger, um Jedermann zu dienen und Alles, was unrichtig war, wiewohl nicht aus Geiz und um des lieben Geldes willen, sondern wegen der allgemeinen Wohlfahrt richtig und recht zu machen begehrten, so geriethen sie dadurch selbst in verderblichen Schaden und es erging ihnen wie nicht selten denjenigen, welche Händel zu schlichten und Frieden zu machen begehren. Denn:

Wer Balger gerne scheidet,
Am ersten wird geleidet.
Getreuer Dienst gibt bösen Lohn:
Undank, sonst nichts, bringt man davon.

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