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Die Schildbürger

Unbekannte Autoren: Die Schildbürger - Kapitel 12
Quellenangabe
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typenarrative
authorUnbekannter Autor
titleDie Schildbürger
publisherVerlag von Fleischhauer und Spohn
editorF. S. Haarer
year1854
firstpub1597
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidbcb8898f
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Zehntes Kapitel.

Wie die Schildbürger Rath schlugen, das Licht in ihr Rathhaus zu tragen.

Als nun der bestimmte Rathstag kam, erschienen die Schildbürger fleißig, so daß Keiner ausblieb, denn es hatte Allen gegolten. Jeder brachte aber einen angezündeten Lichtspahn mit sich, welchen sie, nachdem sie niedergesessen waren, jeder auf seinen Hut steckten, damit sie in dem finstern Rathhaus einander sehen und besonders der Schultheiß bei seiner Umfrage einem Jeden den rechten Namen und Titel geben konnte. Da nun die gemeinschaftliche Umfrage, wie man sich unter den vorliegenden Umständen zu verhalten habe, geschehen war, fielen viele widerwärtige Meinungen, wie eben in zweifelhaften Fällen gewöhnlich zu geschehen pflegt.

Und als es schier das Ansehen hatte, als wollte das Meiste werden, daß man den ganzen Bau wieder bis auf den Boden abbrechen, und ein neues aufführen und besser Sorge tragen sollte, trat einer, welcher, wie er zuvor unter Allen der Weiseste war, sich jetzt als der Dümmste zeigen wollte, hervor und sprach: er habe während seiner Weisheit oft und viel gehört, daß man durch Exempel und Beispiele viel lehren, lernen und begreifen könne. Daher denn Aesopus seine Lehre durch Fabeln und in kurze Geschichten eingekleidet vor Augen gestellt habe. Deswegen wolle er nun auch eine Geschichte erzählen, welche sich mit seiner lieben Großmutter Großvaters Bruders Sohn Frau begeben und zugetragen habe.

»Meiner Großmutter Großvaters Bruders Sohn, Ulis genannt, hörte zu einer bestimmten Zeit von einem, daß er sagte: ›Ei, wie sind die Rebhühner so gut!‹ – ›Hast du denn schon gegessen (sprach meiner Großmutter Großvaters Bruders Sohn), daß du es so gut weißt?‹ – ›Nein (sagte der Andere), aber es hat mir einer vor 50 Jahren gesagt, dessen Großmutter Großvater in seiner Jugend von einem Edelmann solche essen sah.‹ Aus Veranlassung dieser Erzählung kam meiner Großmutter Großvaters Bruders Sohn ein Gelüst an, daß er gern etwas Gutes essen möchte, weshalb er zu seinem Weib Niemade sagte: sie sollte ihm Küchlein backen; weil er nämlich keine Rebhühner haben konnte, wußte er sich nichts Besseres zu wünschen. Sie aber, als welcher der Zustand des Butterhäfeleins besser bekannt war als ihrem Manne, entschuldigte sich: sie könne ihm dießmal aus Mangel an Butter oder Schmalz keine Küchlein backen und bat ihn daher um Geduld bis auf bessere Zeiten. Aber meiner Großmutter Großvaters Bruders Sohn wollte sich mit so magerem, dürrem, trockenem, ungesalzenem und ungeschmalzenem Bescheid nicht so schlechtweg abspeisen lassen, daher er erwiederte: wie auch immer das Schmalzhäfelein beschaffen sein möchte, so sollte sie eben einmal sehen, daß sie ihm Küchlein backe, und habe sie weder Butter noch Schmalz, so soll sie es mit Wasser versuchen. ›Es thut's nicht, mein Lieber (sprach die Frau), ich würde sonst selbst nicht so lang ohne Küchlein geblieben sein; denn des Wassers hätte ich mich nicht dauern lassen.‹ – ›Du weißt es eben nicht,‹ sprach meiner Großmutter Großvaters Bruders Sohn, ›denn du hast ja noch nie einen Versuch gemacht. Probire es zuerst; und wenn es nicht gerathen will, dann ist es Zeit genug, daß du sagst: es thue sich nicht.‹

Mit einem Wort, wollte meiner Großmutter Großvaters Bruders Sohns Frau Ruhe haben, so mußte sie ihrem Manne seinen Wunsch erfüllen; sie rührte daher einen Küchlestaig an, so dünn, als ob sie Sträublein backen wollte; setzte eine Pfanne mit Wasser übers Feuer und warf den Taig darein. Es wollte sich aber nicht schicken, weil sich der Taig eben gar nicht zusammenballen wollte, daß es das Ansehen gehabt hätte, als ob Küchlein daraus werden würden; der Taig zerfloß im Wasser und wurde zu einem Brei. Jetzt wurde die Frau zornig, der Mann aber traurig. Sie fand nämlich, was sie voraussah, daß die Arbeit, Holz und Mehl verloren waren. Meiner Großmutter Großvaters seligen Bruders Sohn stand dabei, hielt einen Teller in der Hand und wollte das erste beste Küchlein warm aus der Pfanne essen, er war aber betrogen. ›Potz kramet! schäm' dich,‹ sprach meiner Großmutter Großvaters Bruders Sohns Frau, ›guck, hab' ich dir nicht gesagt, es thue sich nicht? Aber immer willst du Recht haben, und weißt doch kein Dinglein, von was und wie man Küchlein backen soll.‹ – ›Schweig', meine Niemade,‹ sprach meiner Großmutter Großvaters Bruders Sohn, laß dich's nicht gereuen, daß du es einmal versucht hast. Man probirt ein Ding auf so verschiedene Weise, bis es zuletzt gerathen muß. Wenn es schon dießmal nicht gerathen ist, so gelingt es vielleicht ein anderes Mal. Es wäre ja eine gar profitable Kunst gewesen, wenn es so ungefähr gerathen wäre.‹ – ›Ich meine wohl,‹ sagte meiner Großmutter Großvaters Bruders Sohns Frau, ›ich wollte dann selbst alle Tage Küchlein gegessen haben.‹ Daß ich aber (sprach der obgemeldte Schildbürger), die vorerzählte Geschichte auf unser Vorhaben anwende: Wer weiß, ob das Licht und der Tag sich nicht in einem Sack tragen ließen, gleichwie das Wasser in einem Eimer getragen wird? Von uns Keiner hat es noch versucht: darum, wenn es euch gefällt, so wollen wir daran gehen. Gelingt es uns, so haben wir immer so viel zum besten, und werden als Erfinder dieser Kunst großes Lob dafür ärnten; geht es aber nicht, so ist es zu unserm Vorhaben der Narrheit halben ganz dienstlich bequem und passend.«

Dieser Rath gefiel allen Schildbürgern dergestalt, daß sie demselben in aller Eile nachzukommen beschlossen. Sie kamen daher Nachmittags, als die Sonne am besten geschienen, bei ihrem Eid gemahnt, Alle vor das neue Rathhaus, Jeder mit einem Geschirr, womit er den Tag zu fassen und hineinzutragen beabsichtigte. Einige brachten auch Pickeln, Schaufeln, Kärtsche, Gabeln und anderes zur Fürsorge mit sich, damit ja kein Fehler begangen würde.

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Sobald nun die Glocke Ein Uhr geschlagen hatte, da hätte einer Wunder sehen sollen, wie sie Alle zu arbeiten angefangen haben. Einige hatten lange Säcke, ließen die Sonne darein scheinen bis auf den Boden, knüpften sie sodann eilends zu, und liefen damit in's Rathhaus, um den Tag auszuschütten. Ja, sie beredeten sich selbst, sie trügen viel schwerer an den Säcken als früher, wo sie noch leer waren. Andere thaten desgleichen mit andern verdeckten Gefässen, als Häfen, Kesseln, Zubern und was dergleichen ist. Einer lud den Tag mit einer Strohgabel in einen Korb, der andere mit einer Schaufel; einige gruben ihn aus der Erde. Aber eines gewissen Schildbürgers soll hier besonders nicht vergessen werden. Dieser meinte den Tag mit einer Mausfalle fangen, mit Gewalt bezwingen und in's Rathhaus bringen zu können. Daß ich's kurz mache: Jeder hielt sich da, wie es ihm sein närrischer Kopf an- und eingab.

Dieses Spiel trieben die Schildbürger denselben ganzen Mittag, so lange die Sonne geschienen, mit solchem Eifer und Ernst, daß sie Alle darüber ermüdeten und vor Hitze beinahe verlechzten und unterlagen. Allein sie richteten mit ihrer Arbeit eben so wenig aus, als vor Zeiten jene ungeheuren Riesen, welche viel große Berge auf einen Haufen trugen, und so den Himmel bestürmen zu können meinten. Darum sprachen sie zuletzt: »Es wäre nun doch keine kleine Kunst gewesen, wenn's gelungen wäre.« Sie zogen also ab und waren zufrieden, wenigstens soviel gewonnen zu haben, daß sie auf's gemeine Gut hin zum Wein gehen und sich wieder erquicken und erlaben durften.

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