Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Simrock >

Die Schildbürger

Karl Simrock: Die Schildbürger - Kapitel 7
Quellenangabe
typesatire
booktitleDie Schildbürger
authorKarl Simrock
publisherVitalis Verlag
addressFurth im Wald
isbn3-934774-37-7
titleDie Schildbürger
pages119
created20011201
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Sechstes Kapitel

Wie die weisen Schildbürger Rath hielten und eine närrische Weise anzunehmen beschlossen.

Folgenden Tages verfügten sich meine Herrn Schildbürger, Rath zu halten, unter die Linde. Denn daselbst pflegten sie sich allzeit zu versammeln und Gemeinde zu halten, so oft solches im Sommer die gemeine Nothdurft erforderte; sonst im Winter war das Rathhaus und Wirthshaus ein Haus und der Sitz hinterm Ofen der Richterstuhl. und als sich der Schultheiß mit seinen Geschworenen zu Gericht niedergesetzt hatte, schlichteten sie in kurzer Zeit (denn als weise und gerechte Leute bedurften sie nicht so lange Bedenkens wie jetzt gemeinlich die Richter) viel zweifelhafter und streitiger Sachen, die sich in ihrer Abwesenheit angesponnen hatten. Nachdem das Gericht aufgestanden, wurden die von der Gemeinde auch dazu berufen und der Haupthandel, darum sie alle zusammen berufen worden, solchergestalt vorgelegt: Wie doch der Sache zu thun sei, damit sie nicht mehr von Haus abgefordert würden, sondern bei den Ihren bleiben und demselben obliegen könnten.

Da erwogen sie denn erstlich den merklichen großen Schaden und Rückgang aller Dinge, so ihnen während ihrer Abwesenheit entstanden und erwachsen war, mit ganzem Ernste: verglichen darauf den gefundenen Schaden mit dem Nutzen, welchen sie von den ausländischen Herren, welchen sie dienten, empfangen, und befanden, daß der Nutzen den Schaden bei weitem nicht könne ersetzen und aufwägen. Darum ward eine Umfrag gethan: wie sich künftig zu verhalten wäre? Da hätte Einer hören sollen, welche weise und hochverständige Rathschläge über die vorgelegte Frage von allen Seiten erfolgten und ganz vernünftig vorgebracht wurden. Einige vermeinten, man solle sich fremder Herren eben gar nicht mehr annehmen, sich ihrer Gemeinschaft abthun und entschlagen. Andere achteten für besser, sich ihrer nicht auf einmal abzuthun und zu entschlagen, sondern man sollte ihnen so schlecht antworten und so kalten Rathschläge geben, daß sie von selbst abstünden und sie unbekümmert ließen. Andere riethen anders zu der Sache. Alles dem gemeinen Wohl zum Besten; ward jedoch, weil sich allzeit etwas fand, das sich in keiner Weise reimen und schicken wollte, nichts Endliches beschlossen.

Zuletzt trat ein alter Schildbürger hervor, der sein Bedenken folgendes Inhalts vorbrachte: Dieweil ihr aller hohe Weisheit und großer Verstand die alleinige Ursache gewesen, um die sie von Hause abgefordert und hin und her besendet worden, damit man sich ihres Rathes bediene, in der Abwesenheit jedoch ihr Nutzen nicht gefördert worden, ihnen auch, wie man zu sagen pflege, kein Speck davon in der Küche wüchse, so bedünke sie das Beste zu sein: wie die Weisheit allein bisher ihrer Abwesenheit Ursache geworden, so im Gegentheil künftig sich von der Thorheit oder Narrheit wider diejenigen beschirmen zu lassen, welche sie von Hause abfordern wollten. Wie man sie zuvor ihrer Weisheit halber in fremde Lande berufen hätte, also würde man sie nun um Aberwitz und Thorheit willen daheim lassen. Derowegen sei seine Meinung, daß sie alle einhellig, Niemand ausgeschlossen, Weiber und Kinder, Junge und Alte auch mitbegriffen, die allerwunderbar-narr-seltsam-abenteuerlichsten Possen anstellen und reißen sollten, die nur immer zu erdenken und zu ersinnen wären und was einem Jeden Thörichtes in den Sinn käme, das sollte er thun. Welches ihnen denn in Betracht ihrer aller hohen Weisheit um so leichter werden würde, denn man spreche ja gemeiniglich, wenn es darauf ankomme, daß man einen Narren haben müsse, wie zuweilen in Komödien und sonst wohl der Fall ist, so sei Niemand tauglicher, solche Rollen zu übernehmen, als eben der Weiseste und Geschickteste. Denn es sei keine geringe Kunst, einen Narren recht zu spielen und vorzustellen. Es geschehe wohl oft, daß es Einen, der sich's unterfängt, ohne die rechten Griffe zu wissen, also mißlinge, daß er gar zum Thoren werde und ein Narr bleibe sein Lebenlang, wie der Kuckuk behält seinen Gesang, die Glock ihren Klang und der Krebs seinen Gang. Er vermeine aber nicht, daß es Jemand nachtheilig oder schädlich, sondern verhoffe, daß es ihnen allen zumal ersprießlich und nützlich sein werde. Solche Gedanken führte dieser Schildbürger in langer, zierlicher Rede aus, welche ich mit längern Worten zu berichten unnöthig erachte.

Dieser Vorschlag und Rath ward von allen anwesenden Schildbürgern mit höchstem Ernst und Fleiß erwogen und deßhalb manche Umfrage gethan. Denn weil der Gegenstand von der höchsten Bedeutung und Wichtigkeit, und ihr Aller Heil und Wohlfahrt davon abhängig war, so ließ sich damit nicht eilen.

Gut Ding muß haben Weile viel,
Erst wägs, dann wags und triff das Ziel;
Zu große Eil thut niemals gut,
Mit Gemach man auch weit kommen thut.

Weil aber nicht befunden ward, daß etwas Ungereimtes daraus entstehen und erfolgen möchte, so ward mit einhelligem Urtheil erkannt und beschlossen, dem Vorschlag in allen Theilen und Punkten aufs Ernstfleißigste nachzuleben und ihn alsbald ins Werk zu richten.

Hiernach ging die Gemeinde mit der ernstlichen Abrede auseinander, daß ein Jeder sich besinnen sollte, was fürs Erste zu thun wäre und bei welchem Zipfel man die Narrenkappe angreifen sollte.

Zweifelohne hatte jedoch Mancher ein heimliches Bedauern, daß er erst jetzund in seinen alten Tagen, nachdem er so viele Jahre witzig gewesen, ein Narr werden sollte, wie denn die Narren selber nicht vertragen können, daß ihnen ihre Thorheit, vor welcher ihnen selbst ekelt, durch einen Narren vorgeworfen und aufgerückt werde.

In Betracht jedoch, daß es um das gemeine Wohl, für welches Jeder auch sein Leben, und wenns ihm noch so lieb wäre, gern und mit Lust hingeben und opfern sollte, zu thun sei, waren sie allzumal willig, ihrer Weisheit sich zu begeben und zu verzichten, und hinfort eine andere Geige zu spielen. Hat also hiemit der Schildbürger Weisheit als ein Vexordium der Historie ein Ende und folgt die Narration selbst:

        Nun kommt herbei, ihr lieben Knaben,
Die hie begehren Platz zu haben,
Zu schauen das Schilderspiel von dort
Weis' ich Jeglichem seinen Ort
Nach seinem Stand, nach seinen Ehren,
Es soll sich deßhalb Keiner wehren.
Welsch' Grimassieren taugt hie nicht,
Nach Landes Brauch sich Jeder richt.
Wer sich nicht schickt recht zu den Sachen,
Den wollen wir auch zum Schildbürger machen.
 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.