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Die Schildbürger

Unbekannte Autoren: Die Schildbürger - Kapitel 36
Quellenangabe
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typenarrative
authorUnbekannter Autor
titleDie Schildbürger
publisherVerlag von Fleischhauer und Spohn
editorF. S. Haarer
year1854
firstpub1597
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Vierunddreißigstes Kapitel.

Wie die Schildbürger eine lange Wurst machten und sie nicht kochen konnten.

Wieder auf eine Zeit hatten die Schildbürger ein gutes schweinenes Schwein, welches sie behalten und mästen wollten. Als dasselbe aber in einer Scheuer hinter den Haber kam, fraß es aus Hunger zu viel. Es wurde verklagt und durch Stimmen-Einhelligkeit als ein Dieb durch Urtheil und Recht des Todes würdig erklärt. Der Stab wurde nun über dasselbe gebrochen und das Schwein alsbald mittelst eines Messers, wie es die Art und Weise mit sich brachte, vom Leben zum Tode gerichtet. Ihre ganze Habe mit Haut und Haar fiel den Richtern anheim, von welchen das Schwein verfressen wurde. Nun wollten die Bauern Alles zu Ehren ziehen und, damit Nichts unbenützt bleibe, auch Würste machen. Sie nahmen deswegen das Gedärm von dem Schwein ganz, wuschen und füllten es, so lang es war, mit Speck, Blut, Leber, Lungen, Hirn, kleinen Beinlein und Anderem, was man zu einer Wurst zu gebrauchen pflegt, und machten also ihre Wurst so lang, als der Darm war.

Als endlich der Tag kam, daß das Urtheil vollzogen und das Schwein aufgegessen werden sollte, bestimmten sie ihre Wurst zum Voressen; sie fanden aber nach ihrer Meinung keinen Hafen, in dem sie die Wurst der Länge nach hätten kochen können, weil sie meinten, der Hafen müsse die Länge der Wurst haben. Sie waren deswegen in Verlegenheit, was sie thun sollten. Denn nicht nur, daß sie keinen solchen Hafen bei Händen hatten, war allein ein hinderlicher Umstand, sondern es wollte auch kein Töpfer oder Hafner sich unterstehen, ihnen einen solchen zu machen, wahrscheinlich weil sie nicht konnten. In ihrer Unbehaglichkeit und Verlegenheit, Zweifelhaftigkeit und Unmuth ging einer der Schildbürger durch das Dorf hinab und als er an einigen Gänsen vorbeilief, fingen diese an zu schreien: Gigag! Gigag! (einige Scribenten waren der Meinung, es wäre ein Esel gewesen, der geschrieen habe – Machet's nicht zu laut; daß ich ihn nicht höre – Ja, Ja, Ja, Ja! was wohl sein mag). Dieses hörte der Schildbürger, er kehrte um, hatte aber die Gänse nicht recht verstanden, und war der Meinung, sie hätten gesagt zwiefach, zwiefach! er ging deshalb wieder zur Gemeinde zurück und sprach: es sei doch wohl keine kleine Schande für die ganze Gemeinde, daß sie sich jetzt erst von den Gänsen belehren lassen müssen, die Wurst zwiefach in den Hafen zu thun. Nachdem die Gemeinde dieses gehört, nahmen sie es ferner zu Bedenken und schloßen darauf: könne man die Wurst zwiefach kochen, so lasse sie sich auch dreifach kochen (denn was sich zweie, das dreie sich auch gern), daher auch vierfach und noch mehrfach. Sie nahmen nun keinen Anstand, die Wurst so oft zusammen zu legen, bis sie in einen gewöhnlichen Hafen gelegt werden konnte, denn selber konnte sie nicht hineinspringen. Die Wurst wurde also gekocht und vertheilt und Jedem ein Stück davon gegeben, das ihm dreimal um's Maul herumging. Den einen Zipfel der Wurst mußte der jedesmalige Empfänger in den Mund nehmen und heben, mit dem andern Theil fuhr der Austheiler um den Kopf des Empfängers; war nun die Wurst das dritte Mal wieder bei dem Mund, so mußte er sie abbeißen. Dies war seine Portion. Daher rührt das Sprüchwort, welches heutigs Tags noch gebraucht wirb: Gelt Lalle, man muß dir eine Wurst braten, die dir drei Mal um's Maul herumgeht.

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