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Die Schildbürger

Unbekannte Autoren: Die Schildbürger - Kapitel 22
Quellenangabe
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typenarrative
authorUnbekannter Autor
titleDie Schildbürger
publisherVerlag von Fleischhauer und Spohn
editorF. S. Haarer
year1854
firstpub1597
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zwanzigstes Kapitel.

Wie die Frau Schultheißin mit ihrem neuen Pelz zur Kirche prangt, um die Predigt zu hören, und was sich daselbst begeben habe.

Die folgende ganze Nacht lag die neue Frau Schultheißin in schweren, tiefsinnigen Gedanken, wie sie doch ihren neugewaschenen Pelz anlegen und darin prangen möchte, damit ihres Mannes Ehre nicht geschändet und verkleinert würde, wenn sie sich ja nicht so gravitätisch, wie es einer Dorfschultheißin gebührt, stellen könnte. Es ist dieß die gewöhnliche Art aller Weiber, daß sie nur darauf denken, wie sie sich recht aufmutzen, schmücken, zieren, malen, aufthun, einpressen, schnüren, köpfeln, häubeln, sich füttern und beharnischen, bereifen, bestreichen zu können, um ihren Männern eine Ehre (brave Ehre!) zu sein (wie diese Frau Schultheißin), ja damit sie nur ihnen gefallen und recht oft angefleht werden sollen.

Während sie sich nun in ihrem Eifer hin und her wandte und von ungefähr mit dem Ellenbogen ihren Herrn, den Schultheißen, der ebenfalls mit einem Narren schwanger ging und die ganze Nacht über damit zu schaffen hatte, so ungestüm an die Seite stieß, daß er darüber erwachte, fuhr er auf und sprach zu ihr: »Bei wem liegst du?« Sie that dergleichen, als schliefe sie und antwortete nichts. Nach einer halben Stunde fragte er wieder: »Frau Schultheißin, bei wem lieget ihr?« Da er ihr ihren Ehrentitel gab, dachte sie: nun kannst du ein Aug' zuthun (wie jener Bettelvogt sagte, der, als er nur ein Auge zuthat, ganz blind war); daher antwortete sie ganz faul: »Bei dir.« Der gute Schultheiß war mit dieser Antwort nicht zufrieden, denn er hatte seinen Ehrentitel noch nicht gehört, weshalb er sie bald darauf wieder fragend stieß: »Gnädige Frau Schultheißin, bei wem liegt Euer Wohledlen?« Die Frau Schultheißin wurde unwillig ob dem Fragen, denn sie hatte mit ihrem Pelz zu schaffen, daher erwiederte sie jetzt ganz kniffig: »Was fragst und plagst mich doch so lang, wo werde ich denn liegen, bei einem Narren.« – »Aber nein, meine Frau,« sprach der Schultheiß, »das sage doch nicht, daß du bei einem Narren liegst; denn du weißt's ja, daß ich der Schultheiß zu Schildburg bin.« Daraus bemerke die Frau, daß seine Wohledlen etwas unwillig und erzürnt war, kehrte sich deswegen im Bett um, gähnte, strecke und stellte sich, als hätte es ihr geträumt, und jetzt wäre sie vom Schlaf erwacht, weshalb sie schnell fragend antwortete: »Was, was ist's?« Hiemit wurde es Tag, welchen die Frau Schultheißin mit Sehnsucht erwartete; diese Nacht kam ihr so lang vor, daß sie bald glaubte, es würde nimmer Tag werden, um so willkommener war ihr dann der anbrechende Morgen. Viel früher als sonst stand sie heute auf und fing an zu mutzen und zu putzen; denn es war Sonntag, an dem die Nachbarn alle in die Kirche kamen, wo sie sich in ihrem neuen Pelz beschauen lassen wollte, damit sie nicht von Haus zu Haus und von einem Stall zum andern gehen mußte, weil sie dieß gar zu viel Zeit gekostet haben würde, besonders wenn sie auch noch zu dir und mir hätte kommen müssen.

Verhaspelt, verirrt und verwirrt in solche Gedanken, überhörte die Frau Schultheißin das Predigt-Läuten. Und als sie endlich, natürlich nicht ohne große Mühe und Arbeit, fertig wurde, und meinen Herrn, den Schultheißen, der, mit dem Spiegel in der Hand, vor ihr stand, gern hundert Mal gefragt hatte: ob sie hinten und vorn her wäre, wie eine Frau Schultheißin sein sollte? und er mit Ja darauf erwiedert hatte, ging sie endlich der Kirche zu. Gewiß hat sie über die Gasse her geprangt wie eine Geis am Strick.

Nun weiß ich nicht, wer die Schuld trägt: ob meine gnädige Frau Schultheißin zu lang geschlafen, oder ob der Meßner zu früh geläutet, oder aber, was am wahrscheinlichsten ist, ob der Pfaff des Abends zuvor zu lange beim Weine saß, darum nicht auf die Predigt studirt und sie deswegen so kurz gemacht hatte. Eben, als sie mit ihrem neuen Pelze in die Kirche hineinrutschte, war die Predigt aus und Jedermann stund auf. Die gute Frau verstund den Handel nicht, sondern meinte und beredete sich selbst, weil ihr Mann Herr Schultheiß, sie Frau Schultheißin und überdieß noch mit einem nagelneuen Pelz behängt war, so stünden die Nachbarn ihr und ihrem Pelz zu Ehren auf; sie sprach daher ganz sitt- und tugendsam (denn dies hatte sie schon gelernt), indem sie sich auf beide Seiten kehrte, zu jenen: »Liebe Nachbarn, ich bitte euch, sitzen zu bleiben; denn ich gedenke des Tages noch wohl, an welchem ich ebenso arm, zerlumpt und zerrissen hereinkam, wie ihr: daher setzt euch nur wieder nieder.«

Bald nach ihr kam auch mein Herr, der Schultheiß, welcher so lang mit seinem Bart zu schaffen hatte, hereingetreten, und als er sah, daß einige Hunde in der Kirche herumliefen, sprach er in recht schultheißlichem Eifer und bitterem Ernst: »Nun will ich auch eine Ordnung unter die Hunde bringen, sowohl als unter meine Unterthanen, was ich bisher nicht zuwegen bringen konnte, damit man auch von mir zu sagen habe, oder ich will lieber nicht ihr Schultheiß und Amtmann sein.«

Die Ursache, warum die Predigt so kurz gewesen, war aber diese: der Pfaff handelte nur von vier Stücken. »Das erste,« sprach er, »weiß ich, aber ihr wisset's nicht; das andere,« sagte er, »wisset ihr, aber ich weiß es nicht; das dritte,« sprach er, »wissen wir Beide nicht; daß vierte dagegen,« meinte er, »wissen wir Beide nur zu wohl. Böse Hosen habe ich, das weiß ich leider; aber der lange Rock bedeckt mich, darum wüßtet's ihr nicht, wenn ich's nicht gesagt hätte. Aber das wisset ihr, ob ihr mir neue anschaffen wollt; das kann ich nicht wissen. Ich hätte euch sagen sollen,« sprach er, »was heute für ein Evangelium fällt, das weiß ich, schla mi's Blechle, nicht und ihr noch viel weniger. Das Wirthshaus wissen wir Alle zusammen nur gar zu wohl. Darum nehme ein Jeder sein Häfelein zur Hand, laßt uns mit einander daselbst hinziehen und hinter'm Tisch rathschlagen, wie wir den Kaiser empfangen wollen.

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