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Die Schildbürger

Unbekannte Autoren: Die Schildbürger - Kapitel 19
Quellenangabe
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typenarrative
authorUnbekannter Autor
titleDie Schildbürger
publisherVerlag von Fleischhauer und Spohn
editorF. S. Haarer
year1854
firstpub1597
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Siebenzehntes Kapitel.

Wie der König in Utopien den Schildbürgern seine Ankunft melden läßt und wie sie darauf in Eile einen Schultheiß wählen.

Die Weisheit der Schildbürger wurde nach und nach durch die ganze Welt dergestalt verbreitet, daß jedermann davon zu sagen wußte; doch erscholl das Geschrei von ihrer Thorheit in kurzer Zeit noch weiter, denn es war bald Niemand, der nicht gewußt hätte, was sich Alles bei ihnen zugetragen hatte. Was übrigens, wenn wir Menschen uns selbst recht erkennen, kein Wunder war. Denn, weil wir Alle zu Narren geworden sind, da wir die rechte Weisheit verloren haben und zwar muthwilliger Weise; so pflegen wir stets mehr der Narrheit nachzufragen und der Thorheit nachzuforschen, als der Weisheit. So erging es in dem vorliegenden Falle auch. Die Weisheit der Schildbürger wurde erst nach vielen Jahren bekannt; ihre Thorheit dagegen war, ehe sie recht angefangen hatte, durch die ganze Welt verbreitet.

Wie nun der Kaiser in Utopien (einige gaben ihm zwar nur den Titel eines Königs) Reichsgeschäfte halber in jene Gegend kam, wurde ihm von den seltsamen abenteuerlichen und närrischen Possen der Schildbürger sehr viel gesagt. Der Kaiser verwunderte sich darüber und zwar um so mehr, als er sich zuvor in seinen wichtigsten Angelegenheiten ihrer Weisheit bediente und von ihren weisen Rathschlüssen profitirte. Daher verlangte er, weil er ohnedieß die Ankunft seiner Stände abzuwarten hatte, selber zu ihnen zu gehen und sich in der That zu erkundigen, ob sich wirklich die Sachen so verhalten, wie ihm berichtet worden, oder ob es blos ein nichtiges Geschrei oder gar eine Verläumdung sei. Wie denn nicht selten der Fall sich ereignet, wovon ein Gewisser sich durch nachfolgendes Beispiel überzeugen wollte. Dieser erzählte nämlich seinem Weib unter der ausdrücklichen Bedingung, ja Niemand etwas davon zu sagen, daß sein Nachbar ein Ei gelegt habe. Ehe jedoch eine halbe Stunde vorüber war, offerirte sie es schon ihrer Gespielin, die ihr ebenfalls stillzuschweigen versprechen mußte, machte aber gleich zwei Eier daraus. Diese sagte es natürlich auch einer andern, indem sie noch ein Ei dazu legte, und so ging es fort; ehe es Nacht geworden war, mußte der gute Nachbar schon mehr als ein Dutzend Eier gelegt haben, obgleich es anfänglich nur Eines war.

Aus diesen Gründen schickte der Kaiser alsbald seine Gesandten ab zu den Schildbürgern, sie von seiner Ankunft in Kenntniß zu setzen, damit sie sich darauf rüsten und gefaßt machen könnten. Dabei ließ er ihnen auch anzeigen und befehlen (wahrscheinlich um zu erfahren, ob sie recht närrisch seien), er wolle sie bei allen ihren alt hergebrachten Privilegien und Freiheiten nicht nur lassen, sondern auch, wo es die Nothwendigkeit erheische, noch ferner befreien und begnadigen, wofern sie ihm auf seine Anrede dahin zu antworten im Stande seien, daß sein Gruß und ihre Antwort sich auf einander reime. Indem sie also hierauf bedacht sein sollten, befehle er ferner, daß sie ihm bei seiner Ankunft halb geritten und halb gegangen entgegen kommen müßten.

Den armen Schildbürgern wurde es bei dieser Nachricht angst und bange um's Herz; sie erschracken ärger, als eine mauende Katze vor dem Kürschner, oder eine arme meckernde Geis vor einem Schneider, wenn sie sich unvorhergesehen vor ihm befindet. Denn, wenn sie gleich Bauern waren, die gewöhnlich als, simpelhafte, schlichte, einfältige Leute gehalten werden, so befürchteten sie doch, daß der Kaiser (der mit seinen Augen, wenn sie schon nicht größer seien als die Augen anderer Leute, viel weiter sieht: wie namentlich die Herrn auch lange Hände haben und einen über viel Meilen Weges beim Haar erwischen können) ihre unter sich angelegte Narrheit werken möchte, wodurch sie nicht nur in die höchste Ungnade und Strafe verfallen, sondern möglicher Weise auch gezwungen werden könnten, es da anfangen zu müssen, wo sie es früher gelassen hätten.

Und wahrlich! sie hatten sich billig zu fürchten. Denn es ist nichts Geringes, sich selbst zum Narren zu machen, weil hiedurch dem gemeinen Wohl, welchem wir unser Leben Opfern müssen, wenn es die Nothwendigkeit erfordert, das Seinige geraubt und entzogen wird. Man sollte vielmehr die Zeit abwarten, wo einer entweder selber ein Narr, oder durch andere zu einem Narren gezimmert, geschnitzelt, gesägt, gehobelt, gebohrt, genetzt und geschoren wird. In einem solchen Fall kann sich einer ohne Scheu und Verweise oder ohne Vorwürfe einen Narren schelten lassen, und zwar von Jedem, und wenn er gleich ein größerer Narr ist als Du.

In diesem ihrem Schrecken suchten die armen Schildbürger bei ihrer alten abgelegten Weisheit Rath und Hülfe, wo sie dann alsbald fanden, was in der Sache zu thun wäre. Sie ordneten nun Alles, was nöthig war im Stall für die Pferde und in der Küche für den Kaiser, aufs Pünktlichste, damit sie ja nichts vergessen und im Stande sein würden, den Kaiser auf das Stattlichste in ihrem Dorfe zu empfangen.

Da aber eine Heerde Schweine ohne Hirten ebenso wenig anfangen kann, als ein ganzer Leib Ohne Haupt, und sie unglücklicher Weise zu derselben Zeit keinen Schultheißen hatten, weil ihnen der erste, den sie beim Anfang ihrer Thorheit wählten, gar zu sehr zum Narren und deswegen zu seinem Amte untauglich geworden war, sie aber nach ihrem hohen Verstand wohl einsehen und erachten konnten, daß sie nothwendig einen haben müßten, auf den sie Alle nicht anders sähen, als die losen Mücken auf einen geschälten Apfelschnitz: also gingen sie zu Rath und ließen herumrathen, vorerst auf welche Weise eine Wahl getroffen werden soll, damit kein Unwille erregt werde; wie sonst gewöhnlich zu geschehen pflegt, wo man Aemter austeilt, und Jeder gerne der Erste oder der Höchste wäre.

Einem solchen Ungemach, woraus gewöhnlich Nichts Gutes erfolgt, zu begegnen, wurde abgerathen und erkannt: Weil man dem Kaiser auf sein erstes Wort Reimenweise antworten müsse, so werde das Beste sein, wenn Derjenige Schultheiß werde, welcher am nächst folgenden Tag den besten Reimen zu Tage fördern würde: darauf sollen sie sich nun besinnen und die Nacht darüber schlafen. Hiemit gingen die Schildbürger aus einander, jeder in der Hoffnung, Schultheiß zu werden. Nun zerdisputirten und zerstudirten sie sich die ganze liebe lange Nacht, daß sie Morgens kaum wußten, wo ihnen der Kopf stünde.

Unter sie war der Schweinhirt, ein guter Gesell, auch mit eingerechnet. Dieser, ob er zwar gleich schon Schultheiß war und mit seinem Stab unter die Schweine warf (um eine rechte Ordnung in sie zu bringen oder lieber nicht ihr Herr Amtmann zu sein); so wäre er doch gerne höher gestiegen und hätte seine Probstei mit einer Abtei vertauscht: darum studirte auch er auf den vorliegenden Handel und ging mit einem schwer beladenen Gedächtniß um, das ihn die ganze Nacht beunruhigte, in Folge dessen im Bett hin und her trollte und mehrere Male an sein Weib stieß, daß diese erwachte und mit einem Theil der einst von den Schildbürgern weggeworfenen Weisheit, den sie zum spätern Gebrauch noch sorglich aufbewahrt hielt, wohl bemerkte, daß ihrem Manne etwas hart und schwer am Herzen liege, weshalb sie ihn fragte: warum er so unruhig sei, er solle ihr's sagen, sie könnte ihm vielleicht behülflich und räthlich dabei sein? Er wollte es aber nicht sagen, weil er für unschicklich hielt, aus dem Rath zu schwätzen. Sie lag ihm aber so hart an (wie die Weiber eben vorwitzig sind, und gern Alles wissen möchten, was, wenn, und wo?), daß er, wollte er etwas Gutes von ihr haben, nicht länger zurückhalten durfte, sondern ihr offenbaren mußte, mit was er umginge; doch bat er sie dabei, ihn nicht zu verrathen, daß er aus dem Rath geschwätzt habe.

Als sie von dem Handel umständlich unterrichtet war, wäre sie ebensogern Frau Schultheißin gewesen, als ihr Mann Schultheiß; sie suchte und fand daher bald, wie sie ihm helfen wollte. »Ach, mein lieber Mann,« sprach sie, »bekümmere dich wegen dieses Handels nicht so sehr und lasse dir keine grauen Haare darüber wachsen. Was willst du mir geben, wenn ich dich einen Reimen lehre, daß du Schultheiß wirst?« – »Wenn du das thust,« sprach der Sauhirt, »und ich werde Schultheiß, so will ich dir einen schönen neuen Pelz kaufen!« Die Frau, die in ihrem Sinne schon Schultheißin war, fühlte sich hierüber wohl zufrieden und fing daher an, den Reimen vorzusprechen:

»Ihr liebe Herrn, ich tret' herein.
Mein' Hausfrau heißet Katharein;
Ist schöner als mein schönstes Schwein,
Und trinkt gern guten kühlen Wein.«

Diesen Reimen sprach sie ihm neun und neunzig Mal vor und er ihr ebenfalls so oft nach, bis er ihn endlich gegessen zu haben glaubte, und wiederholte ihn in seinem Sinn, bis es Tag wurde, dessen er kaum erwarten konnte. Er ging also groß in der Hoffnung mit einem Schultheißen und auf dieselbe Weise erging es auch den übrigen Schildbürgern. Sie bekamen alle größere Köpfe und Keiner war unter ihnen, der nicht die ganze Nacht Schultheiß gewesen wäre, da ein Jeder, wie es noch heute der Fall ist, sich für einen großen Poeten hielt.

Als nun der bestimmte Tag erschien, an welchem der wohlweise Rath zusammenkommen und zu der Schultheißen-Wahl schreiten sollte, da hätte einer über alle Wunder hören können, was für zierliche und wohl geschlossene Reimen bei dieser Gelegenheit vorgebracht wurden; man konnte sich nicht enträthseln, woher diese Kunst geflogen sei; sie konnten sie nur bei ihrer alten abgelegten Weisheit. wieder gesucht und hervorgelangt haben.

Inzwischen müssen wir uns mit wenigen ihrer Reime behelfen, weil viele verloren gegangen sind. So haben wir z.B. einmal nur den vierten; dieser heißt:

»Ich bin ein recht erschaffener Bauer
Und lehne meinen Spieß an die Wand.«

»Oho!« sprach der Fünfte, »wenn du es nicht besser kannst, so mußt du draußen bleiben. Laß mich Schultheiß werden.

Vidé:

»Ich heiße Meister Hildebrand
Und lehn' mein'n Spieß wohl an die Mau'r.«

»Ei ja,« sprach der Siebente (der Sechste mangelt), du müßtest eben Schultheiß sein! Wie wäre es, wenn ich's besser, machen und dich abstechen würde? Aufgepaßt!

Ich bin genannt der Hänslein Stolz,
Und führ' einen Wagen mit Scheiter.«

»Wie wäre dieser,« sagte der Achte, »so gern Schultheiß! Aber wenn es möglich ist, will ich es werden. Merk auf!

Man sagt, ich hab' einen schweren Kopf,
Und sei ein arger loser Schelm.«

»So bald werde ich nicht Schultheiß,« sprach der Zehnte, »aber laßt hören, was ich kann:

Mit Namen heiß' ich Hänslein Beck,
Dort steht mein Haus an jenem Ort.«

»Du müßtest's gerade werden,« sagte der Eilfte. »Ja, hinter uns tragen die Bauren die Spieße! Wie aber, wenn ich's würde?

Was soll ich viel reimen oder sagen,
Eh' ich hab' einen vollen Hals?«

»Noch hat mir's Keiner vorgethan,« sprach der Dreizehnte; merket auf, was ich sagen will:

»Wer nicht wohl kann reimen und ränken,
Den sollt' man an den Galgen knüpfen.«

»Weg mit all' diesen Reimen!« sprach der Vierzehnte. »Ich wollte wetten, ich werde Schultheiß. Wer hat Lust?

Ihr Herrn, ich möcht' gern Schultheis sein.
Drum bin ich zu euch kommen hieher.«

Noch viele andere Reime wurden vorgebracht, welche man jedoch nicht zu lesen im Stande ist da die Abschrift ganz von den Würmern verfressen wurde.

Während die voranstehenden und noch weitern Verse vorgebracht wurden, stand der Schweinehirt in höchsten Aengsten da, weil er immer befürchtete, daß ein Anderer vor ihm seinen Reim hervorbringen, dadurch Schultheiß werden und ihn somit verkürzen würde. So oft der andern Einer ein Wörtchen vorbrachte, welches er in seinem Reimen hatte, erschrak er dergestalt, daß ihm das Herz bis in die Hosen hätten fallen mögen. Da nun die Ehre oder Ordnung auch an ihn kam, stund er auf und sprach:

»Ihr liebe Herrn, ich tret' hieher,
Mein' Hausfrau die heißt Katharein,
Sie ist so schön wie meine Kosel
Und trinkt gern guten, kühlen Most.«

»Dieß lautet anders, da könnt's was geben!« sprachen die Rathsherrn. Es wurde Umfrage gethan und in Folge deren der Schweinhirt einstimmig zum Schultheißen erwählt, ernannt und angenommen. Denn in ihn setzten sie jetzt das meiste Vertrauen, daß er dem Kaiser Reimenweise antworten und gute Gesellschaft leisten werde. Zudem seie er ein Handwerksmann und die Uebrigen alle blos Bauern.

Der Schweinhirt nahm diese Ehre recht, gerne an, da er lange Zeit damit schwanger ging und nun erfuhr er in der That selbst, wie weit Glück und Unglück von einander wäre; nämlich nicht weiter als Tag und Nacht. Denn der, welcher in der verflossenen Nacht noch Schweinhirt war, ist jetzt ein gewaltiger Schultheiß zu Schildburg geworden.

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