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Die Schildbürger

Unbekannte Autoren: Die Schildbürger - Kapitel 18
Quellenangabe
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typenarrative
authorUnbekannter Autor
titleDie Schildbürger
publisherVerlag von Fleischhauer und Spohn
editorF. S. Haarer
year1854
firstpub1597
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sechszehntes Kapitel.

Wie das Salz gewachsen, zeitig geworden und wie es die Schildbürger nicht abschneiden konnten.

Das Salzkraut (dafür hielten es wenigstens die Schildbürger) wuchs heran, blühte und reifte, nicht anders, als ob es Unkraut gewesen wäre, von dem man sprichwörtlich sagt: daß eher ein Regen darauf falle, ehe es verderbe. Inzwischen begab sich's, daß Einer von der Gemeinde durch das tägliche Werk, welches den Bauern die Nestel auflöst, getrieben, eingedenk seiner vorigen Weisheit, welche nicht so leicht zu ersticken war, sondern wie ein alter, abgestümmelter Weidenbaum immer wieder ausschlägt, dachte: es wäre Schade, wenn der Schatz, den er bei sich trage, ohne Nutzen verloren gehen sollte, er wolle ihn deswegen auf den Salzacker tragen, dann komme er der ganzen Gemeinde zum besten. Dieß that er in der guten Meinung, mit seinem Kleinod den gemeinen Nutzen, so viel an ihm war, zu fördern und, damit nichts verloren gehe, auch das geringste Bislein aufzuheben; dabei beseelte ihn auch die Hoffnung, Dank dafür zu ärnten, gleich demjenigen, welcher der ganzen Gemeinde sein Wachtelgarn verehrt und, so alt und zerrissen es auch war, dennoch großen Dank dafür erlangt habe: indem sie, als weise und verständige Leute, die von ihrer Weisheit eine ziemliche Portion zurückbehalten hätten, mehr des Gebers Willen, Herz und Gemüth, als seine Gaben schätzen dürften.

In diesen Gefühlen eilte der fromme Schildbürger eilig, geschwind und ohne Verzug, als flöge er davon, auf den Acker, ja er hatte Angst und Bänge, bis er dahin kam, denn er besorgte, des gemeinen Nutzens Einkommen fallen lassen zu müssen, ehe er es dahin liefern zu können im Stande sei, wohin er es verordnet hätte. Als er nun sein Sächlein gut gemacht hatte, so daß er Bestes gethan zu haben meinte, erwischte er zufällig eine Handvoll Salzkraut und kam damit an eine empfindliche Stelle seines Leibes. Aber dieses Kraut war so scharf und brannte ihn dermaßen, daß er wie von Sinnen auf- und ablief, und mit vollhelliger Stimme schrie: »Es ist Leckerwerk! es ist Leckerwerk!««

Doch besann er sich eines Bessern und dachte, das Salzkraut wäre vielleicht so scharf, daß es ihn wie das Senfkraut in die Augen gebissen hätte, deswegen wollte er der Gemeinde das Botenbrod abgewinnen. Und damit ihm dieses Niemand absteche, lief er so schnell als möglich nach dem Flecken (denn seit ihrer Narrheit wollten sie ihr Dorf nicht mehr Dorf heißen lassen, und warfen Jeden, der es so nannte, in den Brunnen). Im Flecken angekommen, stürme er an die große Glocke, damit alle Schildbürger zusammen kämen und von ihm die gute neue Nachricht vernehmen könnten. Als sie beisammen waren, zeigte er ihnen zitternd vor Freude an, indem er sie fröhlich und guter Dinge zu sein ermahnte, wie das Salz bereits so scharf wäre, daß es ihn tüchtig gebissen habe, woraus also notwendig geschlossen werde müsse, daß es ein sehr gutes Salz werde.

Mittlerweile beredete er seine Mitbürger, daß sie Alle mit einander und mit ihm auf den Salzacker gingen und dasjenige, was er ihnen vorgemacht hatte, in aller Ehrbarkeit nachthaten: der Schultheiß nämlich vor allen Andern, hernach seine Geschwornen und nach ihnen die Uebrigen nach Alter und Rang. Und als sie Alle das Gleiche erfuhren, wurden sie so froh, daß Keiner unter ihnen gewesen, welcher nicht jetzt schon in seinem Sinn ein mächtiger Salzherr war.

Als aber die Zeit nahte, daß man das aufgewachsene Salz abschneiden und einsammeln sollte, rüsteten sich Alle und bereiteten Alles auf's Beste, was zu ihrer vorhabenden Aernte erforderlich und nothwendig war. So brachten z.B. einige Sicheln mit sich, um das Salz abzuschneiden; andere hatten Pferde und Wagen bei sich, um es wie den Hanf heimzuführen; andere aber hatten sogar Flegel, und wollten es gleich ausdreschen.

Wie sie aber Hand anlegen und ihr gewachsenes Salz abschneiden wollten, siehe, da war es so scharf, herb und hitzig, daß es ihnen die Hände verbrennt und verwüstet hatte. So weit nämlich waren die Schildbürger nicht bedacht, daß sie Handschuh dazu angezogen hätten; denn sie meinten, weil es Sommer und sehr heiß war, so würde man ihrer spotten, wenn sie sich deren bedienten.

Einige waren nun der Meinung, man sollte das Kraut abmähen wie das Gras; das widerriethen die Andern, weil sie besorgten, der Samen möchte ausfallen. Andere meinten, es wäre gut, wem man es mit einer Armbrust abschießen könnte; weil sie aber keine Schützen unter ihnen gehabt und sie besorgten, ihre Kunst würde verrathen, wenn sie nach fremden Schützen schickten; so blieb auch dieß unterwegen.

Summa Summarum, die Schildbürger konnten eben nicht fortkommen mit ihrem Salz und mußten es auf dem Felde stehen lassen, bis sie einen bessern Rath fänden, was zu thun wäre. Und haben sie vorher wenig Salz gehabt, so hatten sie jetzt noch weniger; denn was sie nicht mit Kochen verbrauchten, das versäten sie; sie litten daher noch größern Mangel an Salz. Vor Allem aber am Salz der Weisheit, welches bei ihnen ganz ausgegangen war.

Es wäre nochwendig gewesen, daß unserer Schildbürger irgend einer die Kunst gelernt hätte, wie sie den Schnee im Winter hinter'm Ofen dörren und das Salz gebrauchen sollten: was einer eine Zeit lang that, dem es jedoch, weil er die Kunst mißbrauchte, übel erging, wovon uns die neuesten noch nicht herausgekommenen Zeitungen von der ganzen Welt berichten.

Was sage ich aber so viel? Keiner von den Schildbürgern konnte die Ursache wissen, warum ihr Salz so scharf wäre; sie glaubten, das Feld seie vielleicht nicht recht gebaut worden, entweder zu wenig oder zu viel, daher wollten sie die Sachen das nächste Mal besser angreifen. Ich wußte zwar wohl, daß es Brennesseln waren, welche die Schildbürger, weil sie scharf brannten, für Salzkraut hielten; allein ich wollte es ihnen doch nicht sagen, sondern sie in ihrer Thorheit fortfahren lassen, damit sie die Belohnung derselben selbst empfingen, so wohl, als etwa Ich und Du. Auch dachte ich in meinem närrischen Kopf, es sei den Schildbürgern eben zu Muth, wie mir und dir, die wir nicht gern leiden, daß man uns unsere Kolben zeige und uns unsere Mängel und Fehler offenbare: oder, daß ein Esel den andern Langohr nenne!

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