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Die Schildbürger

Karl Simrock: Die Schildbürger - Kapitel 9
Quellenangabe
typesatire
booktitleDie Schildbürger
authorKarl Simrock
publisherVitalis Verlag
addressFurth im Wald
isbn3-934774-37-7
titleDie Schildbürger
pages119
created20011201
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel

Wie die Schildbürger das Bauholz zu ihrem neuen Rathhaus fällen und mit großer Arbeit von dem Berge bringen und wieder hinauf tragen.

Die Schildbürger waren gleichwohl noch so scharfsichtig (da ihre Weisheit nur allgemach wie ein Licht abnehmen und ausgehen sollte), daß sie wußten, wie man zuvor Bauholz und andere Sachen mehr haben müsse, ehe man den Bau anfangen könnte; denn die rechten Narren würden ohne Holz, Stein, Kalk und Sand zu bauen unternommen haben. Darum zogen sie sämmtlich und einmüthig mit einander zu Holz, in ein jenseit des Berges gelegenes Thal, und fingen an, das Bauholz zu fällen, nach ihres Baumeisters Rath und Angaben. Da es nun von Ästen gesäubert und zubereitet worden, wünschten sie allzumal, daß sie eine Armbrust hätten, auf der sie es hinschießen könnten; denn sie meinten, sie würden durch ein solches Mittel unsäglicher Mühe und Arbeit überhoben werden. Allein

Der Hättich und der Wolltich,
Deßgleichen auch der Solltich,
So hab ich gelesen,
Sind Brüder gewesen.
Hättich und Wolltich hatten nicht viel,
Denn Bruder Solltich kam niemals ans Ziel.

Darum mußten die Schildbürger die Arbeit selber verrichten, welches ihnen auch genug gethan hat, sintemal man den Narren, und voraus den Willichnarren, mit Kolben laufen soll. Also machten sie sich hinter die großen Bauhölzer und mit außermaßen schwerer Arbeit, öftern in die Hände Spauzen und wahrlich nicht ohne viel Schnaufen und Athemholen, brachten sie dieselben zuletzt den Berg hinauf und jenseits wieder hinab, alle bis auf eins, das nach ihrem Verstand das Letzte gewesen.

Dasselbe fesseln sie nun gleich den andern auch an und bringens mit Heben, Lüpfen, Schieben, Treiben, Stoßen, Trollen, Wollen, Walgen, Schleifen, Ketschen, Tragen, Schalten, Schürgen, Rutschen, Ziehen, Kehren, Winden und Wenden, vor sich, hinter sich, über sich, nieder sich, neben sich, links und rechts, in die Breite, in die Länge und überzwerch den Berg hinauf und auf der andern Seite halb hinab.

Ich kann aber nicht wissen, ob sie es übersehen haben, daß das Holz nicht recht angefesselt und gebunden war, oder ob die Seile zu schwach gewesen und deßhalb gerissen seien, genug der Baum entgeht ihnen, also daß sie ihn nicht mehr halten konnten, und fängt an von selbst fein allgemach den Berg hinab zu laufen, bis er zu den andern Hölzern hinab kommt, wo er stille liegt wie ein Stock. Solchem Verstand dieses groben Holzes sahen die Schildbürger bis zum Ende zu und verwunderten sich höchlich darüber.

»Nun sind wir Alle«, sprach ein Schildbürger, »ja große Narren und doppelte Zwölf-Esel, daß wir so große Mühe und Arbeit gehabt, eh wir die Bäume den Berg hinab gebracht. Unser Keiner ist so witzig gewesen, daß er gedacht hätte, diese Bäume könnten selber besser hinabgehen, denn wir sie hinabschleifen, ketschen und tragen. Aber mit unserm selbsteignen Schaden müssen wir Narren klug werden.«

»Diesem«, sagte ein anderer Schildbürger, »ist Rath zu schaffen und zu helfen, eh eine blinde Katze ein Aug auf thut. Wer sie hinabtgethan hat, der kann sie auch wieder hinauf thun. Darum, welcher mit mir daran ist, der mache ein Esels-Ohr: wir wollen die Lenden dahinter spannen und alle Hölzer wiederum hinauf schürgen, so können wir sie noch alsdann fein allgemach lassen hinunter rollen, da wir dann mit Zusehen unsere Lust haben und also für unsere gehabte Mühe entschädigt werden.«

Dieser Rath gefiel ihnen Allen über die Maßen sehr wohl, machten Alle Esels-Ohren und schämten sich immer Einer vor dem Andern, daß er nicht so witzig gewesen. Jedoch freuten sie sich insgemein, daß sie ihrer angelegten Thorheit und angenomenen Narrheit eine anfängliche Probe ablegen sollten.

Darum machten sie sich wieder an die Hölzer und schoben den Rücken dahinter; und hatten sie zuvor, als sie solche den Berg hinab brachten, unsägliche Mühe und unglaubliche Arbeit gehabt, so hatten sie ihrer jetzund gewiß drei Mal mehr, bevor sie wieder hinauf gebracht waren, zumal sie sich schon zuvor also abgearbeitet und abgemattet hatten, daß sie kaum mehr vermochten; wären lieber ins Wirthshaus gegangen. Zuletzt brachten sie die Hölzer alle wieder auf den Berg; nur das Eine nicht, welches sie nur halb hinabgezogen hatten, dieweil dieses schon von selbst hinunter gelaufen war. Nachdem sie sich nun eine Weile verschnauft, ließen sie dieselben fein allgemach hinab orgeln, immer Eins nach dem Andern; sie aber standen droben, sahen zu und ließen sichs wohlgefallen. Hiemit ward ihr Herz und Muth zufrieden gestellt, und das erste Muster oder Probestück ihrer Narrheit gegeben. Welcher Ursach halber und weil es ihnen das erste Mal so wohl gelungen war, sie ganz fröhlich heimzogen, sich ins Wirthshaus setzten und weil sie ein gemeines Werk gethan, auch billig ein großes Loch ins gemeine Gut fraßen.

        Wo Der nur das gemeine Gut
Verzehrt, der fürs Gemeine thut,
Da mag er selber köstlich leben
Und dennoch Niemand Schaden geben.
Wird aber solches Gut verzehrt
Von denen, die es nie gemehrt,
Noch je geholfen zu erhalten,
So muß wohl alles Unglück walten.
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