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Die Schildbürger

Unbekannte Autoren: Die Schildbürger - Kapitel 14
Quellenangabe
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typenarrative
authorUnbekannter Autor
titleDie Schildbürger
publisherVerlag von Fleischhauer und Spohn
editorF. S. Haarer
year1854
firstpub1597
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110101
projectidbcb8898f
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Zwölftes Kapitel

Wie die Schildbürger die Ursache der Finsterniß in ihrem Rathhaus inne werden und dieselbe abschaffen.

Die Schildbürger freute ihr neu erbautes Rathhaus über die Maßen; den ganzen Sommer lang hielten sie Rath darin und handelten von wichtigen, den gemeinen Nutzen, das Vaterland und dessen Verbesserung betreffenden Sachen. Sie hatten auch sehr viel Glück, denn es regnete nie, wenn sie im Rath saßen.

Inzwischen aber begann der liebliche Sommer sein schönes, lustiges Angesicht zu verbergen, und streckte der leidige Winter seinen rauhen Schnabel herein. Dieß war unsern Schildbürgern ein sehr leidiger Handel. Sie mußten jetzt darauf bedacht sein, künftig, wie einer unter einem großen Wetterhut – so sie unterm Dach, welches dem Haus als Regenhut diente, vor Schnee und anderem Ungewitter beschützt und beschirmt zu sein. Daher machten sie das Dach in aller Eil mit gemeinschaftlicher Hülfe wieder zu, und wollten nun, wie sie den ganzen Sommer lang an der Sonne (wie der Schäfer an dem Berge) dem Faulenzer dienten, den Winter über in die Stube zum Ofen sitzen und sich bei diesem Hülfe und Rettung wider erfrorne Leute erbeten.

Als aber das Dach wieder eingedeckt war; und die Schildbürger in's Rathhaus gehen wollten, da war es leider eben so dunkel und finster darin, wie zuvor, ehe sie noch von dem Wanderer die Tag-in's-Haus-trag-Ersparnungs-Kunst-Erfindung gelernt hatten. Jetzt merkten sie erst, daß sie hinter's Licht geführt und schändlich betrogen waren. Allein sie mußten es so lassen und zu einer geschehenen Sache das Beste reden. Es war zu spät, den Beutel zuzuziehen, nachdem das Geld weg, oder den Stall zu schließen, nachdem die Kuh heraus war. Ob sie wollten oder nicht, sie waren gezwungen, wenn sie anders ihr Rathhaus im Winter benützen wollten, wie früher wieder mit ihren Lichtspähnen hineinzusitzen, solche hatten sie sich vorgenommen, zu gebrauchen, so lange ihr Rathhaus stünde. Und das erste Mal, als sie jetzt wieder eine Sitzung hielten, verzog sich dieselbe weit in den Tag hinein. Als während dieser Sitzung die Umfrage von einem an den andern ging, kam es zuletzt an einen, der nicht der Ungeschickteste zu sein glaubte (dessen Namen will ich jedoch Ehren halber verschweigen), dieser stund auf und sagte: Er rathe eben das, was sein Vetter rathen werde, nahm daher auf einen Augenblick Urlaub, und ging von der Versammlung hinaus. Wohin er ging und was er thun wollte, sagte er nicht. Im Hinausgehen erlosch sein Lichtspahn; indem er daher in der Finsterniß an der Wand hin und her tappte, wurde er zufällig eines kleinen Risses oder Spaltes in der Mauer gewahr, durch welchen ein lichter Schein dergestalt auf seinen schönen Bart geworfen wurde, daß er ihn einiger Maßen sehen konnte. Nun erinnerte er sich mit einem tiefen Seufzer seiner ersten Weisheit, auf welche alle verzichtet hatten, trat wieder hinein und sprach: »Na, also, ihr lieben Nachbarn, wenn's erlaubt ist, ein Wort zu reden.« Als ihm dieses vergönnt wurde, fuhr er fort: »Na, sind wir aber nicht gedippeldoppelbohrte Narren? Ich frage euch alle darum. Nun beglaubigt es sich wohl (daß ich aus unserer alten abgelegten Weisheit hier an seinem Ort und zu seiner Zeit ein Wort einflicke), welche kräftige Wirkung es habe, wenn einer durchaus eine andere Gewohnheit annimmt, als diejenige, welche er früher hatte; daß nämlich die von der Natur empfangene erste und gute Gewohnheit unterdrückt und abgethan und die angenommene böse an deren Statt komme. Wir haben uns eine närrische Weise angenommen und sind doch von Natur aus immer weise und verständige Leute gewesen: und nun, siehe, unsere angenommene Weise schlägt jetzt in die Art und treibt die erste aus, so daß wir wie zuvor von Art und Geburt her gescheidte Leute waren, werden wir jetzt von Art und Geburt her Thoren und Narren bleiben und diese Unart nicht mehr fallen lassen können. Wir haben so ängstliche und üble Zeit mit unserm Rathhaus, wenden große Kosten auf, damit wir nur den Mangel finden und verbessern können, nicht zu gedenken der Verachtung, in welche wir dadurch gerathen: und doch war Keiner von uns jemals so witzig, daß er gesehen hätte, was an unserm Haus zu thun wäre, damit Licht darein käme. Haben wir denn nicht die Fenster vergessen? Das ist doch gar zu toll, wenn wir schon im Anfang unserer Thorheit auf einen Sturz so herein plumpen und platzen, daß es selbst ein geborner, ächter Narr merken könnte.« Bei dieser Rede erschracken die Andern alle nicht anders, als ob sie einen Treff bekommen hätten, und verstummten wie die blinden Götzen. Sie sahen aber auch einander an, und schämten sich je einer vor dem andern ihres großen Unverstandes und ihrer gar zu argen Tollheit wegen. Ohne daher zuvor Umfrage zu thun, fingen sie gemeinschaftlich an, zu allen Orten des Rathhauses die Mauern durchzubrechen, ja es war Keiner unter Allen, der da nicht sein eigenes Loch gewollt hätte. Endlich war also das Rathhaus vollführt bis auf das Eingebäu, zu welchem wir gleich unten das Nöthige vernehmen werden.

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