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Die Schildbürger

Unbekannte Autoren: Die Schildbürger - Kapitel 10
Quellenangabe
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typenarrative
authorUnbekannter Autor
titleDie Schildbürger
publisherVerlag von Fleischhauer und Spohn
editorF. S. Haarer
year1854
firstpub1597
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Achtes Kapitel

Wie die Schildbürger das Bauholz zu ihrem neuen Rathhaus fällen, mit großer Mühe die Hölzer vom Berg herabbringen, und wieder da hinauftragen.

Die Schildbürger waren gleichwohl noch so verständig und weitsichtig, (da ihre Weisheit nur allmählig wie ein Licht abnehmen und ausgehen sollte), daß sie wußten, man müsse zuvor Bauholz und andere dergleichen Sachen haben, ehe man zu bauen anfangen könne; denn rechte Narren würden ohne Holz, Stein, Kalk und Sand zu bauen sich unterstanden haben. Sie zogen daher gemeinschaftlich mit einander in's Holz, welches jenseits des Berges in einem Thale gelegen war, und fingen an, das Bauholz zu fällen, wie ihnen ihr Baumeister vorgeschrieben hatte. Als das Holz von Aesten gesäubert und nach der Vorschrift zubereitet war, wünschten sie sich allzumal eine Armbrust, mit der sie es heim schießen könnten; denn sie meinten, durch ein solches Mittel würden sie unsäglicher Mühe und Arbeit überhoben werden.

Aber:

Der Hätt' ich und der Wollt' ich,
Desgleichen auch der Sollt' ich,
Sind Brüder gewesen alle;
Gewannen doch nichts zumale;
Hätt' ich und Wollt' ich Wenig hatten,
Daß Sollt' ich's Brüder gar nichts thaten.

.

Darum mußten die Schildbürger die Arbeit selbst verrichten, welches ihnen wohl zustand. Sie machten sich daher hinter die großen Bauhölzer und brachten sie unter Keuchen, Schnaufen und Athemfassen endlich den Berg hinauf und auf der andern Seite wieder hinunter, alle bis auf eins, welches nach ihrem Verstand das letzte war.

Dieses fesselten sie gleich den übrigen auch an, und brachten es mit Heben, Lüpfen, Schieben, Treiben, Stoßen, Trollen, Rollen, Walzen, Schleifen, Kätschen, Tragen, Legen, Schalten, Schürgen, Rutschen, Ziehen, Kehren, Stellen, Winden und Wenden, für sich, hinter sich, ob sich, nieder sich, neben sich, rechts und links, in die Breite, in die Länge und überzwerch, den Berg hinauf und auf der andern Seite halben hinunter.

Ich kann es aber nicht wissen, ob sie es übersehen und das Holz nicht recht angefesselt und gebunden haben, oder ob die Stricke und Seile zu schwach gewesen und deshalb gebrochen seien: Der Baum entwich ihnen, so daß sie ihn nicht mehr halten konnten und fing an, selber fein langsam den Berg hinab zu laufen, bis er zu den andern Hölzern, wo er wie ein anderer Stock stille lag, hinunter gepurzelt war. Dem Verstande dieses groben Holzes sahen die Schildbürger bis zum Ende zu, und verwunderten sich sehr darüber.

»Nun sind wir alle (sprach ein Schildbürger) wahrhaftig große Narren und doppelte Zwölf-Esel, daß wir so viele Mühe und Arbeit aufgeopfert, ehe wir die Bäume den Berg hinunter gebracht haben, und ist unser Keiner so witzig gewesen, daß er gedacht hätte, diese Bäume könnten selber besser hinabgehen, als wenn wir sie hinab schleifen, kätschen und tragen. Aber mit unserm Schaden müssen wir Narren klug werden.« – Diesem (sagt ein anderer Schildbürger) ist schon zu rathen und zu helfen, ehe noch eine blinde Katze ein Auge aufthut. Wer sie hinunter gethan hat, der kann sie auch wieder hinauf thun. Darum, welcher meiner Ansicht ist, der mache ein Eselohr: wir wollen die Lenden dahinter thun, und die Hölzer sammt und sonders wieder hinaufschürgen, dann können wir sie fein langsam hinunter rollen lassen, beim Zusehen unsre Lust dabei haben, und sind dadurch für unsre Mühe entschädigt.« Dieser Rath gefiel ihnen Allen sehr wohl, sie machten Alle Eselsohren, und schämte sich einer vor dem andern, daß er nicht vorher so witzig gewesen sei; doch freuten sie sich Alle, daß sie so von ihrer angenommenen Thor- und Narrheit eine anfängliche Probe gemacht hatten.

Sie machten sich nun wieder an die Hölzer, thaten den Rücken dahinter, und hatten sie zuvor unsägliche Mühe und Arbeit, so hatten sie es jetzt gewiß dreifach mehr, bis sie die Hölzer wieder hinauf brachten; denn sie hatten sich schon das erstemal abgearbeitet und abgemattet, daß sie kaum ein Weiteres zu thun im Stande waren, und deshalb lieber in's Wirthshaus gegangen wären. Endlich brachten sie die Hölzer wieder den Berg hinauf; nur das eine ließen sie halb Wegs liegen, weil es das erste Mal schon halben hinabgelaufen war; und nachdem sie eine Weile verschnauft hatten, ließen sie dieselben, je eines nach dem andern, allmählig hinab rollen: sie aber standen oben, sahen zu, und ergötzten sich dabei. Damit ward ihr Herz und Muth zufrieden gestellt, und die erste Probe ihrer Narrheit geliefert. Und weil es ihnen das erste Mal so wohl gelungen, zogen sie fröhlich heim, saßen in's Wirthshaus und zechten, weil sie ein gemeines Werk gethan, tüchtig auf Kosten der Gemeinde.

Denn, nur der sollt' das gemeine Gut
Verzehren, der's gemein' Werk thut.
Wie würde er so köstlich leben,
Und dennoch keinen Schaden geben!
Wo aber solch' Gut wird verzehrt,
Durch die so es nicht haben gemehrt,
Viel minder helfen es erhalten,
Wie sollt' da nicht all's Unglück walten?

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