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Die Schildbürger

Unbekannte Autoren: Die Schildbürger - Kapitel 11
Quellenangabe
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typenarrative
authorUnbekannter Autor
titleDie Schildbürger
publisherVerlag von Fleischhauer und Spohn
editorF. S. Haarer
year1854
firstpub1597
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Neuntes Kapitel.

Wie die Schildbürger ihr Rathhaus aufgeführt, und die Fenster vergessen haben.

Nachdem das Bauholz gehörter Maßen zubereitet und gezimmert, auch alle zum neuen Rathhaus gehörigen Steine, Sand, Kalk und sonstige Bedürfnisse in Bereitschaft waren, fingen die Schildbürger ihren Bau gemeinschaftlich und mit solchem Eifer an, daß, wer es nur immer sah, sagen mußte, es sei ihr bitterer Ernst gewesen. So hatten sie nach wenigen Tagen, während denen sie nach der Narrheit Verlangen getragen, in so fern sie etwas Besonders machen und das Haus dreieckig haben wollten, die drei Hauptmauern aus dem Grunde aufgeführt, die Balken gelegt, und so das Werk vollendet. Doch ließen sie nebenzu an einer Seite ein großes Thor, um das Heu, welches der Gemeinde zuständig und das sie in Gemeinschaft zu vertrinken hatten, hineinführen zu können. Diese Einrichtung bekam aber ihrem Herrn, dem Schultheißen, auch sehr wohl, worauf sie zuvor nicht bedacht waren; denn wäre jene Lücke nicht da gewesen und er hätte Rath halten wollen, so hätte er sammt seinen Gerichts- und Rathsherren über das Dach hineinsteigen müssen, was zwar ihrer Narrheit anpassen, aber wegen ihrer Kleider, welche sie darob zerrissen, desgleichen wegen ihrer Beine, wenn sie etwa herabgefallen wären (namentlich wenn sie den nächtlichen Trunk noch nicht recht ausgeschlafen), sehr unkommlich und schädlich gewesen wäre. Nach diesem machten sie sich an das Dach, welches nach der Form des Baues ebenfalls dreieckig war, setzten dessen Stuhl auf seine Mauern; und meinten hiemit das ganze Werk bis an das Decken des Daches vollendet zu haben. Guten Muthes hierüber zogen sie in das Haus, wo der Wirth seinen Arm herausstreckt, um auf's gemeine Gut hin, weil sie ein gemeines Werk gethan hatten, sich abermals auf's Beste einschenken zu lassen: indem sie dachten, das Dach, ob sie schon noch Zeit genug dazu hätten, am nächst folgenden Tag einzudecken, damit sie wieder ein gemein Werk verrichten und sich an einem gemeinschaftlichen Trunk laben könnten. »Wirth schenk ein! der Schildbürger trinkt, der Schildbürger trinkt!«

An dem darauf folgenden Tage, als mit der Glocke das Zeichen gegeben wurde, vor welchem nämlich Niemand zur Arbeit kommen durfte, kamen sie wieder zusammen, stiegen auf den Dachstuhl und fingen an, das Rathhaus einzudecken. Zu diesem Werk stellten sie sich Alle nach der Reihe an einander hin: einige zu oberst auf dem Dach, andere besser hinab, auch auf die Latten; einige zu oberst auf die Leiter, andere besser hinunter; einige wieder auf der Erde zunächst an der Leiter, andere weiter von ihnen und so fort bis zum Ziegelhaufen, welcher ungefähr einen Steinwurf weit vom Rathhaus entfernt war. Auf diese Weise ging jeder Ziegel durch die Hände aller Schildbürger, vom ersten der ihn aufhob, bis zum letzten der ihn an seine Stelle setzte, damit ein Dach daraus werden sollte. Da ging's nicht anders, als bei den Ameisen, wenn sie im Sommer Winterspeise eintragen.

Da man jedoch willige Pferde nicht übertreiben soll, war die Anordnung getroffen, daß zu einer gewissen Stunde mit der Glocke das Zeichen zum Abgang von der Arbeit und zum Einzug in's Wirthshaus gegeben werden mußte. Als daher derjenige, welcher der Nächste beim Ziegelhaufen war, den ersten Glockenschlag hörte, ließ er den Ziegel, welchen er schon aufgehoben hatte, wieder fallen, und ging – laufst nicht, so gilts nicht! – dem Wirthshause zu. Ebenso thaten es auch die Andern; einer lief dem andern nach wie die Schneegänse, wenn sie fliegen, damit ja Keiner um einen Schluck zu kurz komme. Darum geschah es, daß diejenigen, welche zuletzt an die Arbeit kamen, die ersten im Wirthshaus waren und die Obersten hinter dem Tisch wurden. Dieß letzte geschah hauptsächlich deswegen, damit sie, als diejenigen, welche vor den Andern hinter dem Tische nicht aufstehen könnten, auch die Letzten im Abgehen sein mußten.

Gerade so machten es auch die Zimmerleute. So wie ihrer einer den ersten Glockenschlag gehört und die Axt zum Streich schon aufgehoben hatte, that er denselben nicht, sondern kehrte die Axt um, legte sie auf die Achsel, und – laufst du nicht, so trinkst du nicht! – Warum thaten sie aber wohl dieses, daß sie so von der Arbeit eilten? Entweder darum, damit sie desto bälder wieder dazu kämen, oder aber, damit sie desto länger Platz beim Tisch hätten; letzteres wird wohl wahrscheinlicher sein.

Nachdem das Werk vollendet war, wollten die Schildbürger in ihr Rathhaus gehen, um dasselbe zu aller Narren Ehre einzuweihen, sodann aber in aller Narren Namen versuchen, wie es sich das erste Mal darinnen berathen lasse. Als sie aber in alter Ehrbarkeit hineinkamen, – schau', guck', sieh', lug', Potz Velten! – da war es ganz und gar finster und zwar so finster, daß sie einander auch kaum hören konnten. Ob diesem Handel erschracken und verwunderten sie sich nicht wenig, dachten auch hin und her, was doch die Ursache sein möchte? ob vielleicht etwas im Bauen verfehlt worden sein möchte, was das Licht verschlagen und aufgehalten hätte? Flugs gingen sie wieder zu ihrem Heuthor hinaus, um von außen zu besehen, wo der Mangel wäre; sie fanden aber die drei Mauern fest, ganz und das Dach fein ordentlich darauf stehen, so daß von außen, wo es Licht genug hatte, kein Mangel zu bemerken war. Nun gingen sie wieder hinein, um auch wieder inwendig zu besichtigen, wo doch der Fehler stecke; hier konnten sie aber noch viel weniger sehen, weil sie aus Mangel an Licht überhaupt nichts sahen. Was sage ich nur so viel? Die Ursach war ihnen eben unbekannt und verborgen, sie konnten sie weder finden noch errathen, wenn sie auch ihre närrischen Köpfe noch so sehr darob zerbrachen, sie stunden darum in großer Angst, und sahen sich genöthigt, zur Förderung der Sache einen gemeinschaftlichen Rathstag anzuschlagen.

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