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Die Schildbürger

Unbekannte Autoren: Die Schildbürger - Kapitel 13
Quellenangabe
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typenarrative
authorUnbekannter Autor
titleDie Schildbürger
publisherVerlag von Fleischhauer und Spohn
editorF. S. Haarer
year1854
firstpub1597
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Eilftes Kapitel

Wie ein durchreisender Landstreicher den Schildbürgern Rath gab, den Tag in ihr Rathhaus zu bringen und sie betrog.

Als die Schildbürger an ihrer Arbeit waren, reiste zufällig ein fremder Wandersmann an ihnen vorüber, stand still, sah ihnen längere Zeit zu, sperrte Maul und Augen auf und wäre vor Verwirrung bald auch Schildbürger geworden, indem er durchaus nicht begreifen konnte, was ihr Treiben und Wesen zu bedeuten hätte. Am Abend aber in der Herberg (denn er blieb um des Wunders willen in Schildburg über Nacht, um die Abenteuer zu erfahren) fragte er nach der Ursache, warum sie doch so mit der Sonne zu schaffen gehabt hätten, er habe seines langen Zusehens ungeachtet daß Räthsel nicht lösen können. Von den herumstehenden Schildbürgern wurde ihm jedoch alsbald verständigt, daß es darum geschehen sey, weil sie den Versuch machen wollten, ob sie das Licht des Tages nicht in ihr neugebautes Rathhaus tragen könnten.

Der fremde Geselle war übrigens ein rechter Vogel, genetzt und geschoren wie er sein sollte, ohne daß er weder Federn noch Wolle hatte; dieser dachte deswegen, hier werde er einen Raub zu erjagen haben, den er nicht aus den Händen zu lassen gesonnen sei; er fragte sie daher: ob sie mit ihrer Arbeit etwas ausgerichtet hätten? Kein Bislein,« sagten die Schildbürger. »Das ist die Ursach (sagte der Geselle), daß ihr die Sache nicht so angegriffen habt, wie ich euch gerathen haben wollte.« Da sie dieses hörten, waren sie so froh als die Juden zu Frankfurt, wo ihnen Propheten-Beeren feil geboten wurden; sie verhießen ihm daher im Namen der ganzen Gemeinde eine bedeutende Verehrung, wenn er ihnen seinen Rath mitzutheilen die Güte haben würde; dieß versprach er ihnen auf morgen. Jetzt hießen sie ihn gut Freund und befahlen dem Wirth, ihm tapfer aufzutragen und vorzusetzen und, was er verzehre, der Gemeinde aufzurechnen. Der gute Fremde war also diese Nacht Gast und zechte redlich, ohne Geld; und das nicht unbilligerweise, denn er mußte künftig ja ihr Baumeister sein.

Als am morgenden Tage die liebe Sonne den Schildbürgern den hellen, lieben, lichten Tag wieder gebracht hatte, und scheinen ließ, führten sie den Gesellen auf's Rathhaus und besahen es mit allem Fleiß, oben und unten, hinten und vorn, innen und außen. Da nun der fremde Künstler darüber mit sich im Reinen war, wie er die guten Schildbürger zum besten haben wollte, hieß er sie hinaufsteigen und das Dach wieder abdecken, was alsbald geschah. »Nun habt ihr (sprach er) den Tag in eurem Rathhause; diesen könnet ihr darinnen lassen, so lang es euch gefällig: wenn er aber euch beschwerlich ist, so könnt ihr ihn leicht wieder hinausjagen.« Die guten Schildbürger verstanden jedoch nicht, daß ihr Baumeister damit meinte, sie sollten das Dach nicht wieder decken, weil es sonst finster werden würde, wie zuvor; sie ließen's deswegen eine gute Sache sein, saßen zusammen und hielten den ganzen Sommer Rath darin. Aus der Gemeinde-Kasse verehrten sie dem Künstler für seinen guten Rath ein schönes Stück Geld, und ließen ihn mit großem Dank weiter ziehen. Der gute Geselle that, wie es ein anderer guter Schlucker auch gethan hätte, nahm die Verehrung an, zählte sie nicht lange, sondern zog weiter; während seiner Abreise sah er oft hinter sich, ob ihm Niemand nacheile, der ihm das Geld wieder nehmen wolle. Er kam aber glücklich fort, und weiß noch heutigen Tages Niemand, wer und woher der Künstler gewesen, oder wohin er gekommen sei. Blos dieß sagten die Schildbürger von ihm, daß sie ihn am Rücken das letzte Mal gesehen hätten.

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