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Die Schildbürger

Unbekannte Autoren: Die Schildbürger - Kapitel 23
Quellenangabe
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typenarrative
authorUnbekannter Autor
titleDie Schildbürger
publisherVerlag von Fleischhauer und Spohn
editorF. S. Haarer
year1854
firstpub1597
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Einundzwanzigstes Kapitel.

Wie der Kaiser nach Schildburg reist, und unweit Schildburg einen Schildbürger fand, der Käs und Brod aß; auch, wie er empfangen worden sei.

Als der Kaiser auf dem Weg nach Schildburg in Misnoxotamia war, fand er nahe beim Dorfe auf dem Feld einen Schäfer an seinen Stab gelehnt, der in der einen Hand ein Stück schwarzes, grobes, von rauher Kleie gebackenes Brod hatte; als dieß der Kaiser sah, sprach er zu ihm: »Du hast rauhes, schwarzes Brod.« – »Ja,« antwortete der Schildbürger, »wenn's besser wäre, nähme ich's auch an.« – »Wie kannst du es denn essen,« fragte der Kaiser, »und wie davon leben?« – »Ich muß es eben mit dem Käs da (den er in der andern Hand zeigte) übertäufeln.« Hiemit zog der Kaiser fort und hatte gelernt, wie man schwarzes Brod wohl geschmackt machen könne.

Nun habt ihr, meine lieben Herrn, gehört und verstanden, was der Kaiser den Schildbürgern durch seine Gesandten zuentbot: er wolle nämlich, wenn sie ihm auf seine ersten Worte, die er zu ihnen spreche, reimenweise antworten, und ihm halb geritten und halb gegangen entgegen kommen würden, der Schildbürger altes Herkommen bestätigen und noch viel mehr dazu geben. Dieses hatte die ganze Gemeinde beim Weine, zu dem sie, wie oben erwähnt, der Pfaff nach der Predigt führte, wohl erwogen und fleißig überdacht.

Sie theilten nun die Frage, über welche Rath geschlagen werden sollte, in zwei Theile ab, damit sie ihnen desto klarer vor Augen liege; sie gingen dabei von der Ansicht aus, wer recht und gut unterscheide und abtheile, der urtheile stets auch gut. Für's Erste handelten sie nun davon, wie sie dem Kaiser reimenweise antworten; hernach wie sie ihm halb geritten und halb gegangen entgegenziehen und ihn empfangen sollten.

Hinsichtlich des ersten Punktes wurde berathen und beschlossen: sie wollten dem Kaiser zuvorkommen, daß er ihnen mit einer Antwort begegnen müßte, wie sie solche wünschten; daher soll ihn der Schultheiß zuerst mit den Worten anreden: nun seid uns willkommen! empfangen! Denn darauf müsse der Kaiser nothwendig antworten: und, du mir auch. Wenn das geschehen sei, dann hätten sie's schon gewonnen; denn der Schultheiß müsse darauf sprechen: der Witzigste unter uns ist auch ein Bauch. Das würde sich reimen sowohl in der Form als auch im Inhalt.

Dagegen den zweiten Punkt betreffend, wie man dem Kaiser entgegenziehen sollte? so fielen unter andern besonders folgende Meinungen. Einige meinten: man sollte sich in zwei gleiche Haufen abtheilen; der eine Haufen reiten und der andere zu Fuß gehen, je ein Reiter und ein Fußgänger in einem Glied. Andere meinten: es sollte ein Jeder einen Fuß im Steigbügel, also reitend, den andern aber auf dem Boden gehend haben; dies wäre ja auch halb geritten und halb geloffen; andere endlich waren der Meinung, daß man dem Katser auf hölzernen Pferden entgegen ziehen sollte: d»n davon pflege man ja im Sprichwort zu sag«: Stecken reiten sei halb gegangen. Ueberdieß seien solche Pferde auch fertiger, hurtiger, musterlicher, bald gezäumt, gestriegelt und gesattelt.

Dieser letzten Meinung wurde von allen Theilen Beifall gezollt und daher die Anordnung getroffen, daß sich Jeder mit einem Pferd gefaßt machen sollte, was auch alsbald geschaht denn es war Keiner so arm, daß er sich nicht um ein weißes, graues, braunes, schwarzes, rothes, gesprenkeltes Pferd, je nachdem einer gerne beritten gewesen wäre, hätte umsehen können. Dieselben tummelten und richteten sie auf's Meisterlichste ab.

Als nun der festgesetzte Tag herbeikam und der Kaiser mit seinem Hofstaat herzurückte, sprengten die Schildbürger mit ihren Steckenpferden heraus und ihm entgegen. Auf dem Weg wurden ihrem Herrn Schultheißen, welcher den Abend zuvor saure Buttermilch gegessen hatte, seine Hosen zu eng, weshalb er beiseits hinter eine Dunglege sprengte, vom Pferd abstieg, dasselbe anbund und sein Sächlein machte.

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Indessen war der Kaiser beim Dorfe angelangt, während die ganze schildbürgische Ritterschaft nach ihrem Schultheißen, welcher hinter ein»» Dunghaufen verborgen war, sich umsah. Als er wahrgenommen hatte, was vorging, nahm er nicht mehr so viel Zeit, seine Hosen einzunesteln, sein Pferd abzulösen und sich darauf zu schwingen, sondern seine halb hinaufgezogenen Hosen in der Hand haltend, sprang er auf den Dunghaufen hinauf, um hier den Kaiser desto förmlicher und stattlicher empfangen zu können.

Da nun der Kaiser herbeikam, wußte mein Herr Schultheiß wohl, daß er jetzt den Hut abziehen müßte; da er aber mit der einen Hand die uneingenestelten Hosen zu halten gezwungen war, und die andere dem Kaiser darreichen mußte, so faßte er kurzen Rath und nahm seinen Filzhut in's Maul, und bot also seine leere zweite Hand dem Kaiser dar, indem er sprach: »Nun seid uns willkommen auf unserm Grund und Boden, fester Junker Kaiser!«

Der Kaiser sah den Federn an, was es für Vögel wären, und dachte dabei, daß das Geschrei von der Schildbürger Thorheit nicht leer wäre, reichte deswegen dem Schultheißen auch die Hand und sprach: »Habe Dank, du mein lieber Schultheiß, sei mir willkommen.« Hier sollte nun der Schultheiß verabredeter und beschlossener Maßen reimenweise antworten; allein er wollte dies unbedachtsamer Weise und, damit er sich nicht verschnappe, nicht sogleich thun. Alsbald fiel ihm aber ein Anderer in die Rede, welcher meinte, der Schultheiß wäre verstummt, antwortete daher schnell reimenweise, indem er sprach: »Der Schultheiß ist ein rechter Narr.« Denn es wurde in ihrem versammelten Rathe abgerathen und beschlossen, man sollte antworten: Der Witzigst unter uns ist ein Gauch: deswegen dachte der unberufene Stellvertreter des Schultheißen, Gauch und Narr wären ja gleich; der Witzigst unter ihnen aber seie der Schultheiß selber, deshalb habe er ihn Ehre halber nennen zu müssen geglaubt. Demnach sind Tölpel und Gäns und Vieh auch nicht viel von einander verschieden. Darum, dachte dieser Schildbürger, gelte es gleich, man könne wohl eines für das andere nehmen; reime es sich schon in Worten nicht so gar wohl, so seie doch nicht so gar viel daran gelegen, als wenn es sich in der Wörter Bedeutung und Auslegung (daran am meisten gelegen sei) nicht reime und schicke.

Nachdem also der Kaiser auf die angeführte Weise empfangen und bewillkommt war, ritten ihm die Schildbürger vor bis in das Dorf hinein, wo sie ihn erst auf's Neue empfingen. Der Schultheiß saß ab von seinem hölzernen Klepper, stieg auf einen Dunghaufen und reichte dem Kaiser nochmal die Hand. Es sagte aber der Kaiser zu ihm: »Was thust du hier auf dem Dung?« »Ach, fester Junker Kaiser,« antwortete der Schultheiß, »da bin ich armer Teufel nicht werth, daß mich der Erdboden vor Euch trage.«

Sofort führten sie den Kaiser in sein Losament auf's Rathhaus, wohin sie ihn logirt hatten. Sie erzählten ihm nun die Geschichten, welche sich bei dem Rathhausbau zugetragen hatten, worüber er sein gnädigstes, kurzweiligstes Wohlgefallen kund that. Auch zeigten sie ihm an (um ihn bis zum Essen aufzuhalten), wie es ihnen mit ihrem Salzbau ergangen seie, wobei sie ihn nicht verfehlten, ihn unterthänigst zu bitten, er möchte, wofern ihnen eine derartige Kunst gerathen sollte, sie darüber privilegiren und befreien, damit ihnen Niemand die Sache zum unwiederbringlichen Schaden nachmache; wie er, der Junker Kaiser, selber wohl erachten könne. Der Kaiser fand ihre Bitten nicht unbillig, daher erzeigte er ihnen unter Erlaubniß-Ertheilung und Gestattung alles dessen, um was sie ihn angefleht hatten, seinen gnädigsten Willen dahin, daß er, wenn es die Nothwendigkeit erfordere, ihnen ihre Rechte, Privilegien und Freiheiten noch erweitern würde.

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